Der Wahltag in Berlin verlief beinahe ohne Auffälligkeiten, was in Berlin nicht selbstverständlich ist. Vielleicht erwähnenswert: 1.400 Briefwahlunterlagen wurden falsch gedruckt. Bei 2,5 Millionen Wählern eine Lappalie. Landeswahlleiter Bröchler ist damit auch Wahlsieger.
Kurz vor zwei Uhr, Montagmorgen nach der Wahl. Berlins Landeswahlleiter Stephan Bröchler schließt sein Büro endlich zu und geht in den verdienten Feierabend – er ist „ehrenamtlich“ der höchste Aufseher über die jetzt zu Ende gegangene Wahl zum Abgeordnetenhaus – mit der Verkündung des vorläufigen, amtlichen Endergebnisses, der harten Währung für die 17 Parteien, die sich zur Wahl gestellt haben. Und mit der Verkündung begannen auch schon die Vorbereitungen zu Sondierungen in der Linkspartei, der Wahlsiegerin.
„Das Vorläufige ist für zukünftige Koalitions-Optionen wirklich schon sehr, sehr verlässlich, das hat auch die Vergangenheit gezeigt“, sagt der 64-Jährige. 48 Stunden nach Schließung der Wahllokale gibt es dann das endgültige Amtliche, das dann allerdings mit Eingaben angefochten werden kann. Nach dieser Wahl könnte das lediglich für das BSW in Betracht kommen, das bei 4,7 Prozent gelandet ist. Können tatsächlich Unregelmäßigkeiten belegt werden, dann müssen die abgegebenen Stimmen in dem betreffenden Wahllokal alle noch mal nachgezählt werden. „Das hat dann allerdings erfahrungsgemäß fast nie messbare Auswirkungen auf das Gesamtergebnis, sondern bewegt sich im betreffenden Wahllokal im Promillebereich“, sagt Bröchler.
Dass das vorläufige amtliche Endergebnis schon recht früh vorlag, hat auch was mit dem hohen Anteil der Briefwähler von fast 50 Prozent zu tun. „Die Briefwahlunterlagen werden an den zentralen Sammelorten in den Bezirken direkt nach 18 Uhr ausgezählt, während in den Wahllokalen organisatorische Aufgaben erledigt werden müssen. Ganz simpel, das Lokal muss geschlossen und die freiwilligen Wahlbeobachter eingewiesen werden“, sagt Bröchler und lacht trotz eines sehr langen Dienstes an diesem Montagmorgen im FORUM-Gespräch. Respekt hat er vor den Erstellern der Prognosezahlen, die den Zuschauern um 18 Uhr im Fernsehen präsentiert werden. Diese stammen aus den Befragungen, die von morgens um acht mit dem Öffnen der Wahllokale bis zirka 15 Uhr von den Umfrageinstituten eingeholt werden. „Das ist schon sehr präzise geworden, im Vergleich zu noch vor zehn, 15 Jahren. Die Unterschiede zwischen den Prognosen um 18 Uhr und dem vorläufigen Endergebnis jetzt am frühen Montagmorgen liegen in die eine oder andere Richtung, aber meist unter zwei Prozentpunkten. Vor dieser Genauigkeit habe ich schon sehr viel Respekt“, so Bröchler.
Die Ersten warten schon um kurz vor acht
Gut 16 Stunden vor dem Gespräch mit dem Landeswahlleiter in einem Wahllokal im Schöneberger Akazienkiez, einer ruhigen, bürgerlichen Gegend mit vielen Berliner Altbauten: Das Wahllokal in der Grundschule liegt wegen der Barrierefreiheit im Erdgeschoss. Es ist ein bereits lebhafter Wahlmorgen, „die Ersten standen schon um kurz vor acht vor der Tür und warteten“, sagt Dorothea P. Für sie ist es ein gutes Zeichen für die Wahlbeteiligung. Die Frau, seit nun einem halben Jahr im Ruhestand, ist bereits seit über dreißig Jahren Wahlhelferin. Durch ihren Job bei der Senatsverwaltung war sie angesprochen worden, ob sie als Wahlhelferin antreten möchte, und hat Spaß daran gefunden. „Ich kann mich erinnern, wir hatten mal einen kalten, völlig verregneten Wahlsonntag und haben uns beinahe schon gelangweilt, da kaum Menschen kamen. Dementsprechend niedrig war am Ende die Wahlbeteiligung, es geht also bei uns nicht nur um Politik“, sagt die 64-Jährige und lacht. Das Wetter spielt eben auch eine nicht ganz unerhebliche Rolle. Dorothea P. sollte Recht behalten, die Wahlbeteiligung liegt am Ende bei sagenhaften 74,2 Prozent, fast 12 Prozent mehr als bei der Wiederholungswahl vor drei Jahren.
Plötzlich kommt am Sonntagmorgen um kurz vor zehn Unruhe auf. Zwei professionelle Kamerateams, drei Fotoreporter und irgendwelche Influencer belagern das Wahllokal. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach und seine Frau Kim sind hier wahlberechtigt. Die Leitung des Wahllokals ist von ihrem Chef Bröchler vorgewarnt worden und klärt umgehend die Journalisten und SPD-Parteiberichterstatter über die Rechte auf. Keine Bilder von anderen Wählenden, keine Fotos des SPD-Spitzenkandidaten hinter der Wahlkabine, nur vom Einwurf der Wahlcouverts in die Urne.
„Ach, das hatte ich das erste Mal bei meinem Einsatz vor gut 20 Jahren in Lichtenrade, aber da war es ein bisschen wilder, immerhin gab der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit seine Stimme ab“, erinnert sich Dorothea P. Gut, von dieser Aufmerksamkeit ist sein Parteifreund und jetziger SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach noch weit entfernt, und wie sich in der Nacht nach der Veröffentlichung des vorläufigen Endergebnisses zeigen wird, wird er es vermutlich für die nächsten fünf Jahre auch bleiben. Er muss eine krachende Niederlage der SPD einräumen.
Gegen 22 Uhr ist auch im Wahllokal im Akazienkiez in Schöneberg Feierabend, die Wahlurnen sind bereits abgeholt, die Tische und Stühle des Klassenraums stehen wieder ordentlich beieinander, eine Putzkolonne ist angetreten, und am Montagmorgen um acht beginnt hier wieder pünktlich die 1b mit ihrem Unterricht. Und nach kurzer Nacht ist auch Landeswahlleiter Bröchler wieder in seinem Büro in der Senatsinnenverwaltung und geht noch mal die Meldungsliste von Unregelmäßigkeiten durch. „Naja, der Wahltag verlief doch sehr ruhig, was Auffälligkeiten angeht, eigentlich nichts, was die Durchführung gestört hat.“ Dann findet er doch noch was. Dabei geht es um unzulässige Wahlwerbung in der direkten Umgebung von Wahllokalen. „Da haben in der Nacht zu Sonntag doch noch einige Parteien direkt vor mehreren Wahllokalen ihre Plakate aufgehängt. Die wurden dann von den aufmerksamen Wahlhelfern noch vor der Eröffnung des Lokals wieder abgenommen“, beschreibt Bröchler die einfache und schnelle Verfahrensweise in solchen Fällen. Vor einigen Schulen mussten allerdings aufgesprayte politische Parolen an den Eingangsportalen überklebt oder verhängt werden. Doch das war es dann auch schon an Auffälligkeiten.
Dass alles glatt gelaufen ist, ist ein Grund zur Freude für den Berliner Landeswahlleiter. Der andere ist die hohe Wahlbeteiligung, „also fast 75 Prozent Wahlbeteiligung bei uns in Berlin und fast 80 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern, das ist schon beachtlich und zeigt, die Menschen sind politisch interessiert und wollen mitentscheiden.“ Damit ist auch Stephan Bröchlers Leitsatz erfüllt: „Wählen ist das Fest der Demokratie.“