Eben war Tom Holland noch im antiken Griechenland in „Die Odyssee“ auf der Suche nach seinem Vater Odysseus, bevor er sich in „Spider-Man: Brand New Day“ wieder als Peter Parker durch die Straßenschluchten von New York City hangelte. Ein Spagat, den der britische Schauspieler mit Bravour meistert.
Er fliegt wie ein junger Gott an seinen superelastischen Spinnenfäden über die Straßen von New York City hin und her, hangelt sich frei und anmutig von Wolkenkratzer zu Wolkenkratzer, fängt im Handumdrehen Gangster und Ganoven, rettet unschuldigen Passanten das Leben und macht schrecklichen Monstern den Gar-
aus. Tom Holland hat Spider-Man mit seiner Interpretation eine neue, mitreißende Identität gegeben. Und auch wenn er nicht als Spidey durch die Lüfte fliegt, sondern Peter Parker ist, spielt er den typisch amerikanischen „boy next door“, den Jungen von nebenan, mit unverbrauchter Frische und jeder Menge Charme.
Als man in Hollywood vor gut zehn Jahren händeringend einen Schauspieler suchte, der in der Marvel-Comic-Verfilmung „The First Avenger: Civil War“ die Rolle des Peter Parker alias Spider-Man übernehmen könnte, ließ man weltweit 1.500 Teenager zum Casting antreten. Einer davon war der britische Schauspieler Tom Holland. Er bekam schließlich die Rolle – dank seiner jugendlichen Ausstrahlung und seiner athletischen Agilität. Spider-Man-Erfinder Stan Lee war von der Wahl von Tom Holland begeistert: „Tom hat die genau richtige Größe und das exakt richtige Alter. Genau so habe ich mir immer Spider-Man/Peter Parker vorgestellt.“
Als Kind als Tänzer entdeckt
Tom Holland wurde am 1. Juni 1996 in Kingston upon Thames, in der Nähe von London, geboren. Er ist der älteste von vier Söhnen. Schon während der Schulzeit war er ein leidenschaftlicher Tänzer und wurde mit neun Jahren beim Auftritt eines Tanz-Festivals von einer Choreografin entdeckt. Sie verschaffte ihm 2006 eine Rolle in „Billy Elliot the Musical“, das im Londoner West End aufgeführt wurde. Bereits im selben Jahr verkörperte er dann die Hauptrolle. Holland absolvierte danach ein zweijähriges Training in Ballett- und Stepptanz sowie in Akrobatik. Bis heute hält er sich durch eine Kombination aus gesunder Ernährung, regelmäßiger Gymnastik plus Zirkel- und Krafttraining fit.
Tom Holland hatte eigentlich einen ziemlich unkonventionellen Karrierestart. „Als Kind hatte ich nicht diesen Traum, Schauspieler zu werden; es war nicht meine Passion, so wie bei vielen. Es ist einfach passiert. Ich hatte keine Eltern, die mich da hineindrängen wollten, ihnen waren meine Schulnoten wichtiger, als dass ich große Filme drehe. Deswegen fühlt sich das jetzt auch alles wie eine große Ehre an“, verriet er kürzlich dem Magazin „Esquire“.
Ins Filmbusiness ist er dann schließlich als Filmsohn von Naomi Watts und Ewan McGregor in dem Tsunami-Katastrophen-Film „The Impossible“ (2012) eingestiegen. Und bekam sofort gute Kritiken: Die „New York Times“ nannte Holland „einen ausgezeichneten jungen Schauspieler“. Außerdem wurde er für seine Rolle mit dem London Film Critic Award als Young British Performer of the Year ausgezeichnet. Danach spielte er in einigen Kinofilmen mit und in der hochgelobten britischen Historien-Serie „Wölfe“ (2015), wo er den Sohn von Thomas Cromwell spielte. Anschließend öffnete das Marvel-Universum für Tom Holland die Pforten.
Sein Gastauftritt als Spider-Man in „The First Avenger: Civil War“ (2016) erntete großen Beifall und hinterließ in Hollywood einen starken Eindruck. So hatte Tom Holland schon im Jahr darauf in dem Marvel-Fantasy-Film „Spider-Man: Homecoming“ seinen ersten glanzvollen Soloauftritt als Spidey. Es folgten weitere Filme, in denen er den Spider-Man zu seiner Paraderolle machte, darunter zwei „Avengers“-Movies und weitere Solo-Auftritte, bis hin zu seinem vierten „Spider-Man“-Film „Brand New Day“. In seinem neuesten Abenteuer muss er nicht nur gegen die üblichen Gangster antreten, sondern es gibt auch ein Wiedersehen mit Hulk, den man bekanntlich besser nicht reizen sollte, und dem Superschurken Scorpion. Auch diesmal hat sich Tom Holland bei den Dreharbeiten wieder voll ins Zeug gelegt und viele Stunts selbst gemacht. Bei einem Stunt stürzte er ab und zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Er kam für kurze Zeit ins Krankenhaus, danach wurden die Dreharbeiten aber wieder fortgesetzt. Holland outete sich kürzlich auch als großer Spider-Man-Fan: „Ich habe als Teenager so an die 30 Spider-Man-Kostüme gehabt. Außerdem Bett- und Kopfkissenbezüge.“
Als Spider-Man zum Superstar
Die Rolle des Spider-Man bescherte Tom Holland nicht nur den internationalen Durchbruch im Filmbusiness, er wurde auch – wie kein anderer – in Hollywood als neuer Superstar hofiert. Kein Wunder bei den astronomischen Gewinnen, die seine Filme an der Kinokasse machen. So spielte zum Beispiel „Spider-Man: Far from Home“ (2019) über 1,3 Milliarden Dollar ein. Und die dritte Verfilmung, „Spider-Man: No Way Home“ – ein Crossover aller Spider-Man-Filme, mit unter anderem dem früheren Spider-Man-Titelhelden Andrew Garfield – gehört mit fast zwei Milliarden Dollar zu den zehn erfolgreichsten Filmen aller Zeiten. Tom Holland verkörpert Spider-Man mit jeder Faser seines Körpers und es stimmt schon, wenn die britische Tageszeitung „The Times“ schwärmt: „Wenn er sein Spinnennetz wirft, fängt er garantiert jedes Zuschauerherz ein!“
Bei so viel Spidey-Hype hatte es Tom Holland sicher nicht leicht, auch in anderen Rollen sein Talent zu zeigen. „Eigentlich war es mir schon immer sehr wichtig, so viele unterschiedliche Rollen wie möglich zu spielen und dabei ganz andere Schauspieler-Muskeln zu trainieren“, meinte er erst kürzlich. So übernahm er 2020 in dem psychologischen Thriller „The Devil All the Time“ (2020) die Hauptrolle eines vom rechten Weg abgekommenen tragischen Heranwachsenden. Und spielte, neben Mark Wahlberg und Antonio Banderas, in dem Abenteuer-Film „Uncharted“ (2022) einen jungen Schatzsucher. Hervorzuheben ist die Mini-Serie „The Crowded Room“ (2023), in der er als Danny Sullivan nach einer Schießerei von einer Psychologin, gespielt von Amanda Seyfried, zum Tathergang interviewt wird. Sie bringt schließlich Licht in Dannys dunkle Vergangenheit, die ihn zu einer schrecklichen Tat verleitet hat. Holland sagte, diese Rolle habe ihn seelisch so sehr mitgenommen, dass er ein ganzes Jahr brauchte, um sich davon zu erholen. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Tom Holland eine Zeit lang stark alkoholabhängig war. „Ich habe nach einer sehr alkoholisierten Weihnachtszeit 2021 realisiert, dass ich wohl ein Sklave des Alkohols geworden war. Ich konnte ohne Alkohol in Gesellschaft nicht mehr locker sein und mich unbefangen unterhalten. Also habe ich beschlossen, es einmal mit einem ‚trockenen Januar‘ zu versuchen. Doch alles, was ich währenddessen denken konnte, war, wie ich an meinen nächsten Drink komme. Das war ein echter Schock für mich. Also habe ich einen Schlussstrich gezogen und aufgehört, Alkohol zu trinken. Schon nach ein paar Tagen fühlte ich mich fitter, gesünder und viel klarer im Kopf. Außerdem kann ich seitdem auch viel besser mit den Anforderungen umgehen, die das Leben an mich stellt.“
Auch auf die Theaterbühne kehrte Tom Holland erfolgreich zurück. Im Londoner West End übernahm er 2024 die Titelrolle in Shakespeares „Romeo & Julia“ und feierte damit ein viel beachtetes Bühnen-Comeback. Die Kritiker lobten vor allem seine intensive und emotionale Darstellung des jungen Liebhabers. Für Holland schloss sich damit auch ein Kreis, schließlich hatte seine Karriere einst mit „Billy Elliot the Musical“ auf der Theaterbühne begonnen.
„Erfolg ist flüchtig“
Und noch eine gute Nachricht gibt es zu vermelden: Tom Holland und Zendaya, die sich 2016 bei den Dreharbeiten zu „Spider-Man: Homecoming“ kennenlernten, haben dieses Jahr im Juni geheiratet. Die amerikanische Schauspielerin spielte unter anderem auch in allen bisherigen „Spider-Man“-Filmen mit. Und sie ist ebenfalls in Christopher Nolans Monumentalepos „Die Odyssee“ als Göttin Athene mit dabei. Ebenso wie Tom Holland, der Telemachos, den Sohn von Odysseus und Penelope, spielt und sich erfolglos auf die Suche nach seinem verschollenen Vater macht. Für Tom Holland waren die Dreharbeiten die beste Erfahrung, die er bis jetzt als Schauspieler machen durfte: „Ich bin so stolz darauf, ein Teil dieses großen Abenteuers zu sein.“ Tom Holland legt nach wie vor sehr viel Wert auf sein Privatleben und hat keine Lust, bei Interviews darauf einzugehen. Nur gelegentlich lässt er etwas durchsickern, wie zum Beispiel, dass er ab und zu schlafwandelt und Albträume hat, dass Paparazzi in seinem Schlafzimmer wären. Außerdem gab er zu, dass er an ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) leidet und an Dyslexie. Zu Hollands großen Leidenschaften gehört außerdem das Golfspielen, das gleichzeitig eine Auszeit vom Hollywood-Trubel ist. Wann immer es sein Drehplan zulässt, steht er auf dem Golfplatz, und das mit beachtlichem Erfolg: Sein Handicap liegt im niedrigen einstelligen Bereich.
Dass er in der Öffentlichkeit ansonsten eher scheu ist und sich meist lieber zurückhält, konnte man schon bei diversen Promotion-Auftritten auf dem roten Teppich beobachten. Dabei ist er bei aller Unverbindlichkeit immer charmant, stets zuvorkommend und oft auch sehr witzig. Trotz des Star-Ruhms und trotz seines immensen Reichtums ist er nie abgehoben. „Mir sind persönliche Beziehungen viel wichtiger als Erfolg, der doch bekanntlich sehr flüchtig sein kann. Mir sind meine Familie, meine Freunde, meine Brüder und natürlich meine Frau das Wichtigste im Leben. Sie geben mir Rückhalt, Kraft und vor allem ihre Liebe. Ich habe auch Freundschaften, die schon sehr viel länger bestehen, als ich berühmt bin. Ich lebe ganz einfach sehr nach den Werten, die mir von meinen Eltern mit auf den Weg gegeben wurden.“ Und mit einem Lachen meint er noch: „Damit fahre ich übrigens sehr gut!“