40 Prozent der großen Süßwassertiere (Megafauna) wurden durch menschliche Einwirkung außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets heimisch gemacht – meist aus wirtschaftlichen Gründen und ohne Rücksicht auf die negativen Folgen für die einheimische Biodiversität.
Im Jahr 1981 hatte der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar vier Flusspferde (Hippopotamus amphibius) für seinen Privatzoo aus ihrer afrikanischen Heimat in die Region Medellín übersiedeln lassen. Nach Escobars Tod 1993 wurden die Dickhäuter freigelassen und konnten sich ungehindert bei stetig wachsender Population rund um den Rio Magdalena sowie angrenzende Seen, Sümpfe oder Teiche ausbreiten. Die bis zu drei Tonnen schweren Tiere verbreiten wegen ihrer in freier Wildbahn häufig auftretenden Aggressivität seitdem Angst und Schrecken unter den heimischen Bauern und sollen laut den örtlichen Behörden auch zu einer Bedrohung für die lokale Tierwelt geworden sein. Obwohl sie mit schätzungsweise mehr als 200 Exemplaren gleichzeitig zu einer Touristenattraktion aufgestiegen waren, wurden sie von der Regierung nach dem Scheitern von Sterilisierungsversuchen zur invasiven Art deklariert und zum Abschuss freigegeben.
Eine Bedrohung für Einheimische
Im Vergleich zu diesem Beispiel hatte die bewusste Ansiedlung von Nilbarschen (Lates niloticus) im ostafrikanischen Viktoriasee im Laufe der 1960er-Jahre weitaus gravierendere Auswirkungen auf die Biodiversität einer ganzen Region. Denn die damit bezweckte Unterstützung der lokalen Fischerei war ins Gegenteil umgeschlagen und die gefräßigen, bis zu 200 Kilogramm schweren Raubtiere dezimierten in Windeseile die Bestände der einheimischen Fischarten im See. Dadurch verloren viele der kleinen lokalen Fischer ihre Lebensgrundlage. Der aus Süd- und Mittelamerika stammende Brillenkaiman (Caiman crocodilus) wird seit seiner Einführung in die USA dort trotz seiner Gefährlichkeit oft als Haustier gehalten, während er nach China wegen seiner in der Fashion-Welt begehrten Haut zur Lederproduktion transferiert wurde.
Im Gegensatz zu kleinen Tieren, die oft unbemerkt und mehr oder weniger zufällig in neue, fremde Gewässer fern ihrer Heimat gelangen können, weil sie sich beispielsweise an Schiffsrümpfen und Fischereiausrüstung anhaften oder auch von Vögeln transportiert werden können, werden viele größere Arten ganz bewusst vom Menschen umgesiedelt. Das gilt auch für die Süßwasser-Megafauna-Spezies, worunter Tiere mit einem Gewicht von mindestens 30 Kilogramm subsumiert werden. Sie werden oft absichtlich außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes eingeführt, weil sie mit einem hohen wirtschaftlichen oder auch ästhetischen Wert in Verbindung gebracht werden.
Da es bislang keine wissenschaftliche Untersuchung über die sozioökonomischen Folgen der globalen Süßwasser-Megafauna-Ausbreitung gegeben hatte, hat ein Team des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) unter Federführung von Prof. Fengzhi He diese Lücke mit einer im Fachmagazin „One Earth“ erschienenen Studie geschlossen. Das Team konnte auf die beiden grundlegenden und international standardisierten Rahmenwerke zur Kategorisierung der Auswirkungen invasiver gebietsfremder Arten namens „Nature’s Contribution to People“ (NCP) und „Socio-Economic Impact Classification for Alien Taxa“ (SEICAT) zurückgreifen, um aus diesem Datenmaterial sowohl positive als auch negative Folgen der Umsiedlung ableiten zu können.
93 Gebietsfremde Arten
Die Forscher konnten weltweit 93 gebietsfremde Süßwasser-Megafauna-Arten identifizieren. Was bei insgesamt 216 existierenden Arten immerhin stolze 43 Prozent ausmacht. Zu den bekanntesten Vertretern der Süßwasser-Megafauna zählen Störe, große Salmoniden, Karpfen, Schildkröten, Riesensalamander, Flusspferde, Biber oder Krokodile. Megafauna-Süßwasser-Fremdlinge konnten in mehr als 142 Ländern und Regionen auf allen Kontinenten nachgewiesen werden, mit Ausnahme der Antarktis. Die USA führen die Liste mit der höchsten Zahl an eingeführten Süßwasser-Megafauna-Arten an (52), gefolgt von China (28), Kanada (23), Russland (19), Belgien (18) und Deutschland (17). Aus der Studie geht hervor, dass bei 26 von 59 gebietsfremden großen Süßwassertieren, für die ein positiver Nutzen dokumentiert werden konnte, gleichzeitig auch negative Auswirkungen mit eingeschlossen waren. Laut den Wissenschaftlern betrifft das vor allem große Fischarten wie Karpfen, Lachsarten oder Welse.
Fast jede zweite der verpflanzten Arten bringt demnach nicht nur Vorteile im neuen Umfeld mit sich, sondern verursacht Probleme für die heimische Spezies-Vielfalt oder die lokale Bevölkerung. Hierzu zählen neben einer verminderten Ernährungssicherheit auch erhöhte Risiken für die menschliche Gesundheit (bei aus Sibirien eingeführten Stören wie auch bei transferierten Königslachsen konnte fern der Heimat ein Befall mit Schadstoffen oder Parasiten festgestellt werden), Sicherheitsrisiken durch aggressive oder giftige Arten (als Beleg wurden Verletzungen von deutschen und französischen Hobby-Aquaristen durch Kontakt mit dem aus Südamerika eingeführten giftigen Pfauenaugen-Stechrochen angeführt) sowie Schäden an Eigentum und Infrastruktur (von eingeschleppten, aus dem Wasser springenden Silberlachsen wurde die Beschädigung von Booten in Nordamerika dokumentiert).
Es kann auch Vorteile haben
Laut dem Team hatten die negativen Auswirkungen generell in den Datensätzen deutlich weniger häufig einen Niederschlag gefunden, es konnten lediglich 146 Eintragungen für 25 Arten gesichtet werden. „Solche schädlichen Auswirkungen eingeführter großer Süßwassertiere – insbesondere auf gefährdete oder marginalisierte lokale Gemeinschaften – sind oft komplex und erfordern eine langfristige Beobachtung, um ihr Ausmaß zu verstehen. Im Vergleich zu den Vorteilen könnten die negativen Effekte auf die lokale Bevölkerung in vielen Regionen unterschätzt sein“, so Prof. Fengzhi He. Von den sozioökonomischen Vorteilen profitierten hingegen häufig nur ganz bestimmte Personengruppen in der jeweiligen Region. Die Vorteile waren vor allem im Bereich der Aquakultur und der Fischerei angesiedelt (57 Prozent der ermittelten Beispiele), gefolgt vom Freizeitsegment mit Aktivitäten wie Angeln oder Ökotourismus (20 Prozent). Auch der Produktionsbereich (mit Basismaterial etwa für die Lederherstellung) sowie die Heimtierhaltung (zusammen zwölf Prozent) wurden als nennenswert angeführt. Manche großen Süßwassertiere werden laut den Wissenschaftlern aber auch ganz bewusst zur Verbesserung der natürlichen Umwelt angesiedelt. So werden beispielsweise Silberkarpfen und Marmorkarpfen eingesetzt, um übermäßiges Phytoplankton-Wachstum in Schach halten zu können, während Graskarpfen zur Reduktion von Wasserpflanzen hilfreich sein können.
Künftig kann aufgrund erhoffter wirtschaftlicher Vorteile noch mit einer Ausweitung des Transfers von Süßwasser-Megafauna-Arten gerechnet werden. Die Studienautoren raten daher dringend vorab zu einer fundierten Risikobewertung, einer verbesserten Überwachung und einer transparenten Kommunikation der positiven wie negativen Folgen.