Für seine Action-Thriller-Komödie hat sich Regisseur Paul Thomas Anderson drei Hollywood-Schwergewichte geangelt: Leonardo DiCaprio, Sean Penn und Benicio del Toro. Sie sind es, die in dem Film „One Battle After Another“ die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute aufrechterhalten.
Seit über 20 Jahren wollte ich unbedingt einmal einen Film mit Paul Thomas Anderson machen“, meint Leonardo DiCaprio. „Und ich habe es bitter bereut, dass ich damals bei ‚Boogie Nights‘ die Hauptrolle des Pornostars Dirk Diggler nicht spielen konnte, weil ich da schon für ‚Titanic‘ unterschrieben hatte. Umso glücklicher bin ich, dass es jetzt bei ‚One Battle After Another‘ geklappt hat. Denn dieser Film ist gerade in der jetzigen Zeit sehr bedeutsam für mich.“
Ein paranoider Stubenhocker
Leonardo DiCaprio spielt Bob „Ghetto Pat“ Ferguson, einen Sprengstoffexperten, der für die militante Revolutionstruppe „French 75“ Bomben zusammenbaut. Zu Beginn des Films stürmen diese Guerilla-Extremisten unter der Führung von Bobs Geliebter Perfidia Beverly Hills (Teyana Taylor) ein Gefängnis der US-Behörde ICE: das Otay Mesa Detention Center an der amerikanischen Grenze zu Mexiko. Sie befreien über 200 inhaftierte Einwanderer, die von US-Marshalls unter dem Kommando des ultra-reaktionären Colonel Steven J. Lockjaw (fantastisch als zombiehafter Psychopath: Sean Penn) interniert wurden. Dort kommt es auch zum ersten (grotesk-erotischen) Kontakt zwischen Perfidia und Lockjaw. Perfidia ist im neunten Monat schwanger, verschwindet nach der Geburt ihrer Tochter Willa aber bald von der Bildfläche. (Warum, soll hier aus Spoiler-Gründen nicht verraten werden).
16 Jahre später. Bob lebt inzwischen mit seiner zu einem attraktiven Teenager herangereiften Tochter Willa (Chase Infiniti) unter falschen Namen in Baktan Cross, einer Kleinstadt im amerikanischen Nirgendwo. Längst hat Bob mit seiner kriminellen Vergangenheit abgeschlossen und ist über die Jahre zu einem Mix aus Ex-Hippie-Revoluzzer und Couch-Potato mutiert, der sich mit Rotwein und zu vielen Joints das Hirn gehörig vernebelt hat. Und sich am liebsten – meist in einen schäbigen Morgenmantel gehüllt – alte Kriegsfilme im Fernsehen ansieht. Nicht nur zufällig fühlt man sich bei Bobs Anblick an Jeff Bridges alias „The Dude“ aus dem „Big Lebowski“-Film der Coen-Brüder erinnert. Im Gegensatz zu seiner lebenslustigen und energiegeladenen Tochter, die bei Sensei Sergio (Benicio del Toro) gerne zum Karate-Unterricht geht, verlässt Bob das Haus so gut wie gar nicht und pflegt in seiner Zugedröhntheit seine Paranoia. Seine größte Angst ist, dass er und Willa von seinem Erzfeind Steven J. Lockjaw aufgespürt werden. Doch genau das geschieht. Und Lockjaw, der sich zu allem Überfluss mittlerweile auch dem rassistischen „Christmas Adventurers Club“ angeschlossen hat, gelingt es tatsächlich, Willa zu entführen.
Actionszenen und viel zu lachen
Herausgerissen aus seiner Lethargie hat Bob jetzt nur noch ein Ziel: Er will – koste es, was es wolle – seine Tochter aus den Fängen des irrlichternden Kidnappers befreien. Also rennt er völlig überstürzt los, im Bademantel, um Willa zu finden. Vielleicht ist sie ja auch gar nicht entführt worden und hat sich vorher in ein Kloster absetzen können, in dem Ex-Revolutionäre Unterschlupf finden. Leider kann sich Bob, geschädigt vom jahrelangen Drogenmissbrauch, nicht mehr an das Codewort erinnern, durch das ihm der Weg in besagtes Kloster von der Revoluzzer-Zelle mitgeteilt werden könnte. Sein verzweifeltes Telefonat, um von einem Kontaktmann trotzdem das Codewort zu erfahren, ist bestes Screwball-Material. In seiner Not bekommt Bob überraschenderweise Hilfe von Willas Karatelehrer Sensei Sergio. Benicio del Toro hat in diesen Sequenzen wunderbare Obi-Wan-Kenobi-Momente.
Paul Thomas Anderson („Magnolia“, „The Master“, „There Will Be Blood“) hat „One Battle After Another“ (ab sofort im Kino und zum Streamen) als temporeichen, subversiven Thriller mit atemberaubenden Actionszenen und Screwball-Elementen angelegt. Und bei aller satirisch überspitzen Kritik am reaktionären Zeitgeist, der gerade wieder in den USA hochkocht, ist das Herzstück des Films die Beziehung von Bob zu seiner Tochter Willa. Wie Leonardo DiCaprio dabei Bobs desolaten Zustand auffächert – zwischen tollpatschiger Hilflosigkeit und selbstloser Liebe zu seiner Tochter –, ist ganz großes Kino. Es sollte einen nicht wundern, wenn er sich damit an die Pole-Position der Oscar-Verleihung 2026 gespielt hat.
Auch Sean Penn hat hier seine beste Performance seit Jahren abgeliefert. Eine positive Überraschung ist außerdem die junge Schauspielerin Chase Infiniti in ihrer ersten großen Kino-Rolle. Wie sie – mal furchtlos, mal zärtlich –
mit Leonardo Superstar vor der Kamera auf Augenhöhe agiert, ist wirklich sehenswert. Genau wie die lange und absolut fesselnde Autoverfolgungsjagd am Ende des Films: Drei Autos rasen über einen hügeligen Highway im Niemandsland – zum Nägelkauen.
Die Vorlage zu dieser – in Vista Vision gedrehten – extravaganten Americana lieferte übrigens Paul Thomas Andersons Lieblingsschriftsteller Thomas Pynchon, der in seinem 1990 erschienenen Roman „Vineland“ die Reagan-Ära aufs Korn genommen hat. Auch da geht es um Revolution, Drogen und Sex.