Der Naturpark und Unesco Global Geopark Vulkaneifel ist der jüngste und spektakulärste der vier Eifel-Naturparks. FORUM-Autorin Anke Sademann war mit Geologin Sabine Kummer unterwegs zu geheimnisvollen Maaren und spannender Erdgeschichte.
Die Tour startet im Kurstädtchen Daun und führt zum Schalkenmehrener Maar, einem der vier „Dauner Maare“, zu denen auch das Gemündener, das Weinfelder und das Pulvermaar gehören. Sie werden die „blauen Augen der Eifel“ genannt, die in der Landschaft „funkeln“. Insgesamt gibt es 78 Maare in der Eifel, davon sind zwölf mit Wasser gefüllt, der Rest ist verlandet. Der Morgen ist kühl, der Himmel klar – ideale Bedingungen für eine geologische Entdeckungsreise durch eine der faszinierendsten und archaischsten Landschaften Deutschlands. „Die Maare, Tuffringe, Basaltkuppen, Gas- und Wasseraustritte sind geologische Archive und gleichzeitig lebendige Lebensräume. Das Gebiet ist Teil des westeuropäischen Vulkanbogens und bis heute geodynamisch aktiv, was sich in tiefen, schwachen Erdbeben und Gasemissionen zeigt“, erzählt Geologin Sabine Kummer, die Stimme des Unesco Global Geoparks Vulkaneifel. Es ist beeindruckend, auf einer von Vulkanen geformten Landschaft zu stehen, die aus bis zu 400 Millionen Jahre alten Erdzeitaltern besteht.
Eine von Vulkanen geformte Landschaft
Und was heißt eigentlich „Maar“? Das stamme aus dem Eifler Dialekt, abgeleitet vom lateinischen mare für Meer – und ist heute ein internationaler Fachbegriff. „Die Eifel ist die Wiege dieser Bezeichnung“, so Kummer. „Hier wurde erstmals wissenschaftlich beschrieben, dass es sich bei diesen schüsselartigen Strukturen um vulkanische Explosionstrichter handelt.“ Wer bei aktivem Vulkanismus an feuerspeiende Berge und Lavaströme denkt, wird enttäuscht. Der friedliche Anblick der mit dichtem Grün bewaldeten Hänge und offenen Wiesenflächen mit dem spiegelglatten Maar-See birgt eine andere berührende Schönheit. Sabine Kummer zeigt auf die flache Senke vor uns: „Genau hier ist Magma vor Jahrtausenden unter der Erdoberfläche auf Grundwasser getroffen. Eine gewaltige Explosion folgte – und was blieb, ist eine Senke, die sich mit Wasser füllt“ und wir lernen: Ein Maar entsteht, wenn aufsteigendes Magma auf Grundwasser trifft (phreatomagmatischer Vulkanausbruch). Die explosive Verdampfung des Wassers sprengt eine Hohlform in den Untergrund – die Senke, die zurückbleibt, füllt sich später mit Regen- oder Grundwasser. Beim Schalkenmehrener Maar sei der Krater besonders gut erhalten. Die steilen Ränder und die ringförmige Form verraten viel über die Kraft der damaligen Explosionen,“ ergänzt die Geologin, während wir den Rundweg weiter vorbei an Schilf, Farnen, Wildblumen und zartem Sommergras begehen. Im Frühsommer zeigt sich die Natur der Vulkaneifel in voller Pracht. Ginstersträucher blühen leuchtend gelb auf den kargen Böden der Eifelanhöhen. „Die Maare sind monogenetische Vulkane“, die in der Regel mehrfach über einen kurzen Zeitraum ausbrechen. Deshalb sind ihre geologischen Schichten wie Momentaufnahmen eines kurzen Zeitraums – aufgeschichtet, fein lagig, lesbar wie ein Buch.“ Dabei zeigt sie auf eine kleine Geländestufe am Uferrand und kratzt mit einem kleinen Messer Gestein ab.
„Diese Tephra-Schichten stammen direkt aus dem Ausbruchsgeschehen. Feine Aschelagen, abwechselnd mit gröberem Material, erzählen von Explosionen, Pausen und nachrutschendem Gestein. Das ist Geologie zum Anfassen, ein Archiv der Erdgeschichte. In den Sedimenten einiger Maare lesen wir Klimaveränderungen über Zehntausende Jahre hinweg ab: Pollen, Staub und die Zusammensetzung der Sedimente geben Auskunft. Für die Paläoklimatologie, also die Rekonstruktion der Klimageschichte, ist das von enormer Bedeutung.“ Auch das Wasser ist etwas Besonderes: „Die Maarseen der Eifel – und besonders Schalkenmehren – sind oft ‚oligotroph‘, also nährstoffarm“, sagt Kummer. Das bedeutet: klares Wasser, niedriger Pflanzenwuchs, aber hoch spezialisierte Lebensgemeinschaften. Manche Libellenarten kämen nur hier vor. Die sensiblen Wasserkörper sind genau deshalb so schützenswert.
„Fenster in die Erdvergangenheit“
Die Gegend um die Maare ist ein Paradies für Naturbeobachtungen. Hier leben die typischen Waldtiere wie Rotfuchs, Feldhase, Wildschwein, Dachs und Reh, aber auch Vögel, Kleintiere und Insekten, darunter seltene, unter Artenschutz stehende Wildbienen. „Die Gesteinsuntergründe prägen den pH-Wert der Böden, den Wasserhaushalt und die Struktur der Landschaft. Das wirkt sich wiederum auf Flora und Fauna aus.“ Sabine Kummer deutet auf eine Stelle mit lichter Vegetation und sagt: „Hier, auf den mageren Böden, wachsen Pflanzen, die es woanders in der Region nicht gibt, darunter etwa 30 wilde Orchideenarten.“
Wir passieren eine Infotafel, die wie überall im Natur- und Geopark Vulkaneifel farbcodiert ist. „Grün steht für Biologie, Blau für Wasser und Rot für Erdgeschichte“, sagt die Frau Anfang 30. Weiter oben auf dem Kamm fällt der Blick auf zwei Maare. Sie sind tief eingeschnitten, fast rund und geschlossen. Keines gleicht dem anderen. Besonders das kreisrunde, tiefblaue Pulvermaar, das mit 73 Metern zu den tiefsten natürlichen Seen Deutschlands zählt, ist ein „Fenster in die Erdvergangenheit“.
Zum Abschluss geht es ein Stück auf dem Fernwanderweg Eifelsteig entlang und hinauf auf den zehn Meter hohen Dronketurm auf dem Mäuseberg. Von hier oben schweift der Blick über die Maare und die unzähligen Schlackenkegel. Letztere sind das zweite geologische Gebilde, das durch Vulkanausbrüche entsteht, wenn Lava austritt. Dieses „Material“ häuft sich um den Krater herum auf und bildet kegelförmige, flache Hügel. Auch in der Vulkaneifel zeigt sich der Klimawandel in Form von abgestorbenen Fichten, aufgeforsteten Mischwäldern und Versuchsflächen. „Diese sogenannten Offenlandschaften mit ihren lichten Wäldern und Heckenstrukturen sind keine Wildnis, sondern das Ergebnis jahrhundertelanger Nutzung“, erklärt Kummer. Schafe und Ziegen helfen heute dabei, diese besondere Kulturlandschaft zu erhalten. Ohne sie würde alles verbuschen und viele seltene Arten, wie Orchideen oder Wildbienen, würden verschwinden. „Die Vulkaneifel verändert sich“, sagt Kummer. „Nicht nur geologisch, sondern auch ökologisch und gesellschaftlich. Wir versuchen, den Wandel zu gestalten – mit Bildung, Forschung und einem starken regionalen Bewusstsein.“ Dafür stehe auch das „Past-Present-Future-Prinzip“ des Geoparks: „Aus der Geschichte lernen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft nachhaltig zu gestalten.“
Bisher unbekannte Maare gefunden
Wir laufen noch ein Stück bis zum Weinfelder Maar, das auch den geheimnisumwobenen Namen „Totenmaar“ trägt. Der Wind frischt auf. Hier rankt sich eine Legende um ein versunkenes Schloss. Der Sage nach verschlang das Maar eine Adelsdame, um sie für ihre Hartherzigkeit zu bestrafen. Nur die Weinfelder Kapelle, die auch als „Kirche ohne Dorf“ bekannt ist, blieb bis heute bestehen, als im 16. Jahrhundert die Pest ihr Unwesen trieb. Dann geht es Richtung Daun zurück, mit einem Zwischenstopp am „Drees“, eine von etwa 100 kohlensäurehaltigen Mineralwasserquellen an der Lieser. Es zischt leise. Blasen steigen auf. „Das ist aktiver Vulkanismus, der atmet“, sagt Kummer. „Wir registrieren seismische Aktivität, das sind schwache, tiefe Erdbeben. An bestimmten Stellen entweichen vulkanische Gase, sogenannte Mofetten. Früher wurde dieses Gas sogar gewonnen und industriell genutzt.“ Es riecht nach Stein, Eisen und Tiefe. Wir kosten das Wasser. Es schmeckt metallisch, kühl und lebendig. „Jede Quelle hat ihren eigenen Geschmackscharakter“, sagt Kummer. „Das hängt vom Gestein ab, das das Wasser durchfließt: Dolomit, Tuff oder Schiefer. Hier versteht man, dass die Eifel ein ruhendes, aber keineswegs erloschenes Vulkanfeld ist.“ Wer hierherkommt, sieht vielleicht zuerst nur Wasser. Aber wer genauer hinschaut, erkennt: „Darin liegt Geschichte. Und darüber Zukunft.“ Es sind nicht nur Seen. „Es sind Vulkantrichter, gefüllt mit Zeit“, schließt Sabine Kummer die kleine Reise durch die Welt der Maare ab.
Später werden wir noch in den Nachrichten von ihr hören: Ein Forschungsprojekt des Natur- und Geoparks Vulkaneifel hat in den vergangenen drei Jahren unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Georg Büchel von der Universität Jena rund 30 bislang unbekannte Maare kartiert. Dabei handelt es sich um Trockenmaare, also vulkanische Trichter, die nicht mit Wasser gefüllt sind und eher unscheinbar als schüsselartige Senken in der Landschaft auftreten. Dies unterstreicht die Unesco-Anerkennung der Vulkaneifel als Geopark: Bislang war sie für die höchste Maar-Dichte weltweit bekannt, doch nun wurde die Anzahl der Maare auf über 100 erhöht. Dies ist eine wissenschaftliche Sensation und ein schönes Geschenk zu gleich drei Jubiläen: 25 Jahre Europäischer Geopark, 15 Jahre Naturpark und zehn Jahre Unesco Global Geopark.