Klappt es endlich mit dem Stanley Cup? Leon Draisaitl ist einer der besten Eishockeyspieler der Welt, doch die wichtigste Trophäe hat er noch nicht gewonnen. Die Zeit läuft ihm langsam davon.
Seit diesem Sommer trägt Leon Draisaitl zwar immer noch nicht den Stanley-Cup-Ring, den traditionell die Meisterspieler in der nordamerikanischen Eishockey-Profiliga NHL von ihren Clubs erhalten. Dafür aber einen Ehering. Der 29-Jährige hat in der NHL-Pause in Frankreich seine langjährige Partnerin, die kanadische Schauspielerin Celeste Desjardins, geheiratet. In dem Hochzeitsvideo, das das Paar in den sozialen Medien verbreitete, sieht man Draisaitl bestens gelaunt im klassischen schwarzen Smoking. An der linken Hand führt er seine Frau, in der rechten Hand hält er ein Sektglas. Im Hintergrund jubeln die Hochzeitsgäste, darunter auch Draisaitls kongenialer Teamkollege Connor McDavid. „Wenn die Zeit doch nur stillstehen würde. Das beste Wochenende unseres Lebens“, schrieben die Draisaitls zum Video. In jenem Moment dürfte die erneute Pleite im Play-off-Finale der NHL im vergangenen Juni für Draisaitl weit weg gewesen sein. Doch spätestens jetzt, kurz vor Saisonstart am 7. Oktober, ist der Gedanke an die Meisterehre wieder omnipräsent. Draisaitl, der in der besten Eishockeyliga der Welt so viele individuelle Bestleistungen hat und als einer der größten Spieler seiner Generation gilt, treibt ein Gedanke unermüdlich an: „Wie kann ich endlich diesen Stanley Cup gewinnen?“
Sturm jubelte schon zweimal
„Das ist schon eine sehr lange Saison mit sehr vielen Gedanken, die sich nur um das eine Ziel bewegen“, sagt der gebürtige Kölner. Er feiert am 27. Oktober seinen 30. Geburtstag und weiß, dass die Zeit gegen ihn läuft. Auch weil sein Team, die Edmonton Oilers, vor einem großen Umbruch steht. Womöglich ist diese Spielzeit für ihn und Superstar McDavid die letzte Chance, gemeinsam noch einmal ernsthaft nach dem 15,5 Kilogramm schweren Objekt der Begierde zu greifen. Nach zwei Finalniederlagen hintereinander jeweils gegen die Florida Panthers will Draisaitl nun endlich diesen einen kleinen Makel in seiner ansonsten so beeindruckenden Karriere beseitigen. „Das ist natürlich der Plan. Der Plan ist es, solche Play-off-Läufe immer wieder hinzubekommen“, sagte er: „Hoffentlich ist das Glück – oder wie auch immer man das nennen möchte – dann letztendlich auf unserer Seite und wir gewinnen.“
Am Ende der Vorsaison musste Draisaitl mit ansehen, wie erneut die Panthers seinen großen Titeltraum zerstörten und im Konfettiregen auf dem Eis mit dem von ihm so ersehnten Stanley Cup in den Händen feierten. Einer von ihnen war sein Nationalmannschaftskollege Nico Sturm.
Für ihn war es bereits der zweite Stanley-Cup-Triumph nach dem Gewinn der Trophäe 2022 mit den Colorado Avalanches. Während Draisaitl dem Meistertitel hinterherjagt, seit er vor elf Jahren von Edmonton an Position drei des NHL-Draws gezogen wurde, war Sturm erst im März nach Florida gewechselt – von den San Jose Sharks, der schlechtesten Mannschaft der Liga, zum Meisterteam. Sturm bestritt für die Panthers acht Play-off-Spiele, im Finale gegen Edmonton durfte er aber nicht auflaufen. „Das schmälert meine Freude überhaupt nicht“, sagte der Center: „Es gibt ja jedes Jahr in jeder Mannschaft Spieler, die genau diesen Job machen müssen. Und ganz ehrlich: Es gibt ganz viele Spieler in der Liga, die in dem Moment gerne mit mir tauschen würden.“ Vielleicht gehört sogar Draisaitl dazu. Auf der anderen Seite hat er bei den Oilers fast alles, was er sich wünschen kann: Die Fans dort lieben den Deutschen, hier fühlt er sich mit seiner Frau wohl. Geldsorgen haben die beiden auch keine. Draisaitl unterschrieb bei den Oilers vor einem Jahr einen neuen Achtjahresvertrag, der ihm ein Gesamtvolumen von 112 Millionen US-Dollar einbringt.
Schon zu dieser Saison steigt sein Gehalt von aktuell 7,8 Millionen Euro auf 12,9 Millionen. Gut angelegtes Geld, findet General Manager Stan Bowman. „Leons Engagement für unser Team, unsere Stadt und die Oilers-Fans überall kann nicht hoch genug eingeschätzt werden“, sagte er: „Sein Wunsch, Edmonton einen Stanley-Cup-Titel nach Hause zu bringen, steht im Mittelpunkt all dessen, was er auf und neben dem Eis tut.“ Viele Experten meinten gar, dass der Leon Draisaitl der Vorsaison der beste Leon Draisaitl überhaupt war. Er gewann mit 52 Hauptrundentreffern die Maurice-Richard-Trophy für den besten Torjäger – und das, obwohl er verletzungsbedingt nur 71 Spiele bestritt. Zum sechsten Mal in seinen elf NHL-Saisons kam er auf mehr als 100 Scorerpunkte. In den Play-offs lief er dann erst recht zur Höchstform auf: Elf Tore und 22 Assists in 22 Spielen der K.-o.-Runde sind eine phänomenale Ausbeute. Der Ausnahmekönner wurde schon zum MVP einer NHL-Saison (2020) gekürt, steht regelmäßig im All-Star-Team der Liga und wurde auch schon zum „Sportler des Jahres“ in Deutschland gewählt (2020). Für manche Medien ist er aufgrund seiner Extraklasse der „Dirk Nowitzki im Eishockey“. Doch anders als die Basketball-Ikone wartet Draisaitl noch immer auf seinen Meistertitel im nordamerikanischen Profisport.
Im Sommer droht ein großer Einschnitt
Die Einordnung seiner persönlichen Erfolge und Rekorde sei daher „immer schwierig“, gab Draisaitl zu. Ähnlich ergehe es seinem Teamkollegen McDavid, der ebenfalls zu den besten Eishockeyspielern der Welt zählt: „Besonders Connor und ich werden oft nach unserer Leistung oder unseren Punkten beurteilt. Aber das Einzige, was er und ich wollen, ist gewinnen.“ McDavid könnte deshalb womöglich eine neue Perspektive wählen. Der Kapitän und Top-Scorer geht in die letzte Saison seines Achtjahresvertrags, ohne Verlängerung ist der Kanadier ab dem 1. Juli 2026 ein uneingeschränkter Free Agent und kann sich sein Team quasi selbst aussuchen. Für diese Saison habe er „allen Glauben dieser Welt“ an einen Oilers-Erfolg, sagte der 28-Jährige: „Was danach passiert, werden wir sehen. Wir haben Zeit, es ist unsere Entscheidung, wir nehmen uns die Zeit.“ Allerdings könnten sich die Diskussionen um die Zukunft von McDavid als Störfaktor herauskristallisieren. Zumal auch die Verträge von Adam Henrique, Kasperi Kapanen, David Tomasek, Curtis Lazar, Mattias Ekholm, Jake Walman, Brett Kulak, Troy Stecher, Stuart Skinner und Calvin Pickard auslaufen.
Klar ist, dass der personelle Einschnitt im kommenden Sommer groß ausfallen wird. Viele Experten meinen, dass dies auch notwendig ist, weil etliche Leistungsträger wie Mattias Ekholm (35), Ryan Nugent-Hopkins (32) oder Darnell Nurse (30) vom Alter her die 30 überschritten haben. Auch die Superstars Draisaitl (29) und McDavid (28) gehören längst nicht mehr zu den Jüngsten. „Sollten wir etwas jünger und schneller werden? Vielleicht“, sagte Draisaitl unmittelbar nach der Finalniederlage im vergangenen Juni: „Aber unser Kern ist in einem Alter, wo alle noch viel Sprit im Tank haben.“ Trotzdem war Manager Bowman in diesem Sommer um eine Verjüngung des Kaders, vor allem im Angriff, bemüht. Große Hoffnungen ruhen auf dem aus Buffalo geholten Matt Savoie (21). Die beiden deutschen Profis Joshua Samanski (23) und David Lewandowski (18) dürften bei den Oilers den Sprung in den NHL-Kader vorerst nicht schaffen und müssen sich in unterklassigen Ligen anbieten.
Edmontons Kader ist nach wie vor einer der besten der Liga. Auch deswegen geht Draisaitl dem Stanley-Cup-Traum erneut mit größter Motivation nach. Er will nach Uwe Krupp, Dennis Seidenberg, Tom Kühnhackl, Philipp Grubauer und Nico Sturm der sechste Deutsche sein, der die Trophäe hochstemmen darf. „Ich bin ja fest davon überzeugt, dass auch Leon seinen Stanley Cup noch holen wird. Aus deutscher Sicht hätte es niemand mehr verdient als Leon“, sagte Sturm: „Seine individuellen Statistiken und was er jedes Jahr leistet – da ist er in einer anderen Liga.“ Der Center, der in dieser Spielzeit als Free Agent weitergezogen ist und nun für die Minnesota Wild spielen wird, gerät bei Draisaitl förmlich ins Schwärmen: „Er ist der beste Spieler, den wir in Deutschland haben. Er ist unser Aushängeschild in unserem Sport. Ich fühle sehr mit ihm mit, natürlich.“
Rückkehr nach Köln nicht unrealistisch
Und wenn es wirklich nichts mehr wird mit dem Meistertitel in der NHL? Dann versucht es Draisaitl eben in der Deutschen Eishockey Liga – und zwar mit den Kölner Haien. Eine Rückkehr nach Köln zum Ende seiner Karriere ist zumindest ein realistisches Szenario, wie der deutsche Sportsuperstar bei seinem Heimatbesuch in diesem Sommer erneut bekräftigte. „Ich hoffe, dass meine Karriere da drüben noch ein paar Jahre anhält. Aber irgendwann noch mal hier in dieser Kabine zu sitzen, ist auf jeden Fall etwas, was mich sehr freuen würde“, sagte Draisaitl: „Man weiß nie, was passiert, aber der Plan ist, dass ich hoffentlich hier irgendwann noch mal spiele.“ Draisaitl wurde 1995 in Köln geboren und lernte beim Kölner EC das Eishockeyspielen. Inzwischen ist er einer der ganz Großen seiner Sportart – aber eben auch noch ein Unvollendeter.
Dazu passt auch, dass der beste deutsche Spieler seiner Generation beim größten Coup der Nationalmannschaft, als die DEB-Auswahl sensationell Silber bei Olympia 2018 holte, nicht dabei war. Wegen der Corona-Pandemie stellte die NHL damals ihre Spieler nicht für die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang ab. Bei Olympia im kommenden Februar in Mailand und Cortina d’Ampezzo sind die NHL-Stars aber wieder dabei – inklusive Draisaitl. Er wurde neben anderen NHL-Profis wie Philipp Grubauer (Seattle Kraken), Moritz Seider (Detroit Red Wings), Sturm (Minnesota Wild) und Tim Stützle (Ottawa Senators) in den vorläufigen Olympiakader nominiert. „Er wird das Gesicht unserer Mannschaft sein“, sagte Verteidiger Seider, betonte aber auch: „Man kann es nicht auf zwei Schultern abladen. Wir müssen ihn klug einbinden.“ Es sei wichtig, dass Draisaitl die Spiele im deutschen Trikot „auch genießen kann“.