Sein bester Freund Frank Sinatra bescheinigte Sammy Davis Jr., dass sich mit ihm kein anderer Entertainer ernsthaft messen konnte. Und damit war er nicht alleine. In Zeiten des schlimmsten Rassismus in den USA gelang dem Multitalent der Aufstieg zum Superstar.
Im zarten Kindesalter von drei Jahren hatte Samuel George Davis Jr., den alle nur Sammy nannten, erstmals Bekanntschaft mit der Showbühne gemacht. Wohl anfangs auch notgedrungen, weil sein alleinerziehender Vater den Filius während der Tourneen der dreiköpfigen Vaudeville-Truppe namens The Will Mastin Trio so sinnvoll beschäftigen konnte. Doch Sammy fand schnell Spaß an den Auftritten. Er lernte in Windeseile, Grimassen zu schneiden, kleine Gesangseinlagen einzustreuen und sich zur Überraschung aller Anwesenden als frühes Stepptanz-Talent zu präsentieren. Seine Fähigkeiten verdankte er der Unterrichtung durch Howard M. Colbert, einem der drei Mitglieder der kleinen Gesangs- und Tanztruppe, den er ebenso wie den Leader Will Mastin stets als „Onkel“ anredete. Statt regelmäßig die Schule zu besuchen, wurde Sammy so schon früh in das Programm des Trios integriert – obwohl die amerikanischen Schutzbestimmungen Kids unter 16 Jahren jegliche singenden oder tanzenden Bühnenengagements gesetzlich untersagt hatten.
Statt Schule auf Tourneen mit dem Vater
Nachdem sich die Behörden eingeschaltet hatten, ließ sich das Trio den Kniff einfallen, Sammy zum „tanzenden Liliputaner“ oder „44 Jahre alten Zwerg“ zu deklarieren. Um dies glaubhafter zu machen, klemmte sein Vater dem siebenjährigen Sammy eine Zigarre zwischen die Lippen. Im selben Jahr 1933 wurde der Siebenjährige auch für zwei kleine Rollen in den beiden Kurzfilmen „Rufus Jones for President“ und „Seasoned Greetings“ verpflichtet. Zwei Jahre später machte Sammy in Boston die Bekanntschaft des legendären US-amerikanischen Stepptänzers Bill „Bojangles“ Robinson, der dem Jungen vor allem klarmachte, dass er dem Publikum die vermeintliche Leichtigkeit des Tanzes vermitteln müsse. Sammys steigender Popularität trug seine Truppe durch die Umbenennung in The Will Mastin Gang with little Sammy Rechnung, obwohl er erst nach dem Ausscheiden Colberts zu einem der drei Köpfe der nun wieder den ursprünglichen Namen The Will Mastin Trio tragenden Combo wurde.
Doch noch war es für den am 8. Dezember 1925 im tiefschwarzen Harlem von einer puerto-ricanischen Tänzerin geborenen Sammy Davis Jr. ein weiter Weg bis hin zu seinem Ehrentitel als „The World’s Greatest Living Entertainer“ gewesen. Bei den meisten seiner entscheidenden Karriereschritte war ihm der zehn Jahre ältere Frank Sinatra behilflich. Als eine der mächtigsten Persönlichkeiten der US-Unterhaltungsbranche machte Sinatra seinen Einfluss zur Bekämpfung der Rassendiskriminierung geltend. Dabei nahm er besonders Sammy Davis Jr. unter seine Fittiche, den er erstmals 1941 persönlich kennengelernt hatte. Das Will Mastin Trio hatte zu jenem Zeitpunkt die Chance bekommen, als Vorgruppe des Tommy-Dorsey-Orchesters mit Sänger Frank Sinatra im Detroiter Michigan Theater auftreten zu dürfen.
Zwischen Frank Sinatra und dem gerade mal 1,65 Meter großen Sammy Davis entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, wobei der Jüngere sein Idol geradezu abgöttisch verehrte: „Ich wollte so sein wie er, ich wollte mich kleiden und so aussehen wie er“, sagte Sammy Davis. Doch bevor Sammy Davis Jr., der sich schon einen gewissen landesweiten Ruf als Tänzer, Stimmenimitator, Sänger und Musiker – von Schlagzeug bis Saxofon – erworben hatte, so richtig durchstarten konnte, musste er beim Militär die übelsten Auswüchse des Rassismus erdulden. Bei Prügeleien wurde ihm die Nase zertrümmert, die fortan platt blieb. Dabei kam ihm die Erkenntnis, dass es für ihn nur einen Ausweg aus der rassistischen Diskriminierung geben konnte: „Mein Talent war meine Waffe, mein Mittel zum Kämpfen.“
Autounfall kostete ihn sein linkes Auge
Nach Kriegsende kehrte Sammy Davis zu seinem Trio zurück, tourte mit ihm durchs Land und legte nach und nach seinen Harlem-Slang zugunsten eines Upper-Class-Englisch ab. Frank Sinatra förderte den Bekanntheitsgrad der Truppe, indem er sie 1947 drei Wochen lang als Vorgruppe seines eigenen Auftritts im New Yorker Capitol Theater auftreten ließ. Danach gab er Sammy Davis den Ratschlag, sich endgültig von der Stimmenimitation zugunsten der eigenen Stimme zu verabschieden. Den Durchbruch schaffte das Trio 1951 bei einem legendären Auftritt im angesagtesten Nachtclub von Los Angeles namens „Ciro“ vor so ziemlich allen Hollywood-Berühmtheiten. Sammy brachte den Saal zum Toben und war fortan Stammgast auf zahllosen Partys der Filmmetropole. Auch das Fernsehen riss sich plötzlich um das Trio, das bei Decca Records auch seinen ersten Plattenvertrag unterschrieb und mit „Hey There“ 1954 auch seine erste Single veröffentlichte. Der Song schaffte es bis auf Platz 16 in den Billboard-Charts. Auf Vermittlung Sinatras verbuchte das Trio 1953 ein erstes Engagement in Las Vegas. Wenig später durften die Künstler dank Frankie-Boy auch Suiten direkt auf dem Strip beziehen, statt in speziell für Afroamerikaner am Rande der Stadt errichteten Hotels wohnen zu müssen. Am 19. November 1954 verlor Sammy Davis bei einem von ihm unverschuldeten Autounfall sein linkes Auge. Nach wochenlanger Rekonvaleszenz im Haus von Frank Sinatra in Palm Springs gab Sammy mit seinem Trio am 11. Januar 1955 vor der gesamten Hollywood-Elite – von Marilyn Monroe über Spencer Tracy bis hin zu Cary Grant oder Humphrey Bogart – ein triumphales Comeback. Erneut im „Ciro“ in Los Angeles, wobei er diesmal sogar persönlich von Frank Sinatra angesagt wurde. Schon im April 1955 erschien die erste Langspielplatte des Trios mit dem Titel „Starring Sammy Davis Jr.“, die sechs Wochen lang die Billboard-Charts anführte. Mit der Single-Auskoppelung „Something’s Gotta Give“ gelang erstmals auch der Sprung unter die Top 10.
Bevor das Trio 1957/58 aufgelöst wurde, verschaffte Sammy seinen beiden Mitstreitern noch einen Sensationserfolg am Broadway – mit ihm als singendem Hauptprotagonisten im Musical „Mr. Wonderful“. Zwischen 1964 und 1966 brillierte er am Broadway zudem noch im Musical „Golden Boy“. Um sich als Schauspieler zu etablieren, wagte sich Sammy Davis 1958 mit „The Desperate Hours“ sogar auf die Theaterbühne in Hollywood. Zeitgleich stieg er – neben seinem Eintreten für die Bürgerrechtsbewegung an der Seite Martin Luther Kings – ins große Filmgeschäft ein: mit „Anna Lacusta“ (1958) und „Porgy und Bess“ (1959). Auch die musikalischen Aktivitäten rund um das sogenannte Rat Pack, die als „The Summitt“ bezeichneten Auftritte von Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis im „Sands Hotel“ in Las Vegas, wurden ursprünglich durch gemeinsame Dreharbeiten für Hollywoodfilme wie „Frankie und seine Spießgesellen“ (1960) oder „Die siegreichen Drei“ (1962) angeregt. Neben seiner Beteiligung an der Band Rat Pack markierten die Jahre zwischen 1957 und 1966 den Höhepunkt von Sammys Karriere als Entertainer. Er war in sämtlichen Nachtclubs und allen nur erdenklichen Fernsehshows aufgetreten, hatte 1965 eine Autobiografie mit dem Titel „Yes I Can“ schreiben lassen und hatte in diesem Zeitraum allein 37 seiner insgesamt mehr als 50 Alben veröffentlicht, mit denen er sich stilistisch jede Menge Freiraum genommen hatte und die mal eher dem Swing, mal mehr dem Jazz, dem Blues oder gar dem Pop zugerechnet werden konnten.
1968 landete er mit der Single „I Gotta Be Me“ eine weitere seiner insgesamt 18 Billboard-Top-100-Platzierungen, die Platte kletterte bis auf den elften Rang. Danach versank sein Leben mit seinem Eintauchen ins „Swinging London“ immer mehr in Drogen- und Alkoholmissbrauch. Trotzdem gelang ihm 1972 mit „The Candy Man“ sein größter Single-Hit (Nummer eins im Billboard-Ranking) und mit „Sammy Davis Jr. Now“ seine bestverkaufte Langspielplatte. Zu dieser Zeit, als ihn seine Anbiederung an den grundlegende gesellschaftliche Verbesserungen versprechenden US-Präsidenten Richard Nixon viele afroamerikanische Fans gekostet hatte, nahm er auch seine Coverversion des Songs „Mr. Bojangles“ in sein Repertoire auf.
Als Frank Sinatra den Niedergang seines Freundes, der drei Ehen eingegangen war und besonders nach der Heirat der hellhäutigen schwedischen Schauspielerin May Britt sowie einer kurzen Affäre mit Kim Novak schlimmste rassistische Anfeindungen erdulden musste, nicht mehr länger mitansehen wollte, verlangte er von ihm 1978 eine radikale Kehrtwende: „Du bist das größte Talent aller Zeiten. Willst Du Dich von diesem Mist zerstören lassen?“
Nach dieser Ansage bekam Sammy Davis tatsächlich die Kurve und konnte die kurze Wiederbelebung des Rat Packs 1988/89 im Rahmen einer Welttournee an der Seite von Frank Sinatra und Liza Minnelli feiern. Doch kurz nach Veröffentlichung seiner zweiten Autobiografie „Why Me“ wurde bei ihm Kehlkopfkrebs festgestellt. Im November 1989 versammelte sich eine beeindruckende Riege von Hollywoodgrößen zur offiziellen Würdigung seines 60-jährigen Bühnenjubiläums. Doch alle Anwesenden befürchteten seinen baldigen Tod, der ihn am 16. Mai 1990 im Alter von 64 Jahren in Beverly Hills ereilen sollte. Zu seinen Ehren wurden an seinem Todestag die grellen Lichter auf dem Las Vegas Strip gedimmt.