Gianni Infantino wollte die Zukunft des Weltfußballs an Investoren verkaufen und sich gleich einen Platz an ihrer Spitze sichern. Der Plan ist gescheitert, doch die Affäre reicht längst über einen geplatzten Milliardendeal hinaus.
Es ist eine klare Aussage: „Ich könnte 10.000 Wörter über die Probleme bei der Fifa schreiben. Doch die Lösung lässt sich auf drei Worte reduzieren: Infantino muss gehen“, schrieb Luis Figo. Innerhalb weniger Tage ist aus dem mächtigen Weltverbandschef ein Funktionär geworden, dessen Partner die Sicherung möglicher Beweise verlangen, dessen Unterstützer öffentlich von ihm abrücken und dem ein ehemaliger Gegenkandidat Erpressung vorwirft. Es ist kein gewöhnlicher Verbandsstreit. Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Systems, in dem Macht nicht kontrolliert, sondern belohnt wurde – bis sein Architekt offenbar glaubte, selbst die Zukunft des Fußballs in einem Handstreich verkaufen zu können.
Am 28. Juli präsentierte die Fifa einen Plan von ungeheurer Tragweite. In einer neuen Gesellschaft namens Fifa Forward Enterprise, kurz FFE, sollten die kommerziellen Aktivitäten und die Turnierorganisation des Weltverbandes gebündelt werden. Private Investoren hätten Anteile erwerben und damit Zugriff auf ein Geschäft erhalten sollen, dessen wichtigstes Gut der Fifa nicht gehört, auch wenn sie sich längst so verhält: der Fußball selbst. Verbände sollten mit Millionenzusagen gefügig gemacht werden. Entscheidungen mit jahrzehntelangen Folgen wurden offenbar in einem kleinen Kreis vorbereitet und mit jener Eile vorangetrieben, die meist dann entsteht, wenn Öffentlichkeit und Widerspruch als störend empfunden werden.
Der Widerstand war so massiv, dass die Fifa das Vorhaben wenige Tage später begrub. Die Uefa hatte mit einem Boykott sämtlicher Fifa-Turniere gedroht. Damit war der Deal tot, die Angelegenheit aber nicht erledigt. Denn was als Zukunftsprojekt verkauft wurde, wirft Fragen auf, die weit über eine misslungene Vermarktungsidee hinausgehen: Wer hat den Plan ausgearbeitet? Welche Investoren waren eingebunden? Welche Zusagen wurden gemacht? Wer hätte profitiert? Und warum sollten die Mitgliedsverbände ein Konstrukt durchwinken, dessen Folgen kaum offengelegt waren?
Die Uefa stellt diese Fragen inzwischen mit juristischer Schärfe. In einem sechsseitigen Schreiben ihrer US-Kanzlei Dechert forderte sie Infantino und die Fifa auf, alle Unterlagen zum FFE-Projekt zu sichern: E-Mails, Whatsapp-, Signal-, Teams- und Slack-Nachrichten, Cloud-Daten, Kalender, Sitzungsnotizen, private Geräte und Konten. Der sogenannte „Litigation Hold“ ist noch keine Klage, aber eine vorbereitende Bewegung dazu. Die Uefa prüft „rechtliche Schritte, Schiedsverfahren und/oder Beschwerden bei Aufsichtsbehörden“. Auch Joshua Kushner, dessen Gesellschaft Thrive Eternal als Ankerinvestor vorgesehen war, erhielt ein Schreiben.
Infantino geht es nur ums Geld
Wenn zwei der mächtigsten Organisationen des Weltfußballs nicht mehr über Wettbewerbe streiten, sondern über die Sicherung elektronischer Spuren, ist jede diplomatische Fassade zerbrochen. Die Uefa verlangt Unternehmensbewertungen, Prüfberichte, Investorenverträge und Unterlagen zur Rolle der Großbank J.P. Morgan. Sie nennt neben Generalsekretär Mattias Grafström und Rechtschef Emilio Garcia Silvero auch Arsène Wenger und Gelson Fernandes als mögliche Auskunftspersonen. Vor allem richtet sie den Blick auf Interessenkonflikte. Gesichert werden sollen ausdrücklich Dokumente über jede erwogene Funktion, die heutige Fifa-Verantwortliche nach ihrem Ausscheiden übernehmen könnten.
Damit steht der schwerwiegendste Verdacht im Raum: dass Infantino nicht allein die Vermarktung der Fifa neu ordnen, sondern sich selbst eine lukrative Zukunft in dem privatisierten Gebilde schaffen wollte. Nach Medienberichten hätte er nach seiner Präsidentschaft die Führung der FFE übernehmen sollen. Als Grundgehalt waren demnach 30 Millionen Dollar pro Jahr vorgesehen, zuzüglich Boni. Trifft dies zu, wäre der Deal nicht bloß politisch vermessen gewesen. Dann hätte ein amtierender Präsident Strukturen vorbereitet, von denen er später persönlich in einem Ausmaß profitiert hätte, das selbst im enthemmten Fußballgeschäft grotesk wirkt.
DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig spricht von einem „irreparablen Vertrauensverlust“. Er kritisiert das Vorgehen „im stillen Kämmerlein“, die „unlauteren Köder“ und die Vorstellung, Prinzipien der Finanzwirtschaft ließen sich auf den Fußball übertragen. Tatsächlich offenbart FFE eine Welt, in der Verbände keine Träger des Spiels mehr sind, sondern Stimmenblöcke, Rechte keine Verantwortung bedeuten, sondern verwertbares Kapital, und Turniere vor allem Rohstoffe einer immer größeren Geldmaschine darstellen. Wer stört, wird umworben, unter Druck gesetzt oder mit zusätzlichen Einnahmen ruhiggestellt.
Wie weit diese Methode reichen könnte, zeigt der Vorwurf von Prinz Ali bin al-Hussein. Der Chef des jordanischen Verbandes behauptet, die Fifa habe das Preisgeld für den zweiten Platz seines Landes beim Arab Cup 2025 bis heute nicht ausgezahlt. Es soll um 4,2 Millionen Dollar gehen. Während der Weltmeisterschaft sei ihm dann mündlich mitgeteilt worden, es würde seinem Verband sehr helfen, wenn er Infantino unterstütze. „Aber die gesamte Situation läuft auf Erpressung hinaus, und wir weigern uns, das zuzulassen“, schrieb er. Die Fifa verfügt über Milliardenreserven, ein Verband wartet auf ihm zustehendes Geld – und zugleich soll politische Gefolgschaft zur Sprache gekommen sein. Der Vorwurf muss bewiesen werden. Schon dass er aus dem Inneren der Fußballpolitik erhoben wird, zeigt jedoch, wie tief das Misstrauen reicht.
„So kann es nicht weitergehen“
Nun bröckelt die Gefolgschaft. Wales, England, Serbien und Schweden haben ihre Unterstützung für Infantinos Wiederwahl 2027 zurückgezogen. Noch rund um die Weltmeisterschaft hatten sie wie mehr als 200 Verbände zugesagt, ihn beim Fifa-Kongress in Rabat zu wählen. Die Geschwindigkeit des Umschwungs ist bemerkenswert. Die Erklärung aus Wales liest sich wie eine Bilanz des Versagens: Defizite bei Verbandsführung, Entscheidungsprozessen, Werten, Kommunikation und Urteilsvermögen hätten dazu geführt, dass Infantino das Vertrauen verloren habe. Das ist keine Meinungsverschiedenheit über ein Projekt. Es ist die Aufkündigung politischer Legitimität.
Der Fall FFE ist größer als die Frage, ob Infantino 2027 wiedergewählt wird. Er zeigt, wie gefährlich ein Weltverband geworden ist, der seinen Präsidenten mit den Mitteln eines Staatschefs ausstattet, ihm aber kaum vergleichbare Kontrolle entgegensetzt. Eine Organisation, die den Fußball schützen soll, wollte dessen kommerzielle Zukunft in eine Investorenfirma auslagern. Ihr Präsident sollte später möglicherweise an deren Spitze 30 Millionen Dollar im Jahr verdienen. Verbände wurden mit Millionen gelockt, während Jordanien nach eigener Darstellung auf verdientes Preisgeld wartet und politische Unterstützung eingefordert worden sein soll.
Die Fifa braucht daher nicht nur einen gestoppten Deal, sondern vollständige Aufklärung: eine unabhängige Prüfung, die Offenlegung aller Verträge und Nebenabreden, die Untersuchung möglicher Interessenkonflikte und eine Antwort auf den Erpressungsvorwurf. Sollten Unterlagen nach der Aufforderung zur Beweissicherung verschwinden, muss das Konsequenzen haben. Und falls sich bestätigt, dass Infantino seine Macht nutzte, um eine finanziell glänzende Anschlussverwendung für sich vorzubereiten, darf es keine weitere Amtszeit geben.
„So kann es nicht weitergehen“, erklärt die Uefa und fordert, Verantwortliche zu benennen und zur Rechenschaft zu ziehen. Diesmal darf der Satz nicht in einer Kommission, einem Kompromiss oder einer Hochglanzkampagne enden. Die Fifa hat nach Blatter versprochen, aus ihrer Vergangenheit zu lernen. Unter Infantino hat sie stattdessen gelernt, dieselben Mechanismen moderner zu verpacken, größer zu finanzieren und professioneller zu vermarkten. Nun wankt der Sonnenkönig. Ob er fällt, entscheidet darüber, ob der Weltfußball noch zur Selbstreinigung fähig ist – oder ob selbst dieser Skandal nur der nächste Preis ist, den das Spiel für die Macht seiner Funktionäre bezahlt.