Der mexikanische Filmemacher Guillermo del Toro hat aus Mary Shelleys Schauerroman „Frankenstein“ eine bildgewaltige Gothic-Oper vom Feinsten gemacht. Dabei hat er das klassische Motiv vom „Schöpfer und seiner Kreatur“ in eine Vater-Sohn-Parabel umgedeutet.
Auf dem Weg zum Nordpol sitzt im Jahr 1857 das dänische Expeditionsschiff „Horisont“ im Packeis des Nordpolarmeeres fest. Die Crew bemüht sich vergeblich, es frei zu kriegen. Da bemerken sie in der Ferne eine Feuerexplosion. Captain Anderson (Lars Mikkelsen) schickt ein paar Männer los, die inmitten der blutigen Verwüstung einen halbtoten Mann entdecken, den sie zur Versorgung aufs Schiff bringen. Es stellt sich heraus, dass es sich dabei um den Wissenschaftler Dr. Victor Frankenstein (Oscar Isaac) handelt. Plötzlich taucht aus der Eiswüste eine riesenhafte Gestalt (Jacob Elordi) mit übernatürlichen Kräften auf, die sich gewaltsam Zutritt zum Schiff verschaffen will, um – wie es den Anschein hat – Dr. Frankenstein umzubringen. Es kommt zu einem furchtbaren Gemetzel, bei dem sechs Männer der Schiffsbesatzung auf grauenhafte Weise zu Tode kommen. Mit letzter Anstrengung gelingt es Captain Anderson, das Monster zurückzudrängen. Kurz darauf bricht es im Eismeer ein und versinkt.
Guillermo del Toro, der große Märchenerzähler des Kinos, hat sich beim Prolog zu seinem „Frankenstein“ ziemlich nahe an Mary Shelleys Roman aus dem Jahr 1818 gehalten. Auch sie lässt Dr. Victor Frankenstein im ersten Akt von seiner Kindheit erzählen. Und wir sehen, wie der junge Victor unter seinem herzlosen und despotischen Vater (Charles Dance) leidet. Als Victors geliebte Mutter im Kindbett stirbt, ist der hochintelligente Knabe davon besessen, dem Schicksal die Stirn zu bieten – und eines Tages sogar den Tod zu überwinden.
Vom Blitzschlag zum Leben erweckt
So wird aus Victor über die Jahre ein brillanter Arzt und Wissenschaftler, der seine bahnbrechenden anatomischen Kenntnisse in akademischen Kreisen stolz zur Schau stellt. Er schockiert sein Publikum mit einer makabren Demonstration, bei der er einen scheinbar toten Torso durch galvanische Impulse zum Leben erweckt. Einer, den dieses Experiment sehr berührt, ist der reiche Munitionsfabrikant Heinrich Harlander (Christoph Waltz). Er ist es auch, der Frankenstein seinen größenwahnsinnigen Plan finanziert: eine Kreatur – aus zusammengestückelten Leichenteilen – zum Leben zu erwecken. Harlander richtet, nicht ohne Hintergedanken, wie sich später herausstellt, für Frankenstein in einer Burg, die nicht nur zufällig an den Turmbau zu Babel erinnert, ein kolossales Labor ein. In dieser Wunderkammer, vollgestopft mit Apparaten, Seziertischen und gigantischen Batteriespeichern, aber auch mit abgehackten Händen, Füßen und anderen Leichenteilen, setzt Frankenstein nun eine Kreatur zusammen, die durch einen Blitzschlag tatsächlich zum Leben erweckt wird.
Frankenstein, der durch diesen Schöpfungsakt dem Wahnsinn noch ein gutes Stück näherkommt, behandelt seine Kreatur einerseits liebevoll wie einen Sohn, legt ihn aber trotzdem in einem unterirdischen Verlies in Ketten. Es sind rührende Momente, in denen dieser neugeschaffene sanfte Riese sich wie ein kleines Kind langsam die Welt erschließt. Als Frankensteins Bruder William (Felix Kammerer) und dessen Verlobte Elisabeth (Mia Goth) zu Besuch kommen, interessiert sich Elisabeth allerdings viel mehr für die schutzlose Kreatur im Kellergewölbe als für die lüsternen Avancen von Victor.
Doch die absonderliche Vater-Sohn-Beziehung wird immer brüchiger. Victor empfindet zunehmend Abscheu vor seiner Schöpfung und fühlt sich von der Kreatur sogar bedroht. Schließlich setzt er sein kostbares Laboratorium in Brand und lässt die Kreatur im Verlies angekettet zurück.
Im zweiten Akt erzählt nun die Kreatur, wie sie der Feuerhölle entkommen konnte und in der Welt herumirrte. Die Menschen, denen sie begegnete, erschraken zu Tode und versuchten in panischer Angst, sie umzubringen. Nur ein alter, blinder Mann zeigte Verständnis und Mitgefühl. Doch als der Alte von Wölfen angefallen wurde und starb, hielt man die Kreatur für ein mörderisches Monster, das vertrieben und getötet werden musste. Nach einiger Zeit spürte die Kreatur dann Victor wieder auf, was in eine Katastrophe mündete, bei der William zu Tode kam. Daraufhin machte Victor erbarmungslos Jagd auf seine Schöpfung.
Menschliche Zerbrechlichkeit
„Der Roman hat mich mein ganzes Leben lang begleitet“, meint Guillermo del Toro („Shape of Water“, „Pinocchio“), und man sieht jeder Einstellung deutlich an, dass seine Adaption von „Frankenstein“ ein Herzensprojekt war. Es ist sicher sein persönlichstes und emotionalstes Werk geworden. Die moralische Ambivalenz der über 200 Jahre alten Vorlage steht hier nicht im Vordergrund, auch nicht Fragen nach Gut oder Böse. Vielmehr macht del Toro das, was er am besten kann: opulente, süffige Bilderwelten und fantastische Schauplätze auf die Leinwand zu bringen. Und seine Geschichten mit einer unheimlichen Atmosphäre aufzuladen, die einen magisch in ihren Bann zieht. Wer sich auf seine Phantasmagorien einlässt, dem erscheinen die dort handelnden Menschen mitunter seltsam real. Man hat Mitleid mit der geschundenen Kreatur, findet den narzisstischen Megalomanen Victor abstoßend und versteht die Zärtlichkeit, mit der Elisabeth der Kreatur begegnet. Del Toro, der auch das Drehbuch zu dieser barocken Terror-Symphonie geschrieben hat, zeigt, wie nahe todesverachtende Hybris und menschliche Zerbrechlichkeit beieinander liegen können.
„Frankenstein“ wurde bereits oft verfilmt. Zum ersten Mal 1931 von James Whale mit Boris Karloff als Monster, später auch von Kenneth Branagh (1994) mit Robert de Niro. Del Toro hat dem Stoff nun auf seine ganz eigene Art noch einmal einen neuen Spin gegeben. Und konnte mit dem 120-Millionen-Dollar-Budget, das Neflix ihm nur allzu gerne bereitstellte, mit dieser zeitlosen Geschichte wieder einmal großes Kino zelebrieren.