Wenn Union Berlin zuletzt Tore geschossen hat, dann gingen diese auf das Konto der Defensivspieler. Die Angreifer fallen seit Wochen mit Ladehemmungen auf. Der kommende Gegner wird es ihnen nicht leichter machen.
Einen Wunschgegner äußerte Leopold Querfeld nicht, und dennoch hatte er nach dem hart erkämpften Achtelfinal-Einzug im DFB-Pokal eine kleine Bitte an die Losfee. „Ich hoffe, dass es ein Heimspiel wird“, sagte der Verteidiger von Union Berlin nach dem hart erkämpften Pokalerfolg gegen Zweitligist Arminia Bielefeld (2:1 nach Verlängerung): „Vor eigener Kulisse macht es noch mal mehr Spaß und heute war die Atmosphäre wieder atemberaubend. Ich bin froh, dass wir unsere Fans für den Support, den sie uns gegeben haben, belohnen konnten.“ Die Extra-Belohnung gab es aber auch bei der späteren Auslosung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund, denn Union zog das große Los: Der haushohe Pokal-Favorit FC Bayern München wird Anfang Dezember für das Achtelfinale nach Berlin-Köpenick reisen. „Das ist natürlich ein richtig schweres Los, da brauchen wir gar nicht drum herumreden. Aber immerhin spielen wir zu Hause, und das ist ein kleiner Vorteil“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt: „Am Ende gilt im Pokal sowieso: Wenn du ins Finale willst, musst du jeden schlagen.“
Einen kleinen Vorgeschmack auf den Pokal-Hit gibt es schon an diesem Samstag (8. November), wenn die Eisernen die Bayern in der Bundesliga zum Heimspiel empfangen. Vor dem Duell mit dem Meister blieb Union eine Blamage gegen Bielefeld zumindest erspart – dank seiner Innenverteidiger Querfeld und Danilho Doekhi. Sie bauten eine kuriose Serie aus: Die Abwehrspieler haben die letzten fünf Unioner Saisontore erzielt. Auch beim 0:0 im jüngsten Liga-Heimspiel gegen den SC Freiburg blieb die Offensive ohne Torerfolg. „Wir haben auch einfach in der Verteidigung die Qualität, Tore zu schießen“, sagte Querfeld, der darin ein großes Plus für sein Team erkennt: „Ich glaube, das bereitet den Gegnern auch Kopfschmerzen, wenn sie wissen, dass wir Verteidiger nicht nur bei Standards Tore schießen. Das macht es schwer, gegen uns zu verteidigen.“ Und es hilft auch den eigenen Stürmern, denn ohne die Tore der Hintermänner wäre die Kritik am Offensiv-Trio um Oliver Burke, Ilyas Ansah und den weiterhin torlosen Andrej Ilic noch größer.
Die letzten Stürmertore fielen am vierten Spieltag beim 4:3-Spektakel in Frankfurt. Doch das ist bereits sieben Wochen her. Seitdem haben die Angreifer nur Nullnummern abgeliefert. Dass Ilic und Co. diesen desaströsen Negativlauf ausgerechnet am kommenden Spieltag stoppen, ist fraglich. Schließlich gastiert der souveräne Spitzenreiter FC Bayern in der Alten Försterei. Die Münchener sind in neun Ligaspielen nicht nur punktverlustfrei, sondern weisen auch die stärkste Offensive (33 Tore) auf. Auch die Bayern-Defensive glänzt in dieser Saison: Erst vier Gegentore ließen Torwart Manuel Neuer und seine Vorderleute zu. Es wartet also eine Mammutaufgabe auf Unions Offensive.
„Ich glaube, wir haben Top-Stürmer, und ich bin zuversichtlich, dass sie viele Tore schießen werden“, meinte Querfeld. Der österreichische Nationalspieler sprach den Angreifern „ein Riesen-Kompliment“ aus, da diese unermüdlich für die Mannschaft arbeiten – auch wenn aktuell das Quäntchen Glück beim Abschluss fehle. „Sie haben sich zwar wieder nicht mit Toren belohnt, aber sie sind enorm wichtig für unser Spiel“, betonte Querfeld: „Und wir vertrauen darauf, dass das die richtigen Jungs sind.“ Doch gegen Freiburg stand vorne wieder die Null – trotz bester Möglichkeiten. Einmal landete der Ball sogar im Netz der Gäste, doch der Treffer von Ilic nach einer Ecke wurde nach mehr als vier Minuten Videostudium aberkannt. Rani Khedira hatte knapp im Abseits gestanden, und sein Eingreifen war im Nachgang doch als aktiv gewertet worden. Für Ilic, der sich von seinen Teamkollegen und den Fans im Stadion für das vermeintliche Ende seiner rund 1.000 Minuten langen Torflaute bejubeln ließ, war die Entscheidung brutal.
Keine Anzeichen für Vertragsverlängerung
„Das ärgert mich maßlos“, sagte Sport-Geschäftsführer Heldt, der den VAR-Einsatz in dieser Szene für völlig unangebracht hielt: „Wo kommen wir denn da eigentlich hin?“ Auch Khedira sah überhaupt nicht ein, dass er aktiv eingegriffen haben soll: „Ich behindere den Torwart auf keinen Fall, bin selbst im Gerangel mit einem Spieler, der Torwart hat freie Sicht auf den Schützen.“ Auch Trainer Steffen Baumgart sah in dem Zweikampf von Khedira mit dem Freiburger Lucas Höler nichts, was die Schiedsrichter dazu veranlasst haben könnte, das Tor zurückzunehmen: „Es gibt keine aktive Bewegung, deswegen ist es auch keine Behinderung, es gibt auch keine Berührung.“
So lange Ilic und Co. weiter Ladehemmungen haben, ruhen die Hoffnungen eben auf den torgefährlichen Abwehrspielern. Allen voran auf Doekhi, der mit seiner Kopfballstärke nach Standardsituationen in der gesamten Liga gefürchtet ist. „Ich habe viel mit dem Kopf gearbeitet, weniger mit dem Fuß“, erklärte der Niederländer seine Stärke im Luftzweikampf: „Im Training haben wir viel Flanken trainiert, auch nach dem Training noch mit Kollegen.“ Doch so ganz erklären kann er sich seinen Lauf mit nun schon vier Pflichtspieltoren in der Saison auch nicht: „Vielleicht bin ich gerade einfach in guter Stimmung.“
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sein Vertrag im kommenden Sommer ausläuft und er mit jedem Treffer seinen Marktwert steigert. Für Union ergibt sich dadurch ein Dilemma: Mit jedem Tor schießt oder köpft Doekhi den Club näher ans Ziel Klassenerhalt, verringert aber gleichzeitig auch die Chance auf einen Verbleib in Berlin-Köpenick. Aktuell gibt es keine Anzeichen für eine Vertragsverlängerung. Ein ablösefreier Abgang am Saisonende wäre extrem bitter für Union, für einen Verkauf im Winter müssten aber drei Parameter stimmen: das Angebot eines interessierten Clubs, die Zustimmung des Spielers und ein adäquater Ersatz. Da Union aktuell nicht nur den Abwehrspieler Doekhi, sondern auch den Torjäger Doekhi ersetzen müsste, dürfte das ein sehr schwieriges Unterfangen werden.
Bei Querfeld hat Union dagegen das Heft des Handelns fest in der Hand. Sollte ein Club Interesse an dem 21-Jährigen zeigen, müsste er schon sehr viel Geld in die Hand nehmen, um die Eisernen von einem Verkauf zu überzeugen. Querfeld hat sich nicht nur zum unumstrittenen Stammspieler etabliert, er ist auch zum Abwehrchef aufgestiegen. Als zentraler Innenverteidiger in der Dreierkette dirigiert und organisiert er seine Nebenleute wie ein Routinier. Sein Auftreten ist kaum noch mit dem bei seiner Ankunft in Berlin 2024 zu vergleichen, als er eher in sich gekehrt auftrat und als Mitläufer galt. Beobachter können nun aber klar erkennen, warum er den inzwischen abgewanderten Kevin Voigt in der Chef-Rolle abgelöst hat. Für Trainer Steffen Baumgart ist Querfeld längst „eine der Säulen“ in der Mannschaft. „Trotz seines noch so jungen Alters agiert er sehr stabil. Darum rührt vielleicht das Selbstvertrauen, mehr zu reden“, sagte der Coach und ergänzte: „Er darf gern den nächsten Schritt machen.“
Auch Querfeld meint, dass es noch „genug Dinge“ gäbe, „an denen ich arbeiten muss“. Er sei jemand, der sich stets verbessern wolle – auch wenn die Leistungssteigerungen nicht mehr so groß ausfallen könnten. „Zurücklehnen darf ich mich aber nicht“, sagte der Österreicher. Auch nicht, was seinen Offensivdrang angeht – denn der ist aktuell gefragter denn je.