Die Serie „Stranger Things“ wurde bereits kurz nach ihrer Veröffentlichung 2016 zum weltweiten Phänomen. Die Macher kombinieren dabei geschickt die typische filmische Erzählung des Erwachsenwerdens mit dem Retro-Flair der 80er-Jahre.
Der weltweite Erfolg von „Stranger Things“ lässt sich nicht allein durch die spannende Handlung oder die aufwendige Produktion erklären, sondern vor allem auch durch die Entwicklung der jugendlichen Hauptfiguren im nostalgischen Setting der 80er-Jahre. Die Geschichte um Freundschaft und Erwachsenwerden ist zeitlos und spricht eine breite Zuschauerschaft an, während sich die älteren Zuschauenden zusätzlich in ihre analoge Jugend zurückversetzt fühlen.
Auch Filmfans dürfte vieles bei „Stranger Things“ bekannt vorkommen: Da gibt es die Kindergruppe, die mit BMX-Rädern durch eine Kleinstadt fährt und die Welt rettet, dann sind da die skrupellosen Regierungs- und Militärangehörigen, es gibt die ahnungslosen, leicht verblödeten Eltern und natürlich auch den mächtigen übernatürlichen Bösewicht, von dessen Existenz nur die Kinder etwas wissen. Schon von der ersten Folge an wird in „Stranger Things“ mit sichtlicher Begeisterung ein detailverliebtes Netz aus Anspielungen, filmischen Referenzen und nostalgischer Ausstaffierung in die eigentliche Handlung gewoben – ohne dabei die eigene Handschrift zu verlieren.
Die Geschichte setzt im November 1983 ein. Im Mittelpunkt stehen zunächst die Schulfreunde Mike Wheeler, Dustin Henderson und Lucas Sinclair, deren Freund Will plötzlich verschwindet. Zwischen Schule, Arcade-Spielen und Abendbrot machen sie sich auf eigene Faust in ihrer Kleinstadt Hawkins auf die Suche. Dabei finden sie Will zunächst nicht, stoßen aber auf ein rätselhaftes Mädchen namens Elf, das über telekinetische Fähigkeiten verfügt und Gegenstände und Menschen durch die Luft fliegen lässt. Bald wird klar, dass auch Wills Verschwinden kein gewöhnlicher Vermisstenfall ist, sondern mit einem geheimen Regierungsprojekt und einer schaurigen Parallelwelt zusammenhängt, die sich unter der Kleinstadt gebildet hat. Will kann gerettet werden. In den folgenden Staffeln ergeben sich allerdings weitere Abenteuer, an deren Ende die Rettung der ganzen Welt steht.
Die Schattenwelt unter Hawkins, im englischen Original passend Upside Down genannt, ist eine auf den Kopf gestellte Kopie der Kleinstadt. Während oben alles ordentlich ist, herrscht in Upside Down Zerstörung, alles ist von Schlingpflanzen überwuchert, in der Luft tanzen giftige Sporen. Die umgekehrte Stadt ist menschenleer, dunkel und bedrohlich. Die Welt steht im Upside Down buchstäblich Kopf. Willkommen im Teenager-Leben, in dem nichts mehr so ist, wie es vorher war.
Die 80er-Jahre, Musik, Technik und Filme der Zeit haben es den Machern der Serie, den Zwillingen Matt und Ross Duffer (Jahrgang 1984), sichtlich angetan – ein Filmgenre steht dabei an erster Stelle: der Jugendfilm oder auch Coming-of-Age-Film der 80er-Jahre.
Freundschaft und Zusammenhalt
Die Handlung dieser Filme ist typisch: Eine Gruppe Jugendlicher gerät in ein Abenteuer und besteht es nach einigen Irrungen und Wirrungen gemeinsam. Am Ende steht ein Reifungsprozess, ein schmerzhafter Schritt in Richtung Erwachsensein.
Den Weg eines jungen Menschen ins Erwachsenenleben erzählerisch in den Mittelpunkt zu stellen, ist nicht neu. In der Literaturwissenschaft gibt es die Bezeichnung Bildungsroman schon seit dem 18. Jahrhundert. Thematisch immer ähnlich ist, dass es eine junge Hauptfigur oder auch mehrere Figuren gibt, die sich auf dem Weg ins Erwachsenwerden mit gesellschaftlichen und persönlichen Hürden konfrontiert sehen und, wenn alles gut geht, gereift zu sich selbst finden.
Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795), „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ (1906) von Robert Musil, „Der Fänger im Roggen“ (1951) von J. D. Salinger, aber auch die „Harry Potter“-Romane sind berühmte literarische Vertreter. Als frühes filmisches Aushängeschild gilt „...denn sie wissen nicht, was sie tun“ (1955) mit James Dean in der Hauptrolle oder auch beispielsweise „Die Reifeprüfung“ (1967) mit Dustin Hoffman.
Für den modernen Coming-of-Age-Film sind es allerdings die 80er-Jahre, die prägend wie kein anderes Jahrzehnt sind. Sie haben viele heutige Klassiker hervorgebracht, die damals nicht nur visuell, sondern auch erzählerisch neu waren. Besonders Steven Spielberg und Stephen King haben mit ihren Filmen und Geschichten das Fundament für „Stranger Things“ und das moderne Coming-of-Age-Erzählen gelegt.
In „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) konfrontiert Spielberg die jungen Hauptfiguren mit den Ungerechtigkeiten der Welt und dem Umgang mit Andersartigkeit. Der Wert von Freundschaft und Zusammenhalt steht in „Die Goonies“ (1985) im Mittelpunkt. Texte von Stephen King waren die Vorlagen für die stilprägenden Filme „Es“ (1990) oder „Stand by Me“ (1986) – letzterer unter der Regie des kürzlich verstorbenen Filmemachers Rob Reiner.
Auch Klassiker wie „Zurück in die Zukunft“ (1985), „Karate Kid“ (1984) oder „Die unendliche Geschichte“ (1984) zeigen die Reise jugendlicher Protagonisten. „The Breakfast Club“ (1985) oder „Ferris macht blau“ (1986) sind zudem typisch für den Highschool-Film, in dem sich Jugendliche mit Eltern, Lehrern oder Mitschülern herumschlagen müssen, während in anderen Filmen eben übernatürliche Bösewichte (zum Beispiel auch Freddy Krueger in der „Nightmare on Elm Street“-Reihe) oder übergeordnete Instanzen wie die Regierung („E.T.“) als Gegenspieler auftreten.
Schauplatz vieler Filme ist das spießige Leben in amerikanischen Vorstädten. Bekanntester Vertreter ist die von Stephen King erdachte Stadt Derry, die als zentraler Ort für viele seiner Geschichten dient. In „Stranger Things“ wird daraus die Stadt Hawkins und deren apokalyptische Parallel-Version, aus der alle Probleme der Hauptfiguren kriechen.
Auch die Wahl der weiteren Serienschauplätze von „Stranger Things“ passt ins Bild. Das geheime Hawkins National Laboratory führt skrupellose Experimente an Menschen durch. Das Labor und seine Figuren werden zu typischen Stellvertretern für den filmischen Topos der unethischen Forschung und gewissenlosen Regierungen.
Kleinstadt als Epizentrum des Grauens
Als ebenso stereotyper Ort kann die Schule gesehen werden. Die Middle School und später die High School sind nicht nur Treffpunkte, sondern auch Orte, an denen Freundschaften geschlossen und Konflikte ausgetragen werden. Die Schulsituationen zeigen in der Serie den Kontrast zwischen Alltag und Horror, obwohl auch manche Mitschüler den Kindern das Leben zur Hölle machen.
Das in der dritten Staffel neu gebaute Einkaufszentrum der Stadt kommt als detailreich ausstaffierter 80er-Jahre-Schauplatz hinzu und steht für die bunte Konsumgesellschaft dieser Zeit. Nicht zufällig befindet sich unter der kapitalistischen Einkaufsmeile eine russische Untergrundbasis für geheime Operationen – ein nicht zu übersehender Verweis auf die Spannungen des Kalten Kriegs und auf die vielen US-Blockbuster, in denen das klare Feindbild „die Russen“ hieß.
Das Creel House wiederum ist ein altes, verlassenes Haus, das eng mit der Geschichte des größten Widersachers der Jugendlichen verbunden ist. Der monströse Vecna war selbst einmal Kind in Hawkins und wurde im Laufe der Zeit zu einem mächtigen, bösartigen Wesen. Sein ehemaliges Elternhaus erinnert an eine Mischung aus dem viktorianischen Bates-Haus im Hitchcock-Klassiker „Psycho“ (1960) und dem unheimlichen Neibolt-House in Stephen Kings „Es“, das als Hauptzugangspunkt zum Versteck des Killerclowns Pennywise in der Kanalisation dient. Die Kleinstadt Hawkins hat also einiges an unterschiedlichstem Grusel zu bieten.
Jede Figur hat ihre eigenen Themen
Zu Beginn von „Stranger Things“ sind die Hauptfiguren zwölf Jahre alt. In dieser Konstellation hat jede Figur ihren speziellen Charakter. Mike ist der emotionale Anführer, Dustin der humorvolle Nerd und Lucas der rationale Beobachter, Will ist schüchtern und zurückhaltend. Mit Elf kommt eine Figur dazu, die aufgrund ihrer übernatürlichen Fähigkeiten und ihrer Vergangenheit als Versuchsobjekt eine Sonderstellung jenseits der normalen Gruppe einnimmt. Später ergänzt Maxine „Max“ Mayfield die Gruppe als selbstbewusste, unangepasste weibliche Figur. Mit zunehmendem Alter gewinnen auch einige ältere Jugendliche und deren Themen immer mehr an Bedeutung für die Handlung.
Trotz des Fokus auf den Jugendlichen kommt die Serie nicht ohne prägende Erwachsenenfiguren aus, die sich allerdings ebenso am Rande der Gesellschaft befinden wie die Jugendlichen selbst. Besonders Wills Mutter Joyce und Polizeichef Jim Hopper nehmen zentrale Rollen ein. Joyce, gespielt vom 80er-Teen-Star Winona Ryder, wird als alleinerziehende, berufstätige Mutter und Außenseiterin gezeigt. Sie wird zu einer wichtigen Verbündeten der Kinder. Jim Hopper, Polizeichef von Hawkins, ist ein desillusionierter Vietnamveteran, der zunächst das Bild des gebrochenen Einzelgängers verkörpert, im Laufe der Serie aber zur moralischen Instanz und Beschützerfigur mit harter Schale, aber weichem Kern wird.
Der teils sehr persönliche Horror, in den die Jugendlichen im Laufe der Staffeln in ihrer Kleinstadt gezogen werden, kann als Übersetzung für Kontrollverlust und Verunsicherung gesehen werden, die besonders während des Erwachsenwerdens immer präsenter werden. Auch Stephen Kings „Es“ ist hierfür wieder ein Beispiel: Die Jugendlichen können den Clown Pennywise nur besiegen, indem sie sich ihren individuellen Traumata stellen. So zwingt auch in „Stranger Things“ die Horrorgestalt Vecna die Hauptfiguren, sich ihren persönlichen Themen zu widmen. Die Konfrontation mit den eigenen Monstern wird nach bekanntem Muster zur Metapher des Erwachsenwerdens. Und ohne zu viel zu spoilern: Es dürfte kein Zufall sein, dass das große Finale der Serie mit dem Schulabschluss der Jugendlichen endet.
In „Stranger Things“ geht es nicht um eine bloße Kopie bekannter Filme oder Themen. Vielmehr wirken die 80er-Jahre wie eine Schatztruhe, aus der man sich bedienen und ein eigenes Bild zusammensetzen kann. Die Duffer-Brüder haben dieses Mosaik perfektioniert und die Geschichte der Jugendlichen darin eingebettet. Synthesizer-Musik, Fahrräder, Arcade-Spiele, Walkie-Talkies, perfekt in Szene gesetzte 1980er-Jahre-Häuser, Softeis, Retro-Kleidung, Dungeons-&-Dragons-Spiele oder Songs der 80er-Jahre erzeugen ein dichtes Netz an Referenzen, das allerdings weit über filmische Zitate hinausgeht.
So wurde „Stranger Things“ zu einem eigenständigen Werk, das sich als Serie Zeit lässt, Figuren und deren Geschichten ausgiebig zu erzählen – mit zeitlosen Themen des Lebens, die jeder kennt, der einmal jung war. Nicht nur die Serienfiguren sind damit erwachsen geworden, die Zuschauenden sind es nach fünf Staffeln in zehn Jahren auch.
Und wem das am Ende zu viel Theorie ist, findet in „Stranger Things“ einfach eines: gut gemachte Unterhaltung.