Obwohl die aktuelle Katastrophe in Nepal die Aufmerksamkeit der erschütterten Weltöffentlichkeit auf das Naturphänomen der Sturzflut gerichtet hat, sind für die deutschen Küstengebiete die alljährlichen Sturmfluten eine stetige Herausforderung.
Am frühen Morgen des 26. August 2026 konnte nahe der Grenze zwischen Nepal und China (Tibet) „ein seismisches Ereignis der Stärke 5,2“ registriert werden. Wobei man zunächst von einem Erdbeben ausgegangen war. Doch nach neuestem Kenntnisstand war ein massiver Bergsturz und ein daraus resultierender Gletscherabbruch ursächlich für die Katastrophe, bei der sich eine gewaltige Sturzflut aus Eis, Wasser, Schlamm und Geröll mit extremer Geschwindigkeit entlang zweier Flüsse namens Bhotekoshi und Trishuli fortbewegt und dabei ganze Ortschaften zerstört hatte. Hauptbetroffen waren die nepalesischen Distrikte Rasuwa und Nuwakot, aber auch tiefer gelegene Regionen wie Dhading, Gorkha und Chitwan waren schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Über die Zahlen der Toten und Vermissten ließen sich bislang immer noch nur Mutmaßungen anstellen, mindestens 970 Menschen haben verrmutlich ihr Leben verloren, rund 4.000 Menschen gelten als vermisst. Mehr als 13.000 Rettungskräfte aus Armee und Polizei waren pausenlos im Einsatz, auch internationale Hilfe war zeitnah angelaufen.
Nun ist es naheliegend, dass ziemlich schnell der Klimawandel und die damit einhergehende Erderwärmung – beides lässt seit Jahren im Himalaya die Gletscher schmelzen – als hauptverantwortlich für das Unglück ausgemacht wurden.
Wasser versickert nicht in der Erde
Die Sturzflut in Nepal und Tibet war ein eher untypisches Ereignis für dieses Naturphänomen gewesen. Weil es sich dabei klassischerweise um ein plötzlich und unerwartet auftretendes Hochwasserereignis handelt, das normalerweise durch außergewöhnlich starke lokale Regenfälle ausgelöst wird. Aktuellstes Beispiel vom August 2026 sind die Sturzfluten und Überschwemmungen, die in Neapel und der umliegenden Region durch heftige Unwetter verursacht wurden. Auch 2024 war die Region zuletzt schon von einer sogenannten Bomba d’acqua (Wasserbombe) getroffen worden. Hierzulande ist fraglos noch die Flutkatastrophe an Ahr und Rhein von Mitte Juli 2021 in unliebsamer Erinnerung, als binnen 24 Stunden 100 bis 150 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen waren und es in den beiden betroffenen Regionen zu schweren Sturzfluten und massiven Überschwemmungen gekommen war. Neben Sachschäden in Milliardenhöhe starben dabei mehr als 180 Bundesbürger. Von Starkregen, der meist aus massiven Gewitterwolken herabfällt, wird gesprochen, wenn die Menge an Niederschlägen mehr als 25 Millimeter pro Stunde oder mehr als 35 Millimeter in sechs Stunden beträgt. Dabei können Sturzfluten entstehen, weil das Wasser nicht schnell genug im (womöglich schon wassergesättigten) Erdreich versickern oder über ein mit den Niederschlagsmengen restlos überfordertes Kanalsystem abgeführt werden kann. Dann können sich schlagartig oberirdische Wasserstraßen (besonders gefährlich in Hanglagen) bis zu ganzen Seen (etwa in Tälern, Schluchten, Mulden oder Unterführungen) bilden. Sturzfluten, die auch durch eine starke Schneeschmelze in Verbindung mit Starkregen ausgelöst werden können und laut dem Deutschen Wetterdienst erst dann als solche benannt werden, wenn zwischen dem verantwortlichen Niederschlagsereignis und der hereinbrechenden Flut weniger als sechs Stunden vergangen sind, können hierzulande prinzipiell überall auftreten. Ganz unabhängig davon, ob sich Bäche oder andere fließende Gewässer in der unmittelbaren Nähe befinden. Aber am häufigsten sind bergige oder hügelige Regionen betroffen. Wobei oft die Sturzfluten nicht genau dort auftreten, wo Gewitter und Starkregen am stärksten getobt haben, sondern im tiefer gelegenen Umland. Ausführliche Informationen zum Thema Sturzfluten bietet das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf seiner Webseite: „Die unterschätzten Risiken ‚Starkregen‘ und ‚Sturzfluten‘. Ein Handbuch für Bürger und Kommunen“.
Starke Niederschläge in Gestalt von Regen spielen bei der Entstehung von Sturmfluten keinerlei Rolle. Hier ist der Wind der entscheidende Faktor. „Eine Sturmflut ist ein Extremereignis, bei dem Stürme die Wasserstände an den Küsten stark ansteigen lassen“, so das für dieses Naturphänomen hierzulande zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Speziell die Deutsche Bucht ist laut dem BSH bedingt durch den trichterförmigen Küstenverlauf eines der am stärksten von Sturmfluten bedrohten Gebiete weltweit. Die meisten Sturmfluten treten hierzulande im Winterhalbjahr zwischen Oktober und April auf. In Hamburg werden pro Saison im Mittel sechs Sturmfluten registriert. Durchschnittlich kommt es an der deutschen Nordseeküste zu vier bis sechs Sturmfluten pro Jahr, an der Ostsee zu deren drei, was sich anhand von Statistiken ablesen lässt, die das BSH schon seit 1950 anfertigt. Generell treten Sturmfluten an der Nordsee häufiger auf als an der Ostsee, wo diese allerdings länger andauern können. Schwere und sehr schwere Sturmfluten sind dabei eher seltener.
Wobei das BSH zur Einstufung des Schweregrades verschiedene Klassen eingeführt hat. Für die Nordsee gibt es drei Klassen: Sturmflut, ab einem Wasserstand von 1,5 Metern über dem mittleren, bei der normalen Flut erreichten Hochwasser (MHW), bis zu 2,5 Metern über MHW; schwere Sturmflut, 2,5 bis 3,5 Meter über MHW; sehr schwere Sturmflut, mehr als 3,5 Meter über MHW. Die Sturmfluten an der Ostsee sind sogar in vier Klassen eingeteilt: Sturmflut, 1,00 bis 1,24 Meter über Normalhöhennull (NHW, wobei als Referenzebene der Meeresspiegel gemäß dem Nullpunkt des sogenannten Amsterdamer Pegels dient); mittlere Sturmflut, 1,25 bis 1,49 über NHW; schwere Sturmflut, 1,50 bis 1,99 Meter über NHW; sehr schwere Sturmflut, ab 2,00 Meter über NHW.
Schweregrade von Sturmfluten
Allerdings gilt es in Sachen Sturmfluten auch, über den deutschen oder europäischen Tellerrand hinauszublicken. Weil sich die ebenfalls über dem Meer bei Wassertemperaturen von mindestens 26 Grad Celsius ausbildenden tropischen Wirbelstürme wie Hurrikans (vor der amerikanischen Küste, entstanden im Nordatlantik oder im nordöstlichen Pazifik), Taifune (im nordwestlichen Teil des Pazifiks vor den Küsten Ost- und Südostasiens gebildet) und Zyklone (im Indischen Ozean entwickelt) stets auch gewaltige Sturmfluten zu verursachen pflegen, die gigantische Zerstörungen und riesige Überschwemmungen zur Folge haben. „Wenn Tropenstürme auf Land treffen, sollte man sich in erster Linie nicht vor dem Wind, sondern vor ihren Wassermassen in Acht nehmen“, so nationalgeographic.de.
Doch nun zurück in heimische Gefilde und der Bildung von Sturmfluten vor den deutschen Küsten. „Eine Sturmflut entsteht, wenn starker Wind das Wasser gegen die Küste drückt“, so das BSH, „Die Stärke und Richtung des Windes sowie der Zeitpunkt des Sturms sind dabei entscheidend. An der Nordsee verursachen stürmische Winde aus nordwestlichen Richtungen Sturmfluten, wenn sie vor und während eines Hochwassers auftreten. An der Ostsee treten Sturmfluten vermehrt auf, wenn stürmische Winde aus nordöstlichen Richtungen wehen. Eine hohe Füllung der Ostsee begünstigt dies zusätzlich.“ Besonders gefährlich wird es immer, wenn starker und anhaltender Wind über große Wasserflächen hinwegfegt und sich dadurch ein sogenannter Windstau bildet, der große Wassermassen zur Küste hin drücken kann. Auch der Luftdruck spielt eine wichtige Rolle. Weil tiefer Luftdruck, wie er bei Sturmtiefs oder Orkanen üblich ist, den atmosphärischen Druck auf die Meeresoberfläche verringert, wodurch es zu einer Anhebung des Wasserspiegels kommt. Die Tide nicht zu vergessen, weil der Sturm seine größte Kraft entfalten kann, wenn er bei höchstem Flutstand auf das Wasser trifft und die tobende See in einen „blanken Hans“ verwandelt wird. Nicht zuletzt muss auch die Beschaffenheit des Meeresgrundes berücksichtigt werden. Weil bei flachen Ufern die Wassermassen leichtes Spiel zum weiten Vordringen aufs Land haben, während dies bei einem steil abfallenden Ozeanboden deutlich schwieriger ist.
Klimawandel als große Unbekannte
Ob Klimawandel und Erderwärmung künftig zu einer Vermehrung der Zahl der Sturmfluten an den deutschen Küsten führen werden, kann laut BSH, das auch für den hiesigen Sturmflutwarndienst verantwortlich zeichnet, derzeit nicht abgesehen werden. Allerdings warnt das BSH vor drei Effekten: dem generellen Anstieg des Meeresspiegels, der Zunahme an Sturmwahrscheinlichkeiten und der Erhöhung der Sturmintensitäten. „Sturmfluten laufen zunehmend höher auf. Bis 2100 könnte der Meeresspiegel sich um einen Meter erhöhen – je nachdem, wie viele Treibhausgase noch in die Luft gelangen. Dadurch steigt das Ausgangsniveau für Sturmfluten. Darüber hinaus könnte der Klimawandel dazu führen, dass Wetterbedingungen, die Sturmfluten begünstigen, in der Deutschen Bucht häufiger auftreten.“
Während heute der Küstenbereich durch immer bessere Deiche, Dämme und Fluttore gegen Sturmfluten ziemlich wirksam geschützt wird, sah es diesbezüglich in der Vergangenheit ziemlich düster aus. Laut Umweltbundesamt wurden Sturmfluten an den hiesigen Küsten schon seit fast 2000 Jahren dokumentiert. Wobei eine ganze Reihe von Großkatastrophen festgehalten werden mussten. Die „Erste Marcellusflut“ an der Nordseeküste anno 1219 konnte erstmals mit einem Augenzeugenbericht belegt werden. Die „Zweite Marcellusflut“ des Jahres 1362, auch als „Grote Mandränke“ bekannt, war noch weitaus verheerender (mit angeblich 100.000 Toten), veränderte die Gestalt der schleswig-holsteinischen Westküste grundlegend und zeichnete auch für den Untergang des legendären Handelsplatzes Rungholt verantwortlich. Tausende Opfer, vor allem in Nordfriesland, forderte dann auch die zweite „Grote Mandränke“, die auch als „Burchardiflut“ bezeichnet wird, anno 1634. Gleiches galt für die „Weihnachtsflut“ anno 1717. Die „Halligflut“ anno 1825 richtete besonders auf den Halligen große Schäden an. Im November 1872 erlitt die Ostseeküste von Dänemark bis Pommern die bis heute größte Sturmflut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bundesbürger durch die „Hamburgflut“ im Februar 1962 geschockt. Ein Sechstel der Hansestadt wurde überschwemmt, 315 Einwohner verloren ihr Leben. Im Oktober 2023 wurde die gesamte Ostseeküste von der stärksten Sturmflut seit 1872 heimgesucht, wobei sich die Schäden auf über 200 Millionen Euro beliefen.