1842 wurde der vor 140 Jahren in Berlin verstorbene Franz Liszt von 50.000 Menschen auf offener Straße gefeiert. Die als „Lisztomanie“ bezeichnete Begeisterung für den größten Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts war beispiellos und nahm den Kult um spätere Berühmtheiten weit vorweg.
Wenige Monate vor Beendigung seines 75. Lebensjahres hatte Franz Liszt im Frühjahr 1886 trotz seines zunehmend angeschlagenen Gesundheitszustands noch einmal eine größere Reise angetreten. Sie führte ihn nach Brüssel, Paris und London, wo er der Aufführung seines 1862 fertiggestellten Oratoriums „Die Legende von der Heiligen Elisabeth“ und seiner 1856 vollendeten „Graner Messe“ beigewohnt hatte. Dabei wurde er geradezu triumphal gefeiert, und zwar nicht nur als populärster Klaviervirtuose des 19. Jahrhunderts – trotz heftig rivalisierender Konkurrenz durch den in Genf geborenen und klaviertechnisch auf dem gleichen Niveau angesiedelten Sigismund Thalberg (1812–1871). Vielmehr galt Liszt auch als einer der produktivsten und vielseitigsten Komponisten seiner Zeit – mit schätzungsweise mehr als 1.300 musikalischen Neuschöpfungen und Bearbeitungen/Transkriptionen von Werken anderer Meister, auch wenn bis heute noch keine vollständige Zusammenstellung seines gewaltigen Outputs vorliegt.
Nach dieser Tour de Force war er völlig erschöpft nach Weimar zurückgekehrt, wo er die Sommermonate seit Mitte der 1860er-Jahre verbracht hatte. Ansonsten war er vornehmlich in Rom und zeitweilig auch in der ungarischen Stadt Pest ansässig gewesen. Dann nahm er die dringliche Einladung seiner Tochter Cosima Wagner nach Bayreuth an, wo dieser nach dem Tod ihres berühmten Gatten Richard im Februar 1883 erstmals die Leitung der Bayreuther Festspiele oblag.
Das Vater-Tochter-Verhältnis war nach der von Liszt missbilligten Heirat von Cosima mit dem deutlich älteren Richard Wagner ziemlich angespannt gewesen. Liszt hatte den wegen republikanischer Aktivitäten zeitweise ins Schweizer Exil geflüchteten Wagner 1841 kennengelernt und ihn in seiner Funktion als Kapellmeister am großherzoglichen Hof in Weimar ab 1848 mit von ihm dirigierten Wagner-Opern-Wochen sowie durch finanzielle Zuwendungen unterstützt. In Bayreuth mühte sich Liszt durch zwei Aufführungen, wurde aber nach einem Zusammenbruch infolge einer Lungenentzündung bettlägerig und starb nach tagelangem Fieberwahn am 31. Juli 1886.
Eine Unterbrechung der Festspiele kam für Cosima nicht infrage. Nicht einmal eine dem väterlichen Superstar angemessene Beisetzung mit musikalischer Untermalung durch ausgewählte Kompositionen des Verstorbenen wurde von der Tochter geduldet. Nach der Bestattung auf dem Bayreuther Friedhof am 3. August 1886 blieb es am folgenden Tag bei einem kurzen Requiem in der Stadtkirche, wo Anton Bruckner auf der Orgel nur über das Glaubensthema aus Wagners „Parzifal“ improvisieren durfte. Damit hatte Cosima ostentativ das Werk Richard Wagners weit über das kompositorische Schaffen ihres Vaters erhoben.
Er galt als Magnet für die Damenwelt
Die Nachwelt schien ihr lange Zeit Recht zu geben. Denn nach seinem Tode geriet Liszt für ein knappes Jahrhundert in Vergessenheit. Wofür eine ganze Reihe von Erklärungen angeführt wurde. Sein Ruhm als Ahnvater aller Klaviervirtuosen und als Magnet der Damenwelt mit einem den Rand des Skandals häufig streifenden Liebesleben hatte den hager-hochgewachsenen Schönling mit seiner wallenden Mähne und geschliffenen Manieren als gesellschaftlichen Emporkömmling zu einer Neidfigur werden lassen. Seine Schöpfungen ließen sich nur schwer einordnen, da sie stilistisch durch alle Gattungen gefegt waren und nur die Oper nahezu ganz außen vor gelassen hatten. Speziell seine Klavierkompositionen zeichneten sich durch einen atemberaubenden Schwierigkeitsgrad aus. Zudem taugte der frühe Weltbürger nicht zur Vereinnahmung als musikalischer Nationalheld.
Schließlich lieferten auch noch seine unstillbare Experimentierlust und seine musikalischen Grenzüberschreitungen viele Ansätze für ein grundlegendes Missverständnis seiner Kunst. Bis in die 1970er-Jahre waren hierzulande Insidern allenfalls der „Liebestraum Nr. 3“, ein Soloklavierstück aus dem Jahr 1850, bekannt, oder die „Ungarische Rhapsodie Nr. 2“ aus dem Jahr 1851, die berühmteste von insgesamt 19 „Ungarischen Rhapsodien“. Eventuell noch die zwischen 1849 und 1853 entstandene „Klaviersonate h-Moll“ oder die „Etüden“, die 1851 in dritter Fassung mit zwölf Stücken unter dem Titel „Etudes d’exécution transcendante“ veröffentlicht worden waren. Seitdem hat eine Wiederentdeckung von Franz Liszt stattgefunden, vor allem 2011 im Rahmen seines 200. Geburtstags.
Sein ehrgeiziger Vater erkannte schon früh das ungewöhnliche musikalische Talent seines am 22. Oktober 1811 im burgenländischen Raiding (damals zu Westungarn gehörend) geborenen Sohns Franciscus, der mit Deutsch als Muttersprache aufwuchs. Franz stieg – durch hausinterne Klavierausbildung gefördert –
schnell zu einem Wunderkind auf, das schon mit neun Jahren seinen ersten Konzertauftritt hatte. 1822 siedelte die gesamte Familie nach Wien um, wo Franz bis zum Umzug nach Paris 1823 professionellen Unterricht im Klavierspielen bei Carl Czerny und im Komponieren bei Antonio Salieri erhielt.
Da ihm das erhoffte Studium am Pariser Konservatorium verwehrt worden war, wurde er vom Vater weiter im Klavierspielen und durch privaten Unterricht in Musiktheorie geschult. Für den familiären Lebensunterhalt wurden zwischen 1824 und 1827 Konzertreisen durch Frankreich und England unternommen, wobei Franz als „wiedergeborener Mozart“ gefeiert wurde. Der Tod des Vaters 1827 und eine gescheiterte erste Jugendliebe stürzten ihn in eine schwere Krise: Er mied zeitweilig die Konzertbühne und erteilte stattdessen Klavierunterricht.
Beim Spiel mochte er den Blickkontakt
Liszt nahm Kontakt zum Intellektuellen-Milieu der Seine-Metropole rund um Victor Hugo auf, um damit unter anderem seine bescheidene Volksschul-Bildung zu verbessern. Auch suchte er die Bekanntschaft berühmter Musikerkollegen rund um Frédéric Chopin. Dabei hatte ihn vor allem der Geigenvirtuose Niccolò Paganini mit seinem extrovertiert-impulsiven und leidenschaftlichen Spiel beeindruckt. Dies sollte ihm als Vorbild für seine eigenen Auftritte am Klavier dienen. Als erster Musiker führte er ab Sommer 1840 das sogenannte Solo-Recital ein. Zudem ließ er den Flügel so positionieren, dass ein direkter Blickkontakt zu seinem Publikum möglich wurde.
Zwischen 1839 und 1847 startete Liszt, der 1840 den Spruch „Génie oblige“ (Genie verpflichtet) geprägt hatte, eine finanziell lukrative Marathon-Konzertserie durch Europa. Dabei spielten sich in den Sälen dank seiner charismatischen Bühnenpräsenz Szenen ab, die als Blaupause für den späteren Rockstar-Kult gelten können und 1844 von Heinrich Heine als „Lisztomanie“ bezeichnet wurden. Allein die 1834 begonnene Beziehung mit der verheirateten Gräfin Marie d’Agoult, mit der er drei Kinder (darunter Cosima) zeugte, dürfte wegen der von beiden Partnern gesuchten gegenseitigen Nähe einen früheren Beginn seiner titanischen Auftritte verhindert haben.
Auch bei der überraschenden Beendigung seiner Klaviervirtuosen-Karriere spielte eine adlige Dame eine entscheidende Rolle: die polnisch-ukrainische Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein. Sie hatte sich von ihrem Gatten getrennt und lernte Liszt 1847 in Kiew kennen. Mit ihr plante der ewige Frauenheld sogar die Eheschließung, weshalb er sich anno 1848 mit der Fürstin in Weimar niederließ, um dort den Posten eines Hofkapellmeisters anzutreten. Was ihm die Chance bot, sich voll auf das Komponieren zu konzentrieren und sich als Dirigent sowie als fundierter Lehrmeister einen Namen zu machen. Sein Ziel war es, die einstige Dichterhochburg zu einem musikalischen Hotspot zu machen und dadurch mit dem „Silbernen Zeitalter“ an das von Goethe und Schiller geprägte „Goldene Zeitalter“ anzuknüpfen.
Die Weimarer Zeit wurde zu Liszts produktivster Schaffensphase. Hier vollendete er seine beiden wichtigsten Klavierkonzerte, „Nr. 1 in Es-Dur“ und „Nr. 2 in A-Dur“, und schuf ab 1850 im Rahmen eines in der „Neudeutschen Schule“ organisierten Kreises progressiver Kollegen wie Richard Wagner oder Hector Berlioz eine sogenannte Zukunftsmusik, die eine Verbindung zwischen Musik und Poesie herstellen wollte. Zum Paradebeispiel wurden Liszts Orchesterhauptwerke namens „Sinfonische Dichtung“, bei denen er die Musik mit außermusikalischen Inhalten wie Gedichten oder Sagen verband. In Weimar entstanden zwischen 1848 und 1858 zwölf „Sinfonische Dichtungen“, unter denen „Les Préludes“ am bekanntesten werden sollte (die 13. Tondichtung „Von der Wiege bis zum Grabe“ kam erst 1881/1882 hinzu).
Eng verwandt mit den „Sinfonischen Dichtungen“ waren die Orchesterwerke „Dante-Sinfonie“ und „Faust-Sinfonie“. In der begründeten Hoffnung, vom Vatikan die Zustimmung zur Hochzeit zu erhalten, war Liszt mit seiner Partnerin 1861 nach Rom umgesiedelt. Nachdem die Erlaubnis doch nicht erteilt wurde, gingen die beiden Liebenden getrennte Wege. Liszt wandte sich radikal der Religion zu, empfing die niederen Weihen, trug fortan den Titel „Abbé“ und konzentrierte sich musikalisch auf die Erneuerung der Kirchenmusik – teils mit Stücken, die schon Anklänge Richtung Atonalität aufweisen.