Oliver Ruhnert war bei Union Berlin neben Trainer Urs Fischer so etwas wie der Vater des Erfolgs, der sich den Aufstieg in den ersten Bundesligajahren zugutehalten kann. Nun ist er im Club Geschichte. Einer seiner Königstransfers ist noch da.
Oliver Ruhnert stand als Funktionär bei Union Berlin nur noch in der zweiten Reihe – nach dem vorzeitigen Abschied beim Fußball-Bundesligisten winkt ihm nun ein Spitzenamt in der Politik. Der 54-Jährige soll der neue Generalsekretär der Partei Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) werden, einen entsprechenden Vorschlag will die Parteispitze beim Bundesparteitag Anfang Dezember in Magdeburg bei der Basis hinterlegen. Auch wegen dieser Aufstiegschancen kam es vor wenigen Wochen zur Trennung von Union, wo er zunächst als Chefscout, dann jahrelang als Erfolgs-Geschäftsführer und zuletzt wieder als Chefscout gearbeitet hatte. „Ich hätte Union nie freiwillig für einen anderen Club verlassen“, sagte Ruhnert, „wollte aber die Möglichkeit nutzen, noch einmal was ganz anderes im Leben zu probieren, das mir auch seit vielen Jahren sehr am Herzen liegt – Politik.“
Fehler auf dem Höhepunkt
Schon in der Vorsaison hatte Ruhnert seinen Job bei Union vorübergehend ruhen lassen, um bei der Bundestagswahl mit dem BSW den Einzug ins Parlament zu schaffen. Die Partei scheiterte an diesem Ziel knapp, Ruhnert kehrte als Scout zurück zu den Eisernen. Jetzt folgte die endgültige und einvernehmliche Trennung, wie beide Seiten betonten. Club-Präsident Dirk Zingler bedankte sich beim gebürtigen Sauerländer für „einen gewaltigen Entwicklungsschub“, den dieser Union mit seiner größtenteils erfolgreichen Arbeit beschert habe. Unter Ruhnert als Manager stieg Union 2019 nicht nur in die Bundesliga auf, der Club entwickelte sich auch zu einem Europacup-Verein mit dem Höhepunkt der Champions-League-Teilnahme 2023/24. Doch ausgerechnet in der Königsklassen-Saison verließ Ruhnert das Transfer-Glück: Auf sein Konto gingen Flops wie Kevin Volland, Yorbe Vertessen, Mikkel Kaufmann, Chris Bedia und allen voran Italiens Ex-Europameister Leonardo Bonucci, der zwar ablösefrei kam, aber zu den Topverdienern gehörte und das sportlich nicht rechtfertigen konnte.
Davor hatte Ruhnert bei den Neuzugängen aber sehr oft richtig gelegen und dafür gesorgt, dass sich der Club dank Spieler-Verkäufe schneller entwickeln konnte als ursprünglich geplant. Zu nennen sind hierbei vor allem die Spieler Sheraldo Becker, Taiwo Awoniyi und Robin Knoche. Aber auch einige aktuelle Leistungsträger gehen auf Ruhnerts Konto: Frederik Rönnow, Diogo Leite, Rani Khedira und natürlich Danilho Doekhi. Der Niederländer war 2022 ablösefrei zu Union gewechselt und hat sich hier nicht nur wegen seiner kompromisslosen Zweikampfführung als Glücksgriff entpuppt. Die Kopfballstärke ist sein Markenzeichen, sowohl defensiv als auch offensiv verliert er fast kein Duell in der Luft. Gegen den FC Bayern hatte er seine Ligatore Nummer drei und vier erzielt, im Pokal kommt er auch schon auf zwei Treffer. Von allen Verteidigern in den internationalen Topligen kann da nur Micky van de Ven von Tottenham Hotspur mithalten.
Klar ist, dass jedes Tor den Innenverteidiger auf dem Spielermarkt begehrter macht. Sollte den Union-Verantwortlichen demnächst keine Vertragsverlängerung mit Doekhi gelingen, wäre im Winter das letzte Zeitfenster, um den nächsten Ruhnert-Transfer zu Geld zu machen. Ansonsten droht ein ablösefreier Wechsel im Sommer. Wie übrigens auch bei Innenverteidiger-Kollege Diogo Leite, der schon im Sommer unbedingt wegwollte. Und Doekhi? Laut Transferexperte Florian Plettenberg vom TV-Sender Sky ist die Sache klar: Der Niederländer beabsichtige, Union spätestens im Sommer 2026 ablösefrei zu verlassen. Auch ein Abschied schon im Januar sei nicht ausgeschlossen. Dazu passt, dass der Spieler sich zuletzt sehr zurückhaltend über seine persönliche Zukunft geäußert hat: „Ich kann nicht sicher sagen, dass ich nach dem Winter noch hier bin oder weg bin. Es kann in beide Richtungen gehen. Manchmal passiert es, wenn man es nicht erwartet.“
Auf Nationalebene strebt Doekhi in jedem Fall einen Wechsel an. Der gebürtige Niederländer, der für Oranje im Nachwuchsbereich bis zur U21 aufgelaufen war, will künftig für Suriname Länderspiele bestreiten. Möglich würde das seine doppelte Staatsbürgerschaft machen, Doekhi hat familiäre Wurzeln in dem kleinen südamerikanischen Land, das bis 1975 zu Holland gehörte. So wie viele erfolgreiche niederländische Fußballer in der Vergangenheit, zu nennen sind hier unter anderem Ruud Gullit und Clarence Seedorf aus der Vergangenheit. Und Virgil van Dijk, Xavi Simons und Donyell Malen aus der Gegenwart. Doch noch liegt für Doekhi keine Spielberechtigung vor, weil der Weltverband Fifa den Antrag auf einen Verbandswechsel bislang ablehnt. Der Internationale Sportgerichtshof CAS ist mittlerweile eingeschaltet, doch die Sache zieht sich hin.
Experte prophezeit Doekhis Abschied
Doekhi will für Suriname spielen, so wie übrigens auch Hertha-Profi Deyovaisio Zeefuik. „Der Verband holt mehr und mehr gute Spieler, das Niveau steigt“, begründete der Union-Profi: „Und es gibt die Möglichkeit, die WM und den Gold Cup zu spielen. Das sind tolle Turniere.“ Bei den Play-offs im März spielt Suriname zunächst gegen Bolivien und im Falle eines Sieges gegen Irak um das WM-Ticket. Bis zum Startschuss der Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko dürfte Doekhis Zukunft auf Vereinsebene längst geklärt sein. An Interessenten dürfte es nicht mangeln, und als ablösefreier Spieler hätte er in einem halben Jahr eine wohl noch viel größere Auswahl. Klar ist aber auch, dass er sich bei Union – sollte er denn den nächsten Karriereschritt gehen wollen – bis zum Ende reinhängen wird. Fans, Mitspieler und Trainer schätzen sein Engagement und seine Einstellung auch zum Club, auch deswegen war seine Situation gänzlich anders als die von Leite, der wegen der ungewissen Zukunft zwischenzeitlich vom Training freigestellt worden war.
Auch dank Doekhi ist mit dem aktuellen Saisonverlauf sehr zufrieden. Nach dem 1:0-Auswärtssieg bei Aufsteiger FC St. Pauli ist Union endgültig im gesicherten Tabellenmittelfeld angekommen. Der Vorsprung auf die Abstiegsplätze (acht Punkte) ist größer als der Rückstand auf die internationalen Ränge (5). Von höheren Zielen als dem Klassenerhalt spricht bei Union dennoch niemand, denn die Leistung in Hamburg war nicht gerade das, was internationalen Ansprüchen genügen würde. „Das war ein ganz dreckiger Arbeitssieg“, sagte Rani Khedira. Der Mittelfeldrenner hatte das Siegtor geschossen – diesmal brauchte es keinen Kopfballtreffer von Doekhi. Der Niederländer räumte aber hinten kompromisslos ab und half, trotz des Dauerdrucks des Gastgebers den Vorsprung über die Zeit zu bringen.
Die Verantwortlichen würden den Innenverteidiger natürlich liebend gern noch viel länger im Union-Trikot sehen oder ihn zumindest im Sommer gegen ein gehöriges Schmerzensgeld verkaufen. Eines scheint sicher: Doekhi wird sich nicht von Union „wegekeln“, dafür fühlt er sich hier viel zu wohl. „Es ist ein kleiner, familiärer Club. Die Mitarbeiter sind nett. Die Fans unterstützen uns immer, auch in schweren Zeiten“, sagte er: „Das weiß ich sehr zu schätzen. Und ich fühle die Wertschätzung der Fans, des Clubs und meiner Mitspieler.“