In einer süddeutschen Kleinstadt entstehen Achterbahnen für die ganze Welt. Der Trend geht zu immer rasanteren Kurven und sogar Schwerelosigkeit. Wie hält der Körper solche Extreme aus?
Die letzten Sekunden vor dem Achterbahnstart sind die schlimmsten. Wenn sich die Bügel schließen, wenn es zischt und ruckelt, wenn die Ampel auf Grün springt und das Startsignal trötet: Dann wird’s ernst. Dann gibt’s kein Zurück mehr.
In Deutschlands größtem Freizeitpark, dem Europa-Park im badischen Rust, erleben die Gäste tagtäglich dieses Gefühl. Besonders beliebt ist die „Voltron“, die neueste und verrückteste Achterbahn. Schon um neun Uhr morgens bildet sich vor dem Fahrgeschäft eine Schlange. Die Wartenden werden durch eine nachgebaute Fabrikhalle geführt: An der Decke zucken Blitze, aus Lautsprechern wummert Musik.
Nach 90 Minuten zahlt sich die Geduld endlich aus: Schwitzige Hände rutschen über Haltegriffe, nervöse Beine baumeln in der Luft. Bevor sich das Tor öffnet, wackelt plötzlich der ganze Sitz – oder ist es das eigene Herz, das gleich aus dem Brustkorb springt? 180 Schläge pro Minute, ein Rausch aus Adrenalin, Angst und Anspannung. Sind die Hosentaschen wirklich leer? Zu spät, denn es geht looooooooooooos!
Die „Voltron“ gehört zu den rasantesten Achterbahnen, die derzeit in deutschen Freizeitparks stehen. Mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde werden die Fahrgäste in die Sitze gepresst, durch Loopings geschleudert, in Schrauben gedreht, rückwärts gen Himmel geschleudert. Für 2,2 Sekunden herrscht Schwerelosigkeit, ein Zustand wie im Weltraum. Nach zwei Minuten ist der Höllenritt vorbei. Nur das Herz braucht noch eine Weile, bis es wieder normal schlägt. Wer denkt sich ein solches Spektakel aus? Kann der Körper das aushalten? Und warum macht es trotz – oder gerade wegen – des flauen Gefühls so viel Spaß? So viel, dass Menschen nicht nur viel Geld für eine Fahrt bezahlen, sondern lange Wartezeiten in Kauf nehmen.
2,2 Sekunden Schwerelosigkeit
Der Mann, der viele dieser Fragen beantworten kann, sitzt in einem kleinen Büro im badischen Waldkirch. Dennis Gordt, 42, ist Abteilungsleiter für Achterbahn-Entwicklung bei Mack Rides. Der Familienbetrieb zählt zu den bekanntesten Herstellern von Fahrgeschäften weltweit. Auch die „Voltron“ wurde hier entwickelt. „Eine gute Anlage zeichnet sich durch lange Fahrtzeiten, Variationen und eine schöne Ästhetik aus“, sagt Gordt. Und was kommt schlecht beim Publikum an? „Langeweile, hektische Kurven, zu aggressive Fahrmanöver.“
Eine neue Achterbahn zu entwickeln, dauert meist mehrere Jahre. 174.251 Bauteile sind allein in der „Voltron“ verbaut. Hinzu kommen Schienen, Stahl und Stützen, die millimetergenau miteinander verbunden werden müssen. Und das ist nur das Ende eines langen Konstruktionsprozesses. „Manche Freizeitparks haben eine ganz genaue Vorstellung, wie die spätere Attraktion aussehen soll“, erzählt Dennis Gordt. „Andere sind flexibler. Die sagen: ,Hier ist meine Wiese, hier sind meine zehn Millionen, was kriege ich dafür?‘“
Was dann folgt, ist erst mal wenig actionreich. Am Computer basteln die Ingenieurinnen und Ingenieure die neue Anlage zusammen: Verläuft die Strecke innen oder außen? Wie sieht der Startbahnhof aus? Gibt es Strom- oder Gasleitungen, die die Stützpfeiler queren? Steht dieses Grundgerüst, beginnt die eigentliche Planung: Loopings, Schienen, Schrauben. Die passenden Module klicken sich die Fachleute in ihrem 3D-Programm zusammen, fast wie bei einem Computerspiel. Später landen die Pläne im Nachbargebäude, in dem die Schienen zusammengebaut werden. „Die einzelnen Elemente sind nie länger als zehn Meter, damit sie in einen Seecontainer passen“, erklärt Dennis Gordt. Zusammengebaut wird die Achterbahn nämlich immer vor Ort, und der liegt mitunter am anderen Ende der Welt.
Wie schnell und verrückt der Spaß am Ende wird, bleibt nicht nur der Fantasie der Entwickler überlassen. In Europa regelt die DIN-Norm EN13814, dass Achterbahnen maximal mit dem sechsfachen Körpergewicht („6G“) beschleunigen dürfen, und auch dies nur für eine Sekunde. Die Vorschrift gilt auch für „fliegende Bauten“, also Achterbahnen, Riesenräder und Karussells, die zeitlich begrenzt auf einer Kirmes stehen.
Kritische Systeme doppelt verbaut
Ausgereizt hat man diese Werte bei Mack Rides bisher nicht. „Wir machen hier keine Extreme, nur um irgendwelche Rekorde zu brechen“, sagt Gordt. „Bei Geschwindigkeiten von über 150 Kilometern pro Stunde wird der Luftwiderstand in der ersten Reihe unangenehm. Dann tut sogar Regen weh.“ Gefährlich sei Achterbahnfahren trotzdem nicht, weil kritische Systeme wie Bremsen oder Haltebügel-Verriegelungen immer doppelt verbaut würden. „Wir haben eine eigene Safety-Abteilung, die sich mit diesen Dingen beschäftigt“, sagt Gordt. Dazu gehört auch eine „Flugkurven-Analyse“, die zeigt, wo Handys, Mützen oder Sonnenbrillen landen, wenn sie während der Fahrt verloren gehen. An entsprechenden Stellen hängen dann Fangnetze. Ebenfalls ein Muss: Testfahrten mit Dummys. Bevor eine neue Achterbahn in Betrieb geht, drehen mit Wasser gefüllte Testobjekte eine Runde. Auch hierfür gibt es eine Norm: 77 Kilo für die Standardperson, 90 Kilo für einen überladenen Sitz (in den USA sind die Mustergewichte höher).
Wie gut eine neue Attraktion beim Publikum ankommt, kann trotzdem kein Dummy vorhersagen. „In den USA und Europa haben sich Loopings langsam abgenutzt“, beobachtet Gordt. „Da wollen die Leute lieber Über-Kopf-Elemente und Querneigungen, bei denen man das Gefühl hat, aus dem Sitz gedrückt zu werden.“ In Asien hingegen seien die Menschen zurückhaltender. Auch innerhalb Europas unterscheiden sich die Vorlieben: „In Deutschland geht bei unter 20 Grad niemand auf die Wildwasserbahn“, sagt Gordt. „Da stellen die Freizeitparks sogar Trockner auf.“ Britinnen und Briten seien deutlich härter im Nehmen. „Die fahren auch im Winter, unabhängig von der Temperatur.“
Überhaupt, das Wohlbefinden. Die meisten Menschen lassen sich gerade deshalb durch die Gegend katapultieren, weil sie den besonderen Kick spüren wollen. Anderen wird schon während der Fahrt zum Freizeitpark schlecht. „Die Reaktionen sind durchaus unterschiedlich“, weiß Claudia Stern, Flugmedizinerin beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Bei manchen Menschen liege die Übelkeit schlichtweg am Essen – die Achterbahn drückt den Mageninhalt nach oben. Ein anderer Grund: „Wenn das Sinnesorgan Auge und das Gleichgewichtsorgan unterschiedliche Dinge wahrnehmen, wird einem schlecht.“ Bei Astronauten passiere das oft in der ersten Phase der Schwerelosigkeit; auf der Achterbahn vor allem beim Rückwärtsfahren.
Auch sonst belastet die extreme Beschleunigung den Körper. Das Gesichtsfeld verengt sich. Das Eigengewicht drückt auf die Lunge. Das Herz schlägt schneller, um genug Blut ins Gehirn zu pumpen. Wieso macht eine solche „Kotzmühle“ trotzdem Spaß?
Claudia Stern lacht. „Ich würde auf jede Achterbahn gehen“, sagt die Ärztin. Denn so ungewohnt die Fliehkräfte für den Körper auch sind: Es handele sich immer nur um kurze Momente. „In einem Schleudersitz entstehen kurzzeitig bis zu 40 g“, sagt Stern. Sie erzählt von dem US-amerikanischen Luftwaffenoffizier John Paul Stapp, der sich 1954 freiwillig in einen Raketenschlitten setzte. In fünf Sekunden katapultierte ihn das Geschoss von null auf über eintausend Kilometer pro Stunde, eine Beschleunigung von 46,2 g. „Danach waren seine Arme und Beine gebrochen und er war zeitweise blind“, sagt Stern. „Aber er hat es überlebt.“ Verglichen mit solchen Torturen sind die 6 g einer Achterbahn ziemlich human.
Heilung durch Achterbahn?
In manchen Fällen entfalten die Fahrgeschäfte sogar eine therapeutische Wirkung. So können die schnellen Richtungswechsel und Erschütterungen dazu beitragen, Nierensteine zu lösen. Was wie ein Werbespruch der Freizeitpark-Industrie klingt, trug sich 2018 tatsächlich in den USA zu. Ein Patient erzählte seinen Ärzten von der unverhofften Heilung, woraufhin Forschende der Michigan State University die These überprüften. Mit drei Silikon-Nieren, gefüllt mit Urin und Nierensteinen, fuhren sie 20-mal hintereinander Achterbahn. Und tatsächlich: In zwei Drittel aller Fahrten gelangten die Nierensteine in den künstlichen Harnleiter. Eine weitere Erkenntnis der Studie: Wer in der Achterbahn hinten sitzt, schüttelt die lästigen Brocken besonders gut frei. Also auf Rezept in den Freizeitpark? Ganz so einfach ist die Rechnung am Ende nicht. „Wer Herz-Kreislauf-Probleme hat, schwanger ist oder unter Wirbelsäulenschäden leidet, sollte keine Achterbahn betreten“, warnt Flugmedizinerin Claudia Stern. Entsprechende Hinweisschilder hängen an den Attraktionen. Eine absolute Sicherheit gibt es trotzdem nicht (siehe Infokasten). „Natürlich kann jemand im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt erleiden“, sagt Stern. „Aber das kann auch bei der Rede zum 60. Geburtstag passieren, wenn die Aufregung zu groß ist.“