Laut Waldzustandserhebung ist hierzulande nur jeder fünfte Baum gesund. Für eine Regeneration führt kein Weg an einem kostenintensiven Umbau zu Mischkulturen vorbei. Zumal eine aktuelle Studie auch vor einer drastischen Zunahme der Waldschäden in Europa warnt.
Dem deutschen Wald, der mit seinen 11,5 Millionen Hektar ein Drittel der hiesigen Landfläche bedeckt, geht es nicht gut. Das wohl einzig Positive, was sich aus der aktuellen, vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) veröffentlichten Waldzustandserhebung (WZE) für das Jahr 2025 ablesen lässt, ist, dass sich der Gesundheitszustand des Baumbestands im Vergleich zum Vorjahr trotz schwieriger Wetterbedingungen nicht grundlegend weiter verschlechtert hat. Und es sind sogar weniger Bäume abgestorben, die Rate sank deutlich von 0,89 auf 0,29 Prozent. Dennoch bleibt die Lage der Wälder unverändert ernst. Denn sie haben sich noch immer nicht von den gravierenden Folgen der Dürrejahre 2018 bis 2020 erholt – und nur noch jeder fünfte Baum konnte als gesund eingestuft werden.
Um dauerhaft überleben zu können, muss unser heimischer Wald daher für die Zukunft grundlegend umgebaut werden. Zumal sich die bisherige Fokussierung auf forstwirtschaftlich höchst lukrative Monokulturen aus Fichten und Kiefern als besonders anfällig erwiesen hat: sowohl für die sich rasant verändernden klimatischen Bedingungen als auch für die verheerenden Attacken durch Schädlinge wie Borkenkäfer oder Prachtkäfer. Es braucht daher eine Kehrtwende zu einem Waldökosystem mit artenreichen Mischwäldern, die nicht nur dem Klimawandel trotzen können, sondern möglichst auch klimaresilient bewirtschaftet werden sollten.
Bezüglich dieser Erkenntnis besteht weitestgehend Einigkeit zwischen Naturschützern und Experten der Forstwirtschaft. Wobei es sich bei der Neugestaltung des deutschen Waldes um ein ebenso kostenintensives wie Geduld und Ausdauer verlangendes Unterfangen handelt. Schätzungen des Deutschen Forstwirtschaftsrates zufolge werden dafür in den kommenden 50 Jahren rund 50 Milliarden Euro benötigt. „Unser Wald ist ein Generationenprojekt. Was wir heute pflanzen und pflegen, wird oft erst unseren Kindern und Enkeln zugutekommen“, so der zuständige CSU-Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat, Alois Rainer.
Bis zur Etablierung der erwünschten neuen Waldstrukturen werden Jahrzehnte vergehen. In dem informativen Deutschlandfunk-Beitrag „Der lange Weg zum gesunden Wald“ heißt es: „Der Umbau braucht mindestens zwei bis drei Baumgenerationen – also 60 bis 100 Jahre –, um flächendeckend Wirkung zu zeigen. Erste Erfolge kann man nach 15 bis 30 Jahren erkennen, wenn eine neue Baumartenmischung Fuß fasst.“ Für die erfolgreiche Bewältigung der Mammutaufgabe wäre ein modernes und starkes Bundeswaldgesetz sicherlich enorm hilfreich. Damit könnten die rechtlichen Rahmenbedingungen für Schutz, nachhaltige Bewirtschaftung und Entwicklung der Wälder in Zeiten des fortschreitenden Klimawandels festgelegt werden. Denn das derzeit noch immer gültige Bundeswaldgesetz stammt aus dem Jahr 1975, als noch wenige einen Gedanken an Klimakrise oder Artensterben verschwendeten.
Vier Baumarten prägen das Bild
Das derzeitige Erscheinungsbild der deutschen Wälder wird im Wesentlichen von vier Baumarten geprägt: Dabei hat die Kiefer mit 21,8 Prozent knapp die Nase vorn vor der Fichte mit 20,9 Prozent. Es folgen die Buche mit 16,6 Prozent und die Eiche mit 11,5 Prozent. Für die aktuelle Waldzustandserhebung des Jahres 2025 wurden Daten von 46.531 Bäumen (insgesamt 38 Baumarten, wobei rund 76 Prozent auf die vier Hauptarten entfallen) an 1.889 Standorten in Deutschland erhoben und anschließend speziellen Schadstufen zugeordnet.
Die Ergebnisse bieten die Basis für den Bericht, den das staatliche Thünen-Institut jährlich im Auftrag des BMLEH erstellt. Beurteilungsmaßstab ist dabei die in fünf Schadstufen gestaffelte sogenannte Kronenverlichtung, also die Verlichtung der Baumkronen durch den sichtbaren Verlust von Nadeln oder Blättern im Vergleich zu einer voll belaubten beziehungsweise benadelten Krone. Bei den Fichten und Buchen war die Kronenverlichtung im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, Kiefer und Eiche hingegen wiesen mehr lichte Kronen auf. Wobei vor allem die Eiche das große Sorgenkind ist.
Jeder zweite Baum hat eine deutlich gelichtete Krone, nur noch gerade mal 13 Prozent der Eichen sind gesund. „Zum schlechten Zustand der Eichen tragen maßgeblich der Befall durch Insekten, beispielsweise durch den Eichenprachtkäfer, und Pilze bei. Die Eiche ist aber auch die durchschnittlich älteste Baumart und somit besonders anfällig für biotische und abiotische Schäden“, so das BMLEH. Bei der Kiefer musste der stärkste Anstieg der deutlichen Kronenlichtung registriert werden, von 24 Prozent im Jahr 2024 auf 31 Prozent im Jahr 2025. Nur noch 13 Prozent der Kiefern waren gesund, 2024 lag der Wert noch bei 20 Prozent.
Dass bei der Fichte, dem kostengünstig kultivierbaren, schnell wachsenden und gute Holzqualität liefernden traditionellen „Brotbaum“ der hiesigen Forstwirtschaft, ein leichtes Absinken der Kronenlichtung verzeichnet werden konnte, dürfte laut BMLEH vor allem dem Effekt des flächendeckenden Absterbens von Bäumen in den Vorjahren und der statischen Berücksichtigung von Neupflanzungen am gleichen Stichprobemesspunkt zu verdanken gewesen sein. „Nach wie vor ist eine hohe Kronenverlichtung bei allen Arten zu verzeichnen“, so das Resümee des BMLEH. Dafür trägt der Klimawandel die Hauptverantwortung. Denn er bringt höhere Temperaturen, häufigere Dürrephasen und Extremwetterereignisse wie Stürme mit sich. Dadurch können die Bäume geschwächt und so ein leichtes Opfer für die teils in gigantischen Massen einfallenden Schädlinge werden.
Speziell den hierzulande weit verbreiteten Nadelholzbäumen Kiefer und Fichte scheint der rasante Klimawandel Probleme zu bereiten. Den ursprünglich in kühleren nördlichen Breitengraden wie Skandinavien beheimateten Bäumen fällt die Anpassung an den immer schneller voranschreitenden Klimawandel offenbar schwer, was im Fachjargon als sogenannte Standortdrift bezeichnet wird. Auch der bei beiden Nadelbäumen bislang übliche Kahlschlag ganzer Flächen im Zuge der Monokultur-Bepflanzung macht eine natürliche Regeneration des Waldes und das Vordringen anderer Baumarten gleichsam unmöglich. Denn beim sogenannten Altersklassenwald (ein Wald mit etwa gleichaltrigen Bäumen derselben Art) wird nach dem kompletten Abholzen wieder mit dem Zyklus der Neupflanzung auf den freien Flächen in Monokultur begonnen. Der Altersklassenwald sollte künftig sinnvollerweise durch den sogenannten Dauerwald mit Mischkulturen und einem möglichst naturnahen Waldpflege- und Nutzungskonzept oder durch den verwandten sogenannten Plenterwald ersetzt werden.
In Waldlabors wird getestet
Ziel einer modernen, an den Klimawandel angepassten Waldstrategie muss es laut Naturschutzbund Deutschland (Nabu) sein, klimaresiliente Waldökosysteme zu schaffen, die dank natürlicher Waldentwicklung und vielfältiger Mischwälder mit heimischen Baumarten dem Trockenstress, den Hitzewellen, Stürmen und den Schädlingen deutlich besser widerstehen können. Eichen und Buchen könnten Erlen, Birken, Linden, Ahorne, Pappeln oder Kastanien an die Seite gestellt werden. Daneben könnten nicht-einheimische Arten wie Atlaszeder, Orientbuche, Korsische Schwarzkiefer, Douglasien aus Nordamerika oder Flaumeichen aus den südlichen Alpen hierzulande angepflanzt werden, was derzeit schon in sogenannten Waldlabors getestet wird.
Damit könnte eine große Artenspannbreite erzielt werden, wodurch sich künftig das Risiko des Absterbens ganzer Waldflächen infolge von Schädlingsbefall oder Klimaextremen minimieren ließe. Für die Forstwirtschaft würde ein solcher Mischwald allerdings finanzielle Einbußen mit sich bringen, schon allein, weil Laubbäume wesentlich langsamer wachsen als Nadelbäume. „Der Wald ist kein Holzacker“, so der Nabu. Er sollte stattdessen weiterhin andere wichtige Funktionen, wie elementarer Kohlenstoffspeicher oder beliebtes Naherholungszentrum zu sein, auch ausfüllen. Obwohl er schon seit 2017 keine Kohlenstoff-Senke mehr ist, sondern laut BMLEH „durch den Verlust an lebender Biomasse durch die Klimakrise zur Quelle von Kohlenstoff geworden“ ist.
Doch nicht nur Deutschland ist von erheblichen Waldschädigungen betroffen. Vielmehr werden diese sich im Laufe des 21. Jahrhunderts in ganz Europa erheblich verstärken, wie eine neue, im Fachjournal „Science“ veröffentlichte Studie unter Federführung der Technischen Universität München mit Beteiligung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung bestätigt. Auf Basis des Vergleichszeitraums von 1986 bis 2020 ermittelten die deutschen Forscher anhand von verschiedenen Klimaszenarien die zu erwartenden Waldschädigungen in Europa bis zum Ende des 21. Jahrhunderts, nachdem sie Informationen zu Wäldern an 13.000 Orten in Europa gesammelt und diese mit Satellitendaten unterfüttert hatten. Mittels KI hatte man dies analysieren lassen, wobei verschiedene Szenarien durchgespielt wurden, von der ziemlich optimistisch geschätzten Erderwärmung von rund zwei Grad Celsius bis hin zum Worst Case von mehr als vier Grad Celsius.
Im letzteren Fall würden sich die durch Brände, Stürme oder Insektenbefall geschädigten Waldflächen mehr als verdoppeln (plus 122 Prozent; von 180.000 Hektar in der Periode 1986–2020 auf rund 370.000 Hektar im Jahr 2100). Auch im Szenario von etwa zwei Grad Celsius plus würde die geschädigte Fläche um rund 31 Prozent gegenüber der Vergleichsperiode anwachsen (auf 216.000 Hektar). Im Unterschied zum Worst-Case-Szenario prognostizierten die Wissenschaftler, dass beim niedrigeren Temperaturanstieg die Schäden in den 2050er-Jahren ihren Negativ-Höhepunkt erreichen würden.
Dabei wurden Waldbrände als die Hauptursache für künftige Veränderungen der Waldschädigungen ausgemacht. Davon soll vor allem der Mittelmeerraum betroffen sein, aber auch gemäßigte und boreale Regionen könnten zunehmend in Mitleidenschaft gezogen werden. Borkenkäferbefall erwarten die Forscher vor allem für Wälder in den gemäßigten Klimazonen als Folge weiter steigender Temperaturen und zunehmender Dürre. Vor allem die Wälder in Süd- und Westeuropa werden laut den Wissenschaftlern am stärksten geschädigt werden, während der Waldschwund in Nordeuropa deutlich niedriger ausfallen soll.
Ein Ausmaß ohne Beispiel
„Es wird erwartet, dass die Zunahme von Waldschädigungen in Europa anhält und in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts ein beispielloses Ausmaß erreichen wird. Unabhängig vom Klimaszenario werden die Schädigungsraten für den Zeitraum 2081–2100 voraussichtlich deutlich höher ausfallen als in den letzten Jahrzehnten (1986–2020), in denen bereits der höchste Schädigungsgrad seit mindestens 170 Jahren verzeichnet wurde“, so die Forscher. „In Zukunft werden die Wälder Europas wahrscheinlich weniger Kohlenstoff binden. Wenn Wälder weniger Kohlenstoff binden oder möglicherweise sogar mehr freisetzen, als sie binden, erhöht dies den Druck auf andere Sektoren wie Verkehr und Landwirtschaft, ihre Emissionen schneller zu reduzieren. Gleichzeitig muss sich die Waldbewirtschaftung stärker auf den Aufbau widerstandsfähiger Wälder konzentrieren.“