Der vor 100 Jahren geborene Alfredo Di Stéfano war der erste Weltstar des modernen Fußballs – und das, obwohl er kein einziges WM-Spiel bestritt. Ihm verdankt Real Madrid den steilen Aufstieg zu einem der renommiertesten Clubs der Welt.
Eigentlich gab es für die Königlichen im März 1952 keinen Grund zum Feiern. Die Madrilenen, die dank König Alfons XIII. seit dem Jahr 1920 den Namenszusatz „Real“ sowie die Krone in ihrem Vereinswappen tragen durften, hatten in den 1940er-Jahren das bis heute dunkelste Jahrzehnt ihrer gesamten Historie durchleiden müssen. Kein Meistertitel seit 1933, dafür in der Saison 1947/48 sogar in akuter Abstiegsgefahr, und im Schatten des Stadtrivalen Atlético Aviación, dem späteren Atlético Madrid, sowie des ewigen Rivalen FC Barcelona taumelte der Club Richtung sportlicher Bedeutungslosigkeit. Vor diesem Hintergrund sorgte die Fertigstellung eines neuen Stadions mit einem Fassungsvermögen von 75.000 Zuschauern Ende 1947, das wenig später sogar auf 120.000 Plätze erweitert wurde, für heftige öffentliche Kritik.
Der seit 1943 amtierende, heute legendäre Real-Präsident Santiago Bernabéu ließ sich dadurch damals allerdings keineswegs beirren. Er wollte mit seinem Verein mithilfe einer offensiven Transferpolitik wieder an glorreiche Zeiten anknüpfen. Noch fehlte jedoch der ganz große Glanz: Beim Mini-Turnier mit drei Mannschaften zum 50-jährigen Vereinsjubiläum im März 1952 hatte Real noch nicht zu alter Stärke zurückgefunden. Gespielt wurde damals im Estadio de Chamartín, das erst 1955 offiziell in Estadio Santiago Bernabéu umbenannt werden sollte. Immerhin reichte es in den Spielzeiten 1951/52 und 1952/53 jeweils für Platz drei in der spanischen Liga. Der eigentliche sportliche Höhenflug stand erst noch bevor.
Nationalspieler fürs spanische Team
Für das Turnier waren der schwedische Meister IFK Norrköping und ein Club aus Kolumbien namens Club Deportivo Los Millonarios eingeladen. Letzterer galt damals als bestes Team ganz Südamerikas, und seine Kicker waren wegen ihres perfekten Kurzpass-Spiels „Ballet Azul“ (Blaues Ballett) getauft worden. Besonders gespannt war man in Europa auf den damals 25-jährigen Spieler Alfredo Di Stéfano, der 1951 und 1952 Torschützenkönig der 1948 gegründeten kolumbianischen Profiliga geworden war. Wegen seiner Schnelligkeit sowie seiner Haarfarbe hatte er sich die Beinamen „Saeta Rubia“ (blonder Pfeil) und „El Alemán“ (der Deutsche) erworben.
Den gebürtigen Argentinier hatte es nach Kolumbien verschlagen, wie viele der besten Spieler aus dem Umfeld der Albiceleste, der Nationalmannschaft Argentiniens. Grund dafür war ein zäher Streit zwischen der nationalen Kickergewerkschaft und der argentinischen Primera Division, der den Spielbetrieb stark einschränkte. Zudem lockten die kolumbianischen Spitzenclubs damals mit üppigen Gehältern. Vor seinem Wechsel zu den Millonarios im Jahr 1949 hatte er für die argentinische Nationalmannschaft sechs Spiele im Rahmen der Copa América bestritten und mit seinen sechs Toren zum kontinentalen Titelgewinn der „Gauchos“ 1947 beigetragen. In die Annalen der Albiceleste ging er dennoch nicht als legitimer Vorgänger von Maradona und Messi ein. Dies lag vor allem daran, dass er seiner Heimat früh den Rücken kehrte: Nach vier von der Fifa nicht offiziell anerkannten Länderspielen für Kolumbien lief er nach seiner Einbürgerung ab 1956 schließlich 31-mal für die spanische „La Furia Roja“ auf, für die er 23 Tore erzielte. Eine Teilnahme bei einer WM blieb ihm verwehrt, obwohl er bis heute als einer der besten Fußballspieler der Geschichte gilt. Spanien hatte sich 1958 nicht für die WM qualifiziert, und vier Jahre später bremste ihn eine Verletzung aus.
Heftiger Streit um Transferrechte
Beim Jubiläumsturnier kannte die Begeisterung um den am 4. Juli 1926 im Arbeiterviertel Barracas der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geborenen Alfredo Stéfano Di Stéfano Laulé keine Grenzen. Nie zuvor hatte es einen solch kompletten Fußballertypen gegeben. Der gebürtige Argentinier hob das feste Positionsspiel komplett auf und tat sich über den gesamten Platz als Regisseur, Ballschlepper und Torjäger in einer Person hervor.
Sein herausragendes Talent war seit 1941 in der Jugendabteilung des argentinischen Renommierclubs River Plate geschult worden. Im Sommer 1945 feierte er als 19-Jähriger sein Debüt bei den Profis, konnte sich aber zunächst keinen Stammplatz erkämpfen. Daher wurde er an den Vorstadtverein Atlético Huracán ausgeliehen und machte dort schnell mit zehn Ligatreffern auf sich aufmerksam. Nach seiner Rückkehr zu River Plate war er 1947 als Liga-Torschützenkönig mit 27 Treffern in 30 Spielen ganz entscheidend am Meistertitel seines Clubs beteiligt.
Die Entwicklung seines außergewöhnlichen Stils vollzog der 1,78 Meter große Rechtsfuß erst im Laufe seiner Karriere bei den Millenarios. In Kolumbien feierte er binnen weniger Jahre vier Meisterschaften und eignete sich – auch auf Druck seines Vaters – beachtliche Fertigkeiten mit seiner linken Klebe an. Beim Einladungsturnier in Madrid 1952 führte er sein Team quasi im Alleingang zum Turniersieg. Gegen Norrköpping erzielte er das Siegtor und beim 4:2 gegen Real Madrid traf er sogar doppelt.
Nach dieser Leistung wollte Real den Ausnahmespieler unbedingt verpflichten. Doch der ewige Rivale FC Barcelona war schneller und überwies an River Plate eine Ablösesumme von vier Millionen Peseten. Damit pulverisierten die Katalanen den bis dahin gültigen weltweiten Transferrekord – auch wenn die Summe von umgerechnet 217.000 Euro heute fast schon lächerlich anmutet. Real wollte sich mit dieser Transferniederlage jedoch nicht abfinden, weil juristische Unklarheit darüber herrschte, wer überhaupt die Transferrechte an Di Stéfano besaß. Den erbitterten Streit zwischen Real und Barça um Di Stéfano versuchte der spanische Verband am 15. September 1953 durch ein ebenso salomonisches wie skurriles Urteil zu schlichten: Der Spieler sollte abwechselnd zwei Saisons für Real, 1953/54 und 1955/56, und zwei für Barcelona auflaufen. Die Katalanen lehnten diesen Kompromiss jedoch brüsk ab. Sie verzichteten auf Di Stéfano und ließen sich das von Real mit einer Entschädigung in Höhe von stolzen vier Millionen Peseten vergüten. Da Real zudem 1,5 Millionen Peseten an Millonarios zahlte, summierte sich der Kauf letztlich auf die neue Rekordsumme von 5,5 Millionen Peseten (rund 298.000 Euro).
Die Investition zahlte sich für Real Madrid sofort aus, denn gleich in seiner Premierensaison führte Di Stéfano die Königlichen 1954 zur spanischen Meisterschaft und wurde mit 27 Treffern Torschützenkönig der Liga. Ihm verdankten die Königlichen zudem ihre sportliche Wiederauferstehung. Insgesamt brachte es Di Stéfano in seinen elf Spielzeiten für Real – stets im Trikot mit der Rückennummer neun – bei insgesamt 396 Pflichtspieleinsätzen und 308 erzielten Toren auf acht Titelgewinne (1954, 1955, 1957, 1958, 1961 bis 1964) sowie einen Triumph im spanischen Pokal (1962). Getoppt wurde das Ganze noch durch fünf internationale Titel mit Real. Zwischen 1956 und 1960 gewannen die Königlichen den neu etablierten Europapokal der Landesmeister fünfmal in Folge. Alfredo Di Stéfano gelang dabei das Kunststück, in jedem Finalspiel mindestens einen Treffer zu erzielen. Beim 7:3 1960 gegen Eintracht Frankfurt erzielte er sogar drei Treffer. Übertroffen wurde er dabei allerdings noch von seinem Teamkollegen, dem legendären Ungarn Ferenc Puskás, der die übrigen vier Treffer für Real machte.
Nummer vier in Fifa-Bestenliste
Dass sich die größten Spieler der damaligen Zeit Real angeschlossen hatten und dadurch eine nahezu unschlagbare Wundermannschaft entstand, war letztlich auch Di Stéfano zu verdanken. Er wirkte an vielen spektakulären Transfers entscheidend mit und schlug dem Präsidenten Bernabéu die neuen Kollegen wie Francisco Gento, Raymond Kopa, Héctor Rial, José Santamaria oder eben Puskás häufig selbst vor. Die Königlichen selbst huldigen Di Stéfano, dem mit einem kolportierten Jahressalär von umgerechnet rund 100.000 Euro ersten Top-Verdiener des Weltfußballs, bis zum heutigen Tag als bestem Kicker der Vereinsgeschichte oder der Geschichte des Fußballs schlechthin sowie als Begründer des sogenannten Weißen Balletts. Nur ihm wurde bislang der sogenannte Súper Ballón d’ Or verliehen, womit das französische Fachmagazin „France Football“ 1989 den besten Kicker der drei Dekaden seit Ende der 1950er-Jahre ausgezeichnet hatte.
Bei der Kür des besten Fußballspielers des 20. Jahrhunderts durch den Weltverband Fifa im Jahr 2000 landete Di Stéfano auf dem vierten Platz. Wobei die beiden Erstplatzierten Maradona und Pelé fraglos davon profitiert hatten, dass ihre Auftritte dank zahlreicher TV-Aufnahmen belegt werden konnten, während Di Stéfanos Glanzleistungen lediglich in einigen schlecht gefilmten Sequenzen überliefert sind.
Sie zeigen einen dynamischen Tempo-Dribbler, der den Ball geschickt mit seinem ganzen Körper vor dem Gegenspieler abschirmt, diesen mit ständigen Übersteigern zu narren versucht und danach auch noch Tore wie am Fließband erzielt. Di Stéfanos Genialität im Lesen und Antizipieren des Spiels sowie das ihm attestierte unvergleichliche Raumverständnis lassen sich daraus allerdings nicht ablesen.
Nach dem Abschied von Real ließ Di Stéfano seine Spielerkarriere zwischen 1964 und 1966 bei Espanyol Barcelona ausklingen. Ab 1967 trat er eine nicht ganz so glanzvolle Trainerlaufbahn an, die er 1991 mit seinem zweiten Engagement bei Real beendete. Am 7. Juli 2014 verstarb Alfredo Di Stéfano im Alter von 88 Jahren in Madrid an den Folgen eines Herzinfarkts.