Carl Barks gilt als wichtigster Comic-Schöpfer der Geschichte des Disney-Konzerns rund um die Familie Duck und deren Heimat. Der vor 125 Jahren Geborene wurde auch als „Shakespeare des Comics“ tituliert und gilt für seine Fans als größter Comic-Künstler des 20. Jahrhunderts.
Es hatte einst nicht viel gefehlt und Carl Barks wäre auf das Huhn statt auf die Ente gekommen. Denn nachdem er 1942 seinen Job bei den Disney-Studios gekündigt hatte, wo er knapp sieben Jahre lang vornehmlich an der Produktion von Donald-Duck-Filmen mitgewirkt hatte, eröffnete er im kalifornischen Kleinstädtchen Hemet inmitten des San Jacinto Valley eine Hühnerfarm. Ein kaum nachvollziehbarer (Rück-)Schritt für einen damals 41-jährigen Mann, der sich nach seiner Geburt am 27. März 1901 unweit des winzigen Oregon-Marktfleckens Merrill gar nicht schnell genug vom beschwerlichen und für seine Eltern kaum lukrativen bäuerlichen Leben hatte verabschieden können.
Allerdings hatte sich Carl Barks, der seit seiner Kindheit die in Zeitungen veröffentlichten Comic-Strips begeistert gesammelt und auch erste zeichnerische Nachahmungen auf lokalen Scheunenwänden hinterlassen hatte, bei seinem Hühner-Projekt ein Hintertürchen für ein kreatives Comeback offengelassen. In einem Brief hatte er daher seine Hoffnung zum Ausdruck gebracht, dass „meine Farm und meine Hühner mich ernähren werden, während ich mir ein Einkommen aus freiberuflicher Tätigkeit als Cartoonist aufbaue.“
Da sich die Hühnerfarm schon innerhalb weniger Monate als Schnapsidee erwiesen hatte, bewarb sich Carl Barks umgehend bei dem auf Comics und Kinderbücher spezialisierten Verlag Western Publishing mit Hauptsitz in Racine/Wisconsin als freier Mitarbeiter. Da der Verlag 1933 die exklusiven Buchrechte an allen von Walt Disney lizenzierten Charakteren für die USA erworben hatte, konnte Barks gewissermaßen bei seinen Leisten bleiben. Denn im Hause wurden sowohl Micky-Maus- als auch Donald-Duck-Comics entwickelt.
Als Comiczeichner miserabel bezahlt
Obwohl Barks zunächst nur als freier Comic-Zeichner verpflichtet wurde, erkannten die Verantwortlichen des Verlags schnell sein meisterhaftes erzählerisches Talent und seine Fähigkeit, bekannte Disney-Charaktere weiterzuentwickeln und darüber hinaus auch neue Figuren im Umfeld von Donald Duck zu gestalten. Im Unterschied zur damals gängigen Praxis kamen Barks’ Comic-Storys in der Regel von der Idee über das Skript bis zur fertigen Tuschezeichnung aus einer Hand. 24 Jahre lang blieb Barks, der später formal festangestellt wurde, seinem Verlag treu. Bis zu seinem offiziellen Eintritt in den Ruhestand am 30. Juni 1966 kamen dabei mehr als 850 Disney-Comics zusammen, an denen Barks beteiligt war – verteilt auf insgesamt rund 6.400 amerikanische Disney-Comicseiten –, von denen viele dank der kongenialen Übersetzerin Dr. Erika Fuchs auch den deutschen Lesern großes Vergnügen bereiteten.
Der kreative Kopf hinter diesem Mammutwerk mit seinen vor Humor, Spannung und Abenteuerromantik strotzenden Geschichten blieb lange im Verborgenen. Sein Name tauchte nirgendwo auf, weil der Disney-Konzern an der Illusion festhalten wollte, dass auch hinter den Comics kein Geringerer als Großmeister Walt Disney persönlich steckte. Allerdings zogen eingefleischte US-Fans diese Mär schon in den 1950er-Jahren in Zweifel und prägten für das von ihnen bewunderte Kreativ-Phantom den Namen „the good artist“ (der gute Künstler), den sie in den Tiefen des Disney-Konzerns vermuteten. Erst im Frühjahr 1960 schaffte es ein Mann namens John Spicer, in einem Fan-Brief an Barks die Identität des „guten Künstlers“ zu enthüllen. „99 von 100 Lesern denken, Walt Disney höchstpersönlich schreibe und zeichne alle Filme und Comics, wenn er nicht gerade mit Hammer und Säge im Disneyland werkelt. Schön, auch mal jemanden zu treffen, der weiß, dass dem nicht so ist“, schrieb Barks in seinem Antwortschreiben. In der breiten Öffentlichkeit blieb Barks, der von der „Welt“ als „der größte Comic-Künstler des 20. Jahrhunderts“ und von der „FAZ“ als „einflussreichster Comiczeichner des 20. Jahrhunderts“ geadelt wurde, jedoch weiterhin anonym.
Erst Anfang der 1970er-Jahre konnte er unter seinem eigenen Namen mit seiner neuen Tätigkeit als Kunstmaler den verdienten Ruhm und erstmals auch einen gewissen Geldsegen einheimsen. Dank einer ihm 1971 durch den Disney-Konzern erteilten Genehmigung konnte der künstlerische Autodidakt bis 1976 genau 122 Ölgemälde nach Motiven seiner Comic-Geschichten fertigstellen, für die er pro Stück bis zu 6.400 Dollar erzielte und für die inzwischen auf Auktionen mehr als 200.000 Dollar gezahlt werden. Eine Ausstellung seiner Kunstwerke im Kopenhagener Nationalmuseum im Sommer 1994 nutzte Barks im stolzen Alter von 93 Jahren zu seiner ersten Fernreise. In einem „Spiegel“-Interview sprach er damals ganz offen davon, dass ihm dafür erstmals das nötige Geld zur Verfügung stand. Aus seiner Tätigkeit als Comiczeichner sei „zum Sparen nichts übrig“ geblieben. „Ich wurde nach Seiten bezahlt, und unser Lohn gehörte zu den niedrigsten der Branche.“
Noch tiefere Einblicke in die bescheidene Besoldung ermöglichte Barks’ US-Kollege Don Rosa, der von manchen als einziger würdiger Nachfolger des Comic-Genies angesehen wird: „Disney-Comics werden niemals von der Company selbst produziert, stattdessen wurden sie immer geschaffen von freiberuflichen Autoren und Zeichnern, die für unabhängige Verlage unter Disney-Lizenz arbeiteten. (…) Wir werden mit einer Flatrate von dem einen Verlag, für den wir direkt arbeiten, bezahlt. Danach bekommen wir niemals einen weiteren Cent für unsere Schöpfungen – egal wie oft die Geschichte von anderen Disney-Lizenznehmern rund um die Welt wiederveröffentlicht wird.“
Nachdem Barks mit 15 Jahren die Schule abgebrochen hatte, wollte er das von ihm geliebte Zeichnen möglichst professionell erlernen. Doch einen Fernkurs an der „London School of Cartooning“ schmiss er schon nach wenigen Unterrichtsstunden wieder hin. Nachdem er sein Elternhaus mit 18 Jahren verlassen hatte, verdiente er seinen Lebensunterhalt mit diversen Gelegenheitsjobs wie Laufbursche einer Druckerei oder Hilfsarbeiter in einer Reparaturwerkstatt für Eisenbahnen. In seiner Freizeit schuf er zahllose Zeichnungen, die er zunächst erfolglos bei Zeitungen oder Magazinen einreichte. Doch dann biss ein ziemlich skurriles Satiremagazin namens „Calgary Eye-Opener“ mit Sitz in Minneapolis an, veröffentlichte erste Arbeiten von Barks und bot ihm 1931 eine Stelle als Redakteur an. Bald schon zeichnete und schrieb Barks das gesamte Blatt quasi im Alleingang – mit wechselnden Zeichenstilen und allerlei Pseudonymen. Dennoch war es letztlich kein sonderlich fulminanter Karrieresprung „vom schnöden Arbeiter zum verhungernden Künstler“, wie es Barks selbst kommentiert hatte.
Sein größter Clou war Scrooge McDuck
Vier Jahre später folgte der Wechsel zu den Disney-Studios, wo er sich schnell zu einem Spezialisten für das Donald-Duck-Universum entwickelte und bei einigen Zeichentrickfilmen sogar schon für die Story-Regie zuständig war. Western Publishing erlaubte ihm schließlich die künstlerischen Freiheiten zur vollen Entfaltung seines Talents.
1944 schuf er die Heimat der Familie Duck mit der Etablierung des fiktiven „Duckburgh“, das im Deutschen als „Entenhausen“ bekannt ist, nachdem zuvor gelegentlich Burbank, der Hauptsitz des Disney-Studios, als Ortsszenario aufgetaucht war. Allerdings schickte er –
vor allem in seinen längeren Comic-Geschichten – die jeweiligen Protagonisten auch häufig in die weite Welt zu exotischen oder mythologischen Schauplätzen. Selbst vor dem All machte er nicht halt. Die realistischen zeichnerischen Hintergründe für seine Storys hatte er meist seiner Sammlung von „National Geographic“-Magazinen entnommen. „Barks’ Bedeutung für das Duck-Universum kann gar nicht überschätzt werden. Für diese bis heute aus der Popularitätskultur nicht wegzudenkende Comic-Reihe war er ungefähr so wichtig wie Shakespeare für die Geschichte des Dramas“, schrieb einmal der „Tagesspiegel“.
Zu Barks’ Verdiensten zählte auch die profunde Veränderung des Profils bereits bekannter Figuren, vor allem von Donald Duck. In Richtung einer Vermenschlichung verpasste er ihm mit der Zeit etwa einen kürzeren Schnabel. Vor allem aber verwandelte er den früheren einfältigen Wüterich in einen liebenswerten Pechvogel und Donalds Neffen Tick, Trick und Track, vormals ungezogene Rabauken, in ebenso kluge wie wohlerzogene Kids. Als sein größter kreativer Clou gilt die Erfindung des steinreichen Scrooge McDuck, der erstmals im Jahr 1947 auftrat und hierzulande unter dem Namen Dagobert Duck eingeführt wurde. In den USA stieg dieser schnell zur Lieblingsfigur im Entenhausener Kosmos auf. Weitere Neuschöpfungen waren beispielsweise Donalds Cousin und Nebenbuhler Gustav Gans als arrogant-fauler Glückspilz 1948, die Panzerknackerbande 1951, der genial-verrückte Erfinder Daniel Düsentrieb 1952 oder die laszive Hexe Gundel Gaukeley 1961.
1999 wurde bei dem dreimal verheirateten Comic-Genius Leukämie diagnostiziert. Am 25. August 2000 starb der inzwischen zur Ikone seines Genres Aufgestiegene und mit Ehrungen wie der als „Disney Legend“ Überschüttete im Alter von fast 100 Jahren in einem Krankenhaus in Grants Pass im US-Bundesstaat Oregon.