Die deutschen Gasspeicher leeren sich, während der Preis steigt. Doch trotz historisch niedriger Füllstände gebe es keine Notlage, so Experten: Eine Reserve könne Sinn machen, ein Ausbau der Erneuerbaren sei besser.
Trotz niedriger Füllstände und Irankrieg: Gas aus den Speichern in Deutschland hält weiter Wohnungen warm und die Industrie im Land am Laufen. Dennoch reißen die Diskussionen über die historisch niedrigen Gasspeicherfüllstände nicht ab. So forderten die Grünen Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche angesichts dessen zum Handeln auf. Vor einer Sondersitzung des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie sagte der Grünen-Energiepolitiker Michael Kellner, die Speicher seien sehr leer (Stand aktuell: 21 Prozent). „Die Ministerin muss erklären, wie sie ab April eine zuverlässige und ausreichende Befüllung der Speicher für die kommende Heizperiode sicherstellen will.“
Speichern war unwirtschaftlich
Zunehmend lauter werden Rufe nach einer nationalen Gasreserve, vor allem angesichts des anhaltenden Krieges in Nahost und explodierender Gaspreise in Europa. Franziska Holz, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), nennt mehrere Ursachen für den derzeit niedrigen Füllstand. Erstens war der Januar 2026 deutlich kälter als der langjährige Durchschnitt, was den Gasverbrauch in die Höhe trieb. Zweitens funktioniert die bestehende Regulierung mit Füllstandsvorgaben nicht: Sie setzt keine wirksamen Anreize, die vorgeschriebenen Füllstände tatsächlich zu erreichen. Der entscheidendere Faktor sei aber ein wirtschaftlicher gewesen: Im Sommer 2025 lagen die Gaspreise kaum unter dem erwarteten Winterpreis – es lohnte sich schlicht nicht, einzuspeichern.
Trotz allem sieht Holz keine akute Versorgungsgefahr. Deutschland bezieht weiterhin verlässlich Gas aus Norwegen und aus den USA über Flüssiggasterminals in Deutschland sowie in den Niederlanden und Belgien. „Wir sind in diesem Mix aus Speicher, LNG und Pipelinegas gut versorgt“, sagt sie. Als Indikator für Knappheit verweist Holz auf den Gaspreis – der liegt derzeit bei rund 32 Euro pro Megawattstunde und damit weit unter dem Niveau von 2022, als er zeitweise zehnmal so hoch war.
Daneben kursieren in sozialen Medien häufig unbewiesene Gerüchte – unter anderem jenes, dass das Ausspeichern bei immer geringerem Füllstand auch immer schwieriger werde. Jochen Linßen vom Forschungszentrum Jülich bestätigt, dass diese Warnung vor einer technischen Untergrenze von 20 Prozent Füllstand einen wahren Kern hat – aber anders zu verstehen ist, als oft behauptet. Die Speicherintegrität werde durch tiefes Entleeren nicht gefährdet, da die sogenannte Arbeitskapazität, die die Speicher öffentlich ausweisen, genau das ist, was technisch ungefährdet genutzt werden kann. Wahr ist, dass mit abnehmendem Druck im Speicher die Entnahmerate sinkt: Je leerer der Speicher, desto langsamer lässt sich Gas entnehmen. Das sei kein unbekanntes Problem, aber eines, das Netzbetreiber im Blick behalten.
Besonders in Bayern, wo geologisch bedingt sogenannte Porenspeicher dominieren, ist die Lage etwas heikler. Diese Speicherart ist zwar volumenmäßig größer als die im Norden verbreiteten Kavernenspeicher, kann aber deutlich langsamer be- und entladen werden – in etwa um den Faktor zwei bis drei. Die eigentliche Herausforderung kommt laut Linßen nach dem Winter: Das Wiederbefüllen dieser Porenspeicher dauert erheblich länger, was die Sommersaison zur eigentlich kritischen Phase machen könnte.
Das Vorbild für eine nun diskutierte staatliche Gasreserve ist die strategische Ölreserve, die in Deutschland etwa 90 Tagen Verbrauch entspricht und nur in extremen Ausnahmefällen freigegeben wird – etwa 2011, als kein libysches Öl mehr auf den Markt kam, 2022 zu Beginn des Ukrainekrieges und derzeit während des Irankrieges. Holz hält die Übertragung dieses Modells auf Gas jedoch für ausgesprochen schwierig. Im Ölsektor existieren eigens dafür vorgesehene, staatlich verwaltete Lagerkapazitäten. Beim Gas hingegen fehlt diese Infrastruktur. Würde man eine Reserve im Umfang von 90 Tagen Verbrauch anlegen und dem Markt entziehen, käme das nahezu der gesamten deutschen Speicherkapazität von rund 250 Terawattstunden gleich – übrigens die vierthöchste Kapazität der Welt, nach den USA, der Ukraine und Russland.
Hinzu kommen die Kosten: Linßen schätzt, dass allein das befüllte Gas einer solchen Reserve zwischen 3,5 und vier Milliarden Euro binden würde – und dann ungenutzt im Speicher läge. „Einen kalten Winter würde ich nicht als Krisenfall definieren, für den man eine strategische Reserve braucht“, sagt er. Sein bevorzugter Ansatz: Vulnerabilität von vornherein reduzieren, etwa durch Energieeinsparungen und den weiteren Ausbau der Erneuerbaren. Holz favorisiert stattdessen Marktanreize für die Speicherbefüllung. In Frankreich existiere ein Modell, das in Deutschland unter dem Begriff „Lieferantenverpflichtung“ diskutiert wird: Jedes Unternehmen, das Gas an Endverbraucher verkauft, müsste zu Beginn des Winters einen bestimmten Anteil davon eingespeichert haben. Dieses System, so Holz, sei „deutlich funktionaler“ als eine starre staatliche Reserve. Das bisherige Modell – der Trading Hub Europe kauft Gas, um die Füllstandsvorgaben zu erfüllen – ist Deutschland teuer zu stehen gekommen. Die dadurch entstandenen Kosten von mehreren Milliarden Euro wurden noch bis Ende 2025 über eine Gasspeicherumlage von den Gaskunden zurückgezahlt, nun aus dem Klima- und Transformationsfonds – Geld, das eigentlich der Energiewende zugutekommen sollte, so Holz. Die eigentlich drängendere Frage, die in der politischen Debatte bisher zu wenig Raum bekomme, sei die nach der langfristigen Strategie, so die beiden Experten.
Szenarien des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie gehen davon aus, dass die Erdgasnachfrage bis 2035 deutlich sinkt und bis 2045 auf null zurückgeht. Linßen zufolge werden erste Wasserstoffspeicher bereits ab 2030 erwartet. Da vermehrt Wasserstoff in der Industrie verwendet werden soll, könnten Gasspeicher künftig stattdessen auch diesen Energieträger speichern. Das sei technisch möglich, aber mit Einschränkungen verbunden. In denselben Kavernenspeichern lässt sich energetisch betrachtet nur etwa ein Viertel der Menge Wasserstoff speichern wie Erdgas – die geringere Dichte des Wasserstoffs lässt sich physikalisch nicht überlisten. Kavernenspeicher lassen sich mit überschaubarem Aufwand umrüsten und sind deutlich besser für Wasserstoff geeignet als Porenspeicher, bei denen die Langzeittauglichkeit noch nicht hinreichend belegt ist. Deutschland und Teile Spaniens kämen damit in eine europäische Schlüsselposition für die Wasserstoffspeicherung.
Linßens Fazit: Eine kurzfristige strategische Gasreserve „macht für die nächsten Jahre an der ein oder anderen Stelle Sinn“ – aber nur, wenn sie von Anfang an in eine kohärente Transformationsstrategie eingebettet ist. Wer jetzt Speicher aus dem Markt nimmt, muss gleichzeitig planen, wie diese Infrastruktur künftig im Wasserstoffsystem weiterleben kann. Eine solche Gesamtstrategie, sagt Linßen, vermisse er im aktuellen Diskurs noch vollständig.
Die Bundesnetzagentur hatte bereits im Januar eine Gasreserve vorgeschlagen – um „externen Schocks“ vorzubeugen, so Agenturchef Klaus Müller. Schocks, die mit dem Beginn des Ukraine-Krieges vergleichbar sind, nachdem der russische Konzern Gazprom deutsche Speicher nicht wie vertraglich vereinbart befüllt hatte; Schocks wie der Krieg im Iran, der den Gaspreis in der EU um teils 60 Prozent seit Anfang März verteuerte.
Die von den Grünen gescholtene Bundeswirtschaftsministerin plant tatsächlich, die Gasversorgung in Deutschland für den Fall außergewöhnlicher Krisen abzusichern. Der Irankrieg hat die Dringlichkeit nun erhöht.