Im deutschen Sport haben die Reformen im Nachwuchsfußball und bei den Bundesjugendspielen für viel Aufsehen gesorgt. Im Zentrum steht die Frage, was Spaß für die Leistung bedeutet.
Erlebnis statt Ergebnis? Hans-Joachim Watzke bekommt bei diesem Motto einen dicken Hals. Seine Ablehnung zur Nachwuchsreform im deutschen Fußball versuchte der langjährige Boss des Bundesligisten Borussia Dortmund auch gar nicht erst zu verstecken – er verpackte sie in unverkennbaren Sarkasmus. „Demnächst spielen wir dann noch ohne Ball. Oder wir machen den eckig, damit er den etwas langsameren Jugendlichen nicht mehr wegläuft“, sagte Watzke. Und der Top-Funktionär, der als Aufsichtsratschef der Deutschen Fußball Liga viel Macht besitzt, war nicht der einzige Kritiker des lange geplanten und im Vorjahr umgesetzten Projekts. Im Kern sehen die neuen Spielformen wie „Funino“ in bestimmten Altersgruppen deutlich kleinere Mannschaftsgrößen auf verengten Spielfeldern und die Abschaffung des klassischen Ergebnisses vor. Gerade Letzteres triggerte aber ganz offensichtlich einige aus der Fußballszene. Die Ex-Nationalspieler Thomas Helmer und Andreas Möller nannten die Reform wahlweise „grotesk“ oder „Blödsinn“, Trainer Steffen Baumgart meinte: „Wir sind eine Generation, die nur noch den weichen und seichten Weg geht.“
„Den weichen und seichten Weg“
Ähnlich verlief die Debatte, als es vor zwei Jahren die Ankündigung gab, dass die Bundesjugendspiele reformiert werden: Sie firmieren in allen Grundschulklassen nicht mehr als „Wettkampf“, sondern als „Wettbewerb“. Außerdem wird Leistung nicht mehr so ganz genau mit der Stoppuhr oder dem Maßband gemessen wie zuvor. Gewisse Zonen lösten die konkrete Weite oder Zeit ab. Das Ziel: Die Freude an der Bewegung steigern, den Druck durch den klaren Vergleich mit anderen mindern. Diskus-Olympiasieger Robert Harting kann diesen Ansatz nicht nachvollziehen. „Besser werden, der Erste sein – das gibt es da nicht“, sagte der Berliner. Er sieht darin ein Paradebeispiel dafür, „wie Leistungssport in unserem Land geführt wird“. Auch Fußball-Topmanager Max Eberl forderte: „Leistung muss bleiben.“ Schließlich spiele man ja auch „Mensch ärgere dich nicht“, um zu gewinnen. Aber spielt man das Brettspiel nicht auch, um Spaß zu haben? Und ist Spaß nicht auch die wichtigste Grundvoraussetzung, damit sich Leistung im Sport, gerade im Kindes- und Jugendalter, entwickelt?
Leistung aus der „Schmuddelecke“
Sportwissenschaftler Malte Simon untersuchte in einer Studie, inwieweit freudbetonte Übungen den sportlichen Lernprozess bei drei verschiedenen Altersgruppen (5. Klasse, 10. Klasse und bei Sportstudierenden) beeinflussen kann. „In allen Altersstufen konnte gezeigt werden, dass die Aktivierungsformen, in denen Spaß eine wichtige Rolle spielt, den anschließenden Lernprozess positiv beeinflussen und die Teilnehmenden im Vergleich zu den beiden anderen Gruppen jeweils signifikant verbesserte Ergebnisse erzielen“, sagte der Hamburger. Warum? „Lachen ist ein markanter Eckpunkt des kindlichen Bewegungslernens“, erklärte Simon. Die größere empfundene Freude bei den Übungen führe zu einer höheren Aufmerksamkeit und Motivation. Diese wenig überraschende Erkenntnis auch anderer Studien sollte noch viel stärker in den Schulsport einfließen, meinte der Sportwissenschaftler. Denn dort werde Sport „mit zu wenig Spaß praktiziert. Es braucht einen generellen Gedankenwechsel.“ Sein Vorschlag: „Weg von dem Slogan: ‚Mit der Schule beginnt der Ernst des Lebens‘, sondern lieber ‚Mit Freude das Lernen beflügeln‘.“
Aber was bereitet Kindern und Jugendlichen beim Sport eigentlich Freude und Spaß? Eine aufwendige Studie der George Washington University hat sich genau diesem Thema gewidmet. Die US-Forscher um Amanda Visek befragten 142 Fußballspieler unter 16 Jahren, und dabei kam heraus: Die größten Spaßfaktoren sind ein faires, gemeinsames Spiel und gegenseitige Unterstützung. Auch „das Beste zu geben“ wird als spaßgebend angesehen, genau wie ein gutes Coaching durch den Trainer. Das Gewinnen taucht in der elf Kategorien langen Liste erst an neunter Stelle auf, und zwar unter der Rubrik: mentale Boni. Nur Team-Rituale und materielle Boni hatten bei dieser Umfrage einen noch geringeren Spaß-Wert für die befragten Kinder.
Es sei aber auch wichtig, „Leistung im Sport aus dieser Schmuddelecke rauszukriegen, in die sie gerade zu kommen scheint“, sagte Prof. Dr. Nils Neuber, einer der profiliertesten Sportpädagogen in Deutschland: „Leistung zu erbringen und etwas zu leisten, ist zunächst einmal etwas sehr Positives.“
Auch Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann meint, dass der Leistungsgedanke hierzulande und heutzutage zu selten verfolgt werde. „Es ist auch ein gesellschaftliches Problem. Wir haben eine gleichgültige Einstellung gegenüber Leistung entwickelt“, sagte der Olympia-Zweite von 1996. Ähnlich sieht es der frühere Spitzen-Leichtathlet Harting: „Leistung ist bei uns schon fast zu etwas verkommen, für das man sich schämen muss, wenn man darüber auf der Straße spricht.“ Und Rodel-Star Felix Loch gab zu bedenken: „Nur durch Konkurrenzsituationen können wir besser werden. Genau deswegen machen wir Sport, egal ob Breiten- oder Leistungssport.“
Dabei soll der Leistungsgedanke bei den oben angesprochenen Reformen gar nicht verschwinden – sondern nur etwas anders interpretiert werden. „Es geht immer noch um Laufen, Werfen, Springen“, sagte Ulla Jaeger, die Schulleiterin der Grundschule in Kollmarsreute, der FAZ: „Aber das Ganze soll so abgefragt werden, dass die Bewegungsfreude nicht verloren geht.“ Die Kinder bekommen bei den Bundesjugendspielen zwar alle eine Urkunde, so Jaeger: „Aber es gibt eben noch eine besondere Urkunde für die Sport-Asse.“ Leistung wird also weiterhin belohnt – nur eben anders.
„Grandiose“ Zustimmung
Bei der Fußball-Spielform „Funino“ zum Beispiel kann das Gewinnerteam immer ein Feld weiterrücken. Es geht also um etwas, und die Kinder werden weiterhin für Leistung belohnt. Auch Kritiker wie Watzke hätten es „längst verstanden“, sagte DFB-Nachwuchsdirektor Hannes Wolf in einem ersten Zwischenfazit der Nachwuchsreform im Fußball. Diese sei an der Basis insgesamt auf eine „grandiose“ Zustimmung gestoßen. Eine Reportage des SWR beim Fußballverein FC Freiburg-St. Georgen bestätigt diese Einschätzung. „Die Kinder spielen jetzt mehr, schießen mehr aufs Tor, haben mehr Erfolgserlebnisse. Ich glaube, das ist ganz wichtig“, wird dort ein Vater eines Fußballkindes zitiert: „Es sind eher die Eltern, die den Wettbewerbsgedanken in die Spiele reintragen wollen.“ Ein Junge sagt: „Es geht darum, dass man Spaß hat.“
Experten sind sich eigentlich einig: Ohne Spaß am Sport wird es schwierig, Kinder und Jugendliche überhaupt zum Sporttreiben zu bewegen. Aus einer repräsentativen Studie, die im Auftrag der Deutsche Sportjugend im Rahmen der Kampagne „Move For Health“ durchgeführt wurde, geht hervor: „Spaß haben“ und „fit bleiben“ sind bei den rund 2.000 befragten Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 17 Jahren die wichtigsten Motive für das Sporttreiben. Erst an dritter Stelle kommt der Leistungsgedanke („besser werden“). Dass dieser an Bedeutung zunimmt, je näher der oder die Heranwachsende dem Leistungssport kommt, ist zweifellos.
Die Frage, ob der Sport mehr oder weniger Siegertypen bekommt, wenn er auf die explizite Ernennung von Verlierern und Gewinnern verzichtet, ist aber aktuell noch nicht wirklich seriös zu beantworten.