Christian Kühlwetter soll dem 1. FC Saarbrücken durch seine Erfahrung, Intensität und Einstellung eine Stütze sein. Der 30-Jährige ist vertraut mit Traditionsvereinen, Aufstiegen und Rückschlägen. Sein erstes Auswärtsspiel führt ihn direkt zurück nach Regensburg.
Der Spielplan hat schnell seine erste Pointe geliefert. Am zweiten Spieltag tritt der 1. FC Saarbrücken beim SSV Jahn Regensburg an. Am Sonntag, den 16. August, um 16.30 Uhr. Für Christian Kühlwetter bedeutet das eine Rückkehr zu seiner letzten Wirkungsstätte. Zwei Jahre spielte er für den Jahn, stieg mit dem Verein aus der 2. Bundesliga ab und führte die Mannschaft anschließend als Kapitän. Jetzt kehrt er im blau-schwarzen Trikot zurück. „Ich freue mich riesig“, sagt Kühlwetter. Auf ehemalige Mitspieler, das Personal, viele vertraute Gesichter. Und auf die Chance, dort zu gewinnen. Das ist typisch für ihn: Über Menschen spricht er warmherzig, über das Geschäft sachlich.
Ende April hatte er seinen Abschied bekannt gegeben. Verletzungen beschränkten ihn zuletzt auf 23 Einsätze. Kühlwetter hätte sich eine klare Perspektive gewünscht. Doch diese blieb aus. Mit seiner Familie benötigte er Planungssicherheit, zumal im Oktober das zweite Kind erwartet wird. „Ich war Kapitän, dennoch hat man sehr lange mit den Gesprächen gewartet. Aber ich wollte frühzeitig Klarheit. Deswegen habe ich mich entschieden, etwas anderes zu machen. Aber ich bin im Guten gegangen“, erklärt er.
Volle Stadien, hohe Erwartungen
Dass das neue Ziel Saarbrücken heißt, passt zu einer Karriere, die fast ausschließlich an Fußballorte führte, an denen Ergebnisse nie nur Ergebnisse sind. Köln, Kaiserslautern, Regensburg, nun der FCS. Traditionsvereine, volle Stadien, hohe Erwartungen. Orte, an denen Siege die Stadt beflügeln und Niederlagen noch Tage später nachklingen. Dazwischen quasi als Ausreißer Heidenheim.
„Traditionsverein ist überall das Gleiche“, sagt Kühlwetter: „Es gibt diese Wucht, die einen Spieler tragen kann. Aber auch Unruhe, weil viele Menschen mitreden und mitleiden. Wenn ich von Köln ins Saarland fahre, sieht man schon 100 Kilometer vorher die Farben Blau-Schwarz. Der Verein ist die Stadt gefühlt. Damit muss man umgehen können“, erläutert er. Der gebürtige Bonner wechselte als Kind zum 1. FC Köln. In der Jugend war er Kapitän und Torjäger, später spielte er für die U23. Der direkte Sprung zu den Profis gelang nicht. Dafür lernte er früh, dass Talent selten eine gerade Linie garantiert. 2016 wechselte er zum 1. FC Kaiserslautern. Zunächst führte er die Zweite Mannschaft als Kapitän, dann kam 2018 der Durchbruch. Der FCK gab ihm seinen ersten Profivertrag.
Auf dem Betzenberg erfuhr er auch die Kehrseite der Nähe. Als er 2020 gemeinsam mit Florian Pick zum 1. FC Heidenheim wechselte, schlug ihm der Ärger enttäuschter Fans entgegen. Heute hat Kühlwetter keinen Instagram-Account mehr. Kritik nach schlechten Spielen akzeptiert er. Zu Hause jedoch will er Vater und Ehemann sein und den Fußball ausblenden. Ein Vereinswappen küsst er grundsätzlich nicht. Er weiß, wie schnell sich Zugehörigkeiten ändern.
Heidenheim wurde zur Gegenwelt: weniger Stimmen von außen, ein stabiles Umfeld, seit Jahren derselbe Trainer. Unter Frank Schmidt erzielte Kühlwetter in seiner ersten Zweitligasaison 13 Tore. 2023 stieg der FCH erstmals in die Bundesliga auf.
Für Kühlwetter wurde der größte Erfolg zugleich zur schwierigsten Phase. In der Bundesliga kam er nur einmal zum Einsatz. Am 28. April 2024 wurde er in Darmstadt eingewechselt und bereitete in der Schlussminute den 1:0-Siegtreffer vor. Mehr durfte er auf dieser Bühne nicht zeigen.
Getroffen hat ihn weniger die sportliche Entscheidung als der Umgang. Einen Tag vor Ende der Transferperiode sei ihm mitgeteilt worden, dass nicht mehr mit ihm geplant werde. Eine Begründung habe er nie erhalten. Verbittert klingt er dennoch nicht.
„Ich habe gelernt, auch als Reservist jeden Tag professionell zu bleiben.“ Zum Abschied hat Schmidt ihm gesagt, wie sehr er geschätzt habe, dass Kühlwetter trotz seiner Rolle nie nachgelassen hat. Neben dem Platz beschreibt er sich als ruhig. Auf dem Feld verändert er sich. Dann will er gewinnen, Mitspieler antreiben und Intensität erzeugen. Er ist gekommen, um zu führen. Ob er dabei die Binde trägt, ist zweitrangig. Verantwortung übernimmt er unabhängig vom Amt.
Das ist wichtig in einer stark veränderten Mannschaft. Dem 18-jährigen Alexander Staff gibt Kühlwetter gern Tipps. „Der Junge ist hochveranlagt, muss aber verstehen, dass Drittliga-Fußball anders funktioniert als Jugendfußball. Er darf nicht zu viel von sich erwarten, das Umfeld braucht auch Geduld“, erklärt er.
Es zählen nicht nur Tore
Trainer Argirios Giannikis sieht den Neuzugang flexibel. In der Vorbereitung spielte Kühlwetter vor allem als hängende Spitze. Er lässt sich in den Aufbau fallen, sichert Bälle, öffnet Räume und setzt andere ein. Die reine Torquote ist für ihn nicht das einzige Maß. Der Trainer sieht ihn als flexiblen, mannschaftsdienlichen Angreifer, der intensiv gegen den Ball arbeitet und mit Kai Brünker harmonieren kann. Beim 1:1 gegen Bundesligist Augsburg begann er im offensiven Zentrum, gegen Thionville traf er per Elfmeter. „Die Position der hängenden Spitze ist eigentlich die, die mir am besten gefällt. Aber ich würde schon sagen, dass ich flexibel bin. In Regensburg habe ich bis auf Torwart gefühlt alles gespielt.“ Gespannt ist er auf das Zusammenspiel mit Florian Pick.
Mit ihm spielte Kühlwetter bereits in Kaiserslautern und Heidenheim. Alte Verbindungen in einem neuen Team. Für einen Club, der nach Trainerwechseln, Sieglosserien und Veränderungen in der sportlichen Führung Stabilität sucht, kann das wertvoll sein.
Der Wechsel ist zugleich eine private Entscheidung. Kühlwetter und seine Frau stammen aus dem Raum Köln, aus Saarbrücken sind die Großeltern nun in gut zwei Stunden erreichbar. In Völklingen hat die Familie ein Haus gefunden. Aber das war nicht der entscheidende Punkt. Kühlwetter wollte zu einem Verein, bei dem er Potenzial sieht.
Wenn er von Saarbrücken erzählt, klingt es, als habe er einen vertrauten Fußballort betreten. „Picki hat mir viel erzählt. Ich weiß, was hier los ist. Ich bin motiviert, will die Leute mitnehmen“, sagt er. Und dann ist da Regensburg. Die alte Wohnung ist leer, der Umzug erledigt, die Kontakte sind geblieben. Für 90 Minuten wird all das zur Nebensache. Auf die Frage, wie man dort gewinnt, antwortet Kühlwetter so schnörkellos, wie er Fußball spielt: „Guten Fußball spielen, das eigene Ding durchziehen und drei Punkte holen.“