Seit 1851 existiert in St. Wendel Hut- und Herrenmode Colling, Fachgeschäft und eine der ersten Adressen für Kopfbedeckungen aller Art. Schließlich ist „Hut“ wieder „in“, vor allem junge Menschen haben wieder Mut zum Hut. Und alle, die sich vor der Sonne schützen müssen.
Melone, Zylinder, Bowler-Hat, Porkpie, Trilby oder Fischer-Hut, Panama-, Cowboy- oder Glockenhut, Elbsegler-, Ballon- oder Baseballmütze, Fliegermütze, Capouchon oder ein Fascinator – es gibt fast so viele Hutformen, wie es Menschen gibt. Martina Eckert ist eine Frau, die sich damit auskennt. Sie ist Inhaberin von „Hut- und Herrenmode Colling“ in St. Wendel. Und weiß, dass Mann (und Frau) heute wieder Hut trägt.
Wie das? Nun, der Musiker Jan Delay hat’s vorgemacht. Das hat ihm sogar eine Auszeichnung eingebracht: Die Gemeinschaft Deutscher Hutfachgeschäfte GDH kürte ihn 2025 zum „Hutträger des Jahres“. Johannes Oerding kann es auch, Max Mutzke ebenso, und Udo Lindernberg, na, der sowieso. Der geht ohne nie vor die Tür. Wahrscheinlich nicht mal ins Bett.
Oder Wolfgang Niedeken, berühmter BAP-Frontman. „Er trägt gern und oft eine achtteilige Hatteras – eine Schirmmütze von Stetson, die mit dem bezogenen Knopf in der Mitte. Er hat diese Kopfbedeckung bekannt gemacht“, sagt Martina Eckert, geborene Colling (67). Sie muss es wissen! Hüte und Mützen, damit ist Martina Eckert aufgewachsen. Sie ist groß geworden in der Werkstatt ihres Vaters Karl Colling, der hier Mützen fertigte für Soldaten, Richter, Chauffeure, Kirchenschweizer. „Mein Vater war Mützenmachermeister und stellte noch bis in die 1970er-Jahre Mützen her, unter anderem für die St. Wendeler Feuerwehr“, sagt Martina Eckert. Aus ihr sprechen geballtes Fachwissen, jede Menge Kompetenz und nach wie vor eine große Leidenschaft für ihren Beruf. Sie ist die inzwischen sechste Generation, die das Fachgeschäft „Hut- und Herrenmode Colling“ in St. Wendel betreibt.
Die Nachfrage steigt wieder spürbar an
Den Grundstein legte 1851 Martin Colling. Er war Kappenmacher und gründete die „Uniformmützenfabrik Colling“. Bis heute befindet sich das Geschäft übrigens noch immer am gleichen Standort in der Luisenstraße 15. Lange betrieb sie das Geschäft gemeinsam mit ihrer Schwester, „aber sie ist neun Jahre älter als ich und schon länger im Ruhestand“, sagt Martina Eckert. Eigentlich hatte sie als junge Frau gar nicht vor, das elterliche Geschäft zu übernehmen. „Ich habe BWL studiert, ins Geschäft gehen wollte ich nie“, sagt sie. Jene Kenntnisse aus dem Studium halfen ihr aber unter anderem, das Geschäft auch durch wirtschaftlich schwierige Zeiten zu manövrieren.
„Seit etwa 15 Jahren steigt die Nachfrage nach Hüten wieder spürbar an“, sagt Martina Eckert. Musiker und Künstler machen es vor. Es kommen wieder mehr junge Menschen, um sich beraten zu lassen und den richtigen Hut zu finden. Oder die passende Mütze. Oder Baseballcap. Eckert: „Wir haben zum Beispiel Caps der amerikanischen Firma Stetson im Programm, die sind mittlerweile regelrecht zu Sammlerobjekten geworden.“ Mit dem klassischen Cowboyhut hat die Erfolgsgeschichte der Firma Stetson angefangen. „Wir haben fast alle Modelle der Firma Stetson hier im Haus. Es gibt kaum jemanden, der so gut sortiert ist wie wir“, sagt Martina Eckert.
Was gerade angesagt ist, das ist natürlich auch dem Zeitgeschmack geschuldet. Eckert: „In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war der Hut noch ein selbstverständlicher Teil der Garderobe.“ Männer mit Hut gehörten zum Straßenbild dazu. Niemand bewegte sich ohne Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit. Eckert: „Für die Dame waren Hut, Handtasche und Handschuhe ein Muss, ohne ging Frau nicht vor die Tür. So kenne ich das noch von meiner Oma.“ Erst mit dem Siegeszug des Automobils wurden Hüte plötzlich unpraktisch, unmodern, waren nicht mehr gefragt.
Darauf musste auch das Unternehmen Colling reagieren und erweiterte die Produktpalette. Herrenoberbekleidung, Strickwaren, Krawatten, Schals, Schirme – das Angebot wurde vielfältiger. Eckert: „Das haben wir bis heute beibehalten.“ Wer will, findet hier auch Hosenträger, „die sind auch wieder modern.“ Wie wäre eine farblich passende Fliege dazu? Oder ein Krawattenschal? Am Ende passt alles zusammen und wirkt wie aus einem Guss. Eckert: „So sollte es auch sein, vor allem der Hut muss zu dem Menschen passen.“
Das bestätigt auch Monika Klein. Seit rund zehn Jahren gehört sie zum Team. „Es gibt schöne Gesichter und schöne Hüte. Die Kunst ist, beides zusammenzuführen. Es muss eine Einheit werden, vom Kinn bis unter die Haarspitzen.“ Kleidungsstil, Hautton, die Form des Gesichts, des Mundes, der Nase, alles spielt eine Rolle und wirkt sich aus auf die Entscheidung, welches Hut-Modell es werden soll. „Das Gesamtbild ist entscheidend“, sagt Monika Klein. Sie und Martina Eckert erkennen sofort und mit professionellem Blick, welcher Mensch welcher Hut-Typ ist.
Eckert: „Der Anlass spielt natürlich auch eine Rolle.“ Will ich den Hut einfach im Alltag tragen? Soll er auf ein schickes Kleid für die nächste Cocktailparty passen? Bin ich zu einer Hochzeit eingeladen, will ich auffallen, aber der Braut keine Konkurrenz machen? Die Fachfrauen ziehen souverän und mit sicherem Griff das passende Modell aus dem Regal. Geben aber zu bedenken: „Wenn ich den Hut als Ergänzung zu einem schicken Outfit möchte, ist es sinnvoll, wenn möglich genau dieses Outfit auch zu tragen beim Aussuchen des Hutes.“ Das Hut-Modell für die Rennbahn in Ascot wirkt auf Jeans, Shirt und Sneaker schlicht nicht richtig. Klein: „Außerdem darf der Mensch sich nicht verkleidet fühlen. Und wenn’s mir nicht gefällt, dann verkaufe ich es auch nicht.“ Soll heißen, wer bei Colling einen Hut erworben hat, kann sicher sein: Sieht gut aus! Braucht aber letzten Endes auch Mut zum Hut! Eckert: „Frauen sind bei der Entscheidung manchmal schwieriger als männliche Kunden, aber auch experimentierfreudiger!“
Zweimal pro Jahr verschafft Martina Eckert sich auf Messen einen Überblick über die neuesten Trends in der Hutmode und kauft entsprechend ein, in Düsseldorf bei den „Fashion Days“ oder in Eschborn in den „Häusern der Mode“. Einer der namhaftesten Anbieter und Produzenten hochwertiger Hüte ist unter anderem die deutsche Firma Mayser. „Diese Firma stellt Herrenhüte ausschließlich im eigenen Werk in der Slowakei her“, sagt Martina Eckert. Zu den wirklich spektakulären Hüten der Firma Mayser gehört sicher unter anderem der Panama-Hut, den es in ganz unterschiedlichen Ausführungen gibt. Er ist aus Stroh gefertigt und gerade im Sommer sehr angenehm zu tragen. Er ist leicht, luftig und schützt vor der Sonne. Eckert: „Das Thema Sonnenschutz wird immer wichtiger. Auch deswegen entscheiden sich immer mehr Menschen dazu, einen Hut zu tragen, Frisur hin oder her.“
Zudem halten immer mehr Naturfasern bei der Hutproduktion Einzug. Eckert: „Es gibt inzwischen so viele tolle Materialien, die noch dazu pflegeleicht sind und sich gut verpacken und transportieren lassen.“
Wer sich einen Überblick verschaffen will, sollte einen Blick auf die Internetseite des Hauses wagen. Eckert: „Wir haben keinen Onlineshop, aber wer möchte, kann sich dort Appetit holen.“ Und dann den Schritt wagen; sich trauen, einen Hut zu kaufen. Schließlich ist auf die Fachfrauen vor Ort Verlass! Sie finden nicht nur das richtige Modell, sondern platzieren es auch gekonnt auf dem Kopf. Was für ein tolles Gefühl! Passt! Passt einfach! Und sieht toll aus! Eckert: „Wer Hut trägt, bewegt sich anders, geht anders. Die Körperhaltung verändert sich. Ein Hut stärkt das Selbstbewusstsein.“ Trotzdem nagt an vielen Hutträgerinnen oder Hutträgern das seltsame Gefühl „alle starren mich an. Aber eigentlich ist das gar nicht so“, sagt Martina Eckert. Also, worauf warten! Mehr Mut zum Hut!
Der Panama-Hut
Seinen Namen verdankt der Panama-Hut einer besonderen Begebenheit: Der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt besuchte 1906 die Baustelle des Panama-Kanals, um den Fortgang der Arbeiten am Kanal zu betrachten. Bei dieser Gelegenheit trug er einen ecuadorianischen Strohhut, einen sogenannten Toquilla-Strohhut, auf seinem Kopf. Fotos von Roosevelt mit seinem Hut gingen um die Welt – eine Legende war geboren, der Panama-Hut.
Hergestellt wird der Hut aus feinen Strohfasern, dem sogenannten „Toquillastroh“ des Scheibenblumengewächses, auch „Panama-Hut-Pflanze“ genannt. Bereits seit dem 17. Jahrhundert werden die so besonderen Strohhüte in Südamerika hergestellt. Jeder Hut wird von Hand geflochten, und es bedarf enormer Fingerfertigkeit und jahrelanger Erfahrung, um aus den getrockneten, feinen Blattfasern einen Hut zu flechten.
Je nach Modell dauert das Flechten eines Hutes zwischen einem Tag und drei Monaten. So kommt es auch, dass die Preise für einen echten Panama-Hut stark variieren. Ein außergewöhnlich fein geflochtenes Modell kann da schon mal mehrere Tausend Euro kosten. Das Hutflechten selbst gehört seit 2012 zum immateriellen Kulturerbe der Unesco.
Berühmte Panama-Hut-Träger waren übrigens neben Theodore Roosevelt auch John D. Rockefeller, Ernest Hemingway, Winston Churchill, Harry S. Truman, Erich Honecker, David Hilbert und Paul Newman. Hut- und Herrenmode Colling in St. Wendel führen unter anderem Panama-Hüte der deutschen Hutmanufaktur Mayser aus Ulm.
Schülermützen
Heute undenkbar: Von den 1870er-Jahren an bis in die 30er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts war es üblich, dass Schüler (Jungs!) weiterführender Schulen besondere Mützen trugen. Die Mützen gehörten ganz selbstverständlich zum Schulalltag und waren nicht Bestandteil einer speziellen Uniform. Optisch angelehnt waren sie an die Mützen, die junge Männer in Studentenverbindungen trugen. Je nach Klassenstufe hatte die Mütze eine bestimmte Farbe oder ein bestimmtes Mützenband. So war leicht zu erkennen, welche Klasse der Schüler besuchte. Zu Beginn eines neuen Schuljahres mussten Eltern zuerst beim Hutmacher – oder Mützenfabrikant – eine neue Mütze fürs neue Schuljahr kaufen, denn dann war auch eine neue Farbe Pflicht. Folglich waren Sitzenbleiber leider leicht auszumachen, ihre Mütze hatte noch die Farbe vom vorangegangenen Schuljahr.
Solche Schülermützen produzierte auch Karl Colling, der Vater der jetzigen Inhaberin Martina Eckert. Bis 1935 waren Schülermützen auch im Saarland Pflicht. Fünf Mark kostete eine neue Schülermütze.
Berühmter Träger einer Schülermütze ist übrigens der Schauspieler Heinz Rühmann in dem Spielfilm „Die Feuerzangenbowle“ (1944). Rühmann verkörpert den Schüler (Oberprimaner) Hans Pfeiffer, der genau solch eine Mütze trägt. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten waren Schülermützen jedoch in Deutschland schon längst nicht mehr üblich – die Nationalsozialisten hatten die Schülermützen abgeschafft, sie galten als reaktionär.
Was ist ein Kirchenschweizer?
Was im Vatikan die „Schweizer Garde“, kann in einer untergeordneten katholischen Kirche der sogenannte „Kirchenschweizer“ sein. Auch als „Domschweizer“ bekannt, sofern es sich bei der Kirche eben um einen Dom handelt, gehört das Amt sicher zu den inzwischen fast vergessenen Kirchenberufen. Ähnlich wie ein „Hausmeister“ sorgte ein Kirchenschweizer während des Gottesdienstes für Ruhe und Ordnung, achtete auf das Einhalten von Ge- und Verboten, half bei der Platzsuche. Ein Kirchenschweizer trug eine bestimmte Uniform oder eine festliche Robe, zu der eben auch eine Mütze gehörte. In einigen großen Kathedralen und Wallfahrtskirchen tun Kirchenschweizer, meist Männer, bis heute Dienst. Seit 2019 gibt es im Kölner Dom auch Kirchenschweizerinnen.