Eine Raumstation unter Ost-Berlin, ein Flughafen, der zum Symbol der Freiheit wurde, der Schöpfer von Major Tom, der im Hinterhof wohnte, und Engel auf der Goldelse – es gibt magische Orte, für die man sich Zeit nehmen sollte in Berlin.
Es gibt Geschichten über ihre Stadt, die verschlagen sogar Berlinerinnen und Berlinern die Sprache. Diese zum Beispiel: Unter Ost-Berlin liegen die Überreste einer 4,5 Milliarden Jahre alten Raumstation. Die Raumstation ist c-förmig aufgebaut, bestehend aus sieben Ringen. Der Mittelpunkt befindet sich unter dem heutigen Alexanderplatz. Diejenigen, die die Fragmente der Station, deren Antenne fälschlicherweise als Fernsehturm ausgegeben wird, 1995 entdeckt haben, gründeten – das ist wiederum gar nicht so unglaublich – einen gemeinnützigen Verein mit dem Namen c-base.
Fernsehturm als Zukunfts-Antenne
Die c-base kommt aus der Zukunft und wurde in die Vergangenheit geschleudert und werde in der Zukunft „als orbitales Generationsschiff auf der Erde gebaut“, heißt es im Logbuch der Station. Und: „Die Fortbewegung im Raum erfolgt mittels eines vom Cybernetischen Quecksilber-Reaktor (CQR) erzeugten Feldes, das die c-base aus der Raumzeit ausschneidet, um sie über die Einstein-Rosenbaum-Brücke im Orbit des zu formenden Planeten materialisieren zu lassen. Bei der Berechnung der Eingangsgrößen kam es zu einem Flip-Flop der Asimov-Konstante. Anstatt des Raumes wurde die Zeit gefaltet, die c-base reiste 4,5 Milliarden Jahre in die Vergangenheit statt vorwärts in den Raum und crashte aus noch nicht restlos geklärten Gründen auf die Erdoberfläche, wo sie langsam im märkischen Sand versank.“
Das wäre es dann auch gewesen, berichten die c-base-Mitglieder, würde die Raumstation nicht „ein molekulares Erinnerungsmodul“ besitzen, „das sowohl Wissen als auch Zusammensetzung von Materie speichert und wiederherstellen kann“. So habe sich vor etwa 100.000 Jahren „der Bordcomputer c-beam eigenständig einschalten“ können. Dann begann es: „Einzelne Stationselemente manifestierten sich im Laufe der Zeit, so unter anderem die Antenna – landläufig als Berliner Fernsehturm bekannt.“
Die „erste Phase der Rekonstruktion durch den Verein fand in der Oranienburger Straße“ statt. 2000 wurde die „Ausgrabungsstätte“ in der Rungestraße eröffnet. Dort hat der Verein seine Räume eingerichtet. „Die c-base entwickelt sich so zu einem Wissenspool und Ideenbiotop mit einer Vielzahl von kreativen, wissenschaftlich-technischen und zukunftsorientierten Menschen“, beschreibt sich der Verein selbst. „Das Rekonstruktionsteam aus den verschiedensten wissenschaftlichen und kulturellen Gebieten“, wie der Verein es formuliert, trifft sich regelmäßig zum Ideenaustausch und zur Projektentwicklung in der „Multimodulstation Rungestraße 20“. Den Mitgliedern des Vereins stehen dort verschiedenartige Labore und Räume zur Nutzung offen. Es gibt ein breitgefächertes Angebot an Seminaren und Workshops sowie Events und Ausstellungen.
David Bowie war Berliner
Zu einigen Events, Ausstellungen und Seminaren haben auch Menschen Zugang, die nicht zur c-base-Gemeinschaft gehören. In dem jährlich etwa 150 Veranstaltungen umfassenden Seminarprogramm finden sich Programmpunkte wie 2D- und 3D-Gestaltung, Open-Source-Software und Betriebssysteme, mobile Applikationen, Programmiersprachen, Roboter-, E-Bike- und Quadrocopter-Bau, Industriemechanik, Musikproduktion. Auch der Berliner Stammtisch der Online-Enzyklopädie Wikipedia trifft sich regelmäßig auf der c-base. Wer ins Innere der „Multimodulstation Rungestraße 20“ will, sollte sich den Veranstaltungskalender anschauen, denn uneingeschränkten Zugang haben sonst nur Mitglieder des Vereins.
David Bowie hätte diese Geschichte gefallen. Der hatte in seinem Album „Space Oddity“ Major Tom ins All geschickt und damit einen Mythos geschaffen, bevor er, vom Erfolg und den Drogen schwer angeschlagen, 1976 nach Berlin kam. Zwei Jahre wohnte er in einer Sieben-Zimmer-Altbauwohnung in der Schöneberger Hauptstraße. Eine Plakette der Senatsverwaltung erinnert heute an den Weltstar und daran, dass er hier seine Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“, die als „Berliner Trilogie“ in die Musikgeschichte eingingen, geschrieben hat. Und irgendjemand hatte die Idee, auch einen Satz aus einem der wohl bekanntesten Bowie-Songs dazuzuschreiben: „We can be heroes, just for one day.“ In dem Haus, in dem phasenweise auch Iggy Pop David Bowie Gesellschaft leistete, sind heute ein Tattoo-Studio und eine Praxis für Osteopathie und Physiotherapie. Nebenan gibt es Matcha mit Früchten in drei Varianten. Jemand hat ein Graffito, das David Bowie im Raumanzug zeigt, unter die Gedenktafel gesprüht. Die Gittertür zum Hinterhof, in dem der Zugang zu Bowies ehemaliger Wohnung liegt, ist geschlossen. Es wird gewarnt: „Achtung – Tor schließt automatisch.“ Wer zum Zahnarzt will, der seine Praxis im Hinterhof hat, möge „bitte links klingeln“. „We can be heroes, just for one day“ – Helden sein, wenn auch nur für einen Tag – in David Bowies Song geht es um zwei Liebende, die sich an der Berliner Mauer küssen, während Grenzsoldaten auf sie schießen.
Um Helden, die nicht ganz so hoch flogen wie Bowies Major Tom, aber die Berliner Mauer überwanden, geht es an einem Ort, an dem Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde: dem Flughafen Tempelhof.
Symbol der Freiheit und Tor zur Welt
Bis 2008 war er in Betrieb. Die Geschichte der Luftfahrt in Tempelhof beginnt bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit Gasballons. Wenige Jahrzehnte später, in den 1950er-Jahren, war der Flughafen vom Passagieraufkommen neben London und Paris bereits einer der größten in Europa. Mit der offiziellen Eröffnung des Flughafens Berlin-Tempelhof am 8. Oktober 1923 begann eine neue Ära – aus dem Übungsgelände wurde ein städtischer Verkehrsflughafen. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Tempelhof unter anderem durch den Bau des monumentalen Terminalgebäudes in den 1930er-Jahren und die Erweiterung der Infrastruktur zu einem der bedeutendsten Flughäfen Europas.
Die Nationalsozialisten entdeckten den Flughafen schnell für ihre Zwecke. Das Gelände war Schauplatz propagandistischer Masseninszenierungen. Der neue Flughafenbau mit charakteristischen Merkmalen der NS-Architektur wurde im Zweiten Weltkrieg für Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit genutzt. 1933, im ersten Jahr ihrer Herrschaft, richteten die Nationalsozialisten am Nordrand des Tempelhofer Feldes, auf dem Gelände der späteren Flughafenerweiterung, ein Gestapo-Gefängnis und im folgenden Jahr ein Konzentrationslager ein. Dies war das einzige offizielle Konzentrationslager der SS auf Berliner Boden.
Der Zweite Weltkrieg, der im September 1939 mit Deutschlands Überfall auf Polen begann, verhinderte die Fertigstellung des Tempelhofer Flughafen-Neubaus. Das bis dahin Gebaute wurde zum kriegswichtigen Standort des deutschen Flugzeugbaus, und der östlich angrenzende Bereich des neuen Flugfeldes zum Barackenlager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern.
Nach dem Krieg wurde Tempelhof zum Symbol der Freiheit. In der Nacht zum 24. Juni 1948 sperren sowjetische Truppen sämtliche Zufahrtswege nach West-Berlin. Die Gas- und Stromversorgung aus dem sowjetischen Sektor wird abgeschaltet. Fabriken, öffentliche Einrichtungen und Haushalte, auch die Garnisonen der Alliierten in den Westsektoren, sind nicht mehr ausreichend versorgt. „Die Westmächte entschließen sich, ihre Rechte in Berlin zu verteidigen“, formuliert es eine ständige Ausstellung im Besucherzentrum des Flughafens, der Eintritt ist frei. Auf Initiative von US-Militärgouverneur Lucius D. Clay beginnt am 26. Juni mit der Landung einer Douglas C-47 „Skytrain“ in Tempelhof die „Operation Vittles“, die Versorgung der Berliner im Westsektor durch die Luft. Am 28. Juni 1948 nimmt auch die britische Armee unter dem Namen „Operation Plainfare“ Hilfsflüge auf. Alle zwei bis drei Minuten landet nun eine Maschine auf einem der drei West-Berliner Flughäfen. Tempelhof im amerikanischen Sektor ist der Hauptflughafen der sogenannten Luftbrücke. Zusammen mit dem Flugplatz Gatow wird hier die große Mehrzahl aller Flüge abgewickelt. Der Flughafen Tegel im französischen Sektor, am 1. Dezember 1948 eröffnet, rangiert auf Platz drei.
Mit der Goldelse auf die Stadt schauen
Zwischen dem 26. Juni 1948 und dem 6. Oktober 1949 werden mit fast 278.000 Flügen mehr als 2,3 Millionen Tonnen Fracht transportiert: Lebensmittel, Kohle, Maschinen, Ausrüstung und andere Güter des täglichen Bedarfs für die Versorgung von 2,1 Millionen Menschen in West-Berlin. Neben der Ausstellung, die zeigt, wie sich der Flughafen auch nach Beendigung der Blockade und der Luftbrücke zum „Tor zur freien Welt“ entwickelte, gibt es auch Führungen durch das weitläufige Gelände. Den Tower kann man auf eigene Faust besuchen. Von dort bietet sich ein Blick über Berlin und aufs Tempelhofer Feld, dessen Bebauung die Berlinerinnen und Berliner 2014 durch einen Volksentscheid verhinderten.
Beim Blick vom Tower ist zu erahnen, was die Engel Damiel und Cassiel gesehen haben – die beiden von Bruno Ganz und Otto Sander verkörperten Wesen, die die Stadt im Film „Der Himmel über Berlin“ von oben betrachten. Das Bild, das zeigt, wie Damiel und Cassiel auf den Schultern der Göttin Viktoria, meistens „Goldelse“ genannt, auf der Siegessäule sitzen, ist ikonisch. Ganz so hoch kommen Besucherinnen und Besucher nicht hinauf, aber zu Füßen der Siegesgöttin kann man eine Runde drehen auf der Säule, die mitten im Großen Stern steht, einem Kreisverkehr am Tiergarten. Und vielleicht lässt sich durch das Rauschen des Verkehrs ganz unten die Stimme der Engels Damiel vernehmen: „Wie kann es sein, dass ich, der ich bin, bevor ich wurde, nicht war, und dass einmal ich, der ich bin, nicht mehr Der-ich-bin sein werde?“