Wer sich für Umweltschutz interessiert, sollte sich Blühpatenschaften einmal genauer anschauen. Mit einer Spende die Landschaft zum Blühen bringen und Insekten retten kann im Prinzip jeder. Wir haben eine Schulklasse begleitet.
Luisa (Name geändert) verzieht etwas angewidert das Gesicht. Dann greift die Zwölfjährige widerwillig in die Plastikschüssel, die vor ihr auf dem Boden steht. Die schwarzbraune Erde, die an ihren Fingern klebt, findet sie „eklig“. Trotzdem rollt sie den Klumpen in ihrer Hand zu einer golfballkleinen Kugel. Ein Seedball, zu Deutsch Saatkugel. Die Mädchen zählen nach: 102 Kugeln haben sie geformt. Die müssen jetzt trocknen. Dann werden sie eingepflanzt.
Biologie-Lehrer Achim Diekmeyer hat von der Schulleitung der Goethe-Realschule im westfälischen Löhne ein Stück Rasen am Rande des Schulgeländes bekommen. Dort pflanzt die siebte Klasse jetzt eine Blühfläche. Mit Spaten haben die Jungs und Mädchen das karge Stückchen Land umgegraben. Dann gilt es, die Erde mit Harken auf dem Gelände zu verteilen. „Macht Spaß“, meint Louis. Gartenarbeit sei er gewöhnt, mache er zu Hause auch. Finn stimmt zu: „Zu Hause pflanzen wir Kartoffeln und Kürbisse an.“
Einer der Jungen hält einen Regenwurm auf der ausgestreckten Hand. Fünf Kinder stehen um ihn herum und bestaunen den Wurm, der sich auf der Handfläche windet. „Wie süß“, kommentiert ein Mädchen. Schließlich darf der Wurm wieder zurück in den Boden, ebenso eine Assel, die die Jungs aufgelesen haben. Es geht wieder an die Arbeit: Aussaat. Feldwerk-Mitgründer Tobias Krutemeier zeigt den Jugendlichen, wie sie die Samen aus einer Plastikschale mit einer lockeren Handbewegung gleichmäßig über die Fläche verteilen. Nach zwei, drei Versuchen klappt es gut. Alle, die mögen, dürfen eine Bahn säen. Ein Kind hält die Schüssel, das andere streut. Für den Rückweg wird getauscht. Die Schülerinnen und Schüler überschlagen sich nicht, aber alle machen mit. Die meisten sind lieber in der strahlenden Sonne mit Spaten und Harke draußen als im Klassenzimmer.
Zahlreiche Initiativen
Lehrer Achim Diekmeyer ist vom Engagement der Jugendlichen „positiv überrascht“. Die örtliche Volksbank habe ihm den Kontakt zu Feldwerk im westfälischen Löhne vermittelt. Gründer Marco Schlomann, ein IT-Fachmann, und sein Cousin Tobias Krutemeier, ein Landwirt, sammeln vor allem von Unternehmen Spenden ein, die sie an Bauern im Umkreis von 30 Kilometern um den Sitz des Spenders weiterleiten. Diese legen mit dem Geld mehrjährige Blühflächen und Insektenweiden an. Im Angebot: Bienen-, Blüh- und Baumpatenschaften, Teambuilding-Events für Belegschaften und mehr. Unternehmen können ihr Engagement für den Naturschutz im Marketing nutzen und mit Blühflächen ihr Firmengelände verschönern. In Schulen unterrichten die Feldwerker das Anlegen und geben Workshops.
Neben Feldwerk bieten in Deutschland zahlreiche weitere Initiativen und Projekte Blühpatenschaften an. Gegen eine einmalige oder wiederkehrende Spende legen deren Mitarbeitende Blühflächen zumeist auf landwirtschaftlichen Äckern an und – das ist entscheidend –
pflegen diese regelmäßig. Wer solche Projekte unterstützt, „kann nicht viel falsch machen“, sagt Alexandra-Maria Klein. Die Wissenschaftlerin forscht an der Universität Freiburg zu Naturschutz und Landschaftsökologie. Jede kleine Blühfläche könne Lebensraum für Insekten schaffen, sogar ein Blumenkasten.
Wer mit seiner oder ihrer Spende möglichst viel bewirken möchte, sollte sich den jeweiligen Anbieter genau ansehen und auf Folgendes achten: Die Flächen sollen nicht gepflügt werden, weil Wildbienen und andere Insektenarten im Boden überwintern. Deshalb sollten die Anpflanzungen auch möglichst über mehrere Jahre stehen bleiben. Der Naturschutzbund Nabu und andere Fachleute empfehlen fünf Jahre. Das Problem: Bleibt die Insektenweide auf einem landwirtschaftlichen Grundstück länger als fünf Jahre am Stück, verliert dieses seinen Status als Ackerland. Deshalb wird sich kaum ein Landwirt oder eine Landwirtin finden, der oder die die Blühfläche länger stehen lässt.
Der Nabu geht auch deshalb einen anderen Weg. Seine Stiftung Nationales Naturerbe kauft mit dem gespendeten Geld Land, das dann dauerhaft für den Naturschutz erhalten bleibt. Einjährige Blühwiesen können sogar mehr schaden als nutzen. Sie locken Tiere an, die diesen Lebensraum mit der Mahd wieder verlieren und dort sterben. Feldwerk zum Beispiel pflegt die Blühflächen nach eigenen Angaben mindestens zwei Jahre lang, in Einzelfällen bis zu sechs Jahre.
Um Insekten einen Lebensraum zu bieten, sollten Blühstreifen mindestens zehn Meter breit und drei Meter tief angelegt werden. Ebenso wichtig ist, dass die Biotope nicht zu weit voneinander entfernt stehen. Der Biologe und Artenschutz-Experte Johannes Steidle empfiehlt Abstände von höchstens einem Kilometer, besser nur 500 Meter.
Aussäen von August bis September
Entscheidend ist auch die regelmäßige Pflege der Flächen. Gemäht werden sollten sie nicht öfter als ein oder zwei Mal im Jahr und idealerweise in Abschnitten, sodass immer ein großer Teil der Blühpflanzen stehen bleibt, auch über den Winter. Als „Schlüssel zum Erfolg“ nennt Agraringenieurin Linda Trein vom Netzwerk „Blühende Landschaft“ eine „dauerhafte Begleitung durch Fachleute“. Landwirte und andere Projektpartner bekommen nicht nur Saatgut. „Sie schicken uns regelmäßig Bilder, und unsere Fachleute besuchen und beraten sie vor Ort.“
Für die Aussaat empfiehlt Julia Walter, Referentin für Biodiversität am Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg (LTZ), die Monate August und September. Deutschland habe im 20. Jahrhundert 90 Prozent der artenreichen Lebensräume verloren. Es gibt also viel zu tun.
Auf den Blühflächen sollten hitzeresistente, regionale Arten gepflanzt werden. Wichtig ist auch eine möglichst große Vielfalt an natürlichem, nicht gezüchtetem Saatgut, das den Wetterkapriolen widerstehen kann und vielen verschiedenen Insektenarten Nahrung bietet. „Bestäuber machen nur 20 bis 30 Prozent der Insekten aus“, mahnt der Biodiversitäts-Experte Johannes Steidle von der Universität Hohenheim. Deshalb empfiehlt er möglichst vielfältig gemischtes Saatgut, dessen Pflanzen etwa auch Schmetterlinge und ihre Raupen ernähren. Dazu zählt er Fenchel, wilde Möhre, Veilchen, Hufeisenklee sowie für größere Tiere Körbchen- und Doldenblütler. Hinweise für die passenden Pflanzen gibt der Bienenweide-Katalog des Landes Baden-Württemberg. Dieser rät zu einer breiten Mischung verschiedener, dem jeweiligen Standort angepasster Pflanzen, damit „auf der Insektenweide immer etwas blüht“. Der Katalog gibt auch Tipps, welche Arten man mit welchen Pflanzen gezielt unterstützen kann. Für Bayern gibt es eine von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft zusammengestellte Mischung „Lebendiger Acker“, jeweils für trockene und feuchte Standorte. Das bundesweite Projekt „BienenBlütenReich“ der Initiative „Blühende Landschaft“ verwendet 60 verschiedene Saatmischungen aus 22 deutschen Ursprungsgebieten.
Feldwerk nutzt nach eigenen Angaben für die Blühwiesen „handsortiertes Saatgut aus der jeweiligen Region mit 40 bis 50 verschiedenen Pflanzenarten“. Unterschieden wird hierbei nach den Regionen Nord-, Süd-, Ost- und Westdeutschland.
Damit haben die Feldwerker mit 35 angeschlossenen Landwirten bisher gut eine Million Quadratmeter mehrjährige Blühflächen angelegt und knapp 27.000 Quadratmeter Wald gepflanzt. Mit Bodenproben und Sensoren messen sie in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut für Entwurfstechnik und Mechatronik (IEM) in Paderborn und dem Automatisierungsunternehmen Wago in Minden inzwischen die Wirkung ihres Einsatzes. Dazu nehmen die Forscherinnen und Forscher Bodenproben und vergleichen unter anderem die DNA der Lebewesen mit früheren Untersuchungen. So erhalte man verlässliche physikalisch-chemische Bodenkennwerte wie Humusgehalt, Nährstoffstatus und pH-Wert sowie Nachweise der Arten, die sich auf den Flächen angesiedelt haben. Erste Ergebnisse sollen Ende 2026 vorliegen.
Flächen an Landwirte verpachtet
„Wir wollen der Natur etwas zurückgeben“, sagt Feldwerk-Mitgründer Marco Schlomann. Er wünscht sich mehr Nachfrage, vor allem von Unternehmen. „Das Artensterben ist in den Köpfen noch nicht ausreichend angekommen“, vermutet er. Tatsächlich denken Manager beim Engagement für Natur und Umwelt bisher vor allem an ihre Klimabilanz. Die lässt sich allerdings auch durch einen Beitrag zum Artenschutz verbessern.
Das sieht auch Maik Siedenhans so. Der 48-jährige Versicherungsvertreter lebt mit seiner Familie auf dem ehemaligen Bauernhof seiner Eltern am Rande von Verl, einer Kleinstadt in Ostwestfalen. Vor seinem sanierten Bauernhaus blühen auf einem Feld zahlreiche Blumen, die er im Rahmen einer Blühpatenschaft im Netzwerk „blühende Landschaft“ gesät hat. Nebenan hat Siedenhans auf einem weiteren Stück Land 1.000 Eichen und 2.000 Erlen gepflanzt. Über lange Zeit hatte er die Flächen, insgesamt rund 26.000 Quadratmeter, an Landwirte in der Umgebung verpachtet. „Die haben dort Mais für Biogasanlagen angebaut und stinkende Gülle ausgebracht“, erzählt er. Dann hat ihn das Netzwerk „Blühende Landschaft“ auf die Idee gebracht, „der Natur etwas zurückzugeben“. Er ließ die Pachtverträge mit den Bauern auslaufen und bestellte sich Saatgut des Netzwerks, um Blühflächen anzulegen und den Wald zu pflanzen. Allein für die Setzlinge der Bäume zahlte er 5.000 Euro. Dass er diese Summe „über die Holzernte nie wieder reinbekommt“, stört den Kaufmann nicht. Er freut sich wie seine zehnjährige Tochter Clara jeden Tag über die Schönheit seiner Blumen und Bäume. „Wir zerstören schon genug.“