Die ersten beiden Saisons von Harry Kane beim FC Bayern München waren schon sehr gut. Doch was der englische Stürmer in seiner dritten Saison in Deutschland spielt, ist schlicht atemberaubend.
Es begann mit einem schlechten Witz. Als englischer Nationalmannschafts-Kapitän war Harry Kane im Sommer 2023 zum FC Bayern München und damit erstmals ins Ausland gewechselt. Auch, weil er sowohl mit der Nationalelf als auch mit seinem Herzensverein Newcastle United noch nie einen Titel gewinnen durfte. Bei den Münchnern schienen diese garantiert, schließlich waren sie in den elf Jahren zuvor immer Deutscher Meister geworden. Doch ausgerechnet im ersten Jahr mit Kane riss die Serie, und Bayer Leverkusen holte sich den Titel. Und weil die Münchener auch im DFB-Pokal und der Champions League leer ausgingen, musste Kane an einen Fluch glauben. Und in München munkelte schon mancher, dass es vielleicht doch nicht die richtige Entscheidung war, für Kane kurz vor seinem 30. Geburtstag noch 100 Millionen Euro auf den Tisch zu legen.
Lange Zeit ohne Titel
Bei genauerer Betrachtung war das damals schon Quatsch. Denn an Kane war die titellose Saison am wenigsten festzumachen. Weil er in 32 Liga-Spielen stolze 36 Tore erzielte. Und damit natürlich Torschützenkönig wurde. In der Bundesliga, in der Champions League und auch bei der folgenden EM. Wie schon bei der WM 2018 und in drei Premier-League-Spielzeiten. Außerdem war Kane ein absoluter Sympathieträger selbst unter den Bayern-Kritikern, er spielte mannschaftsdienlich, trat ohne jede Allüre auf und öffnete für den FC Bayern und ein wenig auch für die Bundesliga nicht nur den Markt in England weiter, sondern auch Märkte wie in Asien. Es war also damals schon ein Transfer, der aufgegangen war. Auch wenn am Saisonende kein Mannschafts-Titel stand. „Harry Kane ist gewissermaßen der schlechteste Weltklassespieler aller Zeiten“, schrieb das Portal „onefootball.com“: „Einerseits schießt er jedes Jahr alles kurz und klein. (…) Andererseits stehen in der Vitrine von Bayerns 100-Millionen-Mann auch weniger Trophäen für Vereinstitel als bei Danijel Pranjic, Vahid Hashemian oder Ali Karimi. Nämlich: gar keine. Kane, mit einem wunderbaren britischen Humor ausgestattet, ärgerten solche Witze über ihn schon. „Es gibt viele Leute, die im Verlauf meiner Karriere nur über den Fakt sprechen, dass ich noch keinen Titel gewonnen habe“, sagte er, „und es wäre schön, ein paar Leute zum Schweigen zu bringen.“
Entsprechend groß war die Erleichterung ein Jahr später. Zwar hatte Kane „nur“ 26 Bundesliga-Tore erzielt, doch das reichte wieder zur Torjägerkanone. Vor allem aber zum Meistertitel für den FC Bayern. Nun fühle er sich endlich „komplett“, sagte Kane, und man merkte ihm die Erleichterung spürbar an: „Der Titel ist eine große Sache. Es hat lange genug gedauert. Es fühlt sich wunderbar an, von mir fällt eine Last ab.“ Auch die englischen Medien feierten ihn. „Nach sechs verlorenen Endspielen hat sich die Beharrlichkeit des bescheidenen, aber unerbittlichen Torjägers ausgezahlt“, hieß es bei der BBC. Und der „Telegraph“ schrieb: „Das sollte all die Idioten zum Schweigen bringen, die behaupten, Harry Kane habe noch nie etwas gewonnen. Jahrelang hätte Harry Kane jeden seiner persönlichen Rekorde gegen eine erste große Trophäe eingetauscht, doch nun hat der Stürmer neben all den Meilensteinen auch die Siegermedaille in der Tasche, um seinen Platz unter den größten Spielern seiner Generation zu festigen.“
Auf dem Weg zum Rekordspieler
Einer der besten Spieler seiner Generation, das war Kane zweifellos für jeden, der ihn und sein Spiel beobachtete. Zumal auch die Nationalmannschaft aus dem Fußball-Mutterland England mit ihm plötzlich einen großen Aufschwung erlebte und so nahe wie nie am ersten Titel seit dem Wembley-Tor 1966 war. Bei Kanes Premiere bei der EM 2016 stand noch das Achtelfinal-Aus, bei der WM 2018 führte er sein Team als jüngster Kapitän der Verbandsgeschichte ins Halbfinale, bei der WM 2022 immerhin ins Viertelfinale und bei den Europameisterschaften 2021 und 2024 jeweils ins Endspiel. Inzwischen ist er mit 110 Einsätzen nur noch 16 Spiele davon entfernt, Rekordspieler der Three Lions zu werden. Rekordtorschütze ist er längst.
Auf Vereinsebene merkte man ihm aber an, wie groß dann doch die Last war, die durch den Titel von ihm abfiel. Denn was Kane in den ersten drei Monaten der aktuellen Spielzeit aufs Spielfeld zauberte, war einfach unglaublich. In den ersten 13 Pflichtspielen, die die Münchener allesamt gewannen, erzielte er 20 Tore. Und das Besondere: Kane war alles andere als der Torjäger, der vorne auf die Bälle wartete und sie aus zwei Metern über die Linie schob. Er stellte sich voll in den Dienst der Mannschaft.
Agierte oft als hängende Spitze, manchmal sogar als Spielmacher auf der Zehner-Position, im Top-Spiel gegen Borussia Dortmund wurde er gar für eine überragende Grätsche am eigenen Strafraum gefeiert. „Ich glaube, so tief wie heute habe ich noch nie gespielt“, sagte Kane danach. Doch seine Torquote steigerte sich, statt dass sie sank. Und alle weiteren Werte machten ihn nicht weniger als zum perfekten Spieler.
In den ersten elf Spielen, in denen er benotet wurde, gab das Fachmagazin „Kicker“ ihm viermal die 1,0, dreimal die 1,5 und dreimal die 2,0. Er wurde fünfmal in acht Ligaspielen zum „Spieler des Spiels“ gekürt und dreimal zum „Spieler des Tages“. Und auch wenn es nur die Startphase der Saison ist und die Champions League zum Beispiel noch nicht mal bei der Hälfte der Gruppenphase steht, stellt sich die Frage: Ist Harry Kane aktuell der beste Stürmer der Welt? Und auch der beste Spieler? „Weltweit gibt es ganz, ganz selten so einen Spieler“, schwärmte Bayern-Sportdirektor Christoph Freund: „Das ist nicht normal, wie oft er immer wieder trifft.“ Und Trainer Vincent Kompany beeindruckte vor allem die Tatsache, dass sich Kane nach dem erlösenden ersten Titel nicht zurücklehnte, sondern noch motivierter scheint.
Er genieße dessen Arbeitseinstellung, sagte Kompany, der einst als Abwehrspieler von Manchester City gegen Kane verteidigen musste: „Es ist wunderbar anzusehen, dass ein derart guter Spieler laufen und kämpfen will, auch nach seinem ersten Titelgewinn.“ Kane gab das Kompliment zurück. Kompany habe „ein neues Level in mir freigeschaltet“.
Großes Lob von Lothar Matthäus
Eines, das ihn zum besten Spieler der Welt macht? „Ich sehe zurzeit keinen besseren Stürmer auf der Welt. Nicht allein wegen seiner Tore, sondern aufgrund seiner Vielseitigkeit und den Positionen, auf denen er sich aufhält“, schrieb der deutsche Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, der Kane als Sky-Experte häufig aus nächster Nähe beobachtet: „Kane zeigt auch Qualitäten als Passgeber, im Dribbling und im Zweikampf. Er ist gleichzeitig Torjäger, Spielmacher, Box-to-box-Spieler und Zweikämpfer. Ich habe Erling Haaland und Kylian Mbappé nie am eigenen Strafraum grätschen sehen wie Kane in der 88. Minute gegen Dortmund. Von Haaland und Mbappé sieht man auch keine Pässe über 50 Meter oder mehr. Die Chipbälle, die der FCB-Star spielen kann, habe ich von den anderen beiden noch nicht gesehen. Er ist einfach komplett und auf einem anderen Level.“ Am Ende habe „Kane das Mittelstürmerspiel neu erfunden, wie es Manuel Neuer bei den Torhütern vor etwa eineinhalb Jahrzehnten getan hat.“
Und erzielt dabei auch in seiner Kernkompetenz beeindruckende Zahlen, die das stützen. 42,1 Prozent seiner Großchancen nutzte Kane in dieser Saison, Haaland lag zu diesem Zeitpunkt Ende Oktober bei 32,4, Mbappé bei 17,8. „Harry Kane lässt die Grenzen des Machbaren aktuell verschwimmen“, schrieb die „Frankfurter Rundschau“.
Über die anfangs diskutierten 100 Millionen lachen sie inzwischen beim FC Bayern. „Es ist wirklich eine Freude. Wenn einer uns gesagt hätte, dass Harry von Saison zu Saison besser wird, dann hätten wir wahrscheinlich noch mehr bezahlt“, sagte Vorstandschef Jan-Christian Dreesen.
Und so winken dem lange Zeit scheinbar verfluchten Kane noch weitere Weihen: Mit einem wie ihm kann der FC Bayern Champions-League-Sieger werden. Und dann wäre Kane sicher auch ein heißer Kandidat bei der Wahl des Weltfußballers. Und dann steht nächstes Jahr ja noch eine WM in Nordamerika an.
Für die qualifizierten sich die vom Deutschen Thomas Tuchel trainierten Engländer als erstes Team aus Europa ganz souverän. Auch, weil Kane in den ersten sechs Quali-Spielen sechsmal traf. Es scheint, als käme seine ganz große Zeit erst noch.