Drei Wochen nach dem CSD-Anschlag fand die Techno-Demonstration „Rave the Planet“ statt. Die Sicherheitsvorkehrungen glichen denen eines Staatsbesuchs am Brandenburger Tor. Auch die weiterhin ungeklärten Hintergründe zur Bluttat beim CSD führten dazu.
Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel ist an diesem Samstagvormittag doch sichtlich nervös, was bei der 60-Jährigen eher selten vorkommt, also eigentlich nie. Seit acht Jahren ist sie Berlins oberste Polizistin und hat schon viele große Lagen, also Demonstrationen mit Zehntausenden Teilnehmern oder Staatsbesuche, in der Hauptstadt gemeistert. Doch die wiederaufgelegte Love Parade von Dr. Motte, die nun Rave the Planet heißt, liegt ihr doch im Magen. Fünfzig- bis hunderttausend Menschen werden zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule erwartet.
Eigentlich für die Berliner Polizei keine große Aufgabe, wenn da nicht der Anschlag gewesen wäre, auf den Tag genau drei Wochen zuvor, genau in diesem Areal. Der Anschlag auf die Besucher des Christopher-Street-Day, rund 150 Meter von der Paradestrecke am Brandenburger Tor entfernt, bei dem eine Frau starb und 29 Menschen zum Teil schwer verletzt wurden. Der Auftrag nun, bei Rave the Planet: den gesamten Außenbereich des innerstädtischen Parks, sogar Eingänge für kleinere Wege, mit stählernen Fahrzeugsperren abzuriegeln.
Gab es Mittäter oder Hintermänner?
Nun handelt es sich beim Tiergarten um eine Fläche von 210 Hektar, gut drei Kilometer lang, vom Bahnhof Zoo bis zum Brandenburger Tor, auf tausend Meter Breite. Hintergrund für diese größte Sicherungsmaßnahme seit dem Mauerfall: Immer noch sind die genauen Hintergründe und Abläufe zum CSD-Anschlag nicht ausermittelt. Vor allem die Frage, ob es Mittäter oder Hintermänner gab, ist nicht geklärt. Unbeantwortete Frage: Handelt es sich womöglich um eine islamistische Terrorzelle, deren Mitglieder irgendwo in Berlin auf die nächste Gelegenheit warten, um erneut mit einer Gewalttat auf sich und ihre Ziele aufmerksam zu machen? Vielleicht zeigte die hohe Sicherheitspräsenz mit schwerem Gerät bei der Planet-Rave-Parade, drei Wochen nach dem CSD, entsprechende Wirkung.
Nach dem Techno-Spektakel sprach die Polizei, in Anbetracht der Menschenmassen, die da stundenlang um die Partytrucks tanzten, von einem störungsfreien Verlauf. 100 Gewalttätigkeiten mussten geschlichtet werden, es gab 39 vorläufige Festnahmen. Meist handelte es sich um Partygäste, die untereinander nach viel Alkohol und/oder der Einnahme stimulierender Substanzen in Streit gerieten. In Anbetracht der Größe der Veranstaltung eine zu vernachlässigende Anzahl, sagte am nächsten Tag Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel erleichtert. Doch der Initiator, der Vater der Love Parade, Dr. Motte, hatte mehr Teilnehmer auf der Strecke erwartet, heißt es aus dem Umfeld des mittlerweile 66-Jährigen.
Tatsächlich gab es nicht wenige, die tanzten lieber im Tiergarten auf der Wiese, die Musik von den Partytrucks war schließlich laut genug. Vielen ging es darum, im Zweifelsfall einen schnellen Fluchtweg zu haben. „Irgendwie tanzt diesmal die Angst mit. Ich war vor drei Wochen ganz in der Nähe des Anschlags dabei, und die Eindrücke haben ich und meine Freunde tatsächlich immer noch nicht verarbeitet“, sagt eine Dreißigjährige im FORUM-Gespräch. Dabei bestätigen auch zwei ihrer Freundinnen, dass sie bei ihren Party-Klamotten diesmal darauf geachtet hätten, nicht zu viel Haut zu zeigen, was zum Raven eigentlich dazu gehört. „Wir wissen ja nicht, war das nun ein durchgeknallter Einzelner oder rennen da noch mehr von rum, die mit unserer Partykultur Probleme haben“, so die Dreißigjährige.
Polizeitaucher suchen nach Tatwaffe
Das würden auch gern die Ermittler von Staatsschutz und Terrorabwehr wissen. Doch die bisherigen Ermittlungen dazu sind für die Experten weiterhin eher unbefriedigend, obwohl man einen erheblichen Aufwand betrieben hat. Zum Beispiel beim Auffinden der Tatwaffe, entweder ein langes Messer, laut Augenzeugen wohl aber eher eine Machete. Damit soll der mutmaßliche islamistische Attentäter Abdul B. Personen schwer verletzt haben, nachdem er mit einem weißen Kleinbus einen Baum gerammt hatte. Nachdem die Kripo den 2,8 Kilometer langen Fluchtweg von Abdul B. zum Bahnhof Zoo rekonstruieren und die Waffe in den Büschen nicht finden konnte, wurden bereits 24 Stunden nach dem Attentat die Polizei-Taucher alarmiert. Die Unterwasser-Spurenspezialisten durchtauchten zwei Wochen lang über 40 Seen. Wobei es sich dabei eher um trübe, schlammige Tümpel mit einer Tiefe von bis zu drei Metern handelt. Ein Polizeitaucher zu FORUM: „Das ist tatsächlich echte Handarbeit, da unten sieht man überhaupt nichts. Der Einsatz einer starken LED-Lampe funktioniert auch nicht, weil die Schlammpartikel viel zu viel reflektieren. Also müssen wir den gesamten Grund abtasten.“ Doch auch das ohne Erfolg. Dazu wurden nochmals vier Wohnungen buchstäblich auf den Kopf gestellt, nach den ersten Durchsuchungen noch in der Nacht nach dem Anschlag. Die vermeintliche Tatwaffe oder möglicherweise Waffen sind nicht aufzufinden. Diese könnten den Ermittlern durch Fingerabdrücke und DNA-Spuren den entscheidenden Hinweis liefern, ob sie tatsächlich nur von Abdul B. stammen. Entsprechende Spuren im nachgewiesenen Tatfahrzeug konnten am Lenkrad gesichert und ihm zugeordnet werden. Der Täter trug also keine Handschuhe. Sollten auf der Tatwaffe aber andere Fingerabdrücke sein, hätte man endlich Gewissheit, dass es sich nicht um einen Einzeltäter handelt. Momentan gehen die Ermittler davon aus, dass Abdul B. die Tat allein begangen hat, weil andere Indizien nicht sichergestellt werden konnten.
Aber die Ungewissheit bleibt. Der ehemalige Verhörchef des israelischen Inlandsgeheimdienstes, Michael Koubi, warnt in einem Interview der Welt-Gruppe vor einem grundlegenden Analysefehler. „Glauben Sie nicht an den Mythos vom reinen Einzeltäter. Wer ein Fahrzeug mietet oder zum Messer greift, handelt fast nie rein aus einem spontanen Impuls heraus. Diese Täter holen sich ihre ideologische Freigabe, ihre Motivation und teils konkrete Anweisungen oft in radikalen Netzwerken oder Hinterhof-Moscheen ab“. Ein Terror-Experte des Landeskriminalamtes, der bereits vor knapp zehn Jahren im Fall des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri ermittelt hat, räumt dies im FORUM-Gespräch ein. „Die Wahrscheinlichkeit ist gegeben und nicht auszuschließen, aber wir müssen uns nun mal bei unseren Ermittlungen an die Fakten halten. Wahrscheinlichkeiten, die wir nicht mal mit Indizien, geschweige mit Beweisen belegen können, gehören nun mal nicht in unsere Akten.“ Ein Punkt, der nicht nur die Ermittler und politisch Verantwortlichen schmerzt: die Parallelen zum Weihnachtsmarkt-Attentäter. Sie sind nicht von der Hand zu weisen. Ähnlich wie beim jüngsten Fall war es auch bei Anis Amri. Er war der Polizei und auch dem Inlands-Nachrichtendienst, sowohl dem Bundesamt als auch drei Landesämtern für Verfassungsschutz, bestens bekannt, wie auch Abdul B. Nun nach zehn Jahren die bittere Erkenntnis: Der Rechtsstaat scheint mit erkannten Gefährdern im Vorfeld ihrer Taten weiterhin überfordert zu sein.