Anhaltende Erschöpfung, Atembeschwerden und eine ausgeprägte körperliche Schwäche zählen zu den häufigsten Folgen von Long Covid. Neben der medizinischen Behandlung bieten sich sanfte Bewegungsformen wie Qigong und meditative Übungen an, um Körper und Nervensystem behutsam zu stabilisieren.
Nach einer Corona-Infektion kann es bei einem Teil der Betroffenen zu länger andauernden gesundheitlichen Beschwerden kommen. Diese werden unter dem Begriff Long Covid zusammengefasst. Gemeint ist damit ein komplexes Syndrom mit einer Vielzahl möglicher körperlicher, kognitiver und psychischer Symptome, die die Funktionsfähigkeit im Alltag und die Lebensqualität teils erheblich einschränken. Zu den häufig berichteten Beschwerden zählen anhaltende Erschöpfung, Atemprobleme, Konzentrationsstörungen, Nervenschäden, Schlafstörungen sowie ein veränderter oder gestörter Geruchs- und Geschmackssinn. Viele Menschen berichten auch Wochen, teilweise sogar Monate nach der akuten Infektion über Symptome, die ihren Alltag nachhaltig beeinflussen und die Rückkehr in das gewohnte Leben erschweren.
Die japanisch-amerikanische Immunologin Akiko Iwasaki, Professorin für Immun-, Molekular- und Zellbiologie an der Yale University, beschreibt vier Hauptmechanismen, die bei Long Covid eine Rolle spielen können. Eine erste Ursache sei das sogenannte Virusreservoir. Dabei verbleiben Virusbestandteile weiterhin im Körper und können sich dort erneut vermehren, was zu einer chronischen Entzündungsreaktion führt. Als zweite Ursache nennt Iwasaki eine durch die Covid-Infektion ausgelöste Autoimmunreaktion, bei der das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Die dritte Hauptursache liege in der Reaktivierung anderer Viren, die viele Menschen bereits in sich tragen, etwa Epstein-Barr-Viren, die durch die Covid-Erkrankung wieder aktiviert werden können. Die vierte Ursache betreffe vor allem Menschen, die während der Akutphase schwer erkrankt waren. Bei ihnen lassen sich häufig Gewebeschäden und Funktionsstörungen verschiedener Organe nachweisen. Diese Ursachen treten nicht zwingend isoliert auf, betont Iwasaki, sondern können sich gegenseitig überlagern oder zeitlich aufeinander folgen.
Schätzungen zufolge sind etwa zehn Prozent aller Covid-Infizierten von langfristigen Beschwerden betroffen, so die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Für viele bedeutet dies eine lange Phase der Unsicherheit, des Suchens nach geeigneten Therapien und des Neuorientierens im eigenen Leben. Gerade weil medizinische Behandlungsoptionen bislang begrenzt sind, gewinnen ergänzende Ansätze an Bedeutung, die Körper und Geist gleichermaßen ansprechen und den Betroffenen helfen, mit den veränderten körperlichen Voraussetzungen umzugehen.
Meditation – eine Form der Selbstermächtigung
Auf einem kleinen Teetisch stehen frische Blumen. Daneben ein Tablett mit weißen Schälchen und kleinen Edelsteinen. Isolde Schwarz bereitet mit ruhigen, routinierten Handgriffen eine Gongfu-Cha-Teezeremonie vor. Der erste Aufguss sei dem Duft gewidmet, erklärt sie, jener feinen Note, die sich langsam aus den sich entfaltenden Teeblättern löst und den Raum erfüllt. Die Zubereitung des Tees ist für sie kein bloßes Ritual, sondern Teil einer meditativen Praxis, die den Tag strukturiert und innere Sammlung ermöglicht.
Die Lehrerin für traditionelle chinesische Bewegungskünste litt nach einer Covid-19-Erkrankung über mehrere Monate hinweg unter extremer Erschöpfung und einer lähmenden Müdigkeit.
„Ich war so geschwächt, dass ich tagsüber kaum mehr als auf dem Sofa liegen konnte“, erinnert sie sich. „Anfangs habe ich noch Pläne gemacht und gedacht, in ein oder zwei Wochen bin ich wieder fit. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.“
Nach etwa sechs Wochen ohne spürbare Besserung begann sie, ihre körperliche Schwäche nicht länger zu bekämpfen, sondern anzunehmen.
„Ich habe nicht gehadert. Ich habe gelesen, gegessen, meditiert und geschaut, wie es am nächsten Tag weitergehen wird. Mehr war schlicht nicht möglich.“
In dieser Phase zeigte sich der Wert ihrer über 30-jährigen Praxis in Qigong, Taijiquan und Meditation. So schwach ihr Körper auch war, ihr Geist blieb klar und wach. Die Erschöpfung zwang sie, sich nicht zu überlasten und ihre begrenzte Energie nicht für andere Aktivitäten zu verbrauchen. Isolde Schwarz setzte sich nicht unter Druck, sondern ließ dem Körper Zeit. Gerade dadurch blieb ihr ein Rückschlag erspart.
„Ich spürte, dass diese totale Schwäche auch etwas Durchlässiges hatte“, beschreibt sie. „Es war, als würde mein ganzer Körper von heilsamen Gedanken durchströmt.“
Energiemeditationen und Stilles Qigong gaben ihr die nötige Geduld für die allmählich zurückkehrenden Kräfte. In dieser Zeit erlebte sie Meditation nicht als Rückzug von der Welt, sondern als aktive Form der Selbstermächtigung.
„Ich konnte meine eigene Heilkraft anregen und gut selbst für mich sorgen. Das war ein entscheidender Wendepunkt.“
Mit drei Bällen in Balance
Nach drei Jahrzehnten intensiver Praxis in Taijiquan, Qigong und Meditation führte Isolde Schwarz ihr Weg zur Methode der Mindful Self Compassion (MSC), der Lehre des achtsamen Selbstmitgefühls. Während der Zeit des selbst auferlegten Rückzugs im Zuge ihrer Long-Covid-Erkrankung nutzte sie diese Erfahrungen, um eine Qigong-Meditation zu entwickeln, die auch andere geschwächte Menschen dabei unterstützen kann, wieder in ein inneres Gleichgewicht zu finden.
Im Zentrum dieser Meditation stehen die drei Energiezentren des Körpers, die sogenannten Dantian oder Zinnoberfelder. Das erste Dantian befindet sich unterhalb des Bauchnabels im Bauchraum und gilt als Zentrum der körperlichen Kraft und Erdung. Das mittlere Dantian liegt im Bereich des Herzens und wird als Sitz von Mitgefühl, Liebe und innerer Verbundenheit verstanden. Das obere Dantian schließlich befindet sich im Kopfbereich, hinter der Stirn, zwischen den Augenbrauen auf Höhe der Nasenwurzel. Es wird häufig als „Drittes Auge“ bezeichnet und steht für Klarheit, Bewusstsein und geistige Ausrichtung.
Mit diesen drei Energiefeldern lässt sich das Sammeln von Energie auf einfache Weise erspüren. Die Hände werden zunächst auf den Bauch gelegt, der Atem fließt bewusst in diesen Bereich. Wenn sich ein Gefühl von Stabilität und Erdung im unteren Dantian eingestellt hat, richtet sich die Aufmerksamkeit auf den Herzraum. Die Hände ruhen auf der Brust, während man wahrnimmt, wie sich ein Gefühl von Wärme, Wohlwollen und innerer Beheimatung ausbreitet. Anschließend wandert die Vorstellung sanft zum dritten Auge, dem Tor des Geistes. Der Geist wird ruhiger, klarer und gesammelt.
Im nächsten Schritt lassen sich die drei Energiefelder als Energiebälle visualisieren. Das untere Feld erscheint als der größte Ball, das mittlere als etwas kleiner, das obere als das kleinste. Werden diese Energiezentren wie schwebende Kugeln wahrgenommen, die senkrecht durch einen goldenen Seidenfaden miteinander verbunden sind, entsteht ein Bild von innerer Aufrichtung und Balance. Kopf, Herz und Bauchraum finden in eine gemeinsame Achse, die dem Körper Struktur und Halt gibt.
„Je häufiger man diese Praxis ausübt, desto deutlicher zeigt sich ihre Wirkung auch im Alltag“, erklärt Isolde Schwarz. „Gerade in Momenten, in denen man innerlich aus dem Gleichgewicht gerät, hilft die Vorstellung der drei Dantian dabei, wieder ins Lot zu kommen. Das mag sich zunächst unspektakulär anfühlen, doch es ist eine wirksame Möglichkeit, sich selbst zu stabilisieren.“ Diese Übung eigne sich nicht nur zur Regeneration, sondern auch präventiv, etwa um muskuläre Dysbalancen zu regulieren und langfristig das Körpergefühl zu verbessern. Sie könne zudem im Liegen praktiziert werden – mit der Vorstellung, dass die drei Dantian wie Bojen ruhig und ausgleichend auf dem Wasser schwimmen.
Die Qualität der Haltung
Die innere Haltung gegenüber den einzelnen Übungen habe großen Einfluss auf die gesundheitliche Wirkung, betont auch der Londoner Qigong-Meister Lam Kam Chuen, der sich seit frühester Jugend der inneren Stärkung und Heilung des menschlichen Körpers widmet. Fühle sich der Körper schwach an, sei auch das Qi im gesamten Organismus dünn verteilt. „Das Qi sammeln“ sei daher eine zentrale Möglichkeit der Regeneration. Bereits das sanfte Auflegen der Hände auf den Bauch könne in der Vorstellung den Energiespeicher behutsam wieder auffüllen. Am besten geschehe dies im Liegen, da der Körper dann vollständig loslassen könne. Wer sich bereits etwas kräftiger fühle, könne die Übung auch im Sitzen ausführen, sollte dabei jedoch darauf achten, nicht in sich zusammenzusinken, um die inneren Organe nicht zu belasten.
Auch ein leichtes, fließendes Schwingen der Arme könne dazu beitragen, „das Chi zu wecken“. Diese Bewegung gilt als Basisübung für Wohlbefinden und Genesung, da sie die Lebensenergie sanft durch den gesamten Körper in Fluss bringe. Bereits kleine, kaum sichtbare Bewegungen seien hilfreich. Wichtig sei dabei, die Arme nicht zu überfordern, insbesondere dann nicht, wenn sie sich noch schwach anfühlten oder schmerzten.
Im Sitzen könne man sich zudem eine imaginäre goldene Kugel vorstellen, die zwischen den Händen ruht. Die Hände werden dabei zu Magneten, die heilende Energie aus dem Kosmos anziehen. In seinem Buch „Chi Kung – Weg der Heilung“ beschreibt Lam Kam Chuen zahlreiche Techniken, mit denen es gelingen könne, Chi-Energie zu sammeln, weiterzuleiten und die eigene Lebensenergie Schritt für Schritt zu stärken. Ausdrücklich betont er dabei, wie wichtig es sei, nicht ehrgeizig zu üben, sondern stets entspannt und ohne Leistungsdruck zu bleiben.
Berührung mit den Händen
Was heute wissenschaftlich gut belegt ist, wussten bereits die alten Chinesen und Schamanen: Berührung wirkt regulierend auf das Nervensystem. Nicht nur dann, wenn wir berührt werden, sondern auch, wenn wir uns selbst berühren. Das bewusste Auflegen der Hände – sei es auf den Bauch, auf das Herz oder an den Kopf –
kann das autonome Nervensystem vom Kampf- oder Fluchtmodus in den Fürsorgemodus wechseln lassen. Dabei werden Botenstoffe wie Serotonin sowie das sogenannte „Kuschelhormon“ Oxytocin ausgeschüttet. Atmung und Herzfrequenz verlangsamen sich, der Körper kommt zur Ruhe, ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit stellt sich ein.
„Im achtsamen Selbstmitgefühl nutzen wir dieses Wissen gezielt“, erklärt Isolde Schwarz. „Wir legen unsere Hand an eine Stelle, an der es uns guttut. Das kann auch eine liebevolle Umarmung sein, ein sanftes Wiegen der Unterarme oder das Halten der Hände an den Wangen.“ Für einen Moment in dieser Ruhe zu verweilen, die Wärme zu spüren und sich innerlich freundliche, unterstützende Worte zu sagen, könne tiefgreifend wirken.
Diese Praxis sei einfach und jederzeit anwendbar, betont Schwarz, gerade auch für Menschen mit Long-Covid-Symptomen, die im Alltag nur über begrenzte Energie verfügen. „Im achtsamen Selbstmitgefühl wird die ohnehin knappe Energie nicht für Widerstand verbraucht. Der momentane Zustand darf akzeptiert werden.“ Alles, was diese Haltung einübe, sei nicht nur in Krankheitsphasen hilfreich, sondern auch in anderen schwierigen Lebenssituationen. Sie könne als persönliche Ressource entwickelt werden, die langfristig stärkt.
Getragen sein in unsicheren Zeiten
Isolde Schwarz bereitet den zweiten Teeaufguss in ihrem Gaiwan vor. Dieser sei für den Geschmack bestimmt. Die morgendliche Tee-Meditation ist für sie ein wichtiger Anker im Tagesablauf. Die Herausforderungen durch Long Covid ebenso wie die Belastungen durch globale Krisen, Kriege, Umweltzerstörung und permanente Nachrichtenflut empfindet sie als anstrengend. Hinzu komme die Auseinandersetzung mit dem Älterwerden und mit schwindenden Kräften.
Die 71-jährige Lehrerin spürt, wie wichtig Halt und Orientierung in dieser Zeit sind. „Etwas, das mir hilft, mein Herz immer wieder zu öffnen, aber auch zu erkennen, wie viel Information ich überhaupt aufnehmen und verkraften kann.“ In den extremen Lehrstunden der Gegenwart gelte es, aus der eigenen Mitte heraus zu handeln – ruhig, präsent und ohne dabei abzustumpfen.
Nicht im Schlamm versinken
„Wenn ich geerdet und zentriert bin, spüre ich, dass die Erde mich trägt“, sagt Isolde Schwarz. „Ich kann darauf vertrauen, dass mein Handeln genügt.“ Es sei Größenwahn, zu glauben, dass sich die Welt allein dadurch verändere, dass man an Kriegen oder globalem Leid verzweifle. Die Aggressionen im Außen könne man nicht unmittelbar beenden, wohl aber den inneren Krieg befrieden. Sie verweist auf ein Gleichnis Buddhas:
„Wenn du selbst im Schlamm versinkst, kannst du dann jemand anderem aus dem Schlamm heraushelfen? Nein. Wenn du nicht im Schlamm versinkst, kannst du dann jemandem helfen? Ja. Also kümmere dich darum, dass du nicht selbst im Schlamm versinkst.“
Der feste Boden unter ihren Füßen schenkt ihr Halt, Stabilität und Sicherheit. Dieses Erleben lasse sich jederzeit wahrnehmen – im Stehen über die Füße, im Sitzen über die Sitzhöcker oder im Liegen über den ganzen Körper. Sich selbst mitfühlend anzunehmen, innezuhalten und sich Ruhe zuzugestehen, sei eine Praxis, über die viele Menschen im Alltag hinweggehen. „Wir merken, dass es uns nicht gut geht, und sofort folgt die nächste Aktion. Wir gestehen uns selten zu, dass wir es gerade schwer haben.“
Hier könne es helfen, zunächst nur die Hand auf das Herz zu legen und sich selbst zu halten. Ein Seufzen oder Stöhnen könne befreiend wirken für Lunge und Herz. In der Meditation lasse sich üben, freundlich zu sich zu sein, gerade in Momenten des Leidens. Wer danach in die gewohnten Aktivitäten zurückkehre, sei innerlich getrösteter und präsenter. Gleichzeitig wachse die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. „Das gibt Kraft“, sagt Isolde Schwarz. „Auch dann, wenn ich auf dem Sofa liege und es mir nicht gut geht, spüre ich die Verbundenheit mit anderen, denen es vielleicht zur gleichen Zeit ähnlich geht.“