Fehlender Dünger könnten die Lebensmittelproduktion weltweit unter Druck setzen. In Deutschland gäbe es keinerlei Schwierigkeiten, beruhigt der Industrieverband Agrar. Die UN warnt vor den Auswirkungen.
Der Irankrieg sendet seine wirtschaftlichen Schockwellen über die Welt: Gas, Öl und alle ihre nachfolgenden Produkte werden teurer. Das schließt auch Strom und Lebensmittel aus dem Supermarkt mit ein, sofern der Irankrieg länger anhält. Aus Erdgas entstehen in chemischen Prozessen zahlreiche weitere Produkte, darunter Ammoniak und daraus wiederum Harnstoff, ein Vorprodukt von stickstoffreichen Düngern; bereits im Februar stiegen die Preise für Dünger nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 4,2 Prozent; China, einer der weltweit größten Düngemittelhersteller, schränkt seine Ausfuhr bereits ein und treibt damit die Preise weiter. Somit steigen die Kosten für die Landwirtschaft, die Agrarindustrie und letztlich auch an der Supermarktkasse für den Verbraucher – nicht nur, weil der Lebensmitteltransport per Lkw wegen der immens steigenden Ölpreise teurer wird, sondern auch, weil der weltweite Nachschub an Düngemitteln zu gut einem Drittel durch die Straße von Hormus führte.
Fabriken stellen Düngerproduktion ein
Dabei sind es nicht nur iranische Drohnen und Minen, die den Schiffsverkehr dort zum Stillstand haben kommen lassen, sondern auch die Versicherungssummen für Transporte durch den Persischen Golf. Zwar haben die Vereinigten Staaten 20 Milliarden Dollar an Rückversicherungen bereitgestellt, um Schiffe auf dieser Passage zu versichern. Doch geht es hierbei weniger um finanzielle Verluste als zunächst um die physische Unversehrtheit von Mannschaft und Schiffen – vom möglichen Verlust der Ladung einmal abgesehen. Gebraucht werden die Lieferungen aus Nahost vor allem auf der Südhalbkugel. Mittlerweile hat sogar Chinas Erzrivale Indien die Volksrepublik offiziell um Lieferungen von Harnstoff gebeten.
Weil Vorprodukte fehlen, stellen auch immer mehr Düngemittelfabriken außerhalb der Golfregion, beispielsweise in Bangladesch, ihre Produktion ein. Laut dem US-amerikanischen Think-Tank Carnegie Endowement for Peace fehlt es jedoch nicht nur an Ammoniak oder Harnstoff, sondern auch an Phosphor, einem weiteren Dünger: 20 Prozent des weltweiten Bedarfs an Phosphatdüngern wird in der Golfregion hergestellt. Drittens mangelt es an Schwefel, ein Nebenprodukt der Erdöl- und Erdgasförderung, der in der Düngerherstellung als Schwefelsäure eingesetzt wird.
Die globalen Schockwellen rund um Düngemittel sind in Konturen bereits erkennbar. Zwar wird die Hälfte des weltweit notwendigen Düngers für die Landwirtschaft gar nicht frei gehandelt, sondern von Herstellerländern wie USA, selbst Nettoexporteur von Öl und Erdgas, oder China selbst verbraucht. Trotzdem macht sich das Fehlen so großer Mengen der global frei gehandelten restlichen Hälfte deutlich in den weltweiten Marktpreisen für Dünger und seinen Vor- und Nebenprodukte bemerkbar: Die Preise für Harnstoff etwa sind im Vergleich zum Vorjahr um fast 70 Prozent gestiegen.
Der Kriegsbeginn im Iran und die Aussaatsaison auf der Nordhalbkugel fallen zeitlich zusammen. Die Kriegsfolgen kommen damit zu einem der ungünstigsten Zeitpunkte des Jahres: In der Landwirtschaft wären diplomatische Durchbrüche irgendwann im April oder später irrelevant, wenn am 1. April die Aussaat beginnt und nicht genügend oder nur zu teurer Dünger vorhanden ist. Beides wirkt sich auf die Ertragsrechnung der Landwirte aus, verteuert die Produktion. Nicht sofort, aber in einem halben oder einem Jahr könnte dies auf der Supermarktrechnung abzulesen sein, auch in Europa.
Was passiert, wurde zuletzt 2022 deutlich: Weil die Düngemittel aus Russland – dem drittgrößten Düngerhersteller der Welt – infolge des Ukrainekrieges ausblieben und gleichzeitig die Benzinpreise stiegen, stiegen weltweit die Nahrungsmittelpreise und setzten vor allem ärmere Länder unter massiven Druck. Die Welternährungs- und -landwirtschaftsorganisation FAO bildet dies in einem Weltpreisindex für Nahrungsmittel ab. Dieser steigt gerade zum ersten Mal seit fünf Monaten vor allem für Getreide, Fleisch und Pflanzenöle.
Russland profitiert von hohen Marktpreisen
Trotz der Kriegshandlungen im Nahen Osten mit ihren globalen Auswirkungen bestehen jedoch in der aktuellen Saison noch keine Probleme bei der Versorgung der deutschen Landwirtschaft mit Mineraldüngern, so die Einschätzung des Industrieverbands Agrar, der die Interessen der deutschen Produzenten von Mineraldüngern vertritt. Bislang sind erste Auswirkungen auf die Preisentwicklung zwar spürbar, aber von Preisspitzen wie nach Russlands Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren ist der Markt noch weit entfernt. „Wir teilen die Sorge der Landwirtschaft, dass steigende Energiekosten Einfluss auf die Preisentwicklung haben können. Garant für die Versorgungssicherheit der heimischen Landwirtschaft mit Mineraldüngern ist aber vor allem eine leistungsfähige inländische Düngemittel-Produktion. Die deutschen Hersteller allein können 75 Prozent des Bedarfs hierzulande mit ihren Anlagen decken“, erklärt Dr. Theresa Krato, Leiterin des Fachgebiets Pflanzenernährung und Biostimulanzien im IVA.
Dazu benötigt werden jedoch große Mengen an nun immer teurerem Erdgas. Die Folge: Die Düngerimporte steigen trotz Zöllen auf russische Importe. Die meisten Landwirte haben sich jedoch in der Regel bereits im vergangenen Herbst mit Düngemitteln eingedeckt. Der Preis für Lebensmittel, die mit teurerem Dünger herangezogen wurden, dürfte also eher mittelfristig steigen. Erneut mit erheblichen finanziellen und sozialen Folgen für Länder der Südhalbkugel, in denen eine Lebensmittelknappheit droht. Und dieses Mal ist USAID, eine der größten und bestvernetzten Hilfsorganisationen in solchen Fällen, nicht mehr zur Stelle. US-Multimilliardär Elon Musk hat sie während seines rücksichtslosen Feldzuges gegen Washingtons Institutionen zerschlagen. So warnt UN-Nothilfekoordinator Tom Fletcher vor den Folgen des Iran-Kriegs für dringend hilfsbedürftige Menschen. „Die Auswirkungen auf unsere lebensrettende humanitäre Arbeit werden immens sein. Millionen Menschen sind in Gefahr.“