Im Oktober des vergangenen Jahres griff der „Tatort“ einen realen Kriminalfall auf: Manfred Seel führte ein scheinbar unauffälliges Leben. Erst nach seinem Tod begann die Rekonstruktion eines Mannes, dessen Alltag und mutmaßliche Taten kaum gegensätzlicher sein könnten.
Der Frankfurter „Tatort“ brachte den Fall zurück ins öffentliche Bewusstsein, doch der entscheidende Einschnitt liegt Jahre zuvor. Die eigentliche Zäsur beginnt im Sommer 2014. Der Rentner Manfred Seel stirbt im August 2014 in Schwalbach in Hessen. Ein Jahr zuvor war bei dem damals 67-Jährigen Speiseröhrenkrebs diagnostiziert worden. Wenige Wochen nach seinem Tod beginnen seine Tochter und ihr Ehemann, den Haushalt aufzulösen. Sie entrümpeln auch eine Garage, die Seel angemietet hatte. In zwei blauen Tonnen stoßen sie auf stark verweste menschliche Überreste.
Die spätere Untersuchung ergibt, dass es sich um Teile des Körpers von Britta Simone Diallo handelt. Der Fuß und ein Oberschenkel stammen von der Prostituierten, die seit 2004 als vermisst galt und in diesem Jahr ermordet worden war. Erst dieser Fund bringt die Ermittlungen in Gang – und eröffnet eine Perspektive auf ein Leben, das bis dahin nicht im Ansatz als verdächtig galt.
Verstümmlungen im Intimbereich der Opfer
Mit dem Fund in der Garage beginnt die Rekonstruktion. Ermittler sichern Spuren, werten Datenträger aus, vergleichen alte Vermisstenfälle. In Seels Keller stoßen sie auf mehrere Computer. Auf ihnen befinden sich rund 32.000 gewaltpornografische und gewaltverherrlichende Fotos und Videos. Aus Sicht der Ermittler dienten viele dieser Dateien nicht nur dem Konsum, sondern offenbar auch als Vorlage für reale Taten.
Auf dieser Grundlage entsteht erstmals der Verdacht, dass Seel über Jahrzehnte hinweg Frauen getötet haben könnte. Die Ermittler gehen davon aus, dass er zwischen 1971 und 2004 im Rhein-Main-Gebiet mindestens fünf Frauen grausam getötet und zerstückelt hat. Zeitweise standen bis zu neun Opfer im Raum, möglicherweise sogar mehr. Einige der Leichen bleiben bis heute verschwunden. Die meisten der mutmaßlichen Opfer waren obdachlose und drogenabhängige Prostituierte vom Frankfurter Straßenstrich.
Alle diese Fälle waren bis dahin ungeklärt – und sie weisen auffällige Gemeinsamkeiten auf. Die Frauen wurden erwürgt oder erdrosselt. Nach ihrem Tod wurden Körperteile und Organe entnommen und als Trophäen aufbewahrt. Dabei folgte der Täter keinem festen Schema: Mal fehlte ein rechtes Bein, mal ein linker Arm, mal andere Körperteile. Diese Überreste wurden nie gefunden. Zusätzlich kam es zu schweren Verstümmelungen im Intimbereich und an den Brüsten der Opfer.
Die Ermittler gehen davon aus, dass diese Taten nicht spontan begangen wurden. Vielmehr sprechen die Übereinstimmungen für eine akribische Planung. Als wahrscheinliches Motiv gilt sexueller Sadismus – das gezielte Ausleben von Macht, Kontrolle und Gewalt. Die Aufklärung gestaltet sich jedoch schwierig. Es gibt keine Geständnisse, keine gerichtsfesten DNA-Beweise, keinen Angeklagten. Der mutmaßliche Täter ist tot. Erst jetzt, nach dem Fund von 2014, tritt auch das Doppelleben des scheinbar braven Bürgers zutage. Denn bis dahin hatte Manfred Seel ein Leben geführt, das keinen Anlass für polizeiliches Misstrauen bot.
Seel wurde 1946 im hessischen Taunus geboren und wuchs als Einzelkind auf. Nach der Realschule absolvierte er eine Ausbildung und leistete seinen Wehrdienst in Gießen. Ab 1970 arbeitete er in einer Druckerei in Frankfurt am Main. Nicht weit davon entfernt befand sich ein Alten- und Pflegeheim. Dort arbeiteten Gudrun Ebel und Hatice Erülkeroğlu – zwei Frauen, die 1971 ermordet und verstümmelt wurden und die als mögliche erste Opfer gelten. 1973 heiratete Seel, sechs Jahre später kam seine Tochter zur Welt. In den 1980er-Jahren gründete er mit einem Geschäftspartner eine Entrümpelungs- und Gartenbau-Firma. Von 1985 bis zu seinem Tod spielte er in einer Jazzband Klarinette und Saxofon. Nachbarn beschrieben ihn später als freundlich und unauffällig, als jemanden, der sich in das Umfeld einfügte. Gleichzeitig berichten Zeugen von gelegentlichen aggressiven Ausbrüchen. Mitte der 1990er-Jahre absolvierte Seel eine Entziehungskur, offenbar wegen Alkoholabhängigkeit. Nach seinem Tod melden sich weitere Zeugen. Sie geben an, dass Seel Anfang der 1990er-Jahre regelmäßig auf dem Frankfurter Straßenstrich unterwegs gewesen sei. In einem Fall soll er eine Prostituierte so schwer misshandelt haben, dass sie den Vorfall einer Hotline für Sexarbeiterinnen meldete, um andere zu warnen. Seel soll auch der Freier einiger seiner mutmaßlichen Opfer gewesen sein. Ein weiterer Mord wird für das Jahr 1991 vermutet.
Mehrere weitere Verdachtsfälle
Zeitweise wird Seel auch mit der Ermordung des 13-jährigen Schülers Tristan in Verbindung gebracht, der 1998 am helllichten Tag mitten in Frankfurt erwürgt und anschließend im Geschlechtsbereich verstümmelt wurde. 2017 erklärte die Polizei jedoch, dass Seel als Täter ausgeschlossen werde. Unter Verdacht geriet später Christian B., der Hauptverdächtige im Fall der verschwundenen Maddie McCann. Tristans Mord ist bis heute ungeklärt.
Um die Vielzahl der Indizien zusammenzuführen, richtete das hessische Landeskriminalamt eine spezielle Ermittlungsgruppe ein, die unter dem Namen „Soko Alaska“ bekannt wurde. Der Name verweist auf eine Eigenheit Seels: Er trug auch im Sommer Pelzkleidung, Alaska soll sein bevorzugtes Reiseziel gewesen sein. Solche Details flossen in das Täterprofil ein, das Ermittler nachträglich erstellen mussten.
Leiter der Ermittlungen war Frank Herrmann, Chef einer der Frankfurter Mordkommissionen. In einem Interview aus dem Jahr 2018 beschrieb er die Ermittlungen als fortlaufend. Ein Zeugenaufruf im Jahr 2016 brachte rund 260 Hinweise. Einige bestätigten bestehende Annahmen, andere lieferten neue Ansatzpunkte, etwa zu möglichen Orten, an denen Seel Leichenteile entsorgt haben könnte. Zugleich machte Herrmann deutlich, warum der Fall kaum abschließend zu klären ist: Viele der mutmaßlichen Taten stammen aus einer Zeit, in der moderne DNA-Analytik noch keine Rolle spielte. Spuren wurden gelagert, bewegt, kontaminiert. Selbst heute gefundene DNA müsse zunächst eindeutig zugeordnet und ebenso eindeutig ausgeschlossen werden, dass sie von Ermittlern oder Rechtsmedizinern stammt.
Die Annahme eines Serienmordes sieht Herrmann dennoch gestützt. Entscheidend sei nicht ein einzelner Beweis, sondern die Häufung von Übereinstimmungen – bei Tatorten, Vorgehensweisen und Aufenthaltsorten. Eine genaue Opferzahl lasse sich jedoch nicht festlegen. Sicher belegt ist ein Fall, weitere gelten als sehr wahrscheinlich.
Offen bleibt auch die Frage, ob Seel allein handelte. Nach Einschätzung der Polizei könnten einige Taten, insbesondere die Zerstückelungen, schwerlich von einer einzelnen Person ausgeführt worden sein. Ein Mittäter lässt sich jedoch weder belegen noch ausschließen. Die Vorstellung, dass ein möglicher Helfer bis heute unbehelligt lebt, bleibt Spekulation.
So bleibt ein Fall, der kriminalistisch weitgehend rekonstruiert ist, juristisch unvollendet. Manfred Seel wurde nie angeklagt und nie verurteilt. Doch die Ermittlungen zeichnen das Bild eines Mannes, der über Jahrzehnte hinweg ein angepasstes bürgerliches Leben führte – und der zugleich mutmaßlich Frauen tötete, zerstückelte und Körperteile als Trophäen behielt. Wie viele Menschen er tatsächlich auf dem Gewissen hatte, wird sich nicht mehr zweifelsfrei klären lassen.