Der letzte linke Kleingärtner räumt mit falschen Erzählungen auf
Während die regelbasierte Weltordnung dank Donald Trump und Wladimir Putin verlässlich den Bach runtergeht, streikt plötzlich der Klimawandel und nimmt sich eine Auszeit. Deutschland friert mit Jahresbeginn und sieht sich – gefühlt – arktischen Temperaturen ausgesetzt. Okay, es sind „nur“ minus fünf bis minus zehn Grad, aber wenn man in den vergangenen Jahren im Januar 15 und mehr Grad erlebte, fühlt man sich jetzt wie festgefroren. Kein Problem mit diesen Temperaturen hat mein Lieblingsgemüse: Grünkohl. Der steckt Minusgrade mit Leichtigkeit weg und bietet sich zur Ernte an.
Überhaupt, Gartenarbeit und Landwirtschaft ruhen im Winter. Nun ja, jetzt ist zwar nicht deren Blütezeit, aber die Vorbereitungen für die Aussaat und damit für die spätere Ernte sind längst im Gange. Das gilt für den analogen Acker, der sich noch bis Anfang März gedulden muss, bis er wieder „unsere“ Zuneigung erfährt, wie für den verbal-digitalen Acker der Deutungen und Hegemonie. Auf Letzterem ist eigentlich das ganze Jahr über großes Treiben. Im Januar tut sich dabei das agraroppositionelle Bündnis „Meine Landwirtschaft“ hervor, das für eine ökologischere Agrarpolitik eintritt und dies mit seiner alljährlichen Demonstration „Wir haben es satt“ in Berlin direkt zu Beginn der „Internationalen Grünen Woche“ zeigt.
Dort haben sich gefühlt „die Guten“ im Land in Sachen Landwirtschaft zusammengeschlossen – auch der Autor dieser Zeilen gehört dazu. Man propagiert eine Landwirtschaft, die sich an Kreisläufen orientiert, thematisiert die Kennzeichnung von Gentechnik, setzt sich für die Kontrolle von Bauern und Bäuerinnen über das von ihnen bewirtschaftete Ackerland sowie für den freien Zugang zu Saatgut ein und benennt, dass „unsere“ Agrarpolitik global Hunger produziert, etwa durch die Verwendung von Lebensmitteln als Viehfutter.
Nur manchmal geraten auch bei den Guten die Dinge etwas aus dem Lot und es wird schierer Unfug geblubbert. Das ist vor allem dann der Fall, wenn manche politische Wortakrobaten glauben, mit einem Slogan oder gar mit einem Begriff die ganze Welt erklären zu müssen. So hält sich in diesen Reihen seit Jahren die Erzählung von der industriellen Landwirtschaft, die sie bekämpfen. Das Problem ist nur: Gefühlt weiß zwar jeder, was das ist, aber bei näherem Hinsehen und dem Versuch, dies präzise zu benennen, fehlen einem urplötzlich die Fakten. Okay, Fakten brauchen die selbsternannten Herrscher der Welt auch keine. Putin sieht in der Ukraine Faschisten an der Regierung und Trump in Venezuela Drogenbarone.
Wie soll eigentlich in einer Industriegesellschaft Landwirtschaft anders funktionieren als „industriell“? Die Felder werden mit Maschinen bearbeitet, die industriell hergestellt werden. Die Stallungen werden nicht mit Zeltplanen und mit in Lehm eingewickeltem Stroh gebaut, sondern mit Beton, Zement und Stahl. Die Traktoren und sonstigen Geräte zur Bodenbearbeitung und Ernte sind bei konventionellen Bauern wie auch bei Biobauern die gleichen und sie kommen aus denselben Fabriken.
Bio ist zwar eine andere Anbaumethode – sie orientiert sich stärker an Kreisläufen –, aber eben kein anderes Wirtschaftssystem. Wer nach einer Landwirtschaft sucht, bei der der Bauer frühmorgens um 6 Uhr gut gelaunt mit Hacke und Spaten auf seine Felder zieht und mit jedem Maulwurf und Regenwurm per du ist, hat sich im Planeten oder mindestens im Jahrhundert geirrt. Das war vielleicht mal, aber lustig war es nicht. Heute haben wir eine Landwirtschaft, die die gesamte Menschheit satt machen könnte. Dass trotzdem Menschen hungern, liegt an der Verteilung der erzeugten Nahrungsmittel.
Die Rede von der bösen Industrie transportiert zugleich ein idyllisches und falsches Bild von der guten, heilen Natur. Dabei leben wir nicht in einer Naturlandschaft, sondern in einer Kulturlandschaft, die von Menschenhand gestaltet wird – inklusive Interessenkonflikten um die Nutzung. Wenn man diese Basics akzeptiert und verbal abrüstet, tut man seinem berechtigten Anliegen als Öko einen großen Gefallen.