Der Umbruch beim 1. FCS hat sich auch im Trainerteam vollzogen. Dirk Orlishausen kümmert sich seit der neuen Saison um die Torhüter. Bisher war er bei allen Vereinen ein Dauerbrenner.
Sechs Jahre Erfurt, sieben Jahre Karlsruhe, acht Jahre Rostock. Wenn man Dirk Orlishausens Laufbahn auf einen Begriff herunterbrechen wollte, dann wäre es Beständigkeit. Im Profifußball, in dem Spieler, Trainer und Funktionäre oft im Jahrestakt weiterziehen, ist das fast schon ein Gegenentwurf zum üblichen Lebenslauf. Seit diesem Sommer ist Orlishausen Torwarttrainer des 1. FC Saarbrücken. Und vieles spricht dafür, dass auch das keine bloße Zwischenstation werden soll.
Orlishausen, Jahrgang 1982, stammt aus Sömmerda in Thüringen. Seine Karriere führte ihn über den Amateurfußball zu Rot-Weiß Erfurt und später zum Karlsruher SC. In Rostock begann nach einem Jahr als Stand-by-Profi die zweite Karriere: Aus dem Torwart wurde ein Ausbilder, aus demjenigen, der Fehler selbst ausbaden musste, einer, der heute anderen erklärt, wie man mit Fehlern umgeht.
Kein Platz für viel Sentimentalität
Dass er dabei selten hektisch wird, hat viel mit dem Weg vor dem Profifußball zu tun. Orlishausen machte eine Berufsausbildung zum Fahrzeuglackierer, arbeitete zeitweise im Schichtsystem in einer Produktionsfirma. Schule, Ausbildung, Arbeit, Arbeitslosigkeit, wieder Arbeit. Keine Fußballblase, sondern ein Alltag, der ihn, wie er sagt, geerdet und demütig gemacht habe. „Das ist jetzt mein Job, dem habe ich mich verpflichtet, den will ich tun“, beschreibt er seine Haltung. Auch dann, wenn ein Jahr schlecht läuft. Auch deswegen ist er überall lange geblieben. „Wenn ich einen Vertrag habe, dann erfülle ich ihn in aller Regel.“
Orlishausen vergleicht den Profisport an manchen Stellen mit einer normalen Arbeitswelt. Auch dort gebe es gute und schlechte Jahre, Veränderungen, neue Chefs, neue Strukturen. Für ihn ist das zunächst kein Drama. „Ich bin relativ frei von großen Gedanken“, sagt er: „Ein Vertrag ist ein Vertrag, ein Arbeitgeber ein Arbeitgeber. Wenn ein Verein irgendwann einen neuen Impuls setzen will, gehört das zum Geschäft.“
So endeten 2026 auch seine acht Jahre bei Hansa Rostock, obwohl der Vertrag noch ein Jahr lief: „Der Verein hatte andere Pläne. Das ist so. Fertig“, sagt er lapidar. Die Zeit an der Ostsee hatte ihn geprägt. Gerne erzählt Orlishausen von der Größe des Clubs, seiner Strahlkraft und der besonderen Fanbasis. Hansa war für ihn weit mehr als eine Station im Lebenslauf. „Man hat es in der Corona-Zeit gemerkt, als es um Spenden ging. Die Leute geben sprichwörtlich ihr letztes Hemd für den Club.“
Trotzdem fiel der Schritt nach Saarbrücken relativ leicht. Mit Sportvorstand Markus Thiele kannte er einen alten Weggefährten aus Rostocker Zeiten. Auch aus dem Trainerumfeld gab es vertraute Stimmen. Cheftrainer Argirios Giannikis und Co Gaëtan Krebs kannte er von gemeinsamen KSC-Zeiten. Orlishausen hörte sich um, fragte frühere Mitspieler wie Bjarne Thoelke nach ihrer Meinung. Die Reaktion war eindeutig. „Niemals habe ich gehört: ‚Lass die Finger davon.‘“ Im Gegenteil. Der Verein sei dabei, sich neu aufzustellen, Strukturen zu verändern und sportlich einen neuen Anlauf zu nehmen. Für Orlishausen passte das.
Vielleicht auch deshalb, weil Saarbrücken in manchen Punkten Erinnerungen an Rostock weckt: Traditionsverein, große Anhängerschaft, hohe Erwartungshaltung. Orlishausen kennt solche Clubs. Er weiß, wie wichtig dort Ruhe ist. Gerade für Torhüter.
Torwartspiel hat sich verändert
Seine Art zu arbeiten ist entsprechend unaufgeregt. Orlishausen zerlegt keinen jungen Keeper nach einem Fehler öffentlich. Die neue Nummer eins Matteo Bignetti hat er gescoutet. „Er ist ein großes Talent und schon ein richtig guter Torwart. Aber er ist jung, er wird auch Fehler machen“, sagt er und spielt auf die verpatzte Generalprobe gegen Thionville an, als Bignetti ein Tor verschuldete. „Der Fehler hatte Ursachen, den Außenstehende nicht erkennen. Das muss man intern aufarbeiten und dann geht es weiter. Die Zeiten haben sich geändert. Früher wurde Orlishausen vom Co-Trainer warm geschossen, eigene Torwart-Trainer gab es erst später. „Heute kommen die Jungs aus den NLZ und können eigentlich alles. Aber sie werden auch in einer Blase groß. Vielleicht waren die Torleute früher belastbarer“, gibt er zu bedenken.
„Du brauchst ein brutal sicheres Nervenkostüm“, führt Orlishausen weiter aus. Deshalb interessiert ihn bei jungen Torhütern nicht nur, ob einer spektakulär fliegt. Ihn interessiert, wie einer eine Situation liest. Wie er steht. Wie er kommuniziert. Ob er einen Pass fordert. Hinzu kommt die Persönlichkeit. Orlishausen hält wenig davon, Torhüter in ein Schema zu pressen. Der eine ist laut, der andere ruhig. Seine eigene Karriere habe ihm gezeigt, dass man Menschen nicht beliebig verändern könne. „Aus einem introvertierten Keeper wird nicht über Nacht ein Oliver Kahn. Entscheidend ist, die Persönlichkeit weiterzuentwickeln, nicht sie umzubauen“, sagt er.
Das ist auch der Ansatz beim 1. FC Saarbrücken. Der Verein hat sich bewusst dafür entschieden, auch im Torbereich neue Wege zu gehen und jüngeren Spielern Verantwortung zu übertragen. Orlishausen weiß, was das bedeutet. Der FCS ist mit zwei Siegen in die neue Saison gestartet. Bignetti hat gut gehalten. „Man muss einkalkulieren, dass es auch zehn Wochen dauert. Der gute Start macht vieles leichter, aber es werden auch Rückschläge kommen“, sagt er.
Am dritten Spieltag kommt nun Hansa Rostock in den Ludwigspark. Der Verein, der für ihn zur zweiten Heimat wurde. „Ich bin da recht kalt. Saarbrücken ist jetzt mein Arbeitgeber, ich will, dass wir dieses Spiel gewinnen. Natürlich freue ich mich, alte Bekannte zu treffen. Aber das ist nebensächlich.“ Anpassungsprobleme kennt der Modellathlet, der auch eine Ausbildung zum Fitness-Coach absolviert hat, nicht. Mit Ehefrau Monique und der gemeinsamen Tochter hat er schon eine Bleibe im Saarland gefunden. „Es war schon ein Wunsch, dass wir wieder Richtung Süden kommen“, erklärt er. Seit seiner Zeit beim KSC besitzt das Ehepaar ein Haus in Baden. „Hier ist es deutlich wärmer als in Rostock“, sagt er und lacht. Dirk Orlishausen ist angekommen. Vermutlich wird er länger bleiben.