Mit 160 Buchveröffentlichungen gilt James Krüss als einer der bedeutendsten deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren der Nachkriegszeit. Der vor 100 Jahren auf Helgoland geborene und auf Gran Canaria verstorbene Schriftsteller blieb – mit wenigen Ausnahmen – zeitlebens ein Inselmensch.
Auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Karriere wurde James Krüss 1968 mit dem nach dem bekanntesten dänischen Dichter benannten Hans-Christian-Andersen-Preis für sein Gesamtwerk geehrt. Damit wurde er quasi offiziell in den Olymp seines Literaturgenres erhoben, weil der Preis als wichtigste internationale Auszeichnung für Kinder- und Jugendbuchautoren gilt und daher häufig auch als „kleiner Nobelpreis“ bezeichnet wird. Zu diesem Zeitpunkt hatte Krüss seinem Heimatland schon seit zwei Jahren den Rücken gekehrt. Zum einen, weil er mit dem zunehmend hektisch-geschäftsmäßigen Alltagsleben in der Bundesrepublik immer weniger zurechtkam, und zum anderen, weil er sich auch wegen seiner hierzulande damals noch nicht legalisierten Homosexualität wohl in etwas sicherere Gefilde absetzen wollte.
Für den am 31. Mai 1926 als James Jacob Hinrich Krüss auf Helgoland geborenen Bestsellerautor kam nur eine Insel als neue Wahlheimat infrage: „Ich bin gelernter Insulaner, von 0 bis 16. Und irgendwann, als ich in München lebte, schwor ich mir, ich will wieder Insulaner werden. Aber auf einer Insel, die wärmer ist als Helgoland.“ Dass dabei seine Wahl ausgerechnet auf die Kanarischen Inseln fiel, die er als Vielreisender erstmals 1964 bei einem Aufenthalt in Teneriffa kennenlernte, war mehr oder weniger einem Zufall zu verdanken. Bei seinem zweiten Kanaren-Besuch ein Jahr später war er in einer lokalen Bücherei auf Immobilienangebote gestoßen. Daraufhin erwarb er „auf afrikanischem Grund“ ein idyllisch in den Bergen nahe der Hauptstadt Las Palmas gelegenes Anwesen, wo er fortan an der Seite des Tänzers Darío Pérez bis zu seinem Tod am 2. August 1997 im Alter von 71 Jahren ein unbeschwertes Leben führte. Die Trauerfeier fand auf Helgoland statt, wo seine Asche am 27. September 1997 dem Meer vor seinem geliebten Eiland übergeben wurde.
Der Durchbruch gelang in München
In der Helgoländer Familie Krüss war man beruflich traditionell in der (Hummer-)Fischerei und Schifffahrt tätig. Als Elektriker war da schon Vater Ludwig Krüss ein Exot gewesen. Dass sich sein Filius mal der Schriftstellerei verschreiben und damit zum berühmtesten Sohn Helgolands aufsteigen würde, war alles andere als absehbar. Der junge James wuchs mit seinen drei Geschwistern zunächst nur mit dem Friesischen als Muttersprache auf und lernte erst in der Schule das Hochdeutsche. Er galt aber als ungewöhnlich wissbegieriges und geradezu lesesüchtiges Kind. Nach eigenen Angaben hatte er in der prägenden und überschaubaren Inselgemeinschaft vor allem drei Talente kultivieren können: die Kunst des Zuhörens und die des Erzählens sowie die Gabe der Fantasie.
Sein erstes Gedicht in friesischer Sprache verfasste er bereits im zarten Alter von gerade einmal fünf Jahren. Aus Protest gegen einen die Kinder ständig an den Ohren ziehenden Lehrer initiierte der Zehnjährige eine Schülerzeitung mit dem Titel „Die Kneifzange“. Nach Abschluss der Mittelschule und einem Latein-Crashkurs beim örtlichen Pfarrer musste James Krüss die Insel verlassen: Aufgrund der zunehmenden alliierten Bombenangriffe auf Helgoland wurde er aufs Festland evakuiert – zuerst nach Arnstadt in Thüringen, später ins sächsische Hertigswalde. Eigentlich wollte er das Abitur an einer höheren Schule ablegen, doch dafür fehlte den Eltern das nötige Geld. Weshalb er sich nach eigenen Worten „von Hitler bezahlen lassen“ musste und eine Ausbildung zum Volksschullehrer begann. Gleich drei sogenannte Lehrerbildungsanstalten besuchte er von 1942 bis 1944: in Lunden, Ratzeburg und Braunschweig. Im Sommer 1944 meldete er sich freiwillig zur Luftwaffe und erlebte das Kriegsende ohne jegliche Feindberührung im böhmischen Aussig. Nachdem er sich beschwerlich bis nach Hamburg durchgeschlagen hatte, erfuhr er an den Landungsbrücken, dass ein Übersetzen zum völlig zerstörten und von den Briten besetzten Helgoland nicht mehr möglich war.
Überraschenderweise konnte er schon 1946 sein erstes Buch „Der goldene Faden“ im Parus-Verlag veröffentlichen – der damals von Max Bruhn in Reinbek geführt wurde. Es war eine seiner vergleichsweise wenigen Publikationen für erwachsene Leser. Diese Zielgruppe bediente er dann erst wieder 1960 mit der in Ost-Berlin publizierten Erzählung „Der Schrank“. Generell hatte James Krüss keinerlei Berührungsängste mit der DDR. Viele seiner Titel erschienen von Anfang an auch im sozialistischen Deutschland, manche wurden dort sogar als Erstausgaben veröffentlicht. Seine Ausbildung zum Volksschullehrer setzte Krüss ab 1946 an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg fort und legte 1948 erfolgreich sein Examen ab, ohne jemals in diesem Berufszweig tätig zu werden. „So beschloss ich kühn, mich als freier Schriftsteller zu etablieren, mir aber zur Sicherheit ein kleines regelmäßiges Zubrot zu verdienen durch ein Monatsblatt für die von ihrer Insel vertriebenen Bewohner meiner Heimatinsel Helgoland“, sagte er. Die 1948 gegründete Zeitschrift „Helgoland. Ein Mitteilungsblatt für Halluner Moats“ brachte es bis 1956 auf 100 Ausgaben.
30 Millionen TV-Zuschauer
1949 verlegte Krüss seinen Lebensmittelpunkt ins Münchner Umfeld, wo er sich nicht nur schnell mit der „südlichen Lebensart“ anfreundete, sondern auch ganz gezielt Kontakt mit dem berühmten Ernst Kästner aufnahm. Dieser gab seinem jungen Bewunderer den dringenden Ratschlag, die geplante Gründung einer Kinderzeitschrift sein zu lassen, und bot ihm stattdessen an, eine Hörspielfassung seines ersten Nachkriegsromans „Die Konferenz der Tiere“ zu erarbeiten. Was Krüss so gut gelang, dass Kästner ihm in der Folge auch noch Radio-Umsetzungen weiterer seiner Bücher übertrug und ihm vor allem auch zu wichtigen Kontakten beim Rundfunk verhalf. Zudem animierte er Krüss zum Verfassen eigener Kinderbücher oder Hörspiele und besorgte ihm einen Literaturagenten.
Als ersten kleinen Erfolg konnte Krüss ab 1951 die regelmäßige Veröffentlichung von Kindergedichten in zwei Münchner Blättern verbuchen, der „Neuen Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“. Ein Jahr später sorgte er mit der Hörspielfassung seines im selben Jahr präsentierten Kinderbuchs „Sängerkrieg der Heidehasen“ für Furore beim Bayerischen Rundfunk und im Südwestfunk. 1954 wurde der Stoff in Kooperation mit der Augsburger Puppenkiste verfilmt. Mit seinem 1956 veröffentlichten Werk „Der Leuchtturm auf den Hummerklippen“, seinem ersten umfangreichen Kinderbuch in leicht verständlichem und damit zugänglichem Sprachstil, schaffte Krüss erstmals eine Nominierung für den Deutschen Jugendbuchpreis. Um die Mitte der 1950er-Jahre brachte Krüss auch eine ganze Reihe von Bilderbüchern auf den Markt, mit dem Erstling „Hanselmann reist um die Welt“ 1953, wobei bis heute „Henriette Bimmelbahn“ aus dem Jahr 1957 am erfolgreichsten war.
Der Durchbruch zum Bestsellerautor gelang ihm dann mit seinem 1959 publizierten Titel „Mein Urgroßvater und ich“. Dieser wurde nicht nur 1960 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet, sondern eröffnete ihm vor allem auch die Möglichkeit zur kostenlosen PR, weil ihn die ARD in ihrem „Wochenspiegel“ mit einer zehnminütigen Autorenlesung belohnte. Schlagartig wurde er zum gefeierten Genre-Star, die Mindest-Erstauflage seiner Bücher kletterte auf 10.000 Exemplare. Allein bis zum Sommer 1964 wurden von dem preisgekrönten Band, der sich schnell zu einem Kinderbuch-Klassiker entwickelte, laut „Spiegel“-Angaben stolze 200.000 Exemplare verkauft.
1964 wurde er für sein Bilderbuch „3 x 3 an einem Tag“ zum zweiten Mal mit dem Deutschen Jugendbuchpreis geehrt. Eine Sammlung seiner schönsten Gedichte findet sich in der 1961 veröffentlichten Sammlung „Der wohltemperierte Leierkasten“. Im selben Jahr kam der Titel „Die glücklichen Inseln hinter dem Winde“ heraus. Doch mit Abstand am populärsten ist bis heute dank einer ZDF-Verfilmung sein Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ – auch wenn er sich bei der Geschichte um den zehnjährigen Waisenjungen Timm mal von der sonst bei ihm üblichen heiteren Thematik abgewandt hatte. 30 Millionen Zuschauer verfolgten die 13 Folgen des dramatischen Geschehens in der Weihnachtszeit 1979. 2002 wurde die Story in einer 26-teiligen deutschen Zeichentrickserie wieder aufgegriffen und gelangte schließlich sogar 2017 auf die große Kinoleinwand.
Für die sechsteilige ARD-Fernsehserie „Jonny & Jenny – Alle Kinder dieser Welt“, die er gemeinsam mit Udo Jürgens konzipiert hatte, kehrte er von 1971 bis 1973 als Moderator auf den Bildschirm zurück. Und knüpfte damit an frühere Auftritte vor der Kamera wie in der ARD-Serie „ABC und Phantasie“ aus dem Jahr 1963 oder für die zwischen 1966 und 1969 ausgestrahlte TV-Adaption seines 1965 publizierten Buches „James’ Tierleben“ an. Im fortgeschrittenen Alter begann er mit der Arbeit an einer autobiografischen Trilogie, von der jedoch nur der erste Band unter dem Titel „Der Harmlos. Frühe Jahre“ 1988 fertiggestellt werden konnte.