Vor allem seinem Meisterwerk „Huckleberry Finn“ verdankt Mark Twain seinen Ruf als Begründer der modernen amerikanischen Literatur. Aber auch sein komödiantisches Frühwerk und seine originellen Reiseerzählungen sind heute noch lesenswert.
Er wurde gewissermaßen zweimal geboren. Zunächst einmal vor 190 Jahren, am 30. November 1835, rein biologisch unter dem Namen Samuel Langhorne Clemens in Florida, einem Dorfflecken in Missouri, wo wie überall in den Südstaaten Rassismus und Sklaverei den Alltag prägten. Dass sich genau an jenem Tag der Halleysche Komet zeigte, wertete er später als besonderes Zeichen, und er hatte darauf gehofft, dass er zumindest seine periodische Wiederkehr 75 Jahre später noch erleben würde. Das gelang ihm fast punktgenau, weil er seinen letzten Atemzug am 21. April 1910, genau einen Tag nach Halleys Rückkehr, machte. Seine zweite Geburt als angehender Schriftsteller lässt sich auf den Februar 1863 datieren, als er erstmals einen journalistischen Beitrag in der Zeitschrift „Territorial Enterprise“ unter dem Künstlernamen „Mark Twain“ veröffentlichte. Dieses Pseudonym hatte er aus der Fachsprache der Mississippi-Lotsen übernommen, womit exakt die für ein sicheres Fahren der Dampfschiffe auf dem Strom noch absolut notwendige Wassertiefe von „zwei Faden“, umgerechnet rund 3,65 Meter, bezeichnet wurde.
Erfolgreiche „Lügenmärchen“
Mitten im Wilden Westen, im damals wegen seiner Salons und Schießereien berüchtigten Nevada-Städtchen Virginia City, wo jeder Mann zu seiner eigenen Sicherheit besser einen Revolver mitführte, fand Mark Twain als Reporter beim „Territorial Enterprise“ endlich seine eigentliche berufliche Bestimmung. Allerdings erst, nachdem er dort zunächst vergeblich sein Glück in den Silberminen versucht hatte, weil ab 1859 in Nevada – ausgehend von Virginia City – der Silberrausch als Variante des kalifornischen Goldrauschs ausgebrochen war. Anfangs stufte Mark Twain das, was er zu Papier gebracht hatte, selbst nicht als sonderlich hochwertig ein. In einem Brief an seinen Bruder Orion teilte er diesem mit, dass er eine „Berufung zur trivialen Literatur – sprich zur humoristischen“ in sich verspüre. „Darauf kann man nicht stolz sein, aber es ist meine größte Stärke.“ Damit gelang ihm der Einstieg in ein Genre, wofür laut dem früheren deutschen Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki alle Heroen der amerikanischen Literatur von Edgar Allan Poe über Herman Melville bis zu F. Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, J. D. Salinger oder William Faulkner zu Recht berühmt werden sollten: „Unterhaltungsprosa – das ist bei mir kein Schimpfwort auf höchster Ebene. Sie ist auch viel enger an den Journalismus, an die Presse gebunden, zumal an die Short Story“, sagte Reich-Ranicki.
Allerdings war es noch ein weiter Weg, den Mark Twain von seinen sogenannten „Tall Tales“ im Wilden Westen über seine originellen, anfangs noch in Tall-Tale-Manier verfassten Reisebücher bis hin zu seinem Meisterwerk „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ zurücklegen musste. Immerhin gelang ihm mit seinen Reisebüchern der Durchbruch in Amerika. Bei den „Tall Tales“ – „Lügenmärchen“ – handelte es sich um unterhaltsames, von Fabulier-Vergnügen rund um haarsträubende Geschichten geprägtes Lesefutter für die hartgesottenen Einwohner des Wilden Westens. Nicht der Wahrheitsgehalt der Storys war dabei entscheidend, sondern das Fesseln des Lesers mit Komisch-Groteskem. „Twain machte daraus Literatur und – wie man heute sagen würde – Comedy“, beschrieb es einmal die Tageszeitung „Die Welt“.
1864 kehrte Mark Twain Nevada den Rücken und war fortan für verschiedene Pressemedien vor allem aus Kalifornien tätig. Seine erste humorvolle Erzählung rund um die Wettleidenschaften und menschlichen Eigenheiten im Wilden Westen wurde Ende 1865 in der „New York Saturday Press“ veröffentlicht, danach landesweit in anderen Blättern nachgedruckt, wodurch Mark Twain erstmals einem größeren Publikum bekannt wurde. Das daraufhin 1867 unter dem Titel „Der berühmte Springfrosch von Calaveras“ aufgelegte Buch verkaufte sich allerdings nur sehr schlecht.
Das tangierte Mark Twain aber nicht sonderlich, hatte er doch schon Mitte der 1860er-Jahre seine beachtlichen Entertainer-Qualitäten entdeckt. Mit pointenreich überspitzten Varianten seiner diversen Veröffentlichungen tingelte er auf lukrativen Vortragsreisen durch Amerika und später auch durchs Ausland. In seinen besten Zeiten brachte er es dabei auf mehr als 100 Veranstaltungen pro Saison. Damit konnte er später sogar einen Teil seiner beachtlichen Schuldenberge abarbeiten, die er sich als Inhaber seines 1884 gegründeten Verlags Charles L. Webster und der damit verbundenen hohen Fehlinvestition in eine fortschrittliche Setzmaschine angehäuft hatte. Auch wenn er letztlich die Rettung aus dem finanziellen Bankrott, der ihn 1894 ereilte, nur der Unterstützung durch einen der Chefs von Standard Oil und dem Verkauf seines luxuriösen Anwesens in Hartford in Connecticut verdankte.
Zudem entpuppte sich Mark Twain auch schon früh als literarischer Weltreisender, der allein mehr als ein Dutzend Mal den Atlantischen Ozean überquerte und bis in die hintersten Ecken von Indien, Australien oder Südafrika vordrang. Für seine erste monatelange Reise, die ihn 1867 nach Europa und in den Nahen Osten führte, gewann er gleich verschiedene Zeitungen als Sponsoren. Seine Reportagen wurden 1869 auch in Buchform unter dem Titel „Die Arglosen im Ausland“ veröffentlicht. Sie wurden sein erster Bestseller und gelten auch heute noch als beliebtestes und meistverkauftes Reisebuch eines amerikanischen Autors.
Während der Schiffspassage lernte er durch Zufall seinen aus vermögendem Hause stammenden künftigen Schwager kennen, der ihn in New York mit dessen Schwester Olivia Langdon bekannt machte. Durch die Heirat im Februar 1870 gelang Mark Twain der Aufstieg in höchste Gesellschaftskreise der Ostküste, das Paar ließ sich von 1871 bis 1891 in Hartford/Connecticut nieder. Dem ersten Reisebuch folgten weitere Skizzen des Weltenbummlers mit dem für Mark Twain typischen Hang zur fantastischen Übertreibung: „Durch Dick und Dünn“ 1872, „Bummel durch Europa“ 1880, „Leben auf dem Mississippi“ 1883 und „Dem Äquator nah“ 1897.
„Literarischer Weltstar“
Doch natürlich wollte sich Mark Twain auf Dauer nicht mit seinem Ruf als brillanter Journalist und gelegentlich mit messerscharfen Formulierungen auftretender Kritiker gesellschaftlicher Missstände begnügen. Einen ersten erzählerischen Testlauf hatte er 1873 gemeinsam mit seinem Schriftsteller-Freund Charles Dudley Warner unternommen und in einer Satire mit dem Titel „Das vergoldete Zeitalter“ die politische und finanzielle Korruption in den USA angeprangert. Er wollte aber unbedingt Romancier werden, wobei er den Stoff für seine beiden bedeutendsten Werke, „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ 1876, das noch im Erscheinungsjahr in deutscher Übersetzung erschien, sowie „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“ 1884 aus seinen eigenen Kindheits- und Jugenderinnerungen am Ufer des Mississippi schöpfen konnte. Dorthin war er mit seiner ärmlichen Familie im zarten Alter von vier Jahren gezogen, in die Kleinstadt Hannibal/Missouri. Beide Bücher revolutionierten die Literatur für Kinder und Jugendliche, obwohl Mark Twain eigentlich nur mit „Tom Sawyer“ ausdrücklich die Klientel der Jungen und Mädchen ansprechen wollte. Mit „Huckleberry Finn“ hatte er eigentlich die Leser aller Altersklassen im Blick. Ernest Hemingway kürte das Werk zur Geburtsstunde der amerikanischen Literatur: „Die gesamte amerikanische Literatur stammt von einem einzigen Buch ab, Mark Twains ‚Huckleberry Finn‘. Vorher gab’s nichts. Danach hat es nichts gleich Gutes gegeben.“ Auch für Henry L. Mencken, Amerikas berühmtesten Literaturkritiker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war genau dieses Buch „möglicherweise der größte Roman, der je auf Englisch geschrieben wurde“. Ins gleiche Horn stieß sein US-Kritiker-Kollege William Dean Howells und deklarierte Mark Twain zum „Lincoln unserer Literatur“. Für die „Welt“ hatte der Autor mit diesem Meisterwerk „die Rakete der amerikanischen Moderne“ gezündet. Die „taz“ setzte noch einen drauf und erhob Mark Twain zum „ersten literarischen Weltstar“.
Vom Lotsen zum Erfolgsautor
Fraglos eine beeindruckende Karriere für ein Landei, das schon im Alter von zwölf Jahren die Schule verlassen musste, um eine Ausbildung zum Schriftsetzer anzutreten und daneben gelegentlich erste Artikel für das von seinem Bruder Orion Clemens käuflich erworbene „Hannibal Journal“ zu verfassen. Nachdem er mit 18 Jahren seine Heimatstadt verlassen hatte, verdiente er sich sein Geld als wandernder Schriftsetzer, um schließlich eine Lehre als Lotse auf einem Mississippi-Dampfer anzutreten. Erst der Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkrieges, der die Schifffahrt auf dem Strom zum Erliegen brachte, zwang Samuel Clemens 1861 zu einem weiteren beruflichen Neuanfang. Der Wilde Westen war für ihn ein probates Ziel, um sich der Requirierung durch die Südstaaten-Armee zu entziehen. Schon 1870 begann er mit der Arbeit an seiner Autobiografie, die er 1909 für abgeschlossen erklärte – mit dem Hinweis, dass eine Veröffentlichung erst 100 Jahre nach seinem Tod zulässig sei.