Katastrophen und Sex verkaufen sich gut – genau wie Verbrechen allgemein und Morde im Besonderen. So stehen bei den „wahren Verbrechen“ eben doch meistens Tötungsdelikte im Vordergrund. Ein historischer Abriss.
Fest steht in Bezug auf „wahre Verbrechen“: Der Markt ist da – und das vermutlich schon seit Menschengedenken. Einige würden eventuell gar die Niederschrift über den Brudermord von Kain an Abel aus Bibel und Koran (dort als Qabil und Habil) als True Crime bezeichnen. Doch so ganz entspricht dies nicht der Definition, detailreiche Mördergeschichten unterhaltsam nachzuerzählen, die auch noch auf Fakten basieren. Also springen wir einige Jahrhunderte nach vorn.
Balladen, die im Mittelalter oder wenig später erschienen und die Verbrechen blutrünstig, aber melodiös verarbeiten, wurden laut Portal „celadonbooks.com“ oft innerhalb weniger Tage nach dem Ereignis verfasst und aufgeführt. So wird „The Gosport Tragedy or the Perjured Ship-Carpenter“ auf die 1560er-Jahre datiert und handelt von einer Frau, die von ihrem Geliebten ermordet wurde. Versionen davon wurden über Jahrhunderte hinweg weitergegeben und sind mit teils veränderten Texten heute noch unter anderem auf Youtube zu hören.
Mit dem Buchdruck und im Zuge der Renaissance steigt die Alphabetisierungsrate zwischen 1550 und 1700 sprunghaft an. Kostengünstige Druckverfahren sorgen dafür, dass Erzählungen über Morde und weitere verbrecherische Vergehen unters Volk gebracht werden. Das Portal „daily.jstor.org“ schreibt dazu: „Hunderte von Kriminalbroschüren – kurze, lose Hefte von etwa sechs bis 24 Seiten, die meist grausame Morde schilderten – zirkulierten in dieser Zeit. Doch diese Broschüren waren nicht die einzige Form der Verbrechensberichterstattung. Balladen – erzählende Verse, die die ruchlosen Taten der berüchtigtsten Verbrecher Englands schilderten – wurden auf Flugblättern gedruckt und in Städten und Gemeinden verteilt. Auch Gerichtsberichte informierten breite Bevölkerungsschichten über juristische Verfahren.“
Der Ton dieser Erzählungen reicht von reißerisch über spirituell bis hin zu belehrend. In „Das Buch der Betrügereien“ beispielsweise fügt der mutmaßliche Autor Zhang Yingyu zu jeder Geschichte einen Kommentar hinzu, der eine moralische Lehre vermittelt. Das Buch gilt als die erste veröffentlichte und gedruckte chinesische Kurzgeschichtensammlung über Betrug – es muss halt nicht immer Mord sein – und erscheint um 1617. In einigen Fällen hebt Yingyu gar die Raffinesse des Betrügers hervor, während er gleichzeitig die Dummheit des Opfers aufzeigt.
Ab dem 19. Jahrhundert gibt es eine Verschiebung hin zu Texten, die versuchen, die sozialen und psychologischen Ursachen von Kriminalität zu ergründen. Mit einer guten Portion an moralischer Ambivalenz entstehen Balladen, die die Perspektive umdrehen, wie die „Newgate Penitent“- und die „Last Goodnight“-Balladen. Diese fordern die Leser geradezu dazu auf, sich mit den Übeltätern zu identifizieren.
Ganze Magazine mit True-Crime-Fokus
1807 veröffentlicht Henry Tufts die Autobiografie „A Narrative of the Life, Adventures, Travels and Sufferings of Henry Tufts“, die als vermutlich erste umfassende Biografie eines amerikanischen Verbrechers gilt. Historiker bezweifeln jedoch den Wahrheitsgehalt der Erzählungen des notorischen Lügners. Thomas De Quincey wiederum bietet 1827 dem „Blackwood’s Magazine“ den Essay „On Murder Considered as one of the Fine Arts“ an, der sich mit der gesellschaftlichen Sicht auf Verbrechen befasst. Der britische Autor und Journalist gilt als großer Einfluss auf den Amerikaner Edmund Pearson.
Es ist 1924, als der später als Pionier geltende Bibliothekar Pearson sein bekanntestes Werk „Studies in Murder“ veröffentlicht. Darin findet sich sein Essay über einen zweifachen Mord, den 1892 mutmaßlich Lizzie Borden in Fall River, Massachusetts, verübt hatte. Die Axt-Morde, die nie komplett aufgeklärt werden konnten, sorgten für großes mediales Interesse und der Fall wurde unter anderem 2014 mit Christina Ricci und 2018 als „Lizzie Borden – Mord aus Verzweiflung“ mit Kristen Stewart verfilmt. Das Vorwort einer 1964 erschienenen Pearson-Anthologie enthält dann eine frühe Erwähnung des Begriffs „True Crime“ als Genre.
In einer Rezension des 1965 erschienenen Romans „Kaltblütig“ von Truman Capote wird der Begriff ebenfalls früh erwähnt und Capote mit seinem Tatsachenroman als Begründer der Gattung bezeichnet. Sein moderner Erzählstil, der die Grenze zwischen Journalismus und Unterhaltung aufhebt, hebt sich deutlich ab von den als eher nüchtern beschriebenen Berichten im Magazin „True Detective“, die den Markt vorher dominierten. Die Storys über Verbrechen und deren Aufklärung wurden von 1924 bis zur Jahrtausendwende herausgegeben, und „True Detective“ gilt als erstes Magazin, das sich ausschließlich wahren Kriminalfällen widmete.
„Kaltblütig“ und sein Erfolg können wohl als Initialzündung für Romane im Genre True Crime bezeichnet werden. Weitere bekannte Titel sind „Helter Skelter“ von Vincent Bugliosi und Curt Gentry, die 1974 darin die Manson-Morde thematisieren. Ann Rule schreibt 1980 in „Der Fremde neben mir“ über einen der berühmtesten Serienmörder: Ted Bundy. Einen Meilenstein erreicht der True-Crime-Roman im gleichen Jahr, als Norman Mailers „Gnadenlos: Das Lied vom Henker“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wird.
Auch neue Medien wollen natürlich vom Erfolg des Genres profitieren. So veröffentlicht Regisseur Errol Morris 1988 seine Dokumentation „Der Fall Randall Adams“. Deren Ästhetik mit den nachgestellten Szenen gilt laut Medienwissenschaftler Herbert Schwab in dem Bereich als stilbildend. Nicht nur das: Dank seiner umfangreichen Recherche und den zahlreichen Interviews gelang es Errol Morris, einen Justizirrtum aufzudecken und den verurteilten Todeskandidaten zu rehabilitieren. Nachdem Randall Adams aus dem Gefängnis entlassen wurde, stritt er sich jedoch gerichtlich mit Morris über die Rechte an der Geschichte.
Quotenhoch für „Aktenzeichen XY“
Wie gut das Geschäft mit Mord und anderen Verbrechen läuft, lässt sich in Deutschland gut an der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ nachvollziehen. Die TV-Reihe wird im ZDF seit 1967 ausgestrahlt und überzeugt mit öffentlich-rechtlicher Unaufgeregtheit. Moderator Eduard Zimmermann konzipierte die Sendung und war bis 1997 das Gesicht der Reihe. Laut Redaktion werden im Durchschnitt etwa 40 Prozent der ausgestrahlten Fälle aufgeklärt. Seit 2002 ist Rudi Cerne der Moderator der Sendung, die dokumentarisch und narrativ Fälle aufrollt und vor wenigen Jahren ein neues Quotenhoch verbuchen konnte.
Vor allem seit den 2010er-Jahren boomen Podcasts zum Thema True Crime. „Serial“ aus dem Jahr 2014 entpuppt sich als Rekordbrecher, als er auf iTunes schneller als jeder andere Podcast zuvor fünf Millionen Downloads erreicht. Bis September 2018 wird er über 340 Millionen Mal heruntergeladen. In Deutschland ist „Zeit: Verbrechen“ bekannt für tiefgehende Recherche und die Besprechung deutscher Fälle durch die Journalisten der namensgebenden Zeitung. Als sehr beliebt gilt der Podcast „Mord auf Ex“ mit Leonie Bartsch und Linn Schütze, die diverse Fälle beleuchten. Paulina Krasa und Laura Wohlers verbinden in „Mordlust“ das Ganze oft mit Humor und Grusel.
Streamingdienste wie Netflix oder Discovery+ haben True-Crime-Formate schier hundertfach im Angebot. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Formate auf Youtube und weiteren Influencer-Plattformen. Auf weiteren sozialen Medien tauschen sich Fans über Theorien zu Tatmotiven aus. Der deutsche Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie, Mark Benecke, ist gern gesehener Gast auf den Bühnen der Republik oder in diversen Medienformaten, wenn er True-Crime-Fälle kommentiert und analysiert. Gleichzeitig mit der schieren Omnipräsenz des Themas gibt es jedoch auch eine wachsende Debatte über Ethik, Opferschutz und Sensationslust.