Karsten Specht verbindet beim 1. FCS zwei Schlüsselrollen, die im Profifußball selten zusammenfinden. Als NLZ-Leiter und Co-Trainer hat er quasi einen Doppel-Job.
Karsten Specht ist 36 Jahre alt, zweifacher Familienvater und in Saarbrücken längst mehr als ein Mann im Hintergrund. Beim 1. FC Saarbrücken vereint er derzeit zwei Aufgaben, die andernorts strikt getrennt sind: Er leitet das Nachwuchsleistungszentrum und arbeitet gleichzeitig als Co-Trainer der Drittliga-Mannschaft. Eine Doppelrolle, die Zeit, Energie und Loyalität verlangt – und die Specht weniger als Belastung denn als logische Konsequenz eines klaren Selbstverständnisses begreift.
Großes Lob von Kwasniok
„Ich habe das große Privileg, dass mein Hobby mein Beruf geworden ist“, sagt er und fügt hinzu: „Ich empfinde das auch nicht als Belastung. Wenn ich den Job im Fußball nicht hätte, würde ich in der Automobil-Werkstatt meines Vaters Reifen wechseln. Das wäre auch kein Ding“, sagt er achselzuckend. Im Haifisch-Becken Profifußball sind das bemerkenswerte Worte für einen Mann, von dem der ehemalige FCS-Trainer Lukas Kwasniok mal sagte: „Den sehen wir irgendwann als Chef-Analyst in der Bundesliga.“ Unter Kwasnioks Ägide gehörte Specht als Video-Analyst schon einmal zum Trainerteam. Dann fand er dauerhaft seinen Platz an der Spitze der Akademie.
Im Nachwuchsleistungszentrum setzt Specht konsequent auf interne Entwicklung. Kontinuität ist dabei kein Modewort, sondern strukturelle Grundlage. Langjährige Mitarbeiter wie Jonathan Leibrock oder der derzeitige U19-Coach Joscha Klauck, der seine bisherige Trainerlaufbahn komplett beim FCS durchlief, stehen exemplarisch für diesen Ansatz. „You always need to know who’s next in line“, sagt Specht – ein Leitsatz, den er unter anderem beim FC Kopenhagen kennengelernt hat und der für eine strategische Weiterentwicklung steht. Der Kontakt dorthin entstand über Hospitationen, DFB-Lehrgänge und einen persönlichen Austausch. „Es war mir immer wichtig, über den Tellerrand zu schauen“, sagt er.
Dass Specht heute zusätzlich Teil des Profistabs ist, ist kein Zufall. Nach der Niederlage bei 1860 München im November war absehbar, dass die Tage von Cheftrainer Alois Schwartz gezählt sein würden. Sportdirektor Jürgen Luginger meldete sich montags und bat um Unterstützung, als er mit der Trainer-Aufgabe betraut wurde. Trotz familiärer Verpflichtungen mit zwei kleinen Kindern zögerte Specht nicht. Aus einer Hilfestellung wurde rasch Verantwortung. Ein internes Ranking unter den Assistenten mit dem weiteren Co-Trainer Bernd Heemsoth lehnt er ab. „Wir sind ein Team“, sagt er und widerspricht, wenn man ihn das „Master Mind“ im Trainer-Team nennt: „Wir tauschen uns aus, sind auf Augenhöhe. Aber gerade Jürgen hat als Cheftrainer riesige Erfahrung“, sagt er.
Trotz Anerkennung und externer Anfragen bleibt Specht bewusst in Saarbrücken. Heimat, Familie und langfristiger Aufbau wiegen für ihn schwerer als schnelle Karriereschritte. „Familie ist mir wichtiger als die große Bühne“, sagt er und stellt die Frage: „Wäre ich zwangsläufig glücklicher, wenn ich in der Bundesliga wäre, aber abends allein irgendwo sitzen würde?“
Die sportliche Bilanz des NLZ sieht er generell positiv. Über 90 Prozent der Spieler durchlaufen von der U13 bis zur U19 eine vollständige Ausbildung, viele schaffen den Sprung in saarländische Topmannschaften. Mit Torwart-Talent David Baizel oder Abwehrspieler Nils Krämer sowie Zentrumsakteur Finn Rupp stehen aktuell mehrere Spieler im Fokus der Profitrainer. Und immer wieder wird die Frage gestellt, wann denn der neue Luca Kerber kommt. „Wir haben gute, interessante Spieler. Aber man kann eine Entwicklung wie bei Luca nicht vorhersagen. Er spielt Bundesliga, weil alles gepasst hat. Laufen in der Jugend ein, zwei Sachen anders, ist er vielleicht heute in Wiesbach.“ Specht weiß, dass die Ressourcen im Saarland begrenzt sind. Man müsse das Beste aus den vorhandenen Mitteln machen.
„Manch einer hat zu früh aufgegeben“
Zentral bleibt für ihn eine Zweite Mannschaft, „die so hoch wie möglich spielt“. Sie sei notwendig, um den Übergang in den Herrenbereich realistisch zu gestalten. Gleichzeitig verschließt Specht nicht die Augen vor Problemen: überstürzte Wechsel, ungeduldige Eltern, ein Umfeld, das Rückschläge kaum akzeptiert. Seine Antwort darauf sind klare Werte, offene Kommunikation und die Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. „Ich glaube nicht, dass wir irgendwann jemanden weggeschickt haben, der anderswo richtig durchgestartet ist. Auf der anderen Seite fehlt mir manchmal die Geduld. Das ist auch ein gesellschaftliches Problem. Es kommt eine Situation, die einem nicht gefällt, und dann wirft man hin und erscheint am nächsten Tag einfach nicht mehr“, sagt der NLZ-Chef und formuliert es für seine Verhältnisse gar nicht mal so diplomatisch: „Es gibt schon Fälle, wo der Spieler einfach zu früh ungeduldig war.“ Mit Blick auf die enge Tabellensituation der Profis bleibt Specht nüchtern. „Jede Trainingseinheit ist jetzt eine Chance. Ich finde, im Trainingslager hat die Mannschaft gut mitgezogen, auch als Gruppe funktioniert.“ Doch der 36-Jährige ist Realist, verschließt die Augen vor der Tabelle nicht. „Die 3. Liga ist ein Tanz auf der Rasierklinge. Es ist keine Floskel, wenn ich sage, dass jedes Spiel wichtig ist. Aber ich habe Vertrauen in unsere Stärke“, sagt er. Mit seiner persönlichen Zukunft setzt er sich erst einmal nicht auseinander. Als NLZ-Leiter ist er aufgrund seiner Erfahrung und seines Auftretens ohnehin gesetzt. Aber was passiert, sollte sich der Erfolg der Ersten Mannschaft einstellen und Specht plötzlich als Co-Trainer der Profis weiterhin gefragt sein? „Die beste Antwort darauf wäre, dass man im Fußball nichts vorhersagen kann. Aber ich möchte es mal so formulieren. Wenn wir im Mai in der Situation wären, dass wir diese Optionen diskutieren, hätten wir eine erfolgreiche Rückrunde gespielt. Das würde doch jeder unterschreiben.“ Dass ein Auftakterfolg gegen Energie Cottbus am Samstag um 14 Uhr im Ludwigspark die Situation entspannen würde, versteht sich dabei von selbst.