Der plötzliche Impuls, das Auto in den Gegenverkehr zu lenken oder der kurze Gedanke daran, von einem hohen Balkon zu springen – viele Menschen haben das schon einmal erlebt. Aber wie kommt einem eine solche Idee? Lara Wiesmann forscht am sogenannten „Call of the Void“.
Der Wind pfeift über die Klippen. Unten schlägt die Brandung gegen die Felsen, dumpf und gleichzeitig hypnotisch. Eigentlich fühlt man sich sicher: Die Füße stehen fest auf dem Boden. Und doch taucht dieser winzige, irritierende Gedanke auf, während der Blick auf die tosende See, metertief, fällt: Was wäre, wenn ich jetzt da runterspringe? Ein kurzer Schreck durchfährt den Körper, ein Unbehagen, das ebenso schnell verschwindet, wie es gekommen ist. Psychologen nennen dieses Phänomen den „Call of the Void“ – also den Ruf der Leere. Eine spontane, ungewollte Vorstellung einer gefährlichen Handlung. Forschende gehen davon aus, dass viele Menschen sie kennen. In Foren und wissenschaftlichen Analysen taucht die Beschreibung immer wieder auf: dieser kurze „Ruf der Leere“, der aber gar nichts mit einem tatsächlichen Wunsch nach Selbstgefährdung zu tun hat.
„Das Call-of-the-Void-Phänomen, das ist schwierig zu begreifen“, sagt Lara Wiesmann. Sie forscht seit einigen Jahren an der Ruhr-Universität Bochum daran. „Man versteht darunter den plötzlichen Gedanken oder Impuls, etwas Gefährliches zu tun.“ Zunächst wurde vor allem das sogenannte High-Place-Phänomen beschrieben – jene irritierende Idee, aus einer Höhe zu springen. Doch Wiesmann und andere Forschende weiten den Blick: „In Online-Foren wurde das immer breiter diskutiert, deshalb nutzen wir heute den Begriff Call of the Void, um verschiedene Situationen zu erfassen.“ Dazu gehören Impulse wie das Auto in den Gegenverkehr zu lenken oder vor einen einfahrenden Zug zu springen. Gemeinsam ist all diesen Gedanken, dass sie scheinbar lebensbedrohliche Handlungen betreffen und unerwartet ohne ersichtlichen Grund auftauchen.
Phänomen ist nicht mit Suizidabsicht gleichzusetzen
Was passiert in solchen Momenten im Kopf? „Darauf gibt es bisher keine eindeutige Antwort“, sagt Wiesmann. Eine frühe Studie vermutete, der Gedanke könne eine Art Sicherheitssignal des Gehirns sein, ein Fehlalarm, wenn man so will. Während man an einer Klippe steht, werde das Gehirn hochsensibel: Es registriere Gefahr und warne davor. Dieser Warnimpuls könnte dann irrtümlich als gefährlicher Handlungsimpuls empfunden werden – ein Missverständnis zwischen Körper und Gedankenwelt. Kein Wunder also, dass manch einer unbewusste Suizidgedanken dahinter vermutet. Doch das Forschungsteam an der Uni in Bochum konnte dafür bisher keine Hinweise finden. Im Gegenteil, wichtig ist Wiesmann, die als Psychotherapeutin viel in den Bereichen Depression, Angst- und Zwangsstörungen arbeitet, die klare Abgrenzung davon. Zwar gebe es Überschneidungen mit echten suizidalen Gedanken, doch einige Menschen, die den „Ruf der Leere“ erleben, hätten nie zuvor Kontakt mit Suizidgedanken gehabt. „Wer suizidale Gedanken hat, verspürt auch einen Wunsch, das Leben zu beenden“, sagt sie. Beim Call of the Void hingegen sei der Gedanke eher ein Schockmoment, ein abruptes, fremdes Gefühl. „Der Name beschreibt das ganz gut. Viele Betroffene berichten, dass dieser Impuls sich anfühlt, als käme er nicht aus dem eigenen Inneren, sondern von außen – wie ein Ruf der Leere.“ Man staune eher darüber, dass der Gedanke überhaupt auftaucht, statt ihn zu wollen. Um das Rätsel zu lösen, was da genau im Gehirn passiert, bräuchte es detaillierte Laborstudien, etwa mithilfe virtueller Realität, verrät sie.
Aber warum üben Abgrund, Tod und Unbekanntes überhaupt eine so starke Faszination auf uns Menschen aus? Wiesmann blickt auf die psychologische Ebene: Der Tod, das Ungewisse, sei etwas zutiefst Menschliches und zugleich schwer Begreifbares. „Die Beschäftigung damit löst bei vielen Angst aus. Und das Gefühl, keine Kontrolle über die eigenen Gedanken zu haben, spielt dabei eine große Rolle“, sagt sie. Die Leere konfrontiert uns also nicht nur mit Gefahr, sondern auch mit der Frage, wie frei unser Denken eigentlich ist.
Derzeit arbeitet Wiesmann an der Validierung eines Fragebogens, der das Phänomen erstmals zuverlässig erfassen soll. Parallel läuft eine groß angelegte Studie mit über 4.000 Teilnehmenden, die klären soll, wie verbreitet der Call of the Void tatsächlich ist.
Frühere Zahlen deuteten auf 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung hin – doch weil sich bei Wiesmanns Studie besonders viele Betroffene meldeten, lag die Quote dort ungewöhnlich hoch. Sobald die Messinstrumente verlässlich funktionieren, wollen die Forschenden einen Schritt weitergehen: Menschen mit häufigen Erlebnissen des Call of the Void sollen im Labor mit VR-Brille und simulierten Abgründen untersucht werden. Dann könnte man zum ersten Mal beobachten, wann diese Gedanken auftreten und wie das Gehirn darauf reagiert. Im Idealfall könnte man so feststellen, ob Angst, Erregung oder ein anderer psychologischer Mechanismus diesen Gedanken auslöst – oder ob es völlig andere Faktoren sind, die bislang niemand im Blick hat.
Bis dahin bleibt der Ruf der Leere ein faszinierendes Rätsel: ein Impuls des Lebensschutzes vielleicht, verkleidet als Gefahr. Ein flüchtiger Schreck, der uns daran erinnert, wie sehr wir am Leben hängen – und wie wenig wir manchmal über unsere eigenen Gedanken wissen. Vielleicht, so könnte man sagen, ist es ein Moment, in dem wir kurz spüren, wie dünn die Linie zwischen Instinkt, Fantasie und Bewusstsein wirklich ist. „Der genaue Mechanismus ist noch unklar“, sagt Wiesmann. „Und genau das macht ihn ja so spannend.“