Unwetter, Rekordtemperaturen, Hagel und Überschwemmungen fördern es zutage: An klimaresilientem Bauen führt kein Weg vorbei. Milliarden-Investitionen in Klimaresistenz können Wohlbefinden für Gesundheit und Wirtschaft bewirken.
Über Klima reden nicht nur Bewegte und Betroffene. Das Klimaanpassungsgesetz vom Juli 2024 nimmt die Politik in die Pflicht. Auch wenn es ums Bauen geht. Die Pfeiler-Strategie, Klimarisikoanalyse, wissenschaftliche Grundlagen, messbare Ziele und Fortschreibung wollen Bauen und Planen stützen. Politik und Verwaltung sollen Klimaanpassung von Grund auf beherzigen. Wenn es um die schützenden Gebäudehüllen fürs Arbeiten, Leben und Wohnen geht, sind viele Entscheider angesprochen: von Kommunen über Länder bis hin zur Bundesregierung.
Gebäude müssen Extreme aushalten
Höchste Zeit: Wenn die Thermometer auf über 30 Grad springen, drohen sich Krankheiten zu verschlimmern. Bis hin zum Tod in Häusern, die Hitze und Sonne wenig entgegenzusetzen haben. Diese Ausweglosigkeit motiviert auch die Baubranche, wind-, wetter- und wärme-widerstehende Angebote zu entwickeln. Egal, wer an der Macht ist: Der Bedarf an Klimaresistenz lässt sich in klimatisierten Sitzungssälen nicht wegdiskutieren. Und klimaresilientes Bauen kann, einer aktuellen Studie zufolge, auch die Wirtschaft ankurbeln.
Die „Bau 25“ in München machte sich angesichts des Klimawandels „Klimagerechtes Bauen“ zum Leitthema. Kongress und Messe bauten auf der Definition der offiziellen Website auf: „Klimagerechtes Bauen ist ein Ansatz in Architektur und Bauwesen, Gebäude so zu entwerfen, zu bauen und zu betreiben, dass sie möglichst geringe negative Auswirkungen auf das Klima haben und gleichzeitig resilient gegenüber Klimaveränderungen sind.“
Klimaresistenz bedeutet beispielsweise, Häuser so auszurichten, dass die Luftzirkulation hilft, mit der Hitze besser klarzukommen. Ähnliches gilt für die Raumgeometrie und die Baumaterialien.
Der Fokus beim klimaresilienten Bauen liege – so das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) – darauf, Gebäude so zu entwerfen, dass sie extremen Wetterereignissen wie Hitzewellen, Stark-regen oder Überschwemmungen standhalten und gleichzeitig an zukünftige klimatische Veränderungen anpassbar sind.
Beispielsweise dort, wo Wettervorhersagen angesiedelt sind, baut die für den Bundesbau zuständige Bundesoberbehörde BBR (das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung) den Attacken durch den Klimawandel vorbildlich vor: beim Neubau des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) in Bonn. Dort sollen schon vor dem Bauabschluss im Jahr 2027 Dächer und Freiflächen begrünt, versiegelte Flächen reduziert sowie Bäume und Sträucher als Schattenspender angepflanzt werden. Das soll ein Stück weit verhindern, dass Wärme-Inseln entstehen. Jedes Örtchen kann an der Klimaresistenz von Gebäuden mitwirken. Die Toiletten werden in den Büro-, Kantinen- und Konferenzgebäuden des EZMW mit Regenwasser spülen. Auch ein Regenrückhaltebecken soll den Widerstand der Wettervorhersager gegenüber Starkregenereignissen erhöhen. Das lohnt sich doppelt: Da der Neubau hohen Nachhaltigkeitsanforderungen gerecht werde, soll er laut BBR im Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) mit einer sehr guten Silber-Zertifizierung ausgezeichnet werden.
Nicht nur für die Wettervorhersager sind aus Sicht des Bundesbauherren BBR die nachfolgenden Maßnahmen wichtig, um Klimaresilienz zu schaffen. Sondern generell in Zeiten der Klimaveränderungen: Zu den entscheidenden Maßnahmen, die klimaresilientes Bauen möglich machen, zählt ein durchdachtes Wassermanagement, das mit Rückhaltebecken dafür sorgt, dass Überschwemmungen vorgebeugt wird. Ebenso wichtig ist eine natürliche Verschattung: Strategisch gepflanzte Bäume können Überhitzung wirksam verhindern und das Mikroklima in Wohn- und Arbeitsumgebungen deutlich verbessern. Robust konzipierte Bauweisen wiederum stellen sicher, dass Gebäude auch Extremwetterereignissen wie Starkregen, Stürmen oder Hitzeperioden standhalten. Und nicht zuletzt trägt eine moderne Wärmedämmung dazu bei, dass Innenräume im Sommer angenehm kühl bleiben und im Winter zugleich effizient isoliert sind.
Klimaresistenz kann auch als Konjunkturmotor dienen: Die Prognos-Studie „Klimaangepasste Gebäude – Zukunftssicherheit und Wachstumschance für die Bauwirtschaft“ rechnet vor, wie viel Häuslebauer beziehungsweise Eigentümer im Neubau wie im Bestand bis 2035 investieren sollten, um Schäden durch Hochwasser oder andere Extremwetterereignisse vorzubeugen. Die Studie beauftragten der Zentralverband Deutsches Baugewerbe (ZDB) und der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB-Fachhandel). „Das ist nicht nur bauliche Vorsorge – das ist ein Konjunkturprogramm für die Zukunft“, sagt Lukas Sander, Projektleiter Prognos AG.
Die Zahlen der Prognos-Studie dürften die Herzen mittelständischer Unternehmer höherschlagen lassen, bei anderen den Puls beschleunigen: 137 bis 237 Milliarden Euro Investitionsvolumen rechnet die Studie vor, je nach Klimaszenario. Bis zu 63 Milliarden Euro allein für Hitzeschutz bis 2035. Benötigt werden 7.700 bis 15.300 Fachkräfte jährlich, die Gebäude ans Klima anpassen.
Bauwirtschaft als „Lösungspartner“
Auch die neue Bundesregierung wird sich daran messen lassen müssen, ob und wieweit sie Geld aus den Sondertöpfen und dem Bundeshaushalt für klimaresilientes Bauen lockermacht. Oder ob sie Gebäudebesitzer, die ihr Haus widerstandsfähig gegen den menschengemachten Klimawandel ausrüsten wollen, im Regen stehen lässt. In Relation zu sehen ist, dass Katastrophen wie im Ahrtal 2021 Betroffene, Kommunen, Bund und Länder teuer zu stehen kommen und längerfristig kaum mehr aufzufangen sind.
Wolfgang Schubert-Raab, Präsident des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe, will deshalb im „Prozess zur Klimaanpassung“ alle Beteiligten zum „Schulterschluss“ anregen: „Klimaanpassung ist im Koalitionsvertrag klar als zentrales Ziel verankert – jetzt gehen wir erste konkrete Schritte, um Potenziale und Handlungsbedarf aufzuzeigen.“
Die Bauwirtschaft verstehe sich als „Lösungspartner der Politik“. Entscheidend sei, alle mitzunehmen, damit der Prozess planbar, wirtschaftlich tragfähig und praxistauglich bleibt – und nicht zur Kostenfalle werde. „Wenn wir allein beim Neubau die Klimaanpassung frühzeitig mitdenken, lassen sich langfristig Kosten sparen“, betont der Baugewerbe-Verbandschef.
Doch wie sieht es bei einer klimaangepassten Sanierung aus? Steigt der Wert einer Immobilie, wenn der Bauherr sie so umbaut, dass sie resistenter gegen Extremwetter wird?
Diese Frage bejaht Tatiana Stuck, die sich als ESG-Expertin bei Purpose Green mit umweltgerechten Investitionen auskennt. „Maßnahmen zur besseren Widerstandsfähigkeit gegenüber Extremwetterereignissen sind im Zusammenhang von Sanierungen durchaus sinnvoll“, sagt Stuck. Dazu zählten etwa bauliche Anpassungen zum Schutz gegen Starkregen, Überhitzung im Sommer oder Hochwasser.
Die Nachhaltigkeitsexpertin betont vor allem das Potenzial von Kostensenkungen: „Solche Sanierungen tragen zur physischen Resilienz der Immobilie bei und können potenziell auch Versicherungskosten senken, da das Risiko für klimabedingte Schäden reduziert wird.“ Ob solche Maßnahmen jedoch direkt zu einer Wertsteigerung der Immobilie führen, sei differenziert zu betrachten. Der ökonomische Vorteil zeige sich eher über indirekte Effekte, wie zum Beispiel geringere laufende Risiken, reduzierte Folgekosten bei Schäden oder eben potenziell niedrigere Versicherungsprämien.
Klimaresilienz ist auch eine Frage des Umfelds, quasi eine Gemeinschaftsaufgabe, über einzelne Gebäude hinaus. „Viele klimaadaptive Maßnahmen – etwa das Vermeiden von Flächenversiegelung, das Anlegen von Schattenplätzen oder die Schaffung von Versickerungsflächen – entfalten ihre volle Wirkung erst im Zusammenspiel innerhalb ganzer Quartiere oder Stadtteile“, betont die Expertin für ganzheitliches, wirtschaftliches Handeln und dessen Wirkung auf Menschen und Umwelt. Stuck bilanziert: „Die Widerstandsfähigkeit gegen Extremwetter ist ein wichtiger Bestandteil klimaangepasster Sanierung – sowohl funktional als auch gesellschaftlich.“ Eine direkte Wertsteigerung lasse sich daraus aber nur bedingt und in Abhängigkeit vom Standort und weiteren Rahmenbedingungen ableiten.