Während seiner Glanzzeit in den Goldenen Zwanzigern schuf der vor 130 Jahren geborene Buster Keaton Meisterwerke des komödiantischen Stummfilms. Für viele Filmexperten steht er auf einer Stufe mit seinem prominenteren Kollegen Charlie Chaplin.
Im Jahr 1962 ereignete sich in bundesrepublikanischen Kinos schier Unglaubliches. Ein in 20 Städten aufgeführter Streifen aus dem Jahr 1926 mit dem Titel „Der General“ lockte rund 344.000 Besucher an. Von Deutschland aus wechselte das Opus nach Paris, wo es vom Publikum ebenso frenetisch gefeiert wurde. Sein damals 67-jähriger Macher sowie Hauptdarsteller Buster Keaton wurde vom führenden französischen Filmmagazin „Cahiers du Cinéma“ in den Olymp erhoben: „Buster Keaton ist nicht der größte amerikanische Komiker nach Chaplin, sondern der größte amerikanische Komiker zusammen mit Chaplin.“ Der späte Erfolg des „Generals“ war mehr als außergewöhnlich, weil es sich um einen Stummfilm handelte.
Mit dem Siegeszug des Tonfilms, der 1927 mit dem Drama „Der Jazzsänger“ seinen Anfang nahm, waren Stummfilme tief in der Klamottenkiste verschwunden – sofern die Streifen aus schwer konservierbarem Nitrofilm-Material nicht ohnehin verschollen oder unwiederbringlich zerstört waren. Doch im Laufe der 1950er-Jahre war es Charlie Chaplin gelungen, seinen Klassikern wieder den Weg in die Kinosäle zu ebnen. Und auch das junge Fernsehen trug weltweit zum Revival des Stummfilms und seiner größten Stars wie Charlie Chaplin, Harold Lloyd, Laurel & Hardy, Harry Langdon oder eben auch Buster Keaton bei.
Filmkopien bei Umbauten entdeckt
Um die rasante Nachfrage befriedigen zu können, machten sich professionelle Sammler wie der windige US-Filmverleiher Raymond Rohauer auf die Suche nach erhaltenen Kopien. Buster Keaton selbst besaß nur noch eine gute Handvoll seiner Spielfilme, darunter befanden sich aber mit „Sherlock, jr.“ aus dem Jahr 1924, dem kürzesten seiner Langfilme, oder mit „Steamboat Bill, jr.“ von 1928, seiner letzten unabhängigen Produktion vor dem Wechsel unter die Knute des damals größten Hollywood-Filmstudios MGM, einige Höhepunkte seines künstlerischen Schaffens. 1960 wurde Keaton mit einem Ehrenoscar für seine Verdienste um die Filmkomödie gewürdigt. Bereits 1954 tat er sich mit Rohauer zusammen. Die beiden gründeten die Buster Keaton Productions, in deren Besitz nach und nach immer mehr seiner frühen Streifen gelangten.
Dabei kam Keaton auch ein glücklicher Zufall zu Hilfe. In seinem ehemaligen, legendären Anwesen in Beverly Hills – einem prächtigen Herrenhaus im mediterranen Stil, von dem sich der durch die Scheidung von seiner ersten Ehefrau Natalie Talmadge insolvent gewordene Schauspieler 1932 trennen musste – war von den späteren Eigentümern bei Umbaumaßnahmen ein Raum freigelegt worden. Dort lagerten längst vergessene Kopien von Keaton-Filmen, darunter eine makellose Kopie von „Der General“, der heute als sein größtes Meisterwerk gilt und vom American Film Institute bei der 2007 zuletzt erstellten Liste der besten amerikanischen Produktionen der Filmgeschichte auf Platz 18 gesetzt wurde.
Dem am 4. Oktober 1895 in einem kleinen Nest namens Piqua im Bundesstaat Kansas geborenen Joseph Frank Keaton war sein späteres Künstlerdasein sprichwörtlich in die Wiege gelegt worden. Wegen seiner schon früh ausgeprägten Begeisterung für alles Technische wäre er angeblich auch gern Ingenieur geworden, doch das war allein schon mangels eines regelmäßigen Schulbesuchs ausgeschlossen. Stattdessen war Keaton schon seit dem Kindesalter von den Eltern in deren Show-Programmen auf den Vaudeville-Bühnen des Landes eingebunden worden.
Filmabenteuer statt Broadway
Um die Entstehung seines ungewöhnlichen Spitznamens „Buster“ ranken sich verschiedenste Anekdoten. Seinen eigenen Worten nach war Folgendes geschehen: „Im Alter von sechs Monaten ließ mich jemand versehentlich eine Treppe hinunterfallen. Man hob mich auf – ich hatte keine Verletzungen, keine blauen Flecken. Houdini sagte: Das ist ein Buster! Und mein Vater fand: Das ist ein guter Name, lasst ihn uns so nennen!“ In dieser Version hatte der spätere Entfesselungskünstler die bis dahin gebräuchliche Bedeutung von „bust“ als „kaputtgehen“ im Sinne von „unzerstörbar“ umgewandelt. Die ungewöhnliche Fähigkeit ihres Kindes, gegen Verletzungen scheinbar resistent zu sein, nutzten die Eltern, um den Sprössling schon im Alter von etwa fünf Jahren zu zwei bis drei Vorstellungen täglich mit auf die Bühne zu nehmen. Wobei der Vater zur Gaudi der Besucher zunächst mit einem Besen auf den Filius eingedroschen hatte, um ihn dann einige Jahre später durch die Luft zu werfen. Wobei er klaglos und mit steinerner Miene – seinem späteren Markenzeichen als „The Great Stoneface“ – schon mal mitten im Publikum gelandet war. Damit wurde zugleich der Grundstein für seine künftig viel bewunderten Stunts gelegt.
Im Alter von 21 Jahren hatte Buster keine Lust mehr auf diesen Klamauk und machte sich auf den Weg in Richtung New York, wo ihm im Frühjahr 1917 ein erstes Engagement am Broadway in Aussicht gestellt wurde. Dank eines Freundes machte er die Bekanntschaft des damals schon geschätzten Filmkomikers Roscoe „Fatty“ Arbuckle, der ebenso über eine Vaudeville-Ausbildung verfügte und sich kurz davor auch schon mit dem vom Kanadier Mack Sennett salonfähig gemachten Slapstick vertraut gemacht hatte. Als Arbuckle seinem jungen Kollegen die Mitwirkung an seinem ersten, von Joseph Schenck produzierten Film „Der Metzgergeselle“ anbot, schlug Buster kurzerhand ein. Und das, obwohl seine Gage weit unter der des Broadway-Vertragsangebots lag und es zu diesem Zeitpunkt auch noch gar nicht absehbar war, dass die junge Filmbranche tatsächlich mal die noch immer viel beliebteren Live-Acts ablösen könnte.
Als Partner von Arbuckle brachte es Buster bis 1920 auf 15 Kurzfilme, wobei er für ein Großteil der Gags und als Co-Regisseur verantwortlich zeichnete und sich mit dem flachen Porkpie-Hut ein weiteres Markenzeichen zulegte. Nachdem Arbuckle zu einem neuen Produzenten wechselte, wurde er von Joseph Schenck durch Buster ersetzt, der im ehemaligen Studio von Charlie Chaplin in Los Angeles insgesamt 19 Kurzfilme fertigstellen konnte, die allesamt vom neuen Filmstudio Metro vertrieben wurden. Letzteres ging wenig später in MGM auf.
Verfolgungsjagden statt Tortenschlacht
In acht Jahren, zwischen 1920 und 1928, entstanden Busters Meisterwerke – veritable Autorenfilme, noch immer ohne Drehbuch, geprägt von Keatons stoisch-emotionsloser Deadpan-Mimik. Aber auch mit neuartigen Finessen wie langen Kamerafahrten, unglaublichen Stunts oder der Integrierung technischer Gerätschaften wie Auto, Dampfschiff oder Lokomotive als wichtigen Protagonisten. Tortenschlachten waren nicht sein Metier, wohl aber wilde Verfolgungsjagden. In der Regel konnten die durchschnittlichen Produktionskosten von 200.000 Dollar mit Einspielergebnissen von rund zwei Millionen Dollar locker gedeckt werden. Buster Keaton wurde zum angesehenen Komödienstar, auch wenn er in Sachen Reichtum und Popularität nicht an Charlie Chaplin und Harold Lloyd heranreichen konnte.
Schon der erste Kurzfilm „Flitterwochen im Fertighaus“ wurde zur Comedy-Sensation des Jahres 1920. Es folgten heute viel bewunderte Werke wie „Buster und die Polizei“ (1922), „Drei Zeitalter“ und „Verflixte Freundschaft“ (beide 1923) und schließlich große Publikumserfolge wie „Der Navigator“ (1924), mit dem Keaton in Hollywood endgültig der Durchbruch gelang, „Sieben Chancen“ oder „Der Cowboy“ (beide 1925).
Und dann traute sich Keaton an sein ambitioniertestes Werk „Der General“. Die Produktionskosten von 650.000 Dollar sprengten den bisherigen Rahmen, wozu auch der Absturz einer echten Lokomotive von einer eigens errichteten Brücke in einen Fluss beitrug. Der Film floppte an den Kinokassen, was Produzent Schenck dazu veranlasste, bei den nächsten Filmen wie „Der Musterschüler“ (1927) und „Steamboard Bill, jr.“ (1928), bei dem Keaton seinen waghalsigsten Stunt mit einer über ihm zusammenstürzenden, tonnenschweren Hausfassade durchführte, auf die Geld-Bremse zu treten und Keaton den Wechsel zu MGM nahezulegen.
Revival in den 50er- und 60er-Jahren
Chaplins Warnung, er werde dort in dem rigiden Studiosystem seine künstlerische Freiheit verlieren, sollte sich bewahrheiten. Zwar waren Keatons MGM-Produktionen im neuen Medium Tonfilm finanziell deutlich erfolgreicher als seine eigenen Streifen, doch war er mit dem Qualitätsniveau nicht einverstanden. 1933 wurde er wegen ständiger Querelen und seines exzessiven Alkoholkonsums entlassen. Danach verschwand Keaton von der öffentlichen Bildfläche und hielt sich vor allem als Gag-Schreiber für andere Schauspieler wie die Marx Brothers oder Laurel und Hardy über Wasser. 1949 wurde er dank eines eloquenten Artikels im „Life Magazin“ aus der Vergessenheit gerettet. Es folgten Engagements im US-Fernsehen wie in der Serie „The Buster Keaton Show“, die von 1950/51 ausgestrahlt wurde.
Mit dem Stummfilm-Revival wurde Keaton zu einer lebenden Legende, was ihm zwischen 1956 und 1965 TV-Werbespot-Aufträge und gelegentliches Mitwirken an Filmen wie Richard Lesters Musicalkomödie „Toll trieben es die alten Römer“ von 1966 einbrachte. Am 1. Februar 1966 starb Buster Keaton im Alter von 70 Jahren in Anwesenheit seiner dritten Ehefrau Eleanor in seinem Haus im kalifornischen Woodland Hills an den Folgen von Lungenkrebs.