Als Zehnkampf-Weltmeister wird Leo Neugebauer auch „König der Leichtathleten“ genannt. Der große Erfolg hat bei ihm die Lust auf mehr geweckt.
Ende vergangenen Jahres gab der VfB Stuttgart unmittelbar vor dem Heimspiel gegen den FC Bayern München in der mit 60.000 Fans ausverkauften MHP Arena eine Vertragsverlängerung bekannt. Allerdings nicht mit den Fußballstars Deniz Undav oder Angelo Stiller und auch nicht mit Trainer Sebastian Hoeneß. Stattdessen wurde offiziell verkündet, dass Zehnkampf-Weltmeister Leo Neugebauer auch künftig für die Leichtathletik-Abteilung des Clubs starten wird.
Der große Rahmen dieser Bekanntgabe zeigt, welche Popularität der Weltmeister in Sportdeutschland genießt und wie hoch sein Bekanntheitsgrad mittlerweile ist. Vom Präsidium und dem Vereinsbeirat erhielt der „König der Athleten“ zudem die Verdienstmedaille in Gold mit Rubin, die höchste Auszeichnung des Vereins.
Der EM-Titel fehlt noch
„Es ist für mich etwas ganz Besonderes, weiterhin ein Teil der VfB-Familie zu sein“, sagte Neugebauer. Geboren wurde er zwar im sächsischen Görlitz, aufgewachsen ist er jedoch im schwäbischen Leinfelden-Echterdingen. Bei der dort ansässigen Leichtathletik-Gemeinschaft wurde sein außergewöhnliches Talent schnell deutlich. Mit dem Wechsel 2023 zum VfB Stuttgart profitierte er von den professionellen Strukturen des Vereins. Der VfB sei für ihn aber auch „ein Stück Heimat“ geworden. „Schon jetzt schaue ich mit großer Vorfreude auf die nächsten Highlights im Zehnkampf.“ Das große Highlight dieser Saison sind die Europameisterschaften vom 10. bis zum 16. August im englischen Birmingham. Dort wird Neugebauer als amtierender Weltmeister der Gejagte sein – und darauf ist er vorbereitet. Er will sich der Konkurrenz stellen und seine Vormachtstellung verteidigen.
„Ich habe einige Zehnkämpfe in dieser Saison geplant. Als Nächstes kommt Ratingen, dann die EM in Birmingham und vielleicht zum Saisonabschluss noch Talence“, sagte Neugebauer über seinen groben Jahresfahrplan. Und den geht er mit großer Motivation an. Trotz des WM-Titels im vergangenen Jahr in Tokio bleiben ihm noch einige Ziele. So fehlt ihm beispielsweise noch der EM-Titel in seiner Sammlung. Und 2028 in Los Angeles würde der Zweite der Olympischen Spiele von Paris, der im besten Zehnkampf-Alter ist, gern auch Olympiagold gewinnen. Und dann ist da auch noch der Weltrekord in seiner Sportart: 9.126 Punkte, aufgestellt vom Franzosen Kevin Mayer 2018. Die Experten sind sich einig: Neugebauer hat das Potenzial, all seine Ziele zu erreichen und neue Maßstäbe im Zehnkampf zu setzen. „Ich sollte es vielleicht nicht sagen, aber ‚the sky is the limit‘“, sagte sein Trainer Jim Garnham. „Er kann etwas schaffen, was noch nie zuvor ein anderer geschafft hat.“ Vielleicht noch nicht in Ratingen am 27. und 28. Juni. Doch für den Formaufbau ist das Traditionsmeeting sehr wichtig. Schon zum Saisonauftakt zeigte Neugebauer eine beachtliche Frühform. Beim prestigeträchtigen Zehnkampf-Meeting im österreichischen Götzis wurde er mit 8.730 Punkten Zweiter. Nur wenig fehlte dem 25-Jährigen zu seinem Premierensieg in Österreich. Der Schweizer Simon Ehammer war lediglich um 48 Zähler besser. Bei etwas besseren Leistungen im Diskuswerfen (50,77 Meter) oder im Speerwurf (58,46 Meter) wäre Platz eins durchaus möglich gewesen. Dennoch sprach der deutsche Leichtathletik-Star von einem „coolen Opener“ in die Saison. Zumal er seine vielleicht größten Konkurrenten auf EM-Gold aus nächster Nähe beobachten konnte. Ehammer, der im März in der Halle den 14 Jahre alten Siebenkampf-Weltrekord des Amerikaners Ashton Eaton verbessert hatte, will ihn in Birmingham herausfordern. Und auch Teamkollege Niklas Kaul dürfte im Kampf um den Titel ein Wörtchen mitreden wollen.
Schwerpunkt in den USA
Der ehemalige Weltmeister beendete den ersten Zehnkampf des Jahres in Götzis auf Rang drei mit 8.528 Punkten und hatte dabei nach eigener Aussage „ganz, ganz viel Spaß“. Noch habe er seinem Körper nicht zu hundert Prozent vertrauen können, „aber insgesamt steht am Ende ein 90-Prozent-Zehnkampf, mit dem ich sehr happy bin“, meinte Kaul. Zehnkämpfer und ihre Körper – das ist in der Regel eine Leidensgeschichte mit vielen Kapiteln. Doch Neugebauer, 2,01 Meter groß und 106 Kilogramm schwer, blieb trotz der enormen Anstrengungen bislang von größeren Verletzungssorgen verschont. Nur Zufall ist das nicht. Für ihn habe es „definitiv den höchsten Stellenwert“, verletzungsfrei zu bleiben. Denn nur wer gesund und fit ist, kann gut trainieren und seine Leistungen steigern. Und das ist gerade bei einem Zehnkämpfer, der an zwei aufeinanderfolgenden Tagen sprinten, springen, stoßen, werfen und ausdauernd laufen muss, besonders wichtig. Bei der Belastungs- und Trainingssteuerung, aber auch bei wichtigen Themen wie der Ernährung, wird Neugebauer an der University of Texas von einem professionellen Team betreut. Bereits im Alter von 19 Jahren entschied er sich, seine schwäbische Heimat zu verlassen, um in Austin den Feinschliff zu erhalten.
„Leo, the German“, wie er in den USA genannt wird, studierte dort Wirtschaft und kann noch immer unter optimalen Bedingungen trainieren. Der Hauptunterschied zu Deutschland sei, „dass meine Universität in Texas viel mehr Geld zur Verfügung hat, um in den Sport zu investieren“, erklärte Neugebauer. „Und wenn man so viel mehr Unterstützung hat, macht es einen selbst auch besser und ermöglicht einem, sich mehr um sich selbst zu kümmern. Ich glaube, da fehlt ein monetäres Know-how für die deutsche Förderung.“ Seine deutschen Tugenden hat er jedoch nicht abgelegt – ganz im Gegenteil. Pünktlichkeit ist ihm weiterhin wichtig, auch im Trainingsalltag. Und Disziplin sei für ihn „die Grundbedingung für Erfolg im Sport und Erfolg im Leben“. Da sein Vater Terence Neugebauer aus Kamerun stammt, beschäftigt er sich auch intensiv mit seinen afrikanischen Wurzeln. Schon mehrfach hat er das Heimatland seines Vaters besucht, auch auf der Suche nach der eigenen Identität.
Eine perfekte Mischung
„Das darf man nicht ignorieren“, sagte er. „Die kamerunischen Wurzeln sind da, sie sind in meinen Genen.“ Vater Terence erinnert sich an ein Gespräch mit einem Leichtathletik-Trainer, der auf ihn zugekommen sei und gesagt habe: „Bitte gib ihn mir allein und schick ihn nicht mehr zum Fußball. Ich sehe etwas in diesem Jungen. Er wird in dieser Welt etwas erreichen.“ Und so kam es dann auch. „Das hat allein Leo geschafft“, sagte Terence Neugebauer. „Da war kein Druck von uns, er hat sich selbst nach oben gearbeitet.“ Sein Sohn verriet jedoch, dass seine Eltern zumindest streng gewesen seien. Damals habe er das teilweise als unfair empfunden, inzwischen sei er jedoch heilfroh darüber. Denn: „Die, die coole Eltern hatten und alles machen durften, aus denen wird dann auch eher nichts.“ Doch so reflektiert und selbstbewusst war Leo Neugebauer nicht immer. Bei der WM 2023 in Budapest, als er seine Medaillen-Hoffnungen nach einem missglückten Hürdenlauf begraben musste, konnte er dem Druck nicht standhalten. Zumal kurz zuvor die Beziehung mit seiner langjährigen Freundin zu Ende gegangen war. Um in solchen Stressmomenten besser zurechtzukommen – im Zehnkampf wird dabei gern von der „elften Disziplin“ gesprochen –, hat Neugebauer einige Techniken entwickelt. So hängt er in seiner Wohnung mitunter Karteikarten auf. Darauf stehen Begriffe wie „Meditieren“, „10 Minuten Stretching“ oder „Jazz hören“. Der Ausgleich zur körperlichen und mentalen Belastung ist ihm extrem wichtig. Nur so kann er den Fokus halten. „Er ist bei sich, kein anderer Mensch geworden und nimmt die Einflüsse von außen als Lernprozess mit. Fehler, die er macht, nutzt er zu seinem Vorteil“, sagte der frühere Zehnkämpfer Frank Busemann.
Er nehme bei Neugebauer eine Mischung aus „deutscher Gründlichkeit“ und dem „American Lifestyle“ wahr. „Alles easy, alles gut, wir sehen das Positive und trauen uns etwas zu.“ Das sei im Leistungssport die perfekte Mischung. Allerdings betonte Busemann auch: „Das kann er aber auch nur, weil er so gut ist, wie er ist.“ In der Tat bringt Neugebauer körperlich und mental beste Voraussetzungen für seinen Sport mit. „Man muss bereit sein, Opfer zu bringen“, sagt er selbst. Ohne sich dabei kaputtzumachen. Der Sonnyboy hat für sich eine gute Balance gefunden. Auch die großen Erfolge bei Olympia und bei der Weltmeisterschaft haben daran nichts geändert. Die vielen Auszeichnungen – darunter die Wahl zum Sportler des Jahres oder der Talisman-Preis, verliehen durch Bundeskanzler Friedrich Merz – ebenfalls nicht. „Ich bin immer noch der Alte“, sagte Neugebauer. „Ich versuche einfach, immer ein bisschen besser zu werden und Spaß im Zehnkampf zu haben.“
Seit Juni 2024 hält er mit 8.961 Punkten den deutschen Rekord und dürfte demnächst die magische Marke von 9.000 Punkten angreifen. „Es ist vor allem eine Frage der Konstanz und eben, in jeder Disziplin noch ein bisschen mehr herauszuholen. Dann sind die 9.000 Punkte machbar“, sagte der erste deutsche Olympiamedaillen-Gewinner im Zehnkampf seit Frank Busemann 1996.
Der heutige ARD-Experte ist sich sicher, dass Neugebauer noch einige Meilensteine setzen wird. „Er ist ein Allrounder, der überall noch Potenzial hat. Und das sollte den anderen Angst machen.“ Die deutsche Leichtathletik darf sich also auf weitere Heldentaten ihres Aushängeschildes freuen. Neugebauer ist für den Verband ein Jackpot – nicht nur wegen seiner Erfolge. Auch in der Außendarstellung und beim Glamourfaktor kann der sympathische Athlet punkten. Davon profitiert am Ende auch die an Stars nicht gerade reiche deutsche Leichtathletik. Dass sich auch der VfB Stuttgart im Glanz des „Königs der Athleten“ sonnen möchte, ist dann doch etwas ungewöhnlich. Neugebauer sei ein „hervorragender Botschafter unserer Farben auf der ganzen Welt“, meinte Club-Präsident Dietmar Allgaier.