Er gewann das Triple, saß bei über 1.000 Bundesliga-Spielen auf der Bank und hält den Ablöse-Weltrekord für Co-Trainer. Doch mit Zahlen lässt sich das Wirken des Fußball-Trainers Peter Hermann nicht bemessen. Das zeigen die Reaktionen nach seinem Tod.
Über Verstorbene wird im Allgemeinen nur Gutes gesagt. Als am 19. September der Fußball-Trainer Peter Hermann starb, wurde schnell klar, dass hier ein ganz besonderer Mensch gegangen ist, auf den dies auch zutrifft. Einer, den die breite Öffentlichkeit zwar gar nicht kannte. Bei dem sich aber schon zu Lebzeiten kein einziger Mensch finden ließ, der auch nur ein schlechtes Wort über ihn verlor.
Peter Hermann war mit ganzem Herzen Trainer. Und doch war er es nur in zweiter Linie. In erster Linie war er Mensch. Hochgradig empathisch, komplett uneitel, loyal bis über die Schmerzgrenze. Er liebte den Fußball und seinen Beruf, wusste alles über das Spiel, war bienenfleißig und hatte den besonderen Blick für Details, den nur große Trainer besitzen. All das hätte ihn sicher zu einem idealen Cheftrainer gemacht. Allein: Er wollte nie einer sein. Immer wieder fragten Vereine an, der 1. FC Nürnberg wollte ihn gar zum Sportdirektor machen, doch Hermann sagte beharrlich nein. „Ich wusste immer, dass der Co-Trainer-Posten die beste Rolle für mich ist“, sagte er mal in einem „Sport1“-Interview.
Hermann hatte seine Rolle gefunden. Und er füllte sie so gut aus wie vielleicht niemand sonst. Wenn ihn Bayer Leverkusen, der Verein, bei dem er den größten Teil seiner Karriere verbrachte, nach seinem Tod im Alter von 74 Jahren als „den Co-Trainer schlechthin in Deutschland“ beschrieb, war das also keine Abwertung, sondern eine Respektsbekundung. Ebenso wie die Aussage von Weltmeister Toni Kroos, der unter Hermann in Leverkusen und beim FC Bayern München arbeitete. „Hermann ist der beste Co, den ich je hatte“, sagte Kroos.
Als Hermann nun nach langem Leiden an der Nervenkrankheit ALS verstarb, las sich in jedem Kommentar seiner Vereine und ehemaligen Spieler, hinter jedem Nachruf in den Medien heraus, dass er etwas ganz Besonderes war. „Der Fußball hat eine reine Seele verloren“, schrieb der „Kölner Stadt-Anzeiger“. Die „Bild“ titelte: „Sein Lächeln bleibt unvergessen“. Und der „Kicker“ bezeichnete Hermann als „stillen Meister des deutschen Fußballs. Besonnen, ruhig, geerdet – aber immer auf Augenhöhe mit dem Chef“. Er habe Leverkusen „fast 20 Jahre seiner stillen und beeindruckenden Kunst geschenkt, die vor allen Dingen darin bestand, Fußballer besser zu machen. Im Hintergrund zwar, aber dafür umso effektiver.“ Bei Sport1 hieß es: „Peter Hermann war ganz Mensch. Zugewandt, bescheiden, hilfsbereit und verlässlich. Einer, der so viel erlebt und erreicht hatte und trotzdem nie vergessen hatte, wie wichtig die kleinen Dinge sind.“
„Peter, Legende für immer“
Seine ehemaligen Spieler – und davon gab es in mehr als 1.000 Bundesliga-Spielen unzählige – waren ebenfalls geschockt. „Peter, Legende für immer“, schrieb der frühere Bayern-Star Javi Martínez aus Spanien. Der frühere Leverkusen-Stürmer Dimitar Berbatow schrieb: „Der Beste aller Zeiten.“ Der brasilianische Weltmeister Jorginho dankte „für deine Freundschaft und Unterstützung. Du wirst immer in meinem Herzen sein.“ Und Trainer Edin Terzic (heute Athletic Bilbao), dem Hermann bis zu seinem gesundheitlichen Rückzug im Jahr 2022 als letztem assistierte, erklärte: „Danke für alles, was du dem Fußball und ganz besonders mir gegeben hast. Du warst ein großartiger, herzlicher und bescheidener Mensch, der sein ganzes Leben in Fußballschuhen verbracht hat.“
Niko Kovac hat gleich zweimal mit Hermann zusammengearbeitet. Von 1996 bis 1999 als Spieler in Leverkusen und 2018/19, als Kovac Cheftrainer des FC Bayern war und Hermann sein Co. Der heutige Coach von Borussia Dortmund erfuhr während der Pressekonferenz nach dem 1:0-Sieg in Stuttgart vom Tod des alten Weggefährten und zeigte sich tief berührt. „Ein toller Mensch ist von uns gegangen, das ist natürlich ein Schock“, sagte er mit brüchiger Stimme und feuchten Augen. Das vereinbarte Interview im ZDF sagte er daraufhin ab.
Bewegender offener Brief
Extrem bewegend war auch der offene Brief, den Meistertrainer Jupp Heynckes für den „Kicker“ schrieb. „Meine Frau Iris und ich saßen am Tisch und konnten unsere Tränen nicht mehr aufhalten. Das menschliche Vokabular bietet für solche Situationen nicht die passenden Worte, um auszudrücken, wie uns dieser Verlust getroffen hat“, schrieb er darin: „Als ich ihn vor etwa drei Monaten letztmals besucht habe, konnte er kaum noch sprechen. Sein Schwiegersohn half bei der Konversation, weil ich Peter kaum mehr verstehen konnte. Auf der Heimfahrt habe ich, das Bild meines so schrecklich gezeichneten Freundes vor Augen, im Auto bitterlich geweint.“ Sein Fazit: „Die Spieler haben Peter nicht nur gemocht, sie haben ihn geliebt, weil er so empathisch und sympathisch, weil er so still und leise, so uneitel, einfach liebenswert war. Peter war wichtig, ohne sich wichtig zu nehmen. Peter Hermann, der ein zweiter Mann erster Klasse war, ist ein Vorbild für alle jungen und erfahrenen Trainer.“ Sie beide seien „Brüder im Geiste“ gewesen.
Die Begegnung mit Heynckes hat auch Hermanns zuvor sehr geordnetes Leben noch mal in neue Bahnen gelenkt. Aus Leverkusen wäre er wahrscheinlich normalerweise nie weggegangen. Hermann war ein Stück Vereinsgeschichte. In seinen acht Jahren als Spieler war er Teil der Aufstiegsmannschaft 1979 und half, den Club zu etablieren. 1996 rettete er Bayer als Interimstrainer in einem dramatischen Abstiegs-Endspiel gegen Kaiserslautern vor dem erstmaligen Absturz in die 2. Liga, der bis heute nie passierte. Und in seinen 19 Jahren als Assistent galt: Egal, welcher Trainer nach Leverkusen kam, er war froh, Hermann als Co-Trainer vorzufinden. Als loyalen, hochkompetenten Zuarbeiter, der den Verein in- und auswendig kannte. Christoph Daum, Klaus Toppmöller oder Berti Vogts, aber auch Michael Skibbe, Klaus Augenthaler oder Erich Ribbeck vertrauten auf seine Dienste. 2008 kam aber Bruno Labbadia und brachte in Eddy Sözer einen Assistenten mit, mit dem er jahrelang zusammenarbeitete. Hermann ging nach Nürnberg, um mit dem jungen Michael Oenning zu arbeiten. Ein Jahr später wechselte Heynckes unters Bayer-Kreuz und der damalige Sport-Chef Rudi Völler sagte ihm: „Jupp, wir haben da einen sehr guten Mann, den idealen Co-Trainer.“ Er vermittelte ein Treffen. Hermann machte Heynckes klar: „Wenn ich die Bälle aufpumpen oder Hütchen aufstellen soll, komme ich nicht.“ Heynckes musste schmunzeln. „Diese Klarheit gefiel mir grandios“, schrieb er nun im „Kicker“-Beitrag: „Auf dieser Basis konnte unsere Zusammenarbeit starten.“
Nach zwei erfolgreichen Jahren in Leverkusen holte er Hermann mit zum FC Bayern. Und das Duo gewann 2013 das legendäre Triple. Weil danach Pep Guardiola kam mit festem Stab, ging Hermann wieder auf Wanderschaft. Assistierte Jens Keller auf Schalke, Peter Knäbel kurz beim Hamburger SV, dann Frank Kramer, Marco Kurz und Friedhelm Funkel in Düsseldorf. Bis 2017 Heynckes zurück zu den Bayern ging. „Meine Bedingung lautete: ‚Nur mit Peter Hermann zusammen. Sonst komme ich nicht‘“, erzählte Heynckes: „Die Ablösesumme, die der FC Bayern an Fortuna Düsseldorf zahlen musste und die Peter höchst peinlich berührte, war bestens investiertes Geld.“ Fast zwei Millionen Euro sollen die Bayern bezahlt haben, womit Hermann heute noch als teuerster Co-Trainer der Welt gilt. „Das ist mir immer noch sehr unangenehm, denn das ist ja normalerweise nicht mal einen Spieler wert – und ich war nur Co-Trainer“, sagte er 2021: „Ich fand es von Düsseldorf damals auch übertrieben, so viel zu fordern. Aber der Jupp hat halt darauf bestanden, dass ich mitkomme.“
Er blieb danach noch unter Kovac und wurde dann auch beim DFB Co-Trainer, bei der U18, U19 und U20, dazu noch mal auf Schalke und in Leverkusen und zum Abschluss eben in Dortmund. Die Krankheit hatte ihn in den letzten Jahren schwer im Griff. Zu seinem 73. Geburtstag im Vorjahr organisierte Michael Reschke, Ex-Manager in Leverkusen und München, Videobotschaften alter Weggefährten. Es wurden 140. Thomas Müller sagte „Danke für all die Jahre“, Philipp Lahm erzählte, dass er „nicht immer mit deinen Leistungen als Schiedsrichter im Training zufrieden war – aber danach lagen wir uns immer lachend in den Armen. Du warst ein überragender Co-Trainer und wichtiges Bindeglied zwischen Mannschaft und Chefcoach – danke, was du für uns getan hast!“
In Leverkusen war er noch jahrelang im Stadion. Laut „Bild“ schoben ihn seine Freunde Jürgen Gelsdorf und Dirk Dreher oft in einem Rollstuhl in die BayArena. Am 5. September beim 4:0 gegen Union Berlin war er noch dabei. Für das Spiel gegen RB Leipzig am 20. September war laut „Stadt-Anzeiger“ auch schon ein Platz reserviert. Er blieb leer. Der Abschied von Hermann bei der Schweigeminute war umso bewegender. Es ist jemand gegangen, der nie in die erste Reihe drängte, ja den Schritt dorthin sogar verweigerte. Und doch bei so vielen tiefe Spuren hinterlassen hat.