Als Antoni Gaudí am 10. Juni 1926 starb, hinterließ er Schöpfungen, die zu weltberühmten Attraktionen wurden. Andere dagegen sind fast unbekannt. Zu Letzteren zählt ein Gebäude, das lange Zeit verfallen und vergessen war: das „wiedergefundene“ Xalet del Catllaràs. Damit erhält die Liste seiner Werke Zuwachs.
Unter der alten Steinbrücke plätschert der Llobregat. An seinen Ufern wachsen Haselsträucher, Wildrosen und Walderdbeeren. In der Ferne räkeln sich die Pyrenäen-Gipfel des Naturparks Cadí-Moixeró. La Pobla de Lillet gleicht einem Bergdorf aus dem Bilderbuch. Seine Bekanntheit verdankt es jedoch der Industrie. „In den ersten zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts produzierte man hier jene Massen an Zement, aus denen Staudämme und Wasserkraftwerke entstanden, auch der Hafen Barcelonas und seine Jugendstilgebäude“, erzählt Eva Canudas Coma. Sie kümmert sich um den Tourismus in dem 1.000-Seelen-Ort.
Der Blick schweift über Burg- und Kirchturm, rustikale Häuser, Mauern. Zwischen Grün und Steingrau leuchtet himmelblau ein Wandgemälde, geschaffen von dem Streetart-Künstler Slim Safont. Gerade feierlich enthüllt, ziert es eine Hausrückwand am Park Xesco Boix. Es zeigt Antoni Gaudí. „Als Vorlage für das Porträt diente ein Foto aus dem Jahre 1878“, weiß Èric Ortells Pedrosa. Der junge Lebensmittelhändler kennt den großen Baumeister sehr gut. Als Schüler der Gaudí-Schule in Barcelona wuchs er quasi „mit ihm“ auf – inmitten seiner Werke, denn die Schule liegt direkt im Park Güell.
Seit zwei Jahren lebt der gelernte Mechaniker und Öko-Aktivist zusammen mit seiner Partnerin in La Pobla de Lillet. Von ihrem Laden aus blicken sie nun auf das Mural, das Gaudí zeigt. Der ist seit 100 Jahren tot, doch könnte er im Dorf für neuen Aufschwung sorgen, der alte ist schon lange her. „Entstanden war die Aufnahme zu seinem Abschluss an der Architektenschule, die er mit mäßigem Erfolg beendet hatte“, erzählt Èric weiter und zitiert Gaudís Direktor: „Wer weiß, ob wir das Diplom einem Verrückten oder einem Genie gegeben haben.“
Noch im selben Jahr kreierte der 25-jährige Absolvent eine raffiniert verzierte Schauvitrine für die Weltausstellung in Paris. Sie bescherte ihm das größte Glück des Lebens. Denn das filigrane Möbel, in dem Handschuhfabrikant Comella seine Luxusware präsentierte, machte Eusebi Güell auf Antoni Gaudí aufmerksam. Der katalanische Großindustrielle und Großgrundbesitzer, nur sieben Jahre älter als der Architekt, erkannte dessen kreatives Potenzial. Beide trafen sich und freundeten sich an. Ihre tiefe Religiosität und patriotischen Gefühle einten sie genauso wie die Liebe zur Natur und ihre künstlerischen und gesellschaftlichen Visionen.
Xalet del Catllaràs zweifelsfrei sein Werk
Doch ihr sozialer Unterschied hätte kaum drastischer sein können. Gaudí, Sohn eines Kesselschmieds, jobbte zum Zeitpunkt ihres Kennenlernens als Zeichner oder Assistent bei etablierten Architekten. Von dem geringen Einkommen versorgte er noch seinen Vater und die kleine Nichte. Eusebi Güell gehörte zu den reichsten Menschen seiner Zeit. Sein Vermögen wäre heute schätzungsweise zwischen 70 und 80 Milliarden Euro wert. Das Startkapital dazu stammte von seinem Vater, der als junger Mann in der Karibik sehr viel Geld verdient hatte – vor allem durch den Handel mit versklavten Menschen.Ob Güell, der Gaudí fortan förderte und ohne Vorbehalte unterstützte, deshalb Gewissensbisse hatte, weiß man nicht. Eher trieb ihn wohl sein Glaube dazu, gegenüber Ärmeren gerecht zu sein und insbesondere den Arbeitern seiner Fabriken ihr Leben angenehmer zu gestalten. Das war letztlich auch der Grund für Gaudís Auftrag in La Pobla de Lillet.
Eva Canudas Coma erklärt: „Eusebi Güell hatte unweit vom Dorf seine Zementfabrik sowie ein Kohlebergwerk bauen lassen. Nahe den Minen in der Sierra de Catllaràs wünschte er sich eine Unterkunft für Techniker und Ingenieure. So entwarf und plante Antoni Gaudí zwischen 1901 und 1903 das Xalet del Catllaràs, zu Fuß zwei Stunden von La Pobla.“ Jetzt per Allradantrieb dauert es nur eine halbe.
In hellem Beige und Weiß getüncht, erscheint das schlichte, sehr kompakte Haus fast vornehm vor der grünen Wald- und Bergkulisse. Faszinierend seine Form: ein dreieckiges Prisma, das je nach Auge des Betrachters an einen Retro-Toaster oder eine Damenhandtasche erinnert. Gaudí selber orientierte sich bei dem Entwurf an einem Berg mit scharfem Kamm und steilen Wänden. Ergänzt wird das Xalet (sprich: Chalet) durch eine Außenwendeltreppe. Von jedem Fenster der sechs Wohnungen auf drei Etagen kann man die herrliche Umgebung auch von innen sehr gut sehen. Außen ist die Renovierung abgeschlossen, innen werkelt man noch emsig. „Wenn es fertig ist, soll das Gebäude Wanderern als Schutzhaus dienen“, verrät Eva.
Nach der Bergwerksschließung mehrfach umgebaut und zweckentfremdet, später lange ungenutzt und kaum beachtet, sei es seit den 1980ern zur Ruine verfallen und quasi vergessen worden. „Vor sechs Jahren begann die Rekonstruktion nach alten Plänen und Fotografien. Die Urheberschaft war bis vor Kurzem strittig. Doch im Februar dieses Jahres konnte ein Expertenteam bestätigen, dass das Xalet del Catllaràs zweifelsfrei ein Werk Gaudís ist“, betont die Gemeindevertreterin.
Gaudís erster Auftrag: vier Straßenlaternen
Unbestritten von ihm stammt auch die Idee zu den Artigas-Gärten in La Pobla de Lillet von 1905. Heute ist dieser romantische Park neben dem Zementfabrikmuseum und der Museums-Eisenbahn eine wichtige Besucherattraktion. Eva weiß: „Die Entwürfe zu dessen Gestaltung schenkte Antoni Gaudí seinem Gastgeber, dem Textilfabrikanten Joan Artigas. Er dankte ihm damit, dass er ihn bei sich wohnen ließ, wenn er im Dorfe war.“
Zur Schaffung der Artigas-Gärten schickte Gaudí Personal aus Barcelona, wo seit 1900 an dem mehr als 17 Hektar großen Park Güell gearbeitet wurde. Ursprünglich als Gartenstadt mit 60 Villen geplant, erhielt die Anlage am Ende nur drei Häuser. Im größten, Casa Larrard, lebten die Güells. Später wurde die Casa zu jener Schule, die auch Èric aus La Pobla de Lillet besuchte. Eins der beiden anderen Häuser bezog Gaudí und lebte dort fast 20 Jahre, bevor die Werkstatt der Sagrada Família zu seinem Wohnsitz wurde.
Das Licht der Welt hatte Gaudí nach eigenen Angaben im Dorf Riudoms erblickt. In der nahen Stadt Reus, die offiziell als sein Geburtsort gilt, wurde Antoni Gaudí getauft und registriert. Dort ging er auch zur Schule und wuchs auf. Da ihn seit dem sechsten Lebensjahr Arthritis quälte und er oft viel Zeit allein verbrachte, wenn seine Altersgefährten spielten oder Sport trieben, beschäftigte sich der Heranwachsende sehr ausgiebig mit Naturbeobachtungen, die er kreativ verarbeitete.
Direkt nach seinem Studium begann sein vielseitiges Schaffen. Der erste öffentliche Auftrag: vier Straßenlaternen. Insgesamt war Gaudí in knapp 90 Bauprojekte involviert. Ein Drittel davon setzte er alleine um. Als seine Meisterwerke gelten etwa 15. Sieben – alle in der Hauptstadt Kataloniens – zählen zum Unesco-Weltkulturerbe.
Das mit Abstand wichtigste und größte Projekt ist die immer noch im Bau befindliche Sagrada Família in Barcelona, 2010 von Papst Benedikt XVI. geweiht und zur Basilika erhoben. Die Vollendung ihres 172,5 Meter hohen Jesus-Christus-Turms in diesem Jahr macht die fünfschiffige Kirche mit den drei gigantischen Fassaden, 36 Innensäulen sowie 18 Türmen zur höchsten in der Welt. Sie gilt als das komplexeste, monumentalste Meisterstück des katalanischen Jugendstils „Modernisme“.
1883, ein Jahr nach ihrer Grundsteinlegung, übernahm Gaudí die Bauleitung und änderte die Pläne radikal nach seiner eigenen Ästhetik und Theologie. Der fromme Künstler, den die Nachwelt „Gottes Architekten“ nennt, wollte keine brave neugotische Kirche bauen. Stattdessen schuf er eine „Bibel aus Stein“ mit faszinierender, organisch inspirierter Farb- und Formensprache voller wunderbarer Ungleichmäßigkeiten. Gaudí selber nannte den „Sühnetempel der Heiligen Familie (Sagrada Família)“ meistens schlicht „Die Kathedrale“. 43 Jahre seines Lebens widmete er ihr als Baumeister persönlich und behielt dabei auch immer die Details im Auge.
Tod als Folge eines Straßenbahnunfalls
1914 stürzte Antoni Gaudí in schwere Depressionen und eine tiefe Krise. Geplagt von vielen körperlichen Leiden, trauerte er noch um seine Nichte, als auch sein engster Freund und Mitarbeiter Francesc Berenguer plötzlich starb. Der Erste Weltkrieg, der begonnen hatte, brachte wirtschaftliche Nöte. Die Spenden, exklusive Finanzierungsquelle für den Bau der Kathedrale, blieben aus. Der einstmalige Tausendsassa und Gesellschaftsmensch brach alle anderen Projekte ab, zog sich komplett zurück und konzentrierte sich auf seinen Glauben und die Arbeit an der Sagrada Família, die er fast nur noch zu Besuchen in der Nachbarkirche Sant Felip Neri verließ. Zunehmend vernachlässigte der Asket sich selbst, trug abgenutzte und kaputte Kleidung, wirkte ungepflegt.
Am 7. Juni 1926 wurde der berühmte Architekt auf seinem Weg zum Gottesdienst von einer Straßenbahn erfasst und schwer verletzt. Da er keinen Ausweis bei sich hatte, wie ein Bettler aussah und sich niemand sofort um ihn kümmerte, kam er zu spät ins Krankenhaus. Drei Tage später starb er mit 73 Jahren. Zu seiner letzten Ruhestätte wurde die Sagrada Família. Das Grab befindet sich in einer der sieben Kapellen ihrer bereits 1891 fertiggestellten Krypta.