Christopher Trimmel und Union Berlin: eine absolute Erfolgsgeschichte. Und sie bekommt ein neues Kapitel. Die Art der Vertragsverlängerung und auch der frühe Zeitpunkt zeigen den Stellenwert des Kapitäns.
Eine Überraschung war das nicht. Christopher Trimmel wurde beim Festakt zum 60. Geburtstag des 1. FC Union Berlin von den Fans in die sogenannte „Legenden-Elf“ des Clubs gewählt. In der imaginären Vierer-Abwehrkette findet der Österreicher als bester Rechtsverteidiger der bisherigen Vereinsgeschichte seinen Platz. So weit, so erwartbar. Aber dann überraschte Union bei der Feier in einem Zelt vor der Alten Försterei die rund 4.000 anwesenden Fans doch noch: Trimmel verlängerte vor Ort seinen am Saisonende auslaufenden Vertrag. Er unterschrieb, genau wie Club-Präsident Dirk Zingler, unter dem Jubel der Anhänger den neuen Kontrakt. „Normalerweise ist das ja die Aufgabe von Horst Heldt“, sagte Zingler lächelnd, „aber ich habe gesagt, bei Spielern, die mehr als zehn Jahre bei uns sind, übernehme ich das.“
Zwölfte Saison bei Union
Trimmel geht ab Sommer sogar in seine zwölfte Saison bei den Eisernen. „Trimmel macht das Dutzend voll“, schrieb der Club auf seiner Internetseite. Der frühe Zeitpunkt der Entscheidung überrascht, in den Jahren zuvor gaben Club und Spieler die Verlängerung stets deutlich später im Saisonverlauf bekannt. Doch angesichts der Formstärke des Außenverteidigers, der am 24. Februar seinen 39. Geburtstag feiert, wollten beide Parteien nicht länger warten. Und den Fans anlässlich des Club-Geburtstags ein passendes Geschenk machen. Die Verkündung in diesem besonderen Rahmen sei für ihn „sehr emotional“, gab der Routinier zu: „Für mich persönlich ist es außergewöhnlich. Am Ende habe ich die Veröffentlichung der Verlängerung meines Vertrages immer auf die Seite des Vereins gelegt. Als ich gehört habe, dass es bei der Geburtstagsfeier stattfindet, ist es eine Ehre.“
Im anschließenden Heimspiel gegen Borussia Dortmund wurde Trimmel noch mal für seine Treue gefeiert. Bei der 0:3-Heimniederlage wurde der Österreicher zwar nur kurz vor dem Schlusspfiff eingewechselt, doch insgesamt kommt er in der laufenden Saison auf eine beachtliche Spielzeit. In den 19 Ligaspielen stand er 13-mal in der Startelf, und nur bei seiner Gelbsperre im November gegen den FC Bayern und beim Duell mit dem VfB Stuttgart kam er nicht zum Einsatz. Keine Zweifel: Trimmel ist nach wie vor wichtig bei Union. „Es macht keinen Sinn, jetzt schon über das Karriereende zu sprechen, weil ich fühle es körperlich und mental nicht“, sagt er selbst. Läuft es für ihn so weiter, ist er vielleicht bald Rekordspieler des Clubs. Die Partie am Samstag (31. Januar) bei Champions-League-Anwärter TSG Hoffenheim wird – sofern er eingesetzt wird – sein 380. Pflichtspiel im Union-Trikot sein. Der aktuelle Rekordinhaber heißt Lutz Hendel und kommt auf 421 Spiele. Diese Marke ist bis Sommer 2027 erreichbar, Trimmel wäre dann 40 Jahre alt.
„Das ist und war mir nie wichtig“, sagte Trimmel über mögliche Rekorde für die Geschichtsbücher: „Die Zahl, die ich bis jetzt habe, ist eine schöne Zahl, denn am Ende bedeutet es auch, dass ich eigentlich fast immer fit geblieben bin und Leistung gebracht habe.“ So auch in dieser Saison. Auch dank seiner regelmäßigen Einsätze auf dem Spielfeld hat sein Wort als Kapitän in der Kabine weiterhin Gewicht, was Trainer Steffen Baumgart sehr zu schätzen weiß. Auch er setzt – wie seine Vorgänger auch – auf die natürliche Autorität des Sympathieträgers. „Wir freuen uns alle, nicht nur hinsichtlich seiner vergangenen Leistungen, sondern aufgrund seiner Persönlichkeit auch als Kapitän, dass er bei uns bleibt“, sagt Baumgart. Der Coach weiß: So lange Trimmel das Sagen hat, dürfte kein Schlendrian ins Team einziehen. Dafür sind der Kapitän und auch dessen Stellvertreter Rani Khedira zu bodenständig, zu erfahren.
„Wir werden jetzt ackern, bis wir den Klassenerhalt sicher erreicht haben“, antwortete Trimmel jüngst auf die Frage, ob die Spieler angesichts des knappen Rückstandes auf die Europacup-Plätze nach oben schielen würden. „Und was danach kommt, wenn es so kommt, dann wird der Trainer der Erste sein, der neue Ziele definiert“, ergänzte er und fügte an: „Aber wir werden es nicht anders handhaben.“ Denn als erfahrener Führungsspieler weiß Trimmel, dass der aktuelle Tabellen-Mittelfeldplatz einen auch in trügerischer Sicherheit wähnen kann. Sein Erfolgs-Credo wird Trimmel nach all den Jahren nicht mehr ablegen. „Auch wenn es sich platt anhört: harte Arbeit“, sagte er einmal in einem Interview über die wichtigste Basic, die Union Berlin ausmachen müsste: „Wir laufen in fast jedem Spiel mehr als der Gegner, wenden unheimlich viel auf – das müssen wir auch.“ Denn nur bei einem Spiel am Leistungslimit sei man in der Lage, ein Bundesligaspiel zu gewinnen. Die B-Note sei dabei zweitrangig. „Natürlich wollen wir guten Fußball spielen, das geht aber nicht ohne Willen und Leidenschaft.“
Ein Ausgleich zum Fußball
Und diese Eigenschaften verkörpert Trimmel wie vielleicht kein Zweiter bei Union. Trotz seiner inzwischen 38 Jahre geht er voran, er ist sich für keinen Sprint zu schade und zieht sich aus keinem Zweikampf zurück. Woher kommt diese Fitness im Alter? „Es gibt kein Geheimrezept“, antwortet Trimmel, der dann aber doch einen Grund nennt: „Es gibt den einen Fakt, dass ich sehr spät Profi geworden bin. Ich habe erst mit 22 oder 23 jeden Tag auf dem Platz gestanden, andere machen das ja schon mit 16. So ein Körper hat eben auch Verschleiß.“ Er war nie in einem Nachwuchsleistungszentrum, seine Jugendzeit war nicht von der Hoffnung auf den Profifußball bestimmt. „Ich habe als Praktikant auf dem Bau gesehen, wie Leute ranklotzen müssen und was sie leisten können.“ Er selbst habe von sieben bis 16 Uhr gearbeitet und danach dreimal die Woche für einen Landesliga-Club trainiert.
Außerdem achtet der Profi darauf, dass er einen Ausgleich zum Fußball hat. So wie seine Leidenschaft fürs Tätowieren. Das schafft eine wohltuende Distanz zum Profigeschäft, mit der Trimmel auch heute noch reichlich Sympathiepunkte sammelt. „Er hat sportlich Verantwortung übernommen, ist als Kapitän vorangegangen und hat sich dabei stets mit dem Verein identifiziert“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt über den Publikumsliebling. Die erneute Vertragsverlängerung sei daher auch „ein Ausdruck von Vertrauen und Wertschätzung sowie ein wichtiges Zeichen für Kontinuität innerhalb unserer Mannschaft“. Und wenn einer „Mister Kontinuität“ bei Union ist, dann Christopher Trimmel. Selbst nach der Saison 2026/27 muss es nicht zwingend den Rücktritt des Österreichers geben. „Man weiß nicht, wie es sportlich läuft“, sagt er dazu: „Vielleicht brauchen sie mich dann, vielleicht bin ich noch fit und spiele ähnlich viel wie jetzt.“
Klar ist, dass Trimmel kein Gnadenbrot von Union will. Er glaubt, dass er dem Team immer noch helfen kann – und das beweist er Woche für Woche auf dem Rasen. Dass ihm intern so viel Vertrauen geschenkt wird und er die Unterstützung der Fans spürt, macht ihn stolz. „Union ist für mich längst mehr als ein Verein, es ist ein Ort geworden, an dem ich mich zu Hause fühle und an dem ich weiterhin alles geben möchte“, sagte er. Hier sei er als Spieler und Mensch gewachsen und sei Teil der Entwicklung des Clubs gewesen, „die so wohl niemand erwartet hätte“.