Berlin, München oder Köln-Rhein-Ruhr? Nach dem Hamburger Aus gehen noch drei Kandidaten in die nationale Abstimmung um die Bewerbung für die Sommerspiele. Was für und was gegen die Kandidaten spricht.
Wenn Ronald Rauhe über Olympia spricht, hört man diesen vielgepriesenen olympischen Geist zwischen den Zeilen heraus. Kein Wunder: Der 44-Jährige nahm an insgesamt sechs Sommerspielen teil und gewann insgesamt fünf Medaillen, zwei davon waren aus Gold. Und noch viel mehr Erfahrungen fürs Leben. „Mir hat das immer viel gegeben, zu sehen, was Olympische Spiele in die jeweiligen Länder und Städte bringen“, sagte Rauhe: „Ich glaube, diese Spiele könnten Deutschland wieder in eine positive Stimmung bringen.“ Seit einigen Wochen ist der frühere Kanufahrer als Sportminister dafür mitverantwortlich, dass Deutschland sich im Breitensport besser aufstellt und im Leistungssport wieder den Anschluss an die Weltspitze schafft. Und für diese ambitionierten Ziele seien Olympische Spiele in Deutschland genau der Beschleuniger, den es braucht, so Rauhe. Er hoffe auf „eine Generation Olympia mit Kindern, die Vorbilder haben. Mit Kindern, die sich etwas zutrauen“, sagte Rauhe bei seiner Premieren-Rede im Deutschen Bundestag.
Rauhe beschwört den Olympischen Geist
Damit Deutschland im internationalen Wettstreit um die Ausrichterrolle aber überhaupt eine Chance hat, bedürfe es einer kollektiven Kraftanstrengung. „Dafür muss aus einer deutschen Bewerbung mehr werden als die Bewerbung einer Stadt und einer Region“, meinte Rauhe: „Sie muss zu unserer gemeinsamen Bewerbung werden. Zu einer Bewegung, hinter der Sport, Politik, die Wirtschaft und vor allem die Menschen in unserem Land stehen.“ Ähnlich sieht es Präsident Thomas Weikert vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB): „Die Olympiabewerbung ist eine nationale Aufgabe. Die Spiele können einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, unser Land fit für die Zukunft zu machen.“ So weit ist es aber noch nicht. Zunächst muss der DOSB entscheiden, welche Bewerbung er ins Rennen schickt. Dies geschieht auf der mit Spannung erwarteten DOSB-Mitgliederversammlung am 26. September in Baden-Baden. Noch sind drei Kandidaten im Rennen: die Bundeshauptstadt Berlin, die bayerische Landeshauptstadt München und die Region Köln-Rhein-Ruhr. Sie alle haben ihre finalen Konzepte für die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele in den Jahren 2036, 2040 oder 2044 fristgerecht eingereicht. Auf dieser Grundlage ist sich Weikert sicher: „Deutschland kann die Spiele. Und Deutschland will die Spiele.“ Aber bekommt Deutschland auch die Spiele?
Ursprünglich hatte auch Hamburg Interesse an Olympia gehabt, doch beim Referendum der Hansestadt sprach sich die Mehrheit der Bürger (54,9 Prozent) gegen die Bewerbungspläne des Senats aus. Die Unterstützer des Vorhabens wie Beachvolleyball-Olympiasiegerin Laura Ludwig waren geschockt („Es verwundert mich“), die Kritiker froh. „Dieses Ergebnis zeigt: Die Hamburgerinnen und Hamburger lieben ihre Stadt und lassen sich nicht von einer Million Euro teuren Werbekampagne hinter die Fichte führen“, sagte Eckart Maudrich, Sprecher der Initiative „NOlympia“. Auch die übrig gebliebenen drei Kandidaten müssen gegen Widerstände ankämpfen, am größten sind diese in Berlin. Doch die Metropole hat auch die größte Strahlkraft – was im Vergleich mit der zu erwartenden großen internationalen Konkurrenz ein gewichtiges Argument ist. Experten glauben aber, dass vor allem aufgrund des großen politischen Rückhalts alles auf einen Zweikampf zwischen München und Rhein-Ruhr hinausläuft. FORUM gibt einen Überblick über die Bewerber:
München
Die bayerische Landeshauptstadt will nach den Sommerspielen 1972, die vom palästinensischen Terror gegen israelische Sportler überschattet waren, erneut Gastgeber des Megaevents sein. „München ist bereit für Olympia! Wir bauen auf einem olympischen Erbe auf, das seit 1972 sichtbar lebendig geblieben ist“, sagte Oberbürgermeister Dominik Krause von den Grünen. München hat zudem erst kürzlich als Ausrichter der stimmungsvollen European Championships 2022 mit rund 4.700 Athleten und Athletinnen bewiesen, dass es ein Multi-Sportarten-Event veranstalten kann. Auch andere Top-Sportereignisse finden hier regelmäßig statt, die Infrastruktur mit Sportstätten, Hotels und öffentlichem Nahverkehr ist gut bis ausgezeichnet. München plant, rund um die Arenen eine Volksfest-Stimmung aufzuziehen – ganz im Sinne des auch weltweit bekannten Oktoberfests. Der Rückhalt in der Bevölkerung und Politik ist groß, beim Referendum vor einem Jahr hatten 66,4 Prozent der Menschen mit „Ja“ für die Olympia-Pläne gestimmt. Für das Ziel stellt Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auch sein parteipolitisches Geplänkel ab und sichert München mit dem grünen Oberbürgermeister seine volle Unterstützung zu: „Wir wollen noch mal mobilisieren, wir wollen noch mal werben, wir wollen den Schulterschluss.“ Das Motto der Bewerbung soll lauten: „Spiele mit Herz und Seele“. Der Fokus soll auf der Tradition der Olympischen Spiele liegen. München habe ein „wirklich herausragendes Angebot, um auf der Weltebene mitzuspielen“, meinte Krause. Ein Vorteil für München: Bei der Mitgliederversammlung dürfen auch die Fachverbände der olympischen Wintersportarten abstimmen – und viele von ihnen haben ihren Sitz und ihre Wurzeln in Bayern.
Berlin
Die Hauptstadt setzt vor allem auf ihren größten Pull-Faktor: die Strahlkraft. Berlin ist Menschen auf der ganzen Welt bekannt und bietet mit Brandenburger Tor, Reichstag und Olympiastadion grandiose Sehenswürdigkeiten, ikonische Bilder sind programmiert. So war oder ist auch der Plan für die Sommerspiele in den Metropolen London, Rio de Janeiro, Tokio, Paris und Los Angeles. Berlin will auch mit seiner ganz speziellen Historie punkten. „Berlin hat Mauern überwunden, Gegensätze verbunden und sich immer wieder neu erfunden“, heißt es in dem Bewerbungskonzept. Es gibt allerdings erhebliche Zweifel, ob eine Bewerbung für 2036, also genau 100 Jahre nach den von massiver Propaganda missbrauchten Hitler-Spielen in Berlin, eine gute Idee ist. Noch schwieriger ist das Thema Rückhalt in der Gesellschaft, daran waren die Berliner Olympia-Bemühungen schon früher gescheitert. Die Grünen und Linken der Hauptstadt haben sich klar gegen Olympia ausgesprochen, die „NOlympia“-Bewegung ist hier am stärksten. Erfahrung mit Großevents hat Berlin, in Sachen Infrastruktur müsste aber noch kräftig nachgebessert werden. Das wird teuer und zahlt sich – wenn überhaupt – erst langfristig aus. In Berlin sind öffentliche Gelder aber knapp. Dass Rauhe vor seiner Ernennung zum Sportminister öffentlich für Berlin warb, soll jetzt kein pikantes Problem sein. „Ich werde mich jetzt etwas neutraler verhalten und im Entscheidungsprozess zurücknehmen, um diesen aufgrund von Vorurteilen gar nicht erst zu gefährden“, kündigte Rauhe an.
Köln-Rhein-Ruhr
In Sachen Strahlkraft liegt dieser Kandidat klar hinter seinen zwei Mitbewerbern Berlin und München zurück. Das wissen die Macher auch und versuchen deshalb seit einiger Zeit, Köln als Großstadt noch stärker in den Vordergrund zu rücken. So wurde der offizielle Name Anfang des Jahres von „RheinRuhr“ in „KölnRheinRuhr“ geändert. Größtes Plus dieser Bewerbung ist klar das Sportstätten-Konzept, es bedarf fast keiner Neubauten und nur punktueller Sanierungen. Einzig das fehlende große Leichtathletik-Stadion ist hier ein Schwachpunkt. Doch die Macher haben dafür eine Lösung: Es soll im Norden Kölns ein temporäres Stadion gebaut werden, das anschließend zu einem Wohnkomplex umgestaltet werden würde. Außerdem wirbt NRW mit den kurzen Wegen, die zwischen den 16 Austragungsorten zurückgelegt werden. Dezentralisierung bedeutet also nicht ähnliche Verhältnisse wie bei den jüngsten Winterspielen in Italien, als Hunderte Kilometer zwischen den Orten zurückgelegt werden mussten. Durch die vielen Menschen, die in den NRW-Ballungsgebieten wohnen, erhoffen sich die Macher auch einen riesigen Ticket-Umsatz – und das hört auch das IOC gerne. So sollen bis zu 17,6 Millionen Tickets verkauft werden, das wären mehr als für die Spiele 2028 in der US-Metropole Los Angeles geplant sind. Großer Unterstützer der Bewerbung ist Hendrik Wüst, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens. Er ist auch sportpolitisch gut vernetzt.
Kritik gab es im Vorfeld der Abstimmung an der Transparenz. Der DOSB hatte ein Bepunktungssystem entwickelt, bei dem die Kandidaten in Kategorien wie „sportliche und operative Eignung“, „Kosten und Finanzierung“ und „internationale Wettbewerbsfähigkeit“ Punkte erhielten. Jürgen Scholz, der Präsident des Landessportverbandes Baden-Württemberg, sagte jedoch der ARD-Sportschau, dass die abstimmungsberechtigten Mitglieder diesen Evaluierungsbericht zunächst nicht erhalten hätten. Seinem Kenntnisstand zufolge sollte dieser erst nach der Entscheidung veröffentlicht werden. „Um diese Entscheidung wirklich fundiert zu treffen, halte ich es für unabdingbar, dass die Unterlagen und die Fakten einfach bekannt sind“, sagte der aktuelle Sprecher der Landessportbünde. Was könnte der Grund für das Zurückhalten sein? Scholz vermutete: „Man hat ein bisschen Angst vor dem Tag, an dem man Verlierer hat und Gewinner und dass eine Bewerbung nicht mehrheitsfähig ist. Aber das gehört zum Sport, das ist einfach so.“ Auf Kritik stieß auch, dass die DOSB-Spitze den Paragraf 16 der Verbandssatzung ziehen wollte, wonach nur ein reduzierter Kreis bei „Angelegenheiten in Verbindung mit Olympischen Spielen“ Stimmrechte hätte. Bedeutet: Die Landessportbünde, nichtolympischen Spitzenverbände und die Verbände mit besonderen Aufgaben wären in dem Fall außen vor.