Heinrich von Preußen hat Rheinsberg zu einem Sehnsuchtsort mit internationaler Ausstrahlung gemacht. In seinem 300. Geburtsjahr wird er ausgiebig gefeiert – mit Opern und Zittertassen.
Hier eine Pyramide, dort ein Obelisk oder eine romantische Grotte: Lauter Architekturelemente kommen auf dem Poetensteig zwischen Grienericksee, Schilfgürtel und Buchenwald zum Vorschein. Entenfamilien watscheln über die Wege, ein Specht hämmert an einer Kastanie, in der Ferne antwortet ein Kuckuck. Vor allem, wenn man früh am Morgen oder gegen Abend durch den Landschaftspark um Schloss Rheinsberg läuft, versteht man, warum er für viele Menschen zum Sehnsuchtsort wurde.
Für Theodor Fontane zum Beispiel, der in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ von dem Zauberschloss schwärmte. Für Kurt Tucholsky, der sich hier 1911 an einem Sommerwochenende zu seinem „Bilderbuch für Verliebte“ inspirieren ließ. Und vor allem für Prinz Heinrich: Als der sich vor rund 250 Jahren verbittert in das Städtchen nordwestlich von Berlin zurückzog, war die Gartenlandschaft rund um das Schloss Balsam für seine Seele.
Heinrich umgab sich mit Künstlern
Insgesamt 50 Jahre hat der jüngere Bruder Friedrichs des Großen hier gelebt und Rheinsberg geprägt wie kein anderer. „Ein Glücksfall“, ist Porzellanmacher Hendrik Schink überzeugt, der Besucher im Keramikmuseum empfängt. „Er hat die Stadt wirtschaftlich und kulturell enorm vorangebracht.“ Ohne ihn hätte Schink selbst hier zum Beispiel nicht seine Ausbildung machen können. Denn es war der Preußenprinz, der 1762 den Grundstein zu einer Fayencefabrik in Rheinsberg legte. Deshalb hat der Keramiker seinem Idol eine Serie von sogenannten Zittertassen – französisch Trembleuses – gewidmet. Mit hohem Schaft an der Untertasse sorgten sie einst dafür, dass die gichtkranken Adligen nicht den kostbaren Kakao verschütteten. Etwas verrückt sehen sie schon aus. „Aber auch Heinrich war ein bisschen verrückt“, meint Schink. „Wenn er zum Beispiel einen großen Teil seiner Gemälde verkaufte, um seinem Favoriten, Major von Kaphengst, Schloss Meseberg schenken zu können, das bis vor Kurzem das Gästeschloss der Bundesregierung war.“
Doch wer kennt Prinz Heinrich überhaupt? 1726 als dritter Sohn des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. geboren, wurde er streng militärisch erzogen. Mit zwölf war er bereits Fähnrich im Regiment des Vaters, mit 13 Leutnant. Tatsächlich sollte er sich in allerlei Kriegen bewähren. Erfolge feierte er aber vor allem auch mit seinem diplomatischen Geschick bei Friedensverhandlungen. Im Ausland genoss er so hohes Ansehen, dass ihm sogar die Krone von Polen und Amerika angetragen wurde. Doch Friedrich wollte allein „der Große“ sein und hielt seinen Bruder absichtlich klein. So blieb der lieber in Rheinsberg, gestaltete das Schloss nach seinen Vorstellungen und machte es zu einem Musenhof mit internationaler Ausstrahlung. Spielte selbst im Schlosstheater und umgab sich mit Schauspielern und Künstlern aus dem geliebten Frankreich.
All das ist zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten. „Wie kommt es, dass dieser kluge, geistvolle Prinz Heinrich, dieser Feldherr sans peur et sans reproche („ohne Furcht und ohne Tadel“, Anm. d. Red.), dies von den nobelsten Empfindungen inspirierte Menschenherz so wenig populär geworden ist?“, fragte bereits Fontane vor rund 165 Jahren. Tatsächlich erinnert vor dem Schlossareal eine Statue nur an den Kronprinzen Friedrich, die Restaurants ringsum heißen „Zum Alten“ oder „Zum Neuen Fritz“. Dabei hat der gerade mal vier Jahre hier verbracht, Heinrich dagegen ein halbes Jahrhundert.
Doch jetzt, in seinem 300. Geburtsjahr, soll er endlich gefeiert werden. Unter dem Motto „h 300“ finden Stadtrundgänge, Ausstellungen und Konzerte statt, im Schloss sind auch die eher schlichten Sommerapartments wieder zu sehen, in denen sich der Hausherr bevorzugt aufhielt. Außerdem hat ein engagierter Verein eine kleine Ausstellung im Haus der Stadtgeschichte organisiert. „Der Prinz war als Kleinwüchsiger keine allzu schöne Erscheinung“, deutet Ausstellungsmacher Hans-Norbert Gast das Porträt des etwas mürrisch dreinblickenden Adligen. „1,58 Meter groß, versuchte er, sich durch über zehn Zentimeter hohe Absätze und eine hohe Perücke größer zu machen. Aber als er nach Paris kam, hat er mit seinem Charme sogleich die Damenwelt in seinen Bann gezogen.“
„Die Ketten der Ehe anlegen lassen“
Dass er auch an seinem Musenhof viele in seinen Bann zog, daran erinnert der Festivalsommer der Kammeroper Schloss Rheinsberg, bei dem junge Gesangstalente aus aller Welt das Schloss- und das beliebte Heckentheater im Park bespielen. Natürlich hat sich Jelle Dierickx, Künstlerischer Leiter der Musikkultur in Rheinsberg, bei der Programmgestaltung vom Jubilar inspirieren lassen. Neben der Oper „Blaubart“ von André-Ernest-Modeste Grétry, deren Uraufführung Heinrich im Revolutionsjahr 1789 in Paris miterlebte, steht „Der Barbier von Sevilla“ von Giovanni Paisiello auf dem Spielplan. Das Libretto, in dem es um Machtspiele und Freiheitsdrang geht, stammt schließlich vom französischen Dichter Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, mit dem auch der Preußenprinz in Verbindung stand. Doch es bleibt nicht bei Musik des 18. Jahrhunderts. Für ganz andere Klänge sorgen die „cute Oper Dollhouse“ über junge Influencer, eine Jazzparty, Wandelkonzerte und vor allem die Weltklasse-Hornistin Sarah Willis, die mit ihrem Ensemble The Sarahbanda für kubanische Klassiker wie „Chan Chan“ steht. Im Übrigen ist es Jelle Dierickx ganz wichtig, auch die ungeliebte Gemahlin des Prinzen mit einem Liederabend zu ehren. Nur dadurch, dass Heinrich sie heiratete, durfte er überhaupt in Rheinsberg residieren. „Ich habe mir die Ketten der Ehe anlegen lassen, um meine Freiheit zu gewinnen“, soll er seine Hochzeit kommentiert und die Unglückliche bald aus seinem Leben verbannt haben. Kein schöner Zug. Vielleicht hatte er den im Sinn, als er vor seinem Tod die französische Inschrift für die Grabpyramide im Park verfasste, in der er bestattet wurde: „Wanderer!/Gedenke, dass Vollkommenheit nicht auf Erden ist;/wenn ich auch nicht der Beste der Menschen gewesen bin,/so gehöre ich doch nicht zu der Zahl der Bösen …“