Nach nur neun Bundesliga-Einsätzen wurde Saïd El Mala für die Fußball-Nationalmannschaft nominiert. Zu schnell? Oder der Start einer ganz großen Karriere?
Der Kölner Boulevard kommt mit Superlativen gar nicht mehr hinterher. Täglich gibt es in der Dom-Metropole Schlagzeilen über den 19 Jahre alten Tempo-Dribbler des 1. FC Köln. In der „Bild“ war El Mala wahlweise das „Mega-Talent“ oder der „kölsche Wunder-Junge“. Der „Express“ ließ sogar über einen Spitznamen für „Kölns neuen Goldjungen“ abstimmen. Es gewann mit 43 Prozent „El Maladona“ vor „Neymala“ und „Saïd El Baller“.
Beim FC sieht man diesen Hype grundsätzlich nicht so gerne. Zwar sind sie auch stolz auf den erfrischenden Teenager, doch haben sie rund um das Geißbockheim irgendwo zwischen Euphorie und Druck schon einige Super-Talente scheitern sehen. Aber alle Bemühungen, die Euphorie nicht zu groß werden zu lassen, sind vergeblich. „Köln ist El Mala-Mala“, schrieb die „Bild“. Kein Wunder, denn er höre „einfach nicht auf zu zaubern“. Auf so einen haben sie in Köln sehnsüchtig gewartet, mindestens seit vor rund 20 Jahren ein junger Kerl namens Lukas Podolski die Fußballwelt mit seiner Unbeschwertheit eroberte. Sogar einen eigenen Song haben die Fans ihm schon gewidmet. Zur Melodie des Songs „Give It Up“ von KC & The Sunshine Band aus dem Jahr 1982 singen sie „Na-na, na-na, na-na, na-na-na-na-na, Saïd El Mala, El Mala, Saïd El Mala“.
Dabei geht ein bisschen unter, dass der gebürtige Krefelder gerade mal zehn Bundesliga-Einsätze absolviert hat. Und sogar nur drei davon in der Startelf. Doch in ganzen 385 Einsatz-Minuten war El Mala mit vier Toren und zwei Vorlagen an sechs Toren direkt beteiligt. Nach neun Spielen lag er im Noten-Tableau des Fachmagazins „kicker“ mit einem Schnitt von 2,36 auf Rang drei hinter den Bayern-Stars Harry Kane und Serge Gnabry.
Verpflichtung schon im Sommer 2024
Bei so jemandem lässt sich ein Hype eben gar nicht verhindern. Und wer genau hingeschaut hat, war auch nicht wirklich überrascht. In der vergangenen Saison hatte El Mala bei Viktoria Köln bereits die 3. Liga verzaubert und nicht nur wegen seiner 13 Treffer einen unglaublichen Einfluss auf das Spiel der Viktoria, die als vermeintlicher Abstiegskandidat in die Saison gegangen war und sie als Tabellensechster beendete. Der erfahrene Viktoria-Coach Olaf Janßen beschrieb ihn damals schon als „Mega-Talent“, das eine große Zukunft vor sich habe, und erzählte eine lustige Anekdote aus einer der ersten Trainingseinheiten. El Mala habe immer wieder „den Ball vorbeigelegt und dann seine Geschwindigkeit ausgespielt. Die Mitspieler konnten ihn nicht bremsen.“ Also seien sie laut Janßen zu ihm gekommen und hätten ihn gefragt, „ob er sie noch alle habe und wie sie El Mala denn verteidigen sollten“. Im Sommer spielte er vor dem Wechsel auf die andere Rheinseite zum großen FC noch die U19-EM, führte Deutschland ins Halbfinale, wurde Torschützenkönig und in die Mannschaft des Turniers gewählt.
Kölns ehemaliger Geschäftsführer Christian Keller, der El Mala schon im Sommer 2024 verpflichtete, wegen der Transfersperre des Clubs aber noch für ein Jahr leihweise bei der Viktoria belassen hatte, kündigte deshalb im „Express“ an: „Da lege ich mich fest, dass er der teuerste Abgang der FC-Historie werden wird. Er ist ein Ausnahmespieler, den wir verpflichtet haben, als ihn kaum jemand gesehen hat.“ Mindestens 30 Millionen müsste El Mala irgendwann kosten, um zum teuersten Transfer des FC zu werden. Daran zweifelt inzwischen kaum noch jemand. Schon jetzt wird von Summen um die 50 Millionen spekuliert. Schließlich gab es täglich neue Gerüchte, wer alles am neuen Himmelsstürmer interessiert sein soll. Der FC Bayern und Borussia Dortmund natürlich, aber auch der FC Barcelona, Champions-League-Sieger Paris Saint-Germain oder englische Großclubs wie Manchester City und der FC Chelsea sollen längst ein Auge auf El Mala geworfen haben.
Das alles mutet noch ein bisschen unglaublicher an, wenn man sich dessen Geschichte anschaut. Im Sommer 2021, vor gerade einmal vier Jahren, wurde El Mala nach der U15 bei Borussia Mönchengladbach aussortiert und wollte schon mit dem Fußball aufhören. „Ich habe ihn überredet, dass wir zumindest noch mit unseren Freunden spielen“, erzählte sein ein Jahr älterer Bruder Malek El Mala, der in der U21 des FC spielt, in einem Bericht des Vereins. 13 Nachwuchsleistungszentren hatten die beiden Brüder abgelehnt, also gingen sie zum TSV Meerbusch und spielten Fußball vor allem für den Spaß an der Freude. Bis im Sommer 2023 Viktoria Köln anklopfte. Der damalige U19-Trainer Marian Wilhelm, seit Sommer Janßens Nachfolger als Profi-Coach der Viktoria, hatte etwas in ihnen gesehen. „Die Viktoria war der einzige Verein, der in uns etwas gesehen hat“, sagte Saïd El Mala.
Für Janßen sind der Umweg und der vermeintliche Karriere-Bruch heute ein Vorteil für El Mala. „Manchmal ist es in einem NLZ eher so, dass die Trainer klare Vorstellungen haben, was die Spieler dürfen und was sie nicht dürfen. Auf dem Bolzplatz haben sie vielleicht mehr Freiheiten und können sich beispielsweise in Dribblings ausprobieren“, sagte er. Und dachte an El Malas erstes Drittliga-Tor im März 2024, mit gerade mal 17 gegen den VfB Lübeck mit einem frechen Schuss fast von der Torauslinie. „Da musst du ja verrückt sein, von dort auf die Idee zu kommen, aufs Tor zu schießen“, sagte Janßen: „Wahrscheinlich hat das auf dem Bolzplatz auch das eine oder andere Mal geklappt.“
Auch Trainer Lukas Kwasniok erkannte beim FC schnell, welches Juwel er da trainieren durfte. „Saïd ist ein guter Junge, ein Straßenfußballer, der einfach gottgegebene Gaben hat, Tempo und Dribbling“, sagte er. Und mahnte trotzdem immer wieder Bodenständigkeit und Realismus an. Talente, die mit 17 zum kommenden Weltstar erklärt worden seien, habe es eben schon viele gegeben: „Aber von denen hörst du nichts mehr. Das Einzige, was dir hilft, ist harte Arbeit und demütig bleiben.“
„Es bringt nichts, nur Highlights zu setzen“
Mit solchen Aussagen und der Tatsache, ihn trotz des starken Saisonstarts weiter meist von der Bank zu bringen, wolle er den Jungstar aber nicht künstlich kleinhalten. „Da versteht ihr mich etwas falsch“, sagte Kwasniok: „Ich kann und will den Hype nicht kleinhalten.“ El Mala sei „ein absoluter Highlight-Spieler“. Aber eben nicht mehr. Sollte heißen: Er sorgt für die spektakulären Szenen, oft auch spielentscheidende, die bei vielen Zuschauern hängen bleiben. Doch es ginge um mehr. „Zwischen einem Highlight-Spieler und einem guten Bundesliga-Spieler liegen noch Welten“, sagte Kwasniok. El Mala und sein Umfeld verstünden das: „Es bringt nichts, nur Highlights zu setzen, aber insgesamt der Mannschaft nicht zu helfen.“ Der Pole Jakub Kamiński zum Beispiel sei „nicht so ein absoluter Highlight-Spieler, aber er ist einfach noch mal zwei, drei Klassen weiter und wertvoller für die Mannschaft – bei allem Respekt.“
Doch Kamiński selbst sagt über El Mala: „Ein geiler Spieler. Er ist unser Talent, unser Stern!“ Das will Kwasniok grundsätzlich auch gar nicht abstreiten. „Wenn er aber weiter so trifft und zu den Highlights noch die bundesliga-wichtigen Aspekte hinzugewinnt“, dann werde der FC ihn „eines Tages mal unfassbar teuer abgeben. Da machen wir uns nichts vor.“
Der Wert stieg noch mal Anfang November, als Bundestrainer Julian Nagelsmann El Mala in die Nationalmannschaft berief. Es gab einzelne Stimmen, dass dies zu früh sei. Doch mehr kritische Stimmen gab es, als Nagelsmann El Mala beim 2:0 in Luxemburg nicht einwechselte und dann zurück zur U21 schickte. Er hätte ihn gerne gesehen, erklärte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus als RTL-Experte. Ex-Nationalspieler Mario Basler monierte in seinem Podcast „Basler Ballert“: „Man muss sich auch mal in die Lage von dem Jungen versetzen. Was denkt er sich, wenn er jetzt dabei war? Kommt nicht zum Einsatz, wird auch nicht eingewechselt und beim wichtigsten Spiel in der Qualifikation mehr oder weniger weggeschickt.“ Der frühere Kölner Profi Christian Clemens begann ein Video auf seinem Instagram-Account gar launig mit den Worten: „Nagelsmann raus!“
Doch die Rückversetzung sei „rein positionsbedingt“, versicherte der Bundestrainer. Er habe ihn eingeladen, um „ein Gespür dafür zu bekommen, ob er für die WM schon infrage käme. Ich will ihn im Training sehen, beobachten, wie er sich in der Gruppe bewegt.“ Und offenbar hat El Mala grundsätzlich überzeugt. „Saïd hat einen guten Eindruck gemacht“, sagte Nagelsmann. „Und er ist ein super angenehmer junger Mann. Er ist demütig genug und frech genug.“ Er müsse nun „die Baustellen bearbeiten und beseitigen, die Lukas Kwasniok ihm mitgegeben hat“.
Dann darf er bestimmt wiederkommen. Wird sicher auch mal spielen dürfen. Und hat bestimmt auch gute Chancen auf die WM. Denn einen Highlight-Spieler kann Nagelsmann dort auf jeden Fall gebrauchen.