Timo Port gehört zu Deutschlands größten Hammerwurf-Talenten. Der Athlet vom SV GO! Saar 05 arbeitet an der 70-Meter-Marke – und hat längst auch Olympia im Blick.
Es gibt angenehmere Beschäftigungen, als ein mehr als sieben Kilogramm schweres Wurfgerät immer wieder in ein Netz zu schleudern. Für Timo Port gehört genau das zum Alltag. In der Trainingshalle stehen zwei Kameras am Ring. Port dreht sich ein, beschleunigt das Gerät und wirft. Der Hammer verschwindet nach wenigen Metern in der Auffangkonstruktion. Dann folgt die Analyse: Stellung der Hüfte, Übergang in die Drehung, Landung, Rhythmus. Ein kurzer Hinweis seines Trainers Christoph Sahner, früher selbst Weltklasse-Werfer, schon geht es weiter.
Gerade für die technische Arbeit habe das Vorteile, sagt Port. Draußen auf dem Platz müsse er nach jedem Versuch erst 60 oder 70 Meter zum Hammer laufen und wieder zurück. Drinnen könne er einen Fehler unmittelbar korrigieren. Im Hammerwurf sind es oft solche Kleinigkeiten, die am Ende über mehrere Meter entscheiden.
Davon kann Port in dieser Saison ein Lied singen. Der Übergang vom Anschwung in die erste Drehung funktionierte lange nicht so, wie er sollte. Die Hüfte kam nicht sauber mit, die Bewegung wurde hektisch. „Ich habe teilweise einfach nur herumgerissen und dem Hammer nicht die Zeit gegeben, die er gebraucht hätte“, sagt er. Port geriet in Vorlage, verlor Stabilität und damit Geschwindigkeit im entscheidenden Moment.
Die Saison verlief nicht ganz nach Plan
Es ist einer der Gründe, weshalb seine erste komplette Saison mit dem Männergerät bislang nicht ganz nach Wunsch verlief. Zwar hatte er bereits im vergangenen Jahr einzelne Wettkämpfe mit dem 7,26 Kilogramm schweren Hammer bestritten. Nach einem intensiven Winter hatte er sich diesmal aber einen deutlicheren Leistungssprung erhofft. Stattdessen lagen die ersten Weiten ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres. „Da war ich schon ein bisschen enttäuscht.“
Inzwischen stehen 67,43 Meter als persönliche Bestleistung. Für einen jungen Athleten im Übergang in den Männerbereich ist das ein beachtlicher Wert. Port selbst ordnet ihn zurückhaltender ein. Die Saison sei nicht schlecht gewesen, sagt er, aber eben auch keine, bei der alles zusammengepasst habe. Noch besteht die Möglichkeit, das Bild zu verändern. Bei den deutschen Meisterschaften in Rostock wartet der nächste wichtige Wettkampf. Zur nächsten Kadernorm fehlen nur wenige Zentimeter, zur darüberliegenden Einstufung rund eineinhalb Meter. Und dann wäre da noch die 70-Meter-Marke. „Die würde ich dieses Jahr schon noch gerne knacken.“
Mit 1,83 Metern und derzeit rund 97 Kilogramm bringt er einiges an Masse mit, zählt international aber nicht zu den körperlichen Schwergewichten seiner Disziplin. Ein paar Kilogramm sollen dennoch dazukommen. Bis zum Jahresende möchte er die 100 erreichen, langfristig kann er sich ein Wettkampfgewicht zwischen 100 und 105 Kilogramm vorstellen.
Entscheidend ist für ihn allerdings, dass die zusätzliche Masse nicht auf Kosten seiner größten Stärke geht. „Ich mache viel über Geschwindigkeit und Technik“, sagt Port. „Wenn ich irgendwann ein 115-Kilo-Vieh bin, das sich kaum noch bewegen kann, wäre das kontraproduktiv.“
Auch deshalb beschäftigt er sich mittlerweile intensiver mit Ernährung. In den vergangenen beiden Jahren nahm Port professionelle Beratung in Anspruch, weil das Zunehmen schwieriger war als erwartet. Er aß viel, das Gewicht veränderte sich trotzdem kaum. Inzwischen achtet er bewusster auf Zusammensetzung und Timing seiner Mahlzeiten. Zum Ernährungspuristen ist er deshalb nicht geworden. Tiefkühlpizza und Döner haben weiterhin ihren Platz.
Der Leistungssport ist ohnehin nur ein Teil eines eng getakteten Alltags. Port gehört zur Sportfördergruppe der saarländischen Polizei und absolviert parallel sein Studium. Aktuell ist er wieder am Campus in Göttelborn, zwischen März und Mai war er mehrere Monate im Saarbrücker Streifendienst eingesetzt. Das sei anstrengend, aber spannend gewesen. „Es war viel los, aber es hat mir Spaß gemacht.“
Sonderkurse nur für Spitzensportler gibt es inzwischen nicht mehr. Dafür ist ihre Zahl zu gering. Port sitzt mit den regulären Studierenden im Unterricht, bekommt aber die notwendigen Freiräume für Training, Wettkämpfe und Trainingslager. Was er verpasst, muss er später nacharbeiten. Inzwischen habe er sich an dieses System gewöhnt. Gerade im ersten Jahr sei die Organisation noch schwieriger gewesen.
Je nach Trainingsplan beginnt der Tag morgens in der Halle oder direkt am Campus. Manchmal steht die erste Einheit schon vor dem Unterricht an, an anderen Tagen geht es anschließend zum Training. Bis zum späten Nachmittag ist Port meist unterwegs. Danach wartet seine kleine Wohnung mit rund 20 Quadratmetern. Für den Moment reicht ihm das. Dauerhaft, sagt er, müsse es irgendwann schon etwas größer werden.
Dass dieses Leben viel Verständnis aus dem privaten Umfeld verlangt, liegt auf der Hand. Seine Freundin Hanna kennt den Rhythmus. Sie ist selbst Sportlerin. Trainingslager, Wettkämpfe und Einheiten lassen sich nicht immer nach privaten Terminen ausrichten. Gemeinsame freie Zeit wird entsprechend genutzt. Zuletzt ging es für drei Tage nach Paris. Viel Programm, rund 20.000 Schritte täglich und eine Erkenntnis, über die Port selbst lachen muss: Für jemanden, der im Training fast nie längere Strecken läuft, können drei Tage Städtereise durchaus anstrengend werden. Mit dem Sport begann er schon früh. Fußball gehörte ebenfalls dazu, allerdings nur für kurze Zeit. „Mit dem Ball kann ich gar nicht umgehen“, sagt Port. „Außer draufbolzen, aber dann fliegt er halt irgendwohin.“
Absicherung im Polizeidienst
Besser lag ihm von Beginn an das Werfen. Über seine Familie kam er zur Leichtathletik, zunächst zu den klassischen Kinderdisziplinen mit Sprint, Weitsprung und Ballwurf. Als seine damalige Trainerin ausfiel, sprang ein Wurftrainer ein und nahm einige Kinder mit zum Hammerwurf. Port probierte es mit einem leichten Gerät und blieb hängen. Aus einer Einheit wurden zwei, später drei. Irgendwann konzentrierte er sich vollständig auf seine Spezialdisziplin.
Heute wirft er während der Saison nahezu täglich, gelegentlich sogar zweimal. Im Winter verschiebt sich der Schwerpunkt stärker in Richtung Kraft und technische Grundlagen. Dazu gehören viele Drehbewegungen ohne Gerät, Sprints und Sprünge. Nur mit klassischem Ausdauertraining kann Port wenig anfangen. „Laufen bleibt mir zum Glück meistens erspart.“
Dass Geschwindigkeit im modernen Hammerwurf mindestens so wichtig ist wie rohe Kraft, zeigt für ihn Ethan Katzberg. Den kanadischen Olympiasieger beobachtet Port besonders gerne. Katzberg sei groß und stark, aber eben auch außergewöhnlich schnell und technisch stabil.
Der Vergleich mit der absoluten Weltspitze zeigt zugleich, wie groß der Abstand noch ist. Port redet das nicht klein. Im kommenden Jahr steht zunächst die U23-Europameisterschaft in Polen auf dem Plan. Dort möchte er international den nächsten Schritt machen. Ob dann ein Finale oder sogar mehr möglich ist, will er nicht vorhersagen.
Langfristig denkt er dennoch größer. Die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles sind ein Ziel, auch wenn die Dimension der Aufgabe offensichtlich ist. Bei den vergangenen Spielen lag die direkte Norm im Bereich der hohen 70 Meter. Von seinen derzeitigen 67,43 Metern aus wäre das ein gewaltiger Sprung. Port weiß das. Genau deshalb spricht er von einem Traum. Zwei Saisons bleiben ihm, um herauszufinden, wie weit seine Entwicklung tragen kann. Dass in diesem Jahr technisch einiges liegen geblieben ist, macht die Prognose nicht leichter. Erst spät fanden Port und sein Trainer den entscheidenden Ansatzpunkt, der seine Würfe stabiler machte.
Wie viel Potenzial darin tatsächlich steckt, wird sich erst zeigen. Für den Moment richtet sich der Blick deshalb nicht nach Los Angeles, sondern zu den kommenden Wettkämpfen. Das Ziel: Im Idealfall jene Marke, die für Port derzeit greifbarer ist als alle olympischen Gedankenspiele. 70 Meter. Danach kann weitergerechnet werden.