Das Comedy-Duo Alice Hoffmann und Bettina Koch tritt demnächst, während der „Neunkircher Nächte – Female Edition“, gemeinsam in ihrem neuen Programm „In Würde albern“ auf. Schauspielerin Alice Hoffmann spricht im Interview über dessen Entstehung und das Altwerden.
Liebe Alice – wir duzen uns, da wir uns schon lange kennen –, als „Hilde Becker“ aus der ARD-Serie „Familie Heinz Becker“ bist Du in der Rolle der naiv-lieben Hausfrau bekannt geworden. Die Fernsehserie von Gerd Dudenhöffer wurde von 1992 bis 2004 in sieben Staffeln produziert, in drei warst Du dabei. Wie schaust Du rückblickend auf diese Phase Deiner Karriere?
Ja, das war natürlich ein Wendepunkt. Geschauspielert habe ich schon vorher. Ich habe in Filmen mitgespielt und auch Kabarett gemacht, aber durch diese Rolle ist eine Beliebtheit entstanden, die dazu geführt hat, dass mehr Menschen mein Kabarett besucht haben, dass die Hallen sich gefüllt haben – das war natürlich eine tolle Sache.
Ich bin mir fast sicher, dass der eine oder andere überzeugt ist, dass Du Saarländerin bist, aber ich glaube, das stimmt nicht…
Nein, das stimmt nicht. Meine aus Frankreich stammende Mutter lebte damals in Mainz und hat nach dem Krieg im französischen Kommissariat in Koblenz – das war Besatzungszone Rheinland-Pfalz – als Dolmetscherin gearbeitet. Sie war als Kind in einer deutschen Schule und konnte gut Deutsch. In diesem Kommissariat hat sie meinen Vater kennengelernt. Dann haben die beiden beschlossen: Der erste Sohn wird in Koblenz geboren – das war ich. Dann sind wir von Mainz Richtung Köln und in verschiedene kleine Orte zwischen Bonn und Köln mehrfach umgezogen. Ich habe dann beschlossen: Ich ziehe nicht mehr um. Ich will das Saarland zu meiner Heimat machen.
Ja, aber Du lebst in Mainz.
Ich bin schon früh auf die Kabarettschiene gegangen, da braucht man Veranstalter, und die gibt es im Saarland kaum.
Besteht Dein Publikum zum großen Teil aus Frauen?
In der Regel sind es tatsächlich mehr Frauen als Männer, wobei ich glaube, dass das ein generelles Phänomen ist, weil ich glaube, dass Männer eher kulturfaul sind und eben abends nicht gerne weggehen.
„In Würde albern“ heißt Dein neues gemeinsames Programm mit Bettina Koch als Duo „Die Ähn un das Anner“. Nimm uns in den Kreativprozess mit: Wie ist das Programm entstanden?
Wir machen seit Jahren gemeinsam Kabarett, und es war immer so, dass wir uns Probleme, die wir hatten, vorgenommen und geguckt haben, ob das andere Menschen auch haben und wie wir das umsetzen können. Auf diese Weise sind mehrere Programme entstanden, darunter „Komm, ich hab’ Lust auf Dich“ und „Kinder, Kunst, Karriere“. Bettina kam 2014 und sagte: „Hey, sollen wir nicht noch mal was zusammen machen?“ Wir haben festgestellt, jetzt sind wir schon so alt und haben es mit dem Geld immer noch nicht hingekriegt – und mit den Männern auch nicht. Wie hieß das Stück? „Knete, Kerle, Karma“. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber plötzlich werden die Haare grau, du siehst ganz anders aus, du guckst morgens in den Spiegel und erkennst dich gar nicht mehr. Du hast eine andere Person in Erinnerung als die, die dich da anguckt. Wie werden wir mit dem Altsein fertig? Hat es noch Sinn, überhaupt einen Partner zu suchen? Wollen wir das noch und wenn ja, wie soll das gehen?
Der Programmuntertitel von „In Würde albern“ lautet „Von Lust und Liebe im Alter“.
Es geht nicht nur um Lust und Liebe und um die Bewältigung der Vergangenheit, ums Altwerden. Es geht auch um junge Menschen heute – die müssen sich erst mal operieren lassen, um dem anderen Geschlecht zu gefallen. Man muss sich vorstellen: Unter 16-Jährige lassen sich operieren, irgendwas, Brust vergrößern, After bleachen und was nicht alles für Zeug. Wir haben darüber eine Geschichte im Programm, eine Art Rap.
Gab es für Dich einen Moment der Erkenntnis, während Du an dem Programm „In Würde albern“ gearbeitet hast?
Ja, schon. Es ist schon so, dass man denkt, das Ende des Lebens rückt näher, und was will ich denn noch auf dieser Welt? In dem Programm mit Bettina, glaube ich, machen wir uns gegenseitig Mut. Es kann nicht sein, dass Leute sagen: „Wie lang wollt Ihr das noch machen?“ Oder: „Wie kann man noch in dem Alter Sex haben? Das ist doch ekelhaft.“
Ja, aber wer sagt denn sowas?
Ich habe das schon oft zu hören gekriegt von Freunden, von Bekannten: „Wie lang willst Du denn das noch machen?“ Schauspieler, die nicht mehr in Topform sind, das ist es, was sie eigentlich sagen wollen, dass sie ihren Beruf nicht mehr ausüben sollten.
Altersrassismus nehme ich im Alltag zunehmend häufiger wahr. Was beobachtest Du?
Ja, das habe ich zum ersten Mal wahrgenommen bei den Proben von Hilde Becker in Köln. Damals war ich ja noch jung, aber durch diese Kostüme habe ich älter ausgesehen. Ich habe mir den Gag erlaubt, in dem Aufzug, wie die Hilde angezogen ist, durch Köln zu gehen und zu gucken, wie Leute reagieren.
Und, wie?
Keine Sau hat mich angeguckt, und das war fürchterlich, weil ich das überhaupt nicht gewöhnt war. Da habe ich verstanden, dass das alte Menschen generell trifft. Du wirst unsichtbar als alter Mensch, du wirst nicht mehr wahrgenommen.
Menschen ab 65 sind im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unterrepräsentiert. Wie findest Du das?
Also, diese Entwicklung find ich ja völlig absurd. Das hat vor ein paar Jahren schon eingesetzt, dass öffentlich-rechtliche Programmverantwortliche der Meinung waren, jetzt muss man mal für das junge Publikum was machen – sie versuchen es mit dem Internet. Neues produzieren für das Fernsehpublikum ist zu teuer. Das Geld wird gebraucht für die Gehälter der oberen Etagen. Also wird nur noch wiederholt, was noch halbwegs geht, und auf das alte Publikum, was eigentlich die alten Menschen sind, verzichtet – es ist dumm, es ist einfach dumm und kurzsichtig.
In Eurer Pressemitteilung wird „bissiger Humor“ versprochen. Gegen wen wird er gerichtet?
Ja, zum Teil gegen die Politik. Was kann man sich bei der Mindestrente noch leisten? Und jetzt steigen auch noch die Preise, das ist natürlich alles lustig dargestellt, auch die Inflation. Ich sage das im Ernst, aber darum geht es. Was machen wir im Alter? Können wir was zur Rente dazuverdienen? Das Thema nimmt einen ganz großen Teil des Programms ein. Was können wir machen, dass wir noch irgendwie was dazuverdienen? Da kommt uns auch die Idee, unter anderem, wir könnten uns bei der Bundeswehr melden, die nehmen ja heut jeden. Und für die neue Kriegstüchtigkeit sagt Bettina zum Beispiel „wäre mir mein Sohn zu schade.“
Über welchen Kabarettisten oder welche Kabarettistin lachst Du?
Loriot steht absolut an der Spitze, aber natürlich auch Dudenhöffer. Maren Kroymann macht tolle Sachen, da kann ich mich kaputtlachen, auch über Anke Engelke. Es gibt heute sehr viele sehr gute. Man muss sich nur öffnen. Der Humor in dir ist wie ein großer Raum mit vielen Türen, und je nachdem, welche Tür du aufmachst zu welchem Kabarettisten, entdeckst du die komischen Seiten und du kannst lachen.