Wien will Vorbild für andere Städte sein, wenn es um den Schutz der Bürgerinnen und Bürger vor Hitze geht. Berlin hinkt etwas hinterher, hat aber im vergangenen Jahr einen Hitzeaktionsplan beschlossen.
Raus aus der Stadt, den Sommer lieber auf dem Land oder am Meer verbringen – diese Sehnsucht ist alt. „Sommerfrische“ nannten das die Städterinnen und Städter, die sich einen solchen Ortswechsel leisten konnten. Der im 19. Jahrhundert entstandene Begriff „Sommerfrische“ wird im Wörterbuch der Brüder Grimm beschrieben als „Erholungsaufenthalt der Städter auf dem Lande zur Sommerzeit“ oder „Landlust der Städter im Sommer“.
Landflucht hilft nur bedingt
Dass die Hitze den Menschen auf dem Land weniger zu schaffen macht als auf dem Land, ist statistisch allerdings nicht erwiesen. Im Gegenteil: 2024 – das sind die aktuellsten Zahlen, die vorliegen – wurden vom Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Potsdam 52 Hitzetote für Berlin und 99 für Brandenburg ausgewiesen. Obwohl in Berlin (3,7 Millionen) mehr Menschen leben als in Brandenburg (2,6 Millionen). „Für beide Länder war 2024 das Jahr mit der höchsten Durchschnittstemperatur seit Beginn der Aufzeichnungen“, stellten die Statistiker fest – und blickten in die Vergangenheit: „Im Durchschnitt der Jahre 1985 bis 2024 starben in Berlin 98 und in Brandenburg 60 Menschen an Hitze. Während Berlin mit 877 Hitzetoten den höchsten Stand dieser Periode im Jahr 1994 verzeichnen musste, war es in Brandenburg mit 362 Hitzetoten das Jahr 2018.
Raus aufs Land. Nein, sagt einer der Naturschützer in der Berliner Senatsverwaltung, der Wildtierexperte Derk Ehlert. Wer sich erholen möchte, versichert er, müsse dafür nicht ins Umland. „Es gibt alles hier in Berlin“, schwärmt er. Knapp 20 Prozent der Stadtfläche sind Wald. Weitere knapp 40 Prozent sind Grünflächen, also etwa Parks und andere Erholungsgebiete.
Dennoch warnte die Senats-Gesundheitsabteilung im vergangenen Jahr davor, dass „die Belastung durch heiße Tage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auch in Berlin zunehmen“ werde. „Unter der Hitze leiden alle Bürgerinnen und Bürger, für bestimmte Bevölkerungsgruppen kann sie aber eine besondere Gesundheitsgefahr bedeuten. Dazu zählen ältere und chronisch kranke Menschen, insbesondere wenn sie allein leben, ebenso wie Schwangere, im Freien arbeitende Menschen, obdachlose Menschen sowie Beschäftigte etwa in der Pflege“, erklärte der Senat. Über die gesundheitlichen Risiken hinaus führe die Sommerhitze „auch zu negativen Auswirkungen auf die Umwelt und die Wirtschaft unserer Stadt“.
Er nehme diese Folgen der Hitzebelastung ernst, versicherte der Senat – und hat einen „Hitzeaktionsplan“ beschlossen. „Darin sollen vorbeugende Maßnahmen und Akutmaßnahmen zur Reduktion von Hitzegefahren für die Berliner Bevölkerung aufgeführt werden. Hitzeschutz ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Daseinsvorsorge, die von vielen Akteurinnen und Akteuren getragen werden muss. Deshalb werden im Hitzeaktionsplan Maßnahmen aus verschiedenen Bereichen gebündelt“, wurde verkündet.
72 Maßnahmen wurden angekündigt. Dazu zählt unter anderem, mehr Bäume zu pflanzen, neue Trinkbrunnen zu errichten und hitzegeschützte Gebäude zu schaffen. Neue Schulen sollen eine Sonnenschutzverglasung bekommen, es soll mehr begrünte Dächer bei Wohngebäuden und ein Pilotprojekt geben, um Wartehallen an BVG-Haltestellen mit grünen Dächern auszustatten. Neue S-Bahn-Züge sollen mit Klimaanlagen ausgestattet werden. In Großsiedlungen ist die Ausbildung von Hitzehelfern geplant, die an Hitzetagen ehrenamtlich im Einsatz sind, „um Mitmenschen zu unterstützen“. Außerdem sollen Kampagnen wie die unter dem Titel „Bärenhitze“ die Öffentlichkeit vor Gefahren von extrem hohen Temperaturen warnen und Verhaltenstipps geben. „Ambitionslos“ nennt der Bund für Umwelt und Naturschutz das Ganze. Die Absichtserklärungen des Senats seien „eine unsystematische Klimaanpassungsstrategie“, kein „akuter Hitzeaktionsplan“.
Lebensqualität wieder erhöhen
Die österreichische Hauptstadt Wien gilt als ambitionierter, was den Schutz ihrer Bewohnerinnen und Bewohner vor Hitze angeht. In der Analyse klingt der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig ähnlich wie sein Kollege in Berlin: „Die Klimakrise und die dadurch bedingte Erhöhung der Temperaturen stellen eine erhebliche Herausforderung für uns dar.“ Während Berlin Klimaneutralität, also den Zustand, in dem menschliche Aktivitäten das Klima nicht beeinflussen, indem alle Treibhausgasemissionen entweder vermieden oder vollständig ausgeglichen werden, bis 2045 erreichen will, gibt sich Wiens Bürgermeister kämpferisch: „Mit der Smart-Klima-City-Strategie und dem Klimafahrplan haben wir einen ambitionierten Transformationspfad eingeschlagen, der die Klimaneutralität bis 2040 zum Ziel hat. So wie Wien vor einem Jahrhundert eine Vorreiterrolle bei der Schaffung von sicherem und leistbarem Wohnraum übernommen hat, will die Stadt nun erneut Vorbild bei der Schaffung nachhaltiger und resilienter Städte sein, die eine hohe Lebensqualität für aktuelle und künftige Generationen garantieren.“
Als in Berlin noch in Arbeitsgruppen darüber diskutiert wurde, was von wem zu tun ist, um die Bevölkerung vor Hitze zu schützen, standen in Wien bereits die ersten „Sommerspritzer“. Das sind mobile Sprühduschen aus Edelstahl, die über ein Rohrsystem für einen kühlenden Nebel auf besonders heißen Plätzen sorgen. Die Stadt arbeitet darüber hinaus unter anderem an „Cool Spots“. Das sind dauerhafte „Kühlungsinfrastrukturen“, die für eine hohe Aufenthaltsqualität sorgen sollen. Die Kühlung erfolgt durch die Kombination von Pflanzen, Sitzmöbeln, Beschattung und Wasservernebelung. Fest installierte Sprühnebelanlagen oder Wasserspiele für Kinder gelten in Wien als „einfachere Umgestaltungsmaßnahmen im öffentlichen Raum“. Zusätzlich zum eh schon guten Netz von öffentlichen Trinkwasserspendern im Stadtgebiet gibt es „Brunnhilden“. Das sind auf Hydranten montierte Trinkwasserspender, die zusätzlich über eine Sprühnebelanlage verfügen.
Geschultes Personal nötig
In Berlin wurde im Mauerpark etwas Ähnliches probiert: ein „Cooling Point“. Da ist eine Sitzgelegenheit „mit integrierten Verschattungsstrukturen“, wie die Senatsverwaltung schreibt. Gemeint ist eine Konstruktion aus Holz und Stahl, die im Sommer aufgebaut wird und für Sitzgelegenheiten unter einem provisorischen Dach sorgt. Dazu Trinkbrunnen in unmittelbarer Nähe. Die Installation richte „sich insbesondere an vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, Kinder oder Personen mit gesundheitlichen Einschränkungen – sowie an alle, die während der heißen Monate eine Möglichkeit zur Abkühlung suchen“, teilt die Senatsverwaltung mit. Als „nächsten Entwicklungsschritt“ kündigt die Verwaltung für diesen Sommer eine „Verdunstungskühlungstechnologie“ am „Cooling Point“ im Mauerpark an.
Wie Berlin setzt Wien unter anderem auf begrünte Wartehäuschen an Bushaltestellen – und auf Information. Zum einen sollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltungen insbesondere im Gesundheits- und Sozialbereich, aber auch in Kitas und Schulen geschult werden, damit sie die Hitze-Problematik im Blick haben. Zum anderen sollen die Bürgerinnen und Bürger darüber informiert werden, was sie sich selbst Gutes tun können, wenn die Säule auf dem Thermometer steigt.
Dazu gehören Tipps, wie man die eigene Wohnung durch Sonnenschutz möglichst kühl hält. Wien hat aber auch Menschen ohne Wohnung im Blick: „Obdachlose Menschen sind der Hitze oftmals schutzlos ausgeliefert. Deshalb muss für diese Zielgruppe der Hitzestress reduziert werden. Obdachlosen Menschen sollen kühle Räumlichkeiten zur Verfügung stehen“, heißt es im Wiener Hitzeplan.
In Berlin soll seit 2022 auch das Aktionsbündnis Hitzeschutz, ein Zusammenschluss verschiedener Akteurinnen und Akteure des Berliner Gesundheitswesens, helfen, „die Berlinerinnen und Berliner vor den Gesundheitsfolgen von Hitze zu schützen“. Auch hier geht es um Information. Im Bündnis arbeiten Ärztinnen und Ärzte, Pflege, Katastrophenschutz, Rettungsdienste, der öffentliche Gesundheitsdienst, Apothekerinnen und Apotheker zusammen. Der Grundgedanke sei einfach: „Verantwortung im Gesundheitssektor schließt einen vorausschauenden Umgang mit neuen Gesundheitsrisiken ein.“ Und: „Hitzeschutz soll als solidarische und gemeinschaftliche Aufgabe verstanden werden.“