Wir sind ständig erreichbar, können überall auf alles problemlos zugreifen und fühlen uns so gestresst wie nie. Immer mehr Menschen erkranken aufgrund von übermäßigem Stress. Doch woher kommt das in einer Zeit, in der technische Hilfsmittel uns eigentlich entlasten sollen?
Es ist nur eine kleine Zahl auf dem Display. 27 ungelesene E-Mails. Zwölf Whatsapp-Nachrichten. Drei verpasste Anrufe. Zwei Kalendereinträge, die sich überschneiden. Nichts davon ist ein Notfall, trotzdem reicht dieser flüchtige Blick aufs Smartphone, um den Puls zu beschleunigen. Denn unser Gehirn hat gelernt, jede offene Nachricht als unerledigte Aufgabe zu behandeln.
Dabei hätte eigentlich das Gegenteil passieren müssen. Noch nie in der Geschichte standen uns so viele technische Hilfsmittel zur Verfügung, die uns Arbeit abnehmen. Künstliche Intelligenz schreibt Texte, Navigationssysteme kennen den schnellsten Weg, Apps organisieren Termine, Saugroboter putzen Wohnungen und Maschinen erledigen in Sekunden Aufgaben, für die früher Stunden nötig waren. Der technische Fortschritt versprach Effizienz. Doch je schneller wir arbeiten können, desto höher steigen die Erwartungen. Durch andere, aber auch durch uns selbst. Wer E-Mails innerhalb weniger Minuten beantwortet, soll das möglichst immer tun. Wer dank Smartphone sein Büro ständig bei sich trägt, nimmt die Arbeit mit an den Esstisch, auf den Spielplatz und manchmal sogar mit ins Bett. Die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit verschwimmen zunehmend. Und aus Flexibilität wird Verfügbarkeit.
Doch es wäre zu einfach, die Schuld allein der Digitalisierung oder dem Smartphone zu geben. Das Gerät in unserer Hosentasche ist vor allem ein Verstärker. Es bündelt Entwicklungen, die schon lange vorher begonnen haben. Unsere Arbeitswelt hat sich verändert. Unternehmen müssen schneller reagieren, Märkte verändern sich im Takt globaler Krisen, und wirtschaftliche Unsicherheit lässt viele Menschen um ihre Zukunft bangen. Gleichzeitig begleitet uns rund um die Uhr ein Nachrichtenstrom, der kaum noch zwischen persönlicher Betroffenheit und weltpolitischer Krise unterscheidet. Unser Gehirn hat kaum noch Gelegenheit, wirklich abzuschalten.
Hinzu kommt: Produktivität gilt in unserer Gesellschaft fast schon als Tugend. Wer beschäftigt ist, scheint wichtig zu sein. Wer Pausen macht, muss sie rechtfertigen. Soziale Netzwerke tragen ihren Teil dazu bei: Dort begegnen uns in nur wenigen Scrolls Menschen, die scheinbar mühelos Karriere machen, nebenbei einen Marathon laufen, dabei perfekt aussehen, mit 20 ihr erstes eigenes Unternehmen gegründet haben und selbstverständlich jeden Morgen um 5 Uhr meditieren.
Steigende Fehlzeiten
Gleichzeitig verändert sich der Blick auf Stress. Lange galt es als Zeichen von Schwäche, über psychische Belastungen zu sprechen. Heute ist das anders – und das ist zunächst eine gute Nachricht. Burn-out, Depressionen oder Angststörungen sind keine Tabuthemen mehr. Unternehmen beschäftigen sich mit mentaler Gesundheit, Krankenkassen veröffentlichen Stressreports und die Wissenschaft weiß heute deutlich mehr darüber, wie Dauerbelastung Körper und Psyche verändert. Das ist auch gut so, denn die steigenden Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen sprechen dafür, dass viele Menschen an ihre Belastungsgrenzen geraten. Etwa jede vierte berufstätige Person in Deutschland hat sich schon einmal wegen zu viel Stress krankgemeldet, rund 186.000 Menschen fehlen jährlich allein wegen Burn-out. Auf 100 Versicherte kommen im Durchschnitt rund 323 Fehltage durch psychische Leiden.
Besonders deutlich zeigt sich dieser Wandel bei den Jüngeren. Kaum eine Generation wird so häufig als empfindlich oder wenig belastbar beschrieben wie die Generation Z. Gleichzeitig wächst sie in einer Welt auf, in der Schule, Soziale Medien, Selbstoptimierung und Zukunftsängste wie selbstverständlich zum Alltag gehören. Wer ständig online ist, lebt auch ständig im Vergleich. Und wer seine Zukunft zwischen Klimakrise, Kriegen und Wohnungsnot planen muss, startet mit anderen Voraussetzungen ins Berufsleben als frühere Generationen.
Doch Stress ist nicht per se schlecht. Ohne Anspannung gäbe es keine Konzentration vor einer Prüfung, keine Höchstleistung im Sport und keine Begeisterung für anspruchsvolle Aufgaben. Unser Stresssystem ist ein uraltes Überlebensprogramm. Es hilft, Herausforderungen zu bewältigen. Problematisch wird es erst, wenn aus einer kurzfristigen Aktivierung ein Dauerzustand wird.
Ist das der Fall? Ist Stress unser neuer, gesellschaftlicher Normalzustand geworden? Oder war es schon immer – nur anders? Wahrscheinlich lässt sich das gar nicht so eindeutig beantworten. Körperliche Belastungen waren früher oft größer, digitale Reizüberflutung kannte dagegen niemand. Die Quellen unseres Stresses haben sich verändert. Sie sind komplexer, allgegenwärtiger und häufig weniger sichtbar geworden als früher. Genau deshalb reichen simple Ratschläge wie „Schalt einfach mal ab!“ längst nicht mehr aus. Es braucht eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema – und das auf wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Ebene.