Der US-Musiker Bill Haley gilt nicht als Erfinder des Rock ’n’ Roll. Doch mit seinem Song „Rock Around The Clock“, der 1955 die Charts stürmte, verschaffte er dem revolutionären Musikstil weltweit den Durchbruch im jugendlichen Mainstream. Dieser Tage wäre Haley 100 Jahre alt geworden.
Über die Frage, wem die Krone des Rock ’n’ Roll gebührt, gibt es dank „King“ Elvis Presley keinerlei Diskussionen. Ganz anders sieht es dagegen beim Ehrentitel „Vater des Rock ’n’ Roll“ aus. Dort gibt es einige heiße Kandidaten; etwa den Afroamerikaner Chuck Berry, der 1955 seinen legendären Song „Maybellene“ veröffentlichte, oder seinen weißen Landsmann Bill Haley, der im gleichen Jahr mit „Rock Around The Clock“ weltweit die Charts eroberte. Der Musikstil entwickelte sich in den USA mit dem Ausklingen der Big-Band-Ära mit deren Repertoire aus Swing, Jazz und Blues Anfang der 1950er-Jahre allmählich aus einer Art von Underground-Dasein, dank dunkelhäutigen Solokünstlern wie Big Joe Turner, Wynonie Harris oder Eunice Davis.
Ein Zufall verhalf zum großen Durchbruch
Der Aufstieg des Rock ’n’ Roll war jedoch nicht nur eine musikalische Revolution, sondern auch Ausdruck eines grundlegenden gesellschaftlichen Umbruchs. Die Teenager-Generation der Nachkriegszeit wollte sich nicht länger bevormunden lassen und begann gegen Mief und Prüderie zu rebellieren. Aus der Literatur schwappte die jugendliche Protestbewegung Mitte der 1950er-Jahre auf das Kino mit Idolen wie James Dean oder Marlon Brando und die Musikszene über. Wobei der laute, schnelle und energiegeladene Rock ’n’ Roll der erste Musikstil war, der ganz allein auf die Teenager-Zielgruppe ausgerichtet war und als extremste Form eines Bruchs mit traditionellen musikalischen Vorgaben verstanden werden konnte. Er bot zudem die Möglichkeit, die auch in der US-Musikbranche bis dahin gängige Rassentrennung aufzuweichen, was sich beispielsweise in den Billboards in strikt getrennten Rankings für weiße Country-&-Western-Songs und afroamerikanische Rhythm-&-Blues-Titel niedergeschlagen hatte. Die musikalische Mixtur zwischen diesen beiden dominierenden Stilrichtungen wurde das wesentliche Erfolgskonzept des Rock ’n’ Roll. Diesen hatte erstmals der US-Radiomoderator Alan Freed 1951 so bezeichnet, auch wenn sich der Begriff zunächst nicht durchsetzen konnte. Nach Bill Haleys Paukenschlag mit „Rock Around The Clock“ wurde zunächst nur vom „Haley-Sound“ gesprochen.
Nur einem glücklichen Zufall war es geschuldet, dass dieser Titel nicht in der Versenkung verschwunden war. Kaum jemand kannte den gerade mal zwei Minuten und acht Sekunden langen Song, weil er von Haleys Plattenlabel Decca Records als „Foxtrott“ deklariert auf der B-Seite des am 15. Mai 1954 veröffentlichten Hauptliedes „Thirteen Women“ versteckt worden war. Zwar wurden von der Single rund 75.000 Exemplare verkauft und sie konnte sich kurzzeitig auch in den Billboard-Charts platzieren. Für „Bill Haley & His Comets“, wie der Chef seine Band 1952 umgetauft hatte, ein deutlicher Rückschlag im Vergleich zur im Juli 1954 veröffentlichten Cover-Version des von Big Joe Turner geschriebenen Rhythm-&-Blues-Songs „Shake, Rattle And Roll“, von dem eine Million Exemplare abgesetzt werden konnten.
Mit 30 Jahren kein echtes Teenie-Idol
Da Single-B-Seiten damals im US-Radio nicht gespielt wurden, war „Rock Around The Clock“ nur Insidern vertraut. Ein gewisser Peter Ford war allerdings in die Platte mit ihrem Stakkato-Gitarren-Solo-Riff regelrecht vernarrt und spielte sie im Haus seines Vaters, des Schauspielers Glenn Ford, quasi ununterbrochen ab. Als Regisseur Richard Brooks im Herbst 1954 bei den Fords zu Gast war, um mit dem Hauptdarsteller seines anstehenden Films „Die Saat der Gewalt“ letzte Einzelheiten zu besprechen, hörte er den Song aus dem Musikzimmer und wählte genau diesen unkonventionellen Titel als musikalische Bereicherung seines Films aus, der sich um eine rebellische Schul-Gang drehte. Nach der Premiere des Films am 19. März 1945, in dem „Rock Around The Clock“ in Vorspann, Eröffnungsszene und gegen Ende zu hören war, schoss die Platte am 14. Mai 1945 an die US-Billboard-Spitze und behauptete den ersten Platz acht Wochen lang. Sie war damit der erste Rock-’n’-Roll-Track, der jemals die Billboards-Pop-Single-Charts angeführt hatte und war von Mai bis Oktober 1945 sechs Monate lang in diesem Ranking vertreten.
Im Haley-Original wurde der Song mit 25 Millionen verkauften Platten zum größten Rock-Bestseller der Musikgeschichte und brachte es in zahllosen späteren Coverversionen auf sagenhafte 200 Millionen Absatz-Exemplare. Auch außerhalb der USA wurde die Platte zu einem Mega-Erfolg. Sie errang als globale Jugend-Hymne oder als „Marseillaise der Teenager-Revolution“ beispielsweise in der Bundesrepublik oder in Großbritannien als erster Millionenseller überhaupt die Spitzenpositionen in den Single-Charts. Bill Haley hatte dem Rock ’n’ Roll Eingang in den amerikanischen Mainstream verschafft, wobei auf diesen Stil spezialisierte frühe Indie-Labels die Vorherrschaft der großen Plattenfirmen infrage stellten.
Die Popularität des neuen Musikstils wurde zudem von der Filmgesellschaft Columbia 1956 durch die ersten beiden Rock-’n’-Roll-Musicalfilme „Rock Around The Clock“ (in deutschen Kinos: „Außer Rand und Band“) und „Don’t Knock The Rock“ („Außer Rand und Band II“) unter Mitwirkung von Bill Haley & His Comets noch weiter befördert. Erwähnenswert ist sicherlich auch noch die Story, dass die Ersteinspielung des Weltbestsellers beinahe sprichwörtlich ins Wasser gefallen wäre. Die Band steckte bei der Anreise zum nur einen halben Tag lang reservierten Aufnahmestudio „Pythian Temple“ in New York City am 12. April 1954 mit ihrer Fähre stundenlang auf einer Sandbank im Delaware-Fluss fest. Anschließend musste sie die beiden Songs unter großem Zeitdruck absolvieren, wobei für „Rock Around The Clock“ nur noch gerade mal 40 Minuten zur Verfügung standen.
Bis 1958 insgesamt 15 Hit-Nachfolger
Auf dem Höhepunkt seiner Karriere war Bill Haley, der Sänger, Gitarrist und Bassist seiner „Comets“, bereits 30 Jahre alt. Insofern eignete er sich eigentlich nicht wirklich als Idol für die Teenager-Generation. Auch von seinem Aussehen und Bühnenoutfit ließen sich keine Identifikationsfaktoren ableiten. Ein leicht pummeliger Frontmann mit in die Stirn gekämmter Schmalzlocke, biederen Sakkos oder konventionellen Anzügen samt Fliege eignete sich nur bedingt zum Star einer neuen Generation, deren Outfit-Vorlieben sich Richtung Röhrenjeans, T-Shirt und Lederjacken zu wandeln begannen. Aber angesichts des ultimativen Songs und Haleys insgesamt 15 Hit-Nachfolgern bis 1958 – darunter Rock-’n’-Roll-Klassiker wie „Mambo Rock“, „Razzle Dazzle“, „See You Later Alligator“, „The Saints Rock ’n’ Roll“ oder „Rockin’ Through The Rye“ – spielte all das zunächst keine Rolle. Auch eine Handvoll Studio-Alben kamen hinzu, doch mit der Single „Skinny Minnie“ verlöschte der Ruhm Haleys geradezu schlagartig in den USA. Dort war inzwischen der alles überstrahlende Stern von Elvis Presley aufgegangen.
William John Clifton Haley war die Musik bei seiner Geburt am 6. Juli 1925 in Highland Park unweit der Michigan-Metropole Detroit in die Wiege gelegt worden. Der Vater spielte Banjo, machte seinen Filius schon früh mit allen Facetten der Country-Szene vertraut und brachte ihm auch das Jodeln bei. Die Mutter war eine klassisch ausgebildete Klavierorganistin. Nachdem sich Haley, der bei einer frühen Innenohr-Operation durch eine versehentliche Durchtrennung des Sehnervs das rechte Augenlicht verloren hatte, mit der Gitarre vertraut gemacht hatte, verließ er im Alter von 15 Jahren seine Familie, ließ sich in Chester im US-Bundesstaat Pennsylvania nieder und tingelte als singend-jodelnder Country-Cowboy durch die Region. Immer wieder fand er dabei Anschluss an lokale Bands und verdiente sich seinen Lebensunterhalt zusätzlich als Mitarbeiter einer Radio-Show.
Posthum Aufnahme in die Hall of Fame
Schließlich gründete er nach und nach seine eigenen Bands, wobei die Gruppe „The Saddlemen“ am bekanntesten war. Mit dieser vollzog er die Hinwendung zum Rhythm & Blues und legte mit der Coverversion „Rocket 88“ 1951 einen gelungenen Einstieg vor. Noch einen Schritt weiter in Richtung Rockabilly ging er mit der Platte „Rock The Joint“ im Jahr 1952, die sich immerhin 75.000-mal verkaufte. Ein Jahr später schaffte er mit seinen „Comets“ und mit dem im Unterschied zu „Rock Around The Clock“ von ihm selbst geschriebenen Song „Crazy Man, Crazy“ den ersten landesweiten Rock-’n’-Roll-Hit der USA.
Außerhalb der USA war es Haley, der belegbar dreimal verheiratet war, mindestens zehn Kinder hatte und mit schweren Alkoholproblemen zu kämpfen hatte, gelungen, sich eine treue Fangemeinde aufzubauen. Schon 1957 hatte er als erster US-Rock-’n’-Roll-Star Tourneen auf fernen Kontinenten unternommen, wobei er in Australien ganze Stadien füllte. Bei seinem Deutschland-Besuch 1958 sorgte er für Skandale mit von Fans verwüstetem Saal-Inventar, wobei besonders der Auftritt im Berliner „Sportpalast“ legendär wurde. Bis 1980 setzte er seine Konzert-Karriere recht erfolgreich außerhalb der USA fort. Am 9. November 1980 verstarb Haley im Alter von 55 Jahren in seinem Haus in Harlingen im US-Bundesstaat Texas während des Schlafs, vermutlich an Herzversagen. 1987 wurde der Künstler posthum in die „Rock & Roll Hall of Fame“ aufgenommen.